13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Aus der Geschichte einer Stadt- und Nationalbibliothek

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

Die Nationalbibliothek befand sich seit ihrer Gründung im Stadtzentrum Luxemburgs. Sie war auch immer die Bibliothek für die Stadtbewohner. Als Stadtbibliothek war sie öfters Stadtgespräch. Als Hauptstadtge- spräch fand sie schließlich ebenfalls stets schneller Eingang in die nationale Presse. Neben einigen neuen nachgeprüften Fak- ten, längst überfälligen Richtigstellungen und Erklärungen, ist hier aber ebenso ein Best of der Anekdoten, Skandale und Kla- gen vorzufinden, eine ?kleine" Auswahl aus veröffentlichter Literatur der letzten zwei Jahrhunderte. Südflügel, 3. Stock im Jahre 2008 1,10010 Die Bezeichnung - Die Nationalbiblio- thek begann im Jahre 1798 als Schulbi- bliothek, als ?Bibliothèque de l'Ecole cen- trale", was die Zusammenstellung ihrer Bestände bis heute erklärt: luxemburgische (nur ein Fünftel des Gesamtbestandes) und nicht-luxemburgische Literatur. Eher untypisch für eine Nationalbibliothek. Von 1803-1848 war sie eine richtige städtische Bibliothek: ?Bibliothèque de la ville de Luxembourg". Dann wird es komplizier- ter ?Bibliothèque de l'Athénée" hieß sie offiziell bis in die 1870er Jahre. Vom Volk und seinen Vertretern wurde sie jedoch oft weiter als ?Stadtbibliothek" bezeich- net. ?Bibliothèque de l'Athénée", ?bi- bliothèque de la ville" oder ?bibliothèque de l'Etat"? - fragte sich 1873 Abgeordne- ter Baron von Blochhausen. Staatsminister Servais präzisierte: es gäbe nur eine und das wäre die Athenäumsbibliothek.1 Ab Ende des Jahres 1874 mutiert sie aber be- reits zur ?Bibliothèque de Luxembourg"2. Laut Rechnungskammer trägt sie diesen Namen seit dem 15.03.1875. Schließlich in der Sitzung der Abgeordnetenkammer des 10.03.1899 wurde auf Vorschlag des Staatrats zum ersten Mal ein Budgetartikel ?Bibliothèque nationale" angenommen. Dieser Akt gilt als erste offizielle Namens-gebung. Die älteste Erwähnung befindet sich jedoch auf einem Archivstück, da-tierend auf den 11.10.1802. Der Vermerk ?Bibliothèque nationale de Luxembourg"NALBIBLIOTHEK Enna --k===-=== befand sich am Anfang der Liste der nach Paris verschleppten Drucke und stammte vom ersten Professor-Bibliothekar Jean- Baptiste Halle. Seit 1899 heißt sie also ein-fach nur ?Bibliothèque nationale". Der Zu-satz ?du" oder ?de Luxembourg" entbehrt bis heute jeder gesetzlichen Grundlage. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie deshalb korrekterweise immer ?Bibliothèque nationale à Luxembourg" genannt - ?à Luxembourg-Ville", der ewi-gen Hauptstadt des gleichnamigen Landes wohlverstanden. Die Parallel-Bezeichnung ?Landesbibliothek" ist vor 1940 ebenfalls häufig anzutreffen - ab 1945 wegen termi- nologischer nationalsozialistischer Erniedri-gung verständlicherweise nie wieder. Der Bibliothekstypus - Nein, die Na- tionalbibliothek ist und war nie eine Öf-fentliche Bibliothek im heutigen Sinne! Keine Spur einer Kinderabteilung. Oft wurde sie in ihrer Geschichte missbraucht. Ein bis drei Gymnasiallehrer betrachteten diese Speicherbibliothek Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts als eine mit staatlichen Geldern unterstützte Privatbi- bliothek.' ?Die Landesbibliothek ist ihrem Charakter nach eigentlich ein Mittelding zwischen einer wissenschaftlichen Biblio- thek und einer Volksbibliothek. Sie wird zwar hauptsächlich von Professoren und sonstigen Gelehrten zu Studienzwecken benutzt, aber da das Volksbibliothekswe- sen bei uns so wenig ausgebildet ist, hat ?1111111 V I I. f 1 i IN?...