13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Alle guten Worte dieser Welt stehen in Büchern

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?Die neue Stadtbibliothek im Cité-Gebäude r:ut Ding will Weile haben. Seit das letzte Kino im Stadtzen-trum, das alteingesessene Ciné Cité, geschlossen wurde, sind bereits vie- le Jahre vergangen. Der Käufer des Immöbels, die Stadt Luxemburg, hat den kompletten Umbau keineswegs überstürzt, sondern ist samt dem zuständigen Architekten mit viel Sachverstand und Phantasie an ein Projekt herangegangen, das bei der Eröffnungsfeier am 25. September 2008 nur Lob einheimste. Und das zu Recht: Unsere Hauptstadt verfügt seit diesem Datum über eine neue Stadtbibliothek samt Mediathek, die weit und breit ihresgleichen sucht. Dass sie auch bei Groß und Klein gut ankommt, das bezeugen die Besu- cherzahlen und Einschreibungen der letzten Monate. Ein weiter Weg seit ihren bescheidenen Anfängen am 20. Dezember 1967 an der Place du Théâtre. Alle guten Worte dieser Welt stehen in Büchern N.Lesen soll man nur dann, wenn die Quelle der eigenen Gedanken stockt, was auch beim besten Kopfe oft genug der Fall sein wird. Wer der funkelnagelneuen Bibliothek in der Lantergässel einen Besuch abstattet, hat dank der riesigen Fensterfront bereits von außen einen Einblick in die architekto-nisch überaus gelungenen Räumlichkeiten. Der erste Eindruck ist der, dass man sich hier auf Anhieb wohlfühlt. Denn das ganze bauliche Konzept vermittelt eine klare und vor allem luftige Linie. Gleich im Erdgeschoss kann man an insgesamt zwölf Computern bis zu einer Stunde kostenlos im Internet surfen, ein Angebot, das auch von zahlreichen in- und ausländischen Besuchern ausgiebig genutzt wird. An einem langen Tresen antwortet freundliches und kompetentes Personal auf Arthur Schopenhauer Parerga und Paralipomena sämtliche Fragen der Benutzer, und hier kann man sich auch kostenlos als Biblio- theksbenutzer einschreiben. Zudem gibt es hier einen freundlichen Leseraum, in dem man ? mit Blick durch eine Glasfront auf ei-nen mit einer Wasserfläche harmonisierten Innenhof ? in rund achtzig verschiedenen in- und ausländischen Zeitungen und Illus- trierten schmökern kann. Die Luxemburger Tages- und Wochenpresse ist hier genau so vertreten wie international renommierte Nachrichtenmagazine (Focus, Der Spiegel, Le Nouvel Observateur u.v.a), Tageszeitun-gen von Rang (so etwa Le Monde, FAZ, Le Soir) und selbstverständlich auch zahlrei- che Fachzeitschriften zu vielerlei Themen (Wissenschaft, Technik, Hobby usw.).Im ersten Untergeschoss befindet sich die Kinderbuchabteilung (siehe hierzu auch unseren Beitrag von Martine Reuter auf S. 10) und natürlich auch eine gemütliche Schmökerecke für die kleinen Leseratten. Auf derselben Ebene stehen auch die Regale mit deutsch- und französischspra- chiger Literatur. Die Bücher sind alphabe- tisch geordnet, doch jeder Besucher kann auch auf ein Computersuchprogramm zu- rückgreifen, um schnell herauszufinden, ob das von ihm gewünschte Buch vorrätig ist. Und sollte ein Werk nicht zu finden sein, so kann man auch einen Antrag an die Bi- bliotheksleitung stellen, die dann dessen Anschaffung möglicherweise in Erwägung zieht. Im zweiten Untergeschoss, das genau wie das erste nicht nur über die Treppe, sondern auch mit einem behindertenge-rechten Lift zugänglich ist, beherbergt englischsprachige Literatur, die Luxem-burgensia- und Sachbuchabteilungen so- wie die Mediathek mit rund 1 000 DVDs und etwa 500 Hörbüchern, die natürlich auch ausgeliehen werden. Und auf dieser Ebene gibt es auch einen Arbeitssaal mit Anschlussmöglichkeiten für Laptops, der vor allem von Schülern und Studenten ge-nutzt wird. Die Bibliothek stellt ihren Besuchern im Augenblick insgesamt 73000 Bücher in den vier Sprachen Deutsch, Französisch, Eng- lisch und Luxemburgisch zur Verfügung. Der Großteil davon ist natürlich Belletristik, aber auch Biografien, Sach- und Fachbü- cher sind reichlich vertreten. Der Umzug im September 2008 UniTi :5)11, " r: 4? 