13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Gibt es eine Zukunft für die luxemburgische Gegenwarts-Literatur?

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?Ob Roger Manderscheid sich geschmei- chelt fühlte, mit Günter Grass und Martin Walser in eine Reihe gestellt zu werden, ist nicht bekannt. Jedenfalls tat dies das deutsche Wochenblatt Die Zeit, als es dem luxemburgischen Schriftsteller im Februar 2008 zu dessen 75. Geburts- tag einen ausführlichen Artikel widmete ? ein Anlass übrigens, der den luxembur- gischen Medien keinerlei Erwähnung wert war. Regula Venske, die Verfasserin besag- ter Hommage, fand, dass Manderscheids Romane neben die Werke der beiden Großschriftsteller ins Bücherregal gehören. Seither ist Manderscheid zumindest den Zeit-Lesern als ?Provokateur und nun doch auch Grandseigneur der Luxemburger Lite-ratur" bekannt. ?Fehlt nur noch der Nobel- preis", schlussfolgerte die Artikelschreiberin augenzwinkernd, ?? aber aus Stockholm hört man nix." Roger Manderscheid 14 Gibt es eine Zukunft für die luxemburgische Gegenwarts- Guy Helminger, ein wesentlich jünge- rer und im deutschsprachigen Raum noch um einiges namhafterer luxemburgischer Schriftsteller, hat noch jede Menge Zeit, auf den entscheidenden Anruf aus Schweden zu warten. Und ihm werden sich noch viele Gelegenheiten bieten, um im Ausland nicht nur auf seinen Kollegen Manderscheid, sondern auf luxemburgische Literatur im Allgemeinen aufmerksam zu machen. In der Vergangenheit tat er das schon häufi- ger. Zum Beispiel im Sommer 2006, als er auf Einladung des deutschen Goethe-Ins-tituts einen Monat lang als Stadtschreiber im indischen Hyderabad amtierte und eine seiner Aufgaben darin bestand, im Internet Tagebuch zu führen. Gleich im ersten Ein-trag vom 11. Juni äußerte sich Helminger, wenn auch indirekt, über den Bekannt-heitsgrad der luxemburgischen Literatur jenseits der Grenzen des Großherzogtums. Guy Re wenig 14)i Guy Helminger T In memoriam Rolph Ketter (1938-2008) Dort heißt es unter anderem: ?... wenn je-mand meinte fragen zu müssen, ob es in Luxemburg denn Rockbands gebe, Kom-ponisten oder ob denn dort noch jemand schreibe außer mir, riss mir ab und an der Geduldsfaden. Nicht wegen des Nichtwis-sens oder des Fragens an sich, sondern weil dieses scheinbar interessierte Nachhaken stillschweigend voraussetzte, Menschen in einem kleinen Staat hätten keine künstleri- schen Bedürfnisse." Auch um diese umfassende Ahnungs- losigkeit zu lindern, reiste Helminger da- mals nach Indien. So wie er in den letzten Jahren und nach dem Erscheinen seines Erzählbandes ?Etwas fehlt immer" (2005) und seines Romans ?Morgen war schon" (2007) im renommierten Suhrkamp-Verlag auch noch nach Teheran flog, auf Lese-tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz ging ? um seine eigenen ERIN Pol GreischERATUR? Roger Manderscheid: Bestiarium Zeichnung (1977) Werke vorzustellen und, wie er glaubhaft versichert, ebenfalls die seiner Kollegen daheim zumindest in einem Nebensatz zu erwähnen. Doch wen kümmert solches Engage-ment? Tatsache ist, dass luxemburgische Literatur jenseits der engen Landesgrenzen so gut wie unbekannt ist, trotz Mander- scheid und Helminger. Was vielleicht noch schwerer wiegt ist jedoch der Umstand, dass auch im Großherzogtum selbst nur selten zu Büchern einheimischer Autoren gegriffen wird. Fragt man einen