-__ "km imedia man sie in liberaler Weise auch andern Be- nutzern geöffnet, die sich z. B. bloß mo-derne Romane zum Lesen holen, während ausländische wissenschaftliche Bibliothe- ken Romane (außer zu wissenschaftlichen Arbeiten) nicht verleihen. Richtiger wäre es, die Landesbibliothek ausschließlich als wissenschaftliche Bibliothek weiterzufüh-ren und das Volksbibliothekswesen, das bei uns noch sehr im Argen liegt, großzü- gig auszubauen und dabei ebensowohl für das Lesebedürfnis in den Städten und im Minettrevier, als auch ganz besonders auf dem Lande zu sorgen."4 Eine Aussage aus dem Jahre 1923, wie sie ebenso aus dem Jahre 2008 stammen könnte. Die National- bibliothek als Universitätsbibliothek (UB)? 21AUS DER GESCHICHTE EINER STADT- UND NATIONALBIBLIOTHEK 22 Rue Notre-Dame, Nr. 9, vor 1942 - heutzutage wieder öfters im Gespräch. So auch 1867 als die ?reiche Stadtbibliothek" vom Luxemburger Worts zur UB hochsti- lisiert wurde, um die Standortvorteile Lu-xemburgs zur Errichtung einer freien katho- lischen Universität Deutschlands in unserer Hauptstadt zu betonen. Fazit: eine Nati- onalbibliothek stellt die Archivbibliothek eines Landes dar. Hierzulande beherbergt sie sogar das größte nationale Zeitungs-und Zeitschriftenarchiv. Berücksichtigt man dabei, dass angesichts der geringen nationalen Buchproduktion die größte An- zahl der Geistesprodukte hierzulande in Artikelform in Periodika (dt. Fachbegriff: unselbständig erschienenes Schrifttum) er-scheint, sollte dem Papierzerfall vielleicht schnellstens mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld für Restaurierung zur langfristigen Bestandsbewahrung (Engl.: conservation), Microverfilmung und Digitalisierung zur Originalverschleißvorbeugung durch Be- nutzung (Engl.: preservation) gewidmet werden. Der Standort - Im einem Hauptstadt- zentrum gelegen, an die hiesige Kathe- drale angelehnt, nur einen Steinwurf vom Staatsministerium entfernt, das klingt viel- versprechend. Doch es kann, wie im April 19856, ein Turm brennen und beim Runter- fallen den Südflügel mit alten Drucken des 16-18. Jahrhunderts (Fonds ancien) knapp verfehlen. Oder es schlägt gelegentlich der Blitz ein, sei es ins Athenäum oder in die Kathedrale. Trotzdem scheinen die Gebe-te der Bibliotheksveteranen für ein Wun-der gesorgt zu haben: die Bibliothek ist im Laufe ihrer Geschichte nicht abgebrannt! Das Parlament wird in seiner Sitzung des 15.12.1876 zum ersten Mal auf die Feuer- gefahr aufmerksam gemacht. Ein Umzug wäre absolut dringend. Dieser erfolgte schließlich erst durch die Nazis 1942-43. Ein ruhiges Gewissen schienen unsere Po- litiker doch gehabt zu haben: im Oktober 1873 waren die 56.000 Bände zählende Bibliothek mit ganzen 200.000 Franken versichert gewesen; im Falle des Verlus- tes von Unikaten allerdings ein schwacher Trost. 1922 war ebenfalls ein Umzug der innerstädtisch beliebten Nationalbiblio- thek an den Stadtrand in Betracht gezogen worden. Batty Weber wehrt sich in einem seiner berühmten Abreißkalendern: ?Ich nehme an, unter unsern Abgeordneten be- finden sich auch einige, die zu den Kunden der Nationalbibliothek gehören. Nun wäre es interessant zu wissen, ob der Vorschlag, die Bibliothek in die Peripherie der Stadt zu verlegen, von denen ausgeht, die manch- mal die Bibliothek benützen, oder von denen, die sie nicht kennen, die vielleicht nicht wissen, wo sie heute liegt, wozu sie dient und wie überhaupt eine