13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Schreiben um Leben und Tod

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?V. I.n.r.: Rolph Ketter, Roger Manderscheid, René Clesse, Pino d'Andrea und Georges Hausemer, Bonneweg, April 1983 ?Selbst im geselligen Kreise Ober- mannte Lessing, völlig verbraucht mit fünfzig Jahren, unwiderstehliche Schlaf- sucht, 'so daß er unmittelbar in dumpf bewußtloses Schweigen verfiel'. Swift, Nietzsche, Hölderlin, endeten im Irrsinn; Scott, Kant, Newton, waren im Alter stumpf und verstanden ihre eigenen frühen Bücher nicht mehr.-Dichter im Nebenberuf?: nein; es geht wohl doch nicht!" Arno Schmidt N ein, ein humorvoller Mensch ist er nie gewesen. Wenn es je einen Schrift- steller im kleinen Luxemburg gegeben hat, für den ein Leben ohne das Schreiben und ohne die Literatur schlicht undenkbar ge-wesen ist, dann war das Rolph Ketter. Wie wohl kaum ein anderer Autor hat er, der 1938 als Sohn eines Hüttenarbei- ters in Düdelingen geboren wurde, dessen Heimatstadt aber immer Esch-Alzette war, unter dem Widerspruch zwischen ?Brotar- beit" und ?richtigem Schreiben" gelitten. Ketter besuchte nach dem Abitur die Journalistenschule in München und arbei-tete Mitte der sechziger Jahren zuerst eine Zeitlang als Entwicklungshelfer in Afrika, SCHREIBEN UM LEBEN UND TOD Erinnerungen an Rolph Ketter (1938-2008) ein Lebensabschnitt, den er in dem Roman- fragment Journal eines jungen Narren aus- führlich dokumentiert. Zurück in der Heimat, debütierte er als junger Journalist bei der Luxemburger Wo- chenillustrierten Revue und wechselte nach kurzer Zeit als Nachrichten- und Kultur- redakteur zu Radio Lëtzebuerg, wo er 1978 kündigte, um als Hilfslehrer und später als Verlagsmitarbeiter endlich genügend Zeit zur eigenen literarischen Produktion zu fin- den. Rolph Ketter, ein fast schon fanatischer Verehrer von Arno Schmidt, hatte dessen ureigenen Stil teilweise in seinen Prosatex- ten und Romanen übernommen, genau wie die Zettelkasten-Manie seines großen Vorbilds, die er bereits in seiner Jugend pe- nibel anwandte. 1988, mit fünfzig Jahren, publizierte er den Roman Unterwegs zur Insel (Editions Phi) und den traurig-ver- spielten Erzählband Auf der Unglückswie- se (Op der Lay). Es folgten Niemannsland (Op der Lay, 1989), Journal eines jungen Narren (phi, 2000), In einem kleinen Land (phi, 2002) und Der Melusinentraum (phi, 2003). Ketters philosophische Annäherung an das Leben und Schreiben findet sich etwa auf Seite 46 in Unterwegs zur Insel: ?Und zwischendurch notieren: Wie komme ich dem, was ich tagsüber nicht denke oder nicht zu denken wage, auf die Spur? Dem Abfall, dem Daneben, dem Abgesackten? Welcher Schriftsteller hat die Leere, den automatischen Leerlauf in uns allen be- schrieben ? trotz oder gerade wegen der konstant zur Schau getragenen Betrieb- samkeit?" Oder auf Seite acht des Erzählbandes Auf der Unglückswiese: ?Mag sein, dass das Unbewusste sogar nichts anderes ist als die Landschaft dieser Sprache, mit der das Kind seine ersten und bestimmenden Versuche unternommen hat, um sich in der Welt einzurichten. Es ist die Vertreibung aus dem Paradies, die vererbte Sünde, der später aufgezeigte, niemals zu behebende Mangel an Sein, das völlig hilflose Daste- hen vor dem Rätsel des Wirklichen. Es ist die in Sternen ferne abgewanderte Atlantis der frühesten Kindheit, aus der nur noch gelegentlich ein Schimmer zu uns dringt." Rolph Ketter, der kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag am 10. September 2008 in Esch-Alzette verstarb, war auch als brillanter Feuilletonist für ons stad tä- tig. Von seinem großen Talent zeugen etwa die Beiträge Ein Palast für die alten Tage ? Peter Ernst von Mans feld in Clausen (Nr. 22, 1986) oder Unterwegs zum Fisch- markt (Nr. 23, 1986). René Clesse 19


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