Luxembur-ger, der nicht zum kleinen Kreis der Einge-weihten zählt, nach Namen oder Werken schriftstellerisch tätiger Landsleute, so wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Ant- wort schuldig bleiben. Dabei hat die luxemburgische Literatur gerade im letzten Vierteljahrhundert, und zwar in den drei gängigen Sprachen Luxem-burgisch, Deutsch und Französisch, einen quantitativen und qualitativen Aufschwung erlebt, wie er noch in den 1960er und 1970er Jahren kaum für möglich gehalten worden war. An der Spitze dieser Entwicklung steht neben Roger Manderscheid Guy Rewenig (*1947). Beide sorgten zwischen 1985 und 1995 mit einer ganzen Reihe von ? bezeich-nenderweise allesamt auf Lëtzebuergesch verfassten ? Romanen für die entscheiden- de Wende und verhalfen der einheimischen Literatur auch beim Lesepublikum zu neuem Ansehen. Diesen beiden Wegbereitern folg- ten Autoren wie die ebenfalls Lëtzebuer- gesch schreibenden Pol Greisch (*1930), Josy Braun (*1938), Guy Wagner (*1938), Jhemp Hoscheit (*1951) und Nico Hel- minger (*1953), die ?frankografen" Anise Koltz (*1928), Lambert Schlechter (*1941), Jean Portante (*1950) und Jean Sorrente (*1954), sowie Rolph Ketter (1938-2008), Cornel Meder (*1938), Jean-Paul Jacobs (*1941), Jean Krier (*1949), Josiane Kar-theiser (*1950), Roland Harsch (*1951), Nico Graf (*1955) und eben Guy Helmin- ger (*1963), deren Werke hauptsächlich auf Deutsch erschienen sind. CU CU o CY rd 86- 0 15 ? _ /, - \\ G 'Hat die luxemburgische Gegenwartsliteratur ein Altersproblem? Alle genannten Autoren haben, pau- schal ausgedrückt, das gesellschaftliche Leben einer bestimmten Epoche, die Moral und die Moden, den Alltag und die Politik ihrer jeweiligen Zeit dargestellt, jeder mit seinen Mitteln, jeder mit seiner ureigenen, subjektiven Sensibilität. Als Gesamtbild betrachtet, liegt somit ein facettenreiches Kaleidoskop der luxemburgischen Gesell- schaft seit Beginn des Zweiten Weltkriegs vor. Mit seiner Romantrilogie ?Schack() Klak" (1988), ?De Papagei um Käsch- tebam" (1991) und ?Feier a Flam" (1995) hat Manderscheid ein sehr persönliches und zugleich differenziertes Bild Luxemburgs in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit ge-zeichnet. Einen für Luxemburg typischen Ausschnitt der 1950er Jahre, die Welt der 1E09 " RIM Jean Portante 16 italienischen Immigranten, präsentiert Jean Portante in seinem 1993 erschienenen Ro-man ?Mrs Haroy ou la mémoire de la balei- ne". Den zunächst bieder-verklemmten und am Ende dann doch noch aufmüpfigen 1960er Jahren hat Jhemp Hoscheit mit sei-nen Romanen ?Perl oder Pica" (1998) und ?Aacht Deeg an der Woch" (2006) ein aussagekräftiges Denkmal gesetzt. Mit den Nachwehen von 1968 und dem schwieri-gen Weg der einst revolutionären Studen- ten in die langsam entstehende Konsum- gesellschaft der 1970er und 1980er Jahre haben sich Guy Rewenig in ?Hannert dem Atlantik" (1985), ?Geméschte Chouer" (1987), ?Mass mat dräi Hären" (1989) und ?Grouss Kavalkad" (1991) sowie Nico Hel- minger in seinem Erstlingsroman ?Frascht" (1990) auseinandergesetzt. Das gesell- schaftliche und politische Klima in eben-diesen 1980er Jahren schildert Josy Braun in seinem sprengstoffgeladenen Roman ?Bommenteppech" (2004), während die Nach-Kalte-Kriegszeit und die in blindem Vertrauen in eine vermeintlich paradiesi-sche Zukunft torkelnden 1990er Jahre hier- zulande