11 e71.1;11-..1111111)11,101-. imedia Kostenloses Angebot und besucher- freundliche Öffnungszeiten Und das Allerschönste: All diese Dienstleistungen sind vollkommen gratis. Wer sich einmal als Leserin oder Leser ein-geschrieben hat, kann fortan jeweils vier Bücher, zwei DVDs und zwei Hörbücher ausleihen. Hörbücher und Bücher müssen nach einem Monat zurückgebracht werden ? außer man verlängert bis zu einem Monat - DVDs nach einer Woche. Wer allerdings diese Fristen nicht einhält, wird äußerst mo-derat zur Kasse gebeten: Ein erster Rappel etwa kostet den Benutzer ganze zwei Euro. Die neuen Öffnungszeiten in der Cité-Bi- bliothek sind überaus benutzerfreundlich: Von dienstags bis freitags ist durchgehend von 10.00 bis 19.00 Uhr geöffnet, und samstags stehen die Räumlichkeiten den Besuchern bis 10.00 bis 18.00 Uhr zur Ver- fügung. Montags hingegen bleibt die Stadt- bibliothek für das Publikum geschlossen. Internetadressen: www.vd1.1u/bibliotheque www.bibnet.lu (réseau des bibliothèques luxembourgeoises)Vergrößerung der Stadtbibliothek (10. November 1989) v.l.n.r. Schöffe Léon Bollendorff, Liliane Welter, Begründerin der Bibliothek, Marthy Bracke und Bürgermeisterin Lydie Polfer Etwas Geschichte Eigentlich verfügt die Hauptstadt über eine noch relativ junge Bibliothèque muni-cipale, da eine solche Funktion in gewisser Weise lange Zeit von der Nationalbibliothek gewährleistet wurde. Das Verdienst der 1968 mit einem ?Startkapital" von 5000 Büchern ? hauptsächlich aus den Bestän-den der Nationalbibliothek ? an der Place du Théâtre eröffneten Stadtbibliothek ist es aber, die erste öffentliche Bibliothek im Land gewesen zu sein, die ihren Lesern von Anfang an sämtliche Bücher als Freihandbe- stand anbot, was im Gegensatz zu den im Lande existierenden Schalterbibliotheken seinerzeit eine echte Revolution darstellte. Anfangs des zwanzigsten Jahrhun-derts waren manche Schulbibliotheken, besonders in dicht besiedelten Gebieten wie Luxemburg-Stadt mit ihren später ein-gemeindeten Ortschaften Hollerich, Rollin- gergrund usw., so gut von der Bevölkerung genutzt worden, dass sie die übergeordne- te Bezeichnung ?Volksbibliothek" erhielten. Lage und Öffnungszeiten der Bibliotheken waren aber meistens immer noch schulab- hängig. Gemeinderat Ben Fayot und Mitarbeiterin Lotty Glodt bei der Eröffnung der Stadtbibliothek am 20. Dezember 1967 Mitarbeiter der Stadtbibliothek, v.l.n.r.: Tun Mainz, Toiny Schweich, Tamara Martin, Alain Koch, Carole Hansen, Préposée Maggy Schlungs, loé Besch, Préposée adj. Marthy Bracke, Mariette Lucas, Debbie Stomn (auf dem Bild fehlen Colette Cigrang und Steve Marin) V Eine ?Stadtbücherei Luxemburg" hatte es erstmals unter der Nazibesatzung gege-ben, doch sie bestand fast ausschließlich aus propagandistischer Literatur, wie z.B. ?Juden erobern England", ?Mit finnischen Jägern", ?Japanische Skizzen" usw. Die Anfänge am Theaterplatz Im Sitzungsbericht des Schöffenrates vom 30. September 1963 wird der Gemein- desekretär autorisiert, den Nationalbiblio- theksdirektor wegen einer Übernahme der Belletristik- und anderen Literatursamm- lungen der BNL zu kontaktieren, da die-se sich ganz den Wissenschaften widmen will. Am 15. Oktober 1964 beschließt der Schöffenrat die Schaffung einer Lesekom- mission, bestehend aus Professoren, Leh-rern, Schulinspektoren usw., die zuständig für die Auswahl der Bücher sein soll. Und am 23. Oktober 1967 informiert Schöffe Léon Bollendorff in einer Stadtratssitzung: ?Die Nationalbibliothek leiht keine Unter- haltungslektüre mehr aus. Das ist einer der Gründe, warum die Stadt eine eigene Bibliothek einrichten will, welche haupt-sächlich Unterhaltungsliteratur enthält. Es handelt sich um eine Leihbibliothek mit Lesesaal. Wir schaffen allerdings keine Kin-derliteratur an, da den Kindern die Schulbi- bliotheken zur Verfügung stehen." Die offizielle Eröffnung der Stadtbi- bliothek fand am 20. Dezember 1967 in ihren neuen Räumlichkeiten am Theater-platz statt (Besitz der Pères Rédemptoris-tes, heute ist die Garderie municipale dort untergebracht). Durch Einzelspenden und die Übernahme des Unterhaltungsbestan- des der Nationalbibliothek konnte sie etwa 5000 Bände bei ihrer Eröffnung präsen-tieren. Allerdings war die Bibliothek am Anfang nur Benutzern ab achtzehn, spä-ter ab fünfzehn Jahren vorbehalten. 