Bibliothek dieser Art eingerichtet und untergebracht sein muß, um ihren Zweck zu erfüllen." Überspitzt versuchte er Volksvertretern die sogenannte ?Politik der kurzen Wege" beizubringen: ?Ein Gang zur Bibliothek soll nicht einer Reise gleichkommen, zu der man einen richtigen Anlauf nehmen und stundenlang Zeit haben, oder gar am Ende von Freunden und Familie Abschied neh- men und sein Testament machen muß. Eine Bibliothek ist für ihre Benutzer da: ?In die Bibliothek muß man just auf einen Sprung hineinsehen, ein Buch entnehmen, ein verlorenes Viertelstündchen verlesen können oder auch ein Stündchen. Wenn man aber bis hinaus schon eine Viertel- stunde braucht, mit dem Rückweg und dem Aufenthalt dort eine Stunde, und hat nur zwanzig Minuten Zeit, so läßt man es bleiben." Batty Webers Aussagen wirken wahrhaft zeitlos: ?Wer von unseren Profes-soren könnte noch die freie Zeit zwischen zwei Stunden zu Studienzwecken in der Bibliothek verbringen?" Die Adresse ? im 19. Jahrhundert zwischen den Hauptstadtstraßen Rue des Remparts und Rue de l'Ecole Centrale / Rue Marie-Thérèse (1807-1854) gelegen, im 20. Jahrhundert zwischen Boulevard du Viaduc / (ab 1945:) F.D. Roosevelt, Rue de l'Athénée / (ab 1969:) de l'ancien Athénée und Rue Notre-Dame (ab 1854). Dort liegt das seit 1603 bestehende Gebäude des al- ten Jesuitenkollegs, der ehemaligen natio- nalen - und unmittelbar hauptstädtischen - stolzen Kaderschmiede ?Athenäum". Der ketzerische Gesetzesvorschlag N°61 vom 13.03.1929 zur Urbanisierung des Athenä- umsviertels sah gar den kompletten Abriss des Athenäums vor. Eine Bibliothek war nach diesen Plänen an dieser Adresse nicht mehr vorgesehen. Dabei trägt eine Biblio- thek als neutraler Frequenzbringer doch unbestreitbar zur Aufwertung eines jeden Stadtviertels bei, nicht wie etwa die Pla- nung eines Erotikgeschäfts in den 1960er Jahren Ecke Athenäums- und Liebfrauen- straße. Von 1804 bis 1942/43 befand sich die Nationalbibliothek im Gebäude des Athenäums. Nachdem die Fremdherrschaft des 19. Jahrhunderts, Frankreich, die Nati- onalbibliothek gegründet hatte, gelang es der des 20. Jahrhunderts, Deutschland, sie endlich umziehen zu lassen.8 Das von den Nazis beschlagnahmte Ex-Bankgebäude am Boulevard Royal Nr. 14A war zwar auch nicht ideal, aber schon besser. Dort blieb sie, bis sie Ende der 1960er Jahre einen sich sehr in die Länge ziehenden Umzug ins heutige Gebäude am Boulevard Roosevelt Nr. 37 über sich ergehen lassen musste. Diesmal sogar ohne Hilfe einer Fremdherr-schaft, aber chaotischer. Am 01.02.1973 wurde sie schließlich im neuen renovierten Ex-Athenäumsgebäude eröffnet. Dies sollte aber bis heute nicht verhindern, dass wei-terhin Brief- und Paketzustellungen an ver- storbene (Carlo Hury, t1985) oder längst pensionierte (Joseph Goedert, *1908) Per- sonen der Nationalbibliothek am Boulevard ?Royal Nr. 14A" adressiert werden.Der Zugang - Ein ewiger Streitpunkt war und ist auch immer wieder die Frage der Öffnungszeiten. Sogar die Abgeordne- ten waren der Meinung, dass die Athenä- umsbibliothek so zugänglich wie nur mög- lich sein sollte. Im November 1860 stellte der Stadtrat eine Anfrage zur Öffnung der Bibliothek an Sonntagnachmittagen. Aus Sicherheitsgründen und Personalmangel war dies jedoch damals schon unmöglich. In der Sitzung der Abgeordnetenkammer vom 21.12.1869 kam man zur Überein- stimmung, dass jeder der Bücher möchte, auch welche bekommen sollte - eine Ober- aus edle Ansicht für die damalige Zeit. In der gleichen Sitzung aber beschwerte sich Norbert