bereits einen erheblich bescheide-neren literarischen Niederschlag gefunden haben. Was auf diesem umfassenden Tableau der letzten sechs Jahrzehnte allerdings gänzlich fehlt, ist das 21. Jahrhundert, das heute auch schon nicht mehr jung zu nen-nen ist. Aus der zeitgenössischen luxem- burgischen Literatur egal welcher Sprache wurde die jüngste Vergangenheit bislang nahezu völlig ausgeblendet. Vergeblich sucht man nach ambitionierten Werken, Jhemp Hoscheit Nico Helminger die sich mit etwaigen Auswirkungen des 11. September 2001 auf die luxemburgische Gesellschaft beschäftigen, mit den Aspek- ten der sozialen und kulturellen Verände- rungen, die seit dem Fall der Berliner Mauer und den neuen politischen und ökonomi- schen Verhältnissen in Osteuropa stattge-funden haben. Welches nach dem Millen- niumswechsel erschienene Buch, das sich etwa der Situation der Ausländer im Groß- herzogtum, dem Computer, dem Internet und den Neuen Medien oder den neuen wirtschaftlichen und kulturellen Gegeben-heiten widmet, steht als ähnlich monolithi- scher Block in der Literaturlandschaft wie Rewenigs Tetralogie, wie Manderscheids Trilogie, wie Portantes Wal-Metapher? Wo bleibt der große Gesellschaftsroman, der den aktuellen Zeitgeist reflektiert? Der die kleine luxemburgische Welt im Zeitalter der Globalisierung, der Individualisierung, des Wirtschaftsdarwinismus porträtiert? Der fragt, wo der Kapitalismus aufhört und wo das Ich anfängt? Anise Koltz 44' AZu nennen wäre beispielsweise die mangelnde Bereitschaft, einheimische Literatur in den Schulunterricht zu integrieren und nachwachsende Generationen über Sinn und Nutzen der über Literatur vermittelten Werte auftukliiren. Es fehlt eine ganze Generation Von den bisher genannten Schrift- stellern ist eine Wiederholung ihrer einsti-gen Pioniertaten in Zukunft eher nicht zu erwarten, allein schon aus biologischen Gründen. Fast alle diese Autoren sind über 50 Jahre alt, einige haben die 70 erreicht oder längst überschritten und ihre produk- tivste Phase wohl endgültig hinter sich. Ihre wenigen erfolgreichen oder zumin-dest vielversprechenden Nachfolger indes, mehrheitlich junge Frauen wie Claudine Muno (*1979), Cathy Clement (*1979) und Claude Schiltz (*1981), sind unter 30. Wer in der nationalen Literaturszene hin-gegen schmerzlich vermisst wird, ist die Generation dazwischen. Wurden, außer Guy Helminger und Linda Graf (*1967), in den 1960er und 1970er Jahren keine po- tentiellen Schriftsteller geboren? Sind alle künstlerisch Interessierten und Begabten dieser Jahrgänge zur Musik, zum Film, zur Malerei abgewandert? Oder hat die Gene- ration der Enkel schlichtweg ihr Heil und ihr Auskommen in der lukrativen Welt des Big Business, der Finanzen und der Informatik gesucht? Die Gründe für den eklatanten Nach- wuchsmangel der luxemburgischen Ge- genwartsliteratur sind so vielfältig wie er- klärungsbedürftig. Gewiss hat die prekäre Situation mit dem geringen Stellenwert der zeitgenössischen Literatur in vielen west- europäischen Gesellschaften zu tun. Doch es gibt auch Ursachen, die den spezifischen Verhältnissen in Luxemburg geschuldet sind. Zu nennen wäre beispielsweise die mangelnde Bereitschaft, einheimische Lite-ratur in den Schulunterricht zu integrieren und nachwachsende Generationen über Sinn und Nutzen der über Literatur vermit- telten Werte aufzuklären. Nicht vergessen werden sollte ferner das relative Desinter-esse, das einer konsequenten Literaturför- derung von staatlicher Seite entgegenge-bracht wird. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen sicherlich auch die Verkaufs- ? 17Die Trägheit der politischen Prozesse, der saturierte Alltag und das Fehlen einer relevanten Gruppe streitbarer Intellektueller haben längst dazu geführt, dass die Literatur in die Rolle eines Stiefkinds des Kulturbetriebs geschlüpft ist. zahlen von einheimischen Büchern, die sich bis auf wenige Ausnahmen in äußerst be- scheidenen Dimensionen bewegen. Doch nicht nur in ökonomischer Hin- sicht besteht auf dem literarischen Feld akuter Handlungsbedarf. Im Vergleich zu anderen Kunstsparten droht die luxembur- gische Literatur nämlich irgendwann in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Und das nicht nur, weil ihr in nicht allzu ferner Zukunft die meisten Autoren wegsterben werden. Die Trägheit der politischen Pro- zesse, der saturierte Alltag und das Fehlen einer relevanten Gruppe streitbarer Intel- lektueller haben längst dazu geführt, dass die Literatur in die Rolle eines Stiefkinds des Kulturbetriebs geschlüpft ist und sich mit ihrem drohenden Untergang inzwischen sogar abgefunden zu haben scheint. Mitschuldig an der allgemeinen Misere sind allerdings auch die Autoren selbst. Seit langem schon hat die hiesige Literatursze- ne einen Hang zur Abschottung. Nur allzu gerne richtet man sich im überschaubaren Rahmen gemütlich ein und klopft sich ge-genseitig auf die Schultern. Hinzu kommt eine subtile Maulkorbmentalität, die nicht nur die Schriftsteller, sondern auch ihre möglichen Kritiker neutralisiert. Freundlich- nichtssagende Besprechungen von Werken einheimischer Autoren sind in den luxem- burgischen Zeitungen und Zeitschriften die Regel, sofern diese Werke dort Ober- haupt zur Kenntnis genommen oder nicht schlichtweg in süffisant-arrogantem Ton abgewatscht werden. Andererseits gilt ein Verriss meistens nicht als Ausweis engagier- ten Respekts, sondern fast als Gottesläste- rung und wird entsprechend geahndet. Bei diesen Selbsttäuschungsmanövern ist es kein Wunder, dass der kleine Binnenmarkt der literarisch anspruchsvollen ?Luxembur- gensia" latent in der Krise steckt und eine offene Diskussion der Verhältnisse weiter-hin auf sich warten lässt. Wie auch immer. Die jüngste literari- sche Bilanz fällt im Vergleich zum ausge-henden 20. Jahrhundert mehr als dürftig aus. Wegweisende Werke wie die genann- ten von Manderscheid, Rewenig und Co. sucht man im neuen Jahrtausend bislang vergeblich. Eher ist sogar, sowohl zahlen- mäßig auch als auch von der inhaltlichen Ausrichtung her, ein Rückgang an Buchti- teln von unumstrittener literarischer Kraft und gesellschaftlicher Relevanz festzustel- len. Ein letzter Hoffnungsschimmer frei- lich bleibt. Wie unlängst aus zuverlässiger Quelle, nämlich vom Autor selbst, zu er-fahren war, schreibt Nico Helminger, Guys Bruder, derzeit an einem neuen Roman, der sich mit der jüngsten Vergangenheit des Landes auseinandersetzt. Ob das Buch im nächsten, im übernächsten Jahr oder noch später erscheinen wird, steht bislang nicht fest. Sicher ist nur, dass sein Verfasser in der Zwischenzeit nicht jünger geworden sein wird. Georges Hausemer 18 ROGER MANDERSCHEID . Guy RENENG JEAN PORTANTE I


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