1972 zählte sie immerhin bereits 12500 Bände. Ihr Budget betrug damals 450000 Fran-ken, und es gab auch endlich eine Kinder- buchabteilung. Umzug ins Centre Emile Hamilius Im Dezember 1978 zog die Stadtbi- bliothek mit einem Bestand von 23 000 Bänden ? darunter 7 000 Kinder- und Ju-gendbücher ? in die erste Etage des neu- eröffneten Centre Emile Hamilius um, wo sie fast dreißig Jahre zu Hause war. Die Lage der Bibliothek war also äußerst zen-tral und die Erreichbarkeit durch öffentli-che Verkehrsmittel, insbesondere per Bus, exzellent. Ungefähr 500 Quadratmeter Fläche (später 600 m2), waren öffentlich zugänglich. 1979 belief sich das jährliche Budget auf 500000 Franken. 5000 Leser waren eingeschrieben. 1987 wurde im Unter-geschoss der Fondation Pescatore eine Zweigstelle eingerichtet, und 1988 erhiel-ten in enger Zusammenarbeit mit dem Ser-vice Senior der Stadt Luxemburg lesefreu- dige ältere Menschen die Möglichkeit, ihre Bücher in der Stadtbibliothek telefonisch zu bestellen. Die Neuanschaffungslisten und die gewünschten Bücher werden ihnen nach Hause zugestellt. Das Projekt war ein großer Erfolg. 1989 erhielt die Kinder- und Jugendab-teilung durch Vergrößerungsarbeiten eine eigene räumlich abgetrennte und speziell konzipierte Sektion in der Bibliothek. 1991 betrug der Buchbestand 40000 Bände, und 1995 waren es deren bereits 48000. Der Bestand wuchs ständig, und die Stärke der Stadtbibliothek lag vor allem in der Kinder- und Jugendliteratur, da diese Lesergruppe in der Nationalbibliothek eher zu kurz kam. 1998 belief sich das Budget für Neu-anschaffungen auf 2000000 Franken und war damit das höchste Stadtbibliotheks-budget des Landes. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 12000 Leser eingeschrieben, davon etwa 50 Prozent Ausländer. Spora-disch werden bereits Ausstellungen orga-nisiert, ebenso Kindervorlesungen (Mär- chenstunden). In den neunziger Jahren zieht die Informatik in die Stadtbibliothek ein, die Katalogisierung und der Verleih werden digitalisiert, und ab dem Jahre 2004 liegen erstmals auch Zeitungen und Magazine aus. Glücksfall Cité Als bekannt wurde, dass die Gemein-de den Abriss des Centre Hamilius plant, um diesen zentral gelegenen Stadtteil samt Busbahnhof urbanistisch zu erneuern, war es natürlich klar, dass auch die Stadtbiblio- thek umziehen müsste. Der Ankauf des alten Ciné Cité durch die Stadtverwaltung war also ein wahrer Glücksfall. Das archi-tektonisch komplett neustrukturierte Ge-bäude hat der Bibliothek am vergangenen 25. September nicht nur ein neues Zuhause geboten, sondern es hat ihren kulturellen Stellenwert, die Arbeitsbedingungen für Ausleihe und Information Zeitschriftenraum das Personal und vor allem den Anreiz für die Besucher enorm erhöht. Innenarchitektonisch bieten sich ganz neue Animationsmöglichkeiten, und die hochmoderne Digitalisierung erlaubt den bis heute eingetragenen über 11 000 Be-nutzern den direkten elektronischen Zu-griff auf das Luxemburger Bibliotheksnetz bibnet.lu, wo sie u.a. in sämtlichen Kata-logen der Nationalbibliothek herumstöbern können. Zudem kann man als eingeschriebe-ner Leser dank des auf der Mitgliederkarte befindlichen code-barre von jedem mit In-ternet ausgestatteten Computer aus seine Bücher reservieren oder die Leihgabe ver-längern lassen. Aber noch ist das gemeindeeigene Cité nicht ganz fertiggestellt. So soll nächs-tens im ersten Stockwerk eine Cafeteria mit kleiner Restauration eröffnet werden, und auf der zweiten Etage ist ein Auditorium für Lesungen und andere kulturelle Veranstal-tungen geplant. René Clesse


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