Metz vehement bei Staatsminister Emmanuel Servais, dass er in Begleitung ei-nes Besuchers vor geschlossenen Türen der Bibliothek gestanden hätte. Eine Bibliothek, damals eine Ein-Mann-Bibliothek, müsste doch immer offen sein - außer vielleicht nachts. War die Bibliothek dann offen, so war der Weg dorthin voller Gefahren: Der Aufstieg zur Bibliothek im zweiten Stock war so steil und eng, dass zwei Personen nicht gegenseitig ausweichen konnten. An die kostbaren Bücher konnte jedermann ran, wie in einer öffentlichen Bibliothek", so Kulturhistoriker Nicolas van Werveke.9 Vor 1942 befand sich der offizielle Eingang in der Rue Notre-Dame, Nr. 9, wo mittels eines Hammers angeklopft werden muss- te. Die Pforte existiert noch heute, auch wenn sie nicht mehr an der gleichen Stelle steht. Eine andere Möglichkeit im 20. Jahr- hundert war den Weg durch den Schulhof, am Kastanienbaum (*1817-t April 19479 vorbei, zu nehmen, um über die Monu- mentaltreppe zur zweiten Bibliothekstür zu gelangen.11 Heute ist der Zugang am Boule-vard Roosevelt natürlich viel einfacher (als nicht-behinderte Person). Man darf sich bei schönem Wetter nur nicht von Skateboards überrennen lassen. Nationalbibliothek am Bd Royal, Nr. 14A Eingangspforte (rechts) zur Stadt- und Nationalbibliothek vor 1942 Die Räumlichkeiten - In der Geschichte der Bibliothek wurden immer bestehende, schlecht geeignete Gebäude, alle exklusiv auf hauptstädtischem Gebiet, umgenutzt. Die berechtigte, von der Mehrheit der Be- völkerung geteilte Kritik blieb nie aus. Bei- spielsweise gab es 1884 eine aktive Feu- erstelle samt Wohnung in der Bibliothek. Kein Löschzeug und bis zur hohen Decke hochgestapelte Bücher, die nur per Leiter erreichbar waren - im Brandfall unmöglich schnell fortzuschaffen. Sicherheitsvorkeh- rungen waren Mangelware.12 Nachdem die Bibliothek vom Nordflügel bis in den Hauptflügel (auch Ostflügel genannt) des zweiten Stocks ?hineingewachsen" war, erging es ihr nicht lange besser. ?In dem uralten, unmodernen und unhygienischen Gebäude des Gymnasiums ? im zweiten Stockwerk ? liegt verloren, unscheinbar ihr Eingang. Man betritt einen kleinen, nackten Vorraum, der wohl seit Jahr und Tag einen neuen, zeitgemäßeren Anstrich erwartet; rechts befindet sich ein Fenster, unter dem ein schmaler Tisch mit einem Stuhl steht. An der Wand einige verstaubte Schalttafeln; an der Decke eine verstaub- te Hängelampe. Und das alles in einem unfreundlichen, verblaßten Vorraum, den man stolz ?Ausleihhalle" bezeichnet." Lange finstere Treppen, viele in die Irre leitende Türen, nur 13 Stühle in einem pri- mitiven Lesesaal. Mit Adjektiven wie eng, altmodisch, unzulänglich, unfreundlich und unhygienisch kann die Nationalbibli- othek vor 1942 beschrieben werden. Laut Zeugenaussagen war sie nicht dicht; es tropfte auf die Bücher - und auf die Zei-tungen, die bereits damals ?vergilbten, staubdurchsetzten Zeitungsbände", bei denen das Fehlen verschiedener Nummern als selbstverständlich hingenommen wur- de. ?Was besonders unangenehm auffällt, ist der Zustand der Decke. Schmutzig, an vielen Stellen geborsten und mit häßlichen Flickstellen im Gips ?lächelt" sie den Besu- cher förmlich trübselig an." Die Nässe als Anfang für Pilzbefall: ?Mit benommenem Kopf und schmerzenden Augen verläßt man den Saal, glaubt daran, daß das Lesen allzu stark anstrengt ? und mit der Zeit un-terläßt man es, da sich Komplikationen be- merkbar machen." Und ?Krankheitskeime verbreiten sich im Raum, eine stickige, un- angenehme Atmosphäre entsteht."13 Nach dem Umzug 1942-43 vegetierte die Biblio- thek in der Nachkriegszeit in einem an den Staat vermieteten Gebäude vor sich hin. Ein Gebäude, das vom Eigentümer, der Banque Internationale de Luxembourg (BIL), dem Verfall überlassen werden sollte. Mehrere Depots mussten geschaffen werden. Eines Tages fiel die Decke in Bibliothekar Max Goergens Büro runter, begrub alles unter einer weißen Staubdecke. Max Goergen selbst konnte rechtzeitig in den Flur flüch- ten. Das Klo war oft kaputt; die Benutzer mussten zur Notdurft ins Café gegenüber ausweichen. Im Winter musste ein Soldat ständig Kohle schippen; die Heizung war hoffnungslos veraltet. Es regnete durch die Decke. Bei Regentagen war das ganze Personal mit Eimerwettläufen beschäftigt. Nach Kündigung des Mietvertrages 1969, einem voraussichtlichen Ende der Umbau-arbeiten im Ex-Athenäum 1972, sowie mit dem Vorrang für Bauarbeiten für die EWG auf Kirchberg hörte der Spaß definitiv auf.14 Vom 28.-29.11.1969 erschien die ?Déclara- tion" des 26.11.1969 in allen Tageszeitun- gen. Es handelte sich um den gemeinsamen Protest des gesamten Personals der Natio- nalbibliothek - der erste große Bibliotheks- skandal der Nachkriegsgeschichte. Benut-zer und wissenschaftliche Gesellschaften solidarisierten sich mit der Aktion. Und man staune: wenig später waren alle vor- her nicht möglichen Kredite doch schnells- Guy HoffmannAUS DER GESCHICHTE EINER STADT- UND NATIONALBIBLIOTHEK tens verfügbar geworden. Nach der Eröff- nung im neu renovierten Gebäude 1973 begann vorerst eine wundervolle Zeit: es gab Platz! Platz um sämtliche Altlasten zu verstecken. Die berühmt-berüchtigten Bananenkisten kamen erst später; heute gehören diese zum Markenzeichen einer luxemburgischen Nationalbibliothek. Aber bereits ab 1976 wurde mit der Suche nach einer Zweigstelle begonnen. Wieder ein- mal nur für 30 Jahre voraus geplant? Bei stets steigenden Buchneuerscheinungsre-korden? Bibliothekare denken immer lang- fristig ? nicht jedoch Entscheidungsträger und Architekten. Wen wundert es eigent- lich noch, wenn der Zustand der heutigen Bestände durch abwechselnde Aufenthalte so schlecht ist. Und heute: Papier verträgt kein Licht. Trotzdem befindet sich die Nati- onalbibliothek in einem alten Schulgebäude mit vielen Fenstern. Fenster, die so undicht sind, dass das Gebäude von Greenpeace im Januar 2001 auf thermographischen Analysen als eines der energieverschwen- derischsten Gebäude in Staatsbesitz klar zu erkennen war. Hauptflügel, 2. Stock im Jahre 2008 24 Die Bestände - die 84 der wertvollsten Werke der ?Bibliothèque nationale" (J.-B. Halle) wurden 1802 von den zwei Spezial- kommissaren Maugérard und Ortolany auf Nimmerwiedersehen nach Paris mitgenom- men. Aus heutiger Sicht gesehen vielleicht ein Glücksfall? Wie würde ein Echternacher Codexaureus heute aussehen, wenn er nicht dem Ausland ?überlassen"15 worden wäre? In Luxemburg wären sie unter keineswegs anständigen Bedingungen aufbewahrt gewesen. Wie z.B. eine interessante Ver-wendung für Bücher in der Festungsstadt Luxemburg im Januar 1814 zeigt: es wurde beschlossen, einen Teil der großformatigen Bücher zum Schutz vor Kanonenkugeln auf den obersten Stockwerken schichtenweise zu stapeln, wo diese schließlich allen Wet- terkapriolen ausgesetzt waren. Am 10. Juni desselben Jahres krachte dann auch noch ein ganzes Stockwerk samt Hafermagazin, Balken und Arbeitern zusammen auf die Bi- bliothek. Bücher mögen solche Einstürze in der Regel nicht besonders gerne.16 Glückli-cherweise waren solche Unfälle eher selten. Belehrende Artikel zur unangemessenen Bestandszusammensetzung gab es jedoch haufenweise. Nörglern und Neidern waren die Bücher nie wissenschaftlich genug.17 Nachdem Bandkataloge (1846, 1855, 1875 & - nur für Manuskripte - 1894), plus 3 Nachtragsbände (1893, 1903 & 1918), die vorherrschende Form der Bibliothekskata- logtypen in Luxemburg darstellten, wurde im August 1903 mit einem vorerst hand- schriftlichen Zettelkatalog begonnen. Das Durchwühlen der Bestände gestaltete sich mit dieser technologischen Errungenschaft sehr viel leichter. Doch die Bedürfnisse aller Benutzer zufrieden zu stellen, stellte sich als unmögliches Unterfangen heraus. Nie besaß und besitzt die Bibliothek das ge- wünschte Buch: ?Dann fahre ich eben in die Universitätsbibliothek nach Tried", so der Wortlaut mancher frustrierter Studen- ten an der Ausleihtheke der Nationalbibli- othek. Ungebildeten Benutzern versuchte das Bibliothekspersonal ebenfalls gelegent- lich das Bestandsangebot so einfach wie möglich zu erklären: Laut Pierre Friedens Erinnerungen soll bei einer Bibliotheksbe- sichtigung während der Nazizeit Schrift-tumsbeauftragte Wolfram Brockmeier bei einem vielbändigen Werk, das den Titel ?Les poissons" trug, gemeint haben: ?Das sind wohl die Gifte" - Nein, das sind die Fi-sche, antwortete Bibliotheksleiter Frieden.18 Die Herkunft mancher Bestände wird den Benutzern von Archiven und Bibliotheken öfters verschwiegen. Das hat seinen Grund: die ?fonds pigeon", von Taubenfäkalien bedeckte Bücher- und Archivalienanhäu- fungen, hatten in Luxemburg Tradition. Dies sollte aber nicht der Grund für die bis Anfang der 1990er Jahre praktizierte Bü- chervergasung sein. Vielmehr sollten Krank-heitserreger auf zurückgegebenen Büchern eliminiert werden. Dass Papier keine Krank-heiten übertragen kann (Bsp. Papiergeld), hätte durch Studien seit den 1950er Jahren eigentlich bekannt sein müssen. Schlimmer aber als der Zustand der Bestände ist die Unordnung. Eigentlich dürfte es sie in einer Bibliothek gar nicht geben - wozu würde das Personal sonst bezahlt? Doch die ka- tastrophalen Lagermöglichkeiten der Bib- liothek haben über Jahrzehnte hinweg ein gewisses Chaos hinterlassen, das bis heute nicht bereinigt worden konnte. So schrieb 1970 die spätere LSAP-Präsidentin Lydie Schmit in ihrer Gymnasiallehrervolontärab- schlussarbeit: ?In der Nationalbibliothek war es besonders Herr Direktor Goedert, der sich redlich Mühe gab, trotzdem: es ist kaum auszurechnen, wieviel Zeitverlust mich das dortige Durcheinander koste-te..."19 1962 wurden sämtliche versehent- lich angesammelten Unterhaltungslitera- Hauptflügel, 3. Stock im Jahre 2008 1Bibliotheksleiter im 1. Stock, Siidflügel, 2008 ij I MFELTE Riesenbibel, 62 x 41 cm Teamwork, zurückgezogen in den Nischen des Hauptflügels Handschriftlicher Zettelkatalog Guy Hoffmann Kleinstes Exemplar der Rara-Abteilung, 2,8 x 2 cm Fonds ancien, Südflügel, 3. Stock 25 - ? 7, - /I. 11A,12, (40.tmv, /_ (,?J?, p ( ' /(/,? r ?,.? ? r? f; I ? » p() \ /1 II ' ?s?-,J0"- ,i;;;!?72",'".'0,(X\,* ' Ustri a:Jé * ?41,AUS DER GESCHICHTE EINER STADT- UND NATIONALBIBLIOTHEK turbestände (Populärliteratur) an die Stadt Luxemburg verschenkt, als Anstoß zur Gründung der späteren Stadtbibliothek (er- öffnet am 21.12.1967). Ein zwangloses Ge- spräch zwischen Direktor Joseph Goedert und Gemeindeschöffen Léon Bollendorff während einer gemeinsamen Körperflüs- sigkeitsentleerung auf einem städtischen stillen Örtchen soll für Idee und Schen-kung ausschlaggebend gewesen sein. 30 Jahre lang, von 1962-1992 konnte von der Nationalbibliothek als wahre wissenschaft- liche Bibliothek gesprochen werden. Am 09.10.1992 wurde eine ?Médiathèque" of- fiziell eingeweiht - als getrennte räumliche Abteilung, neben der ?Bibliothek". Somit wurde eine Entertainment-Funktion ge-schaffen, die mittlerweile durch die Medio- thek des Centre national de l'Audiovisuel in Düdelingen in gleicher Weise wahrge-nommen wird. Die Existenz zwei ähnlich aufgebauter staatlicher Abteilungen, mit identischen Aufgaben und Sammlungen, dürfte zukünftig Anlass für interessante politische Synergiediskussionen geben. Das Budget - 1865 regte sich ein Ano-nymus per Leserbrief darüber auf, dass das Budget für die Verbesserung der Pferderas- se 25.000 Franken betrug, das der Athenä- umsbibliothek jedoch nur 1.500 Franken.2° Einsparungen bei Personal, Erwerbung und Unterhalt sind bei ersten Krisisanzeichen bei Bibliotheken immer zuerst vorzuneh- men, auch wenn gerade wieder eine Wirt- schaftskrise oder ein Krieg die Benutzerzahl vervielfacht hat und eigentlich mehr Geld benötigt würde. Außer der bereits erwähn- ten Politik der kurzen Wege könnten aber ebenso Budgetartikel durch Bibliotheksfu- sionen merklich reduziert werden. Nach den Vorstellungen von Regierungs- und Staatsratsbibliothekar Tony Ginsbach vom 17.02.1922 hätten sämtliche Bibliotheken der Hauptstadt zusammengelegt werden können. Nur stehen Gründungen solcher Monsterbibliotheken immer wieder die verschiedenen Träger im Weg, welche - keineswegs zu Unrecht - auf die verschie- denen Zielgruppen und entsprechenden Bestandsbildungen hinweisen. Insbesonde- re die 1920er Jahre forderten maximal er- 26 Vorkriegszeitungen, Restaurierung dringend erforderlich Microfilm, das bis heute sicherste bekannte Bestands- bewahrungsmedium höhte Erwerbungsetats für Bibliotheken, da die in Luxemburg beliebten deutschen Bü- cher durch die Inflation für Privatpersonen unerschwinglich geworden waren.21 Heut-zutage wird der Erwerbungsetat der Natio- nalbibliothek regelmäßig erhöht, damit vie- le Bücher gekauft werden können, welche aber nur mit einiger Verspätung verarbeitet werden können. Dafür würde nämlich mehr Personal benötigt und das wiederum stellt ein heißes politisches Eisen dar. Es stellt sich sogar heraus, dass die momentan trendy Digitalisierung leider personalintensiv ist. Aus einer bisher vernachlässigten Möglich- keit der Budgeterhöhung könnte vielleicht Kapital geschlagen werden: da ?Bank" und ?Bibliothek" im Telefonbuch sehr eng ne-beneinander stehen, die Wörter ?Service" und vor allem ?Prêt" bei beiden Instituti- onen erwähnt sind, gibt es die regelmäßi- gen Anrufe, die um einen Bankkredit, statt um eine Medienausleihe bitten, respektiv eine Kontenüberprüfung (Bibl.: Compte d'utilisateur) des Bibliotheksbenutzers, statt des Bankkunden, fordern. Dass die Bibliothek ebenfalls regelmäßig mit einer Buchhandlung verwechselt wird, braucht nicht speziell erwähnt zu werden. - 448 22 avwcw_21,RA-- DENNER ZEITUNG 1914 3.Januar- 30.Dezember? g-trNI4R ZEP111.1717123;uo?r--0ezerriber RDENNER 119 Die Benutzer - Laut Benutzungsord-nung (Art. 24) von 1850 war die Benutzung der Bibliothek eindeutig auf die mündigen Stadtbewohner beschränkt. Artikel 13 des Reglements vom 13.02.187122, welches im-merhin mehr als ein halbes Jahrhundert in Kraft geblieben ist, besagt, dass Benutzer unter 17 Jahren kein Buch ohne ausdrück- liche elterliche Garantie ausgeliehen bekä- men. Heute liegt die Grenze bei 16 Jahren. Maximal 4 Bücher konnten, außer dem Lehrpersonal und den Schülern, den Stadt-bewohnern ?d'une solvabilité notoire" (dt.: offenkundige Kreditwürdigkeit) laut Art. 17 ausgeliehen werden. Es wurde ab- sichtlich differenziert: für nicht in Luxem-burg-Stadt ansässige Benutzer galt Art. 19, die spezielle Genehmigung des Inspektors, mit Wohlwollen des Bibliothekars. Stadt-bewohner waren also privilegiert, wovon sogar Ex-Athenäumsschüler Robert Schu-man (1896-1903) hätte profitieren kön- nen. Den elitären Anspruch, damals wie heute, wird und kann die Nationalbiblio- thek nie verlieren. Sie wird vom Typus her immer eher die intellektuelle Minderheit des Landes bedienen. Ab 1910 machten Pfarr-, Volksbildungsvereins- und gewerb- liche Leihbibliotheken der Nationalbiblio-thek die Mehrheit der Stadtbevölkerung, die sich sowieso eher für U nterhaltungslite- ratur begeisterte, abspenstig. Sie wurde zur größeren Schulbibliothek. 1930 wurde die Luxemburgensia-Abteilung gegründet; die Nationalbibliothek begann ihre Arbeit end- lich ernst zu nehmen. Die Schulbibliothek- stradition wird jedoch nicht so schnell ver- schwinden: seit Jahrzehnten setzt sich die Mehrheit der Benutzer statistisch gesehen unverändert aus Schülern und Studenten zusammen. Mit dem Ausbau der Gymnasi- albibliotheken und der Universität(en) wer- den es wohl mit der Zeit weniger Schüler und mehr Studenten werden. Der soziale Aspekt sollte aber nicht unberücksichtigt bleiben: Bücherausleihe und Präsenzbenut- zung, Internet & Toiletten - alles kostenlos. So gehören Vagabunden, Asylanten und Touristen ebenfalls zu den Stammkunden. Die Körper- und Kleiderreinigung im WC, das Aufwärmen im Lesesaal, die philoso- phischen Gespräche mit dem Bibliotheks- personal, das versteckte Salamibutterbrot - oder manchmal einfach nur die Salami - zwischen den Büchern, usw. Die Natio- nalbibliothek kann auf eine lange Tradition sozialer Bibliotheksarbeit im Stadtzentrum zurückblicken. Ein internationaler Stammkunde Großer Lesesaal des Siidflügels Guy Hoffmann Die Direktoren - die ?Bibliothekare", die ?professeurs-bibliothécaires", ?mit der Direktion betraute" oder, ab dem 25.07.1964, ernannte ?Direktoren", in ihrer überwältigenden Mehrheit Hauptstadtbe- wohner, hatten und haben es nicht leicht. Von 1798-1883 waren es gefährliche Ein- Mann-Bibliotheken. Der dritte, wegen des ersten Bandkatalogs bedeutsame Biblio- thekar Nicolas Clasen starb am 04.09.1848 mit jungen 59 Jahren scheinbar einen Bi- bliothekstod: M. Clasen succomba à une maladie de quelques mois, dont le germe s'est développé dans l'exercice de ses fonc- tions."23 Die hohe Sterberate im Rentenein- schrittsalter betrifft heutzutage eher das einfache Personal, wobei der gefürchtete Todesfall von der Bibliotheksleiter bisher mit eindeutiger Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Antoine Namur, der Vierte in der Reihenfolge, grenzte sich von seinem Vorgänger in dem Sinne ab, dass er eine äußerst regierungsgefällige Geschichte in seinem 1855er Bandkatalog hinterließ. Das genaue Gegenteil der 1846er Geschichte eines kritischen Clasens. Namur nützte es nichts ? er wurde wegen Unregelmäßigkei- ten im Bibliotheksbetrieb 1867 unehrenvoll abgesetzt.24 Die nachfolgenden Gymnasial- lehrer erledigten ihre Arbeit als Leiter ohne Aufsehen meistens ?nebenbei". Der achte Bibliothekar, Martin d'Huart, erlebte seinen letzten Herzanfall in der Bibliothek.25 Der neunte Bibliothekar, Kulturhistoriker Nico-las van Werveke, war von 1908-1911 offizi- ell Leiter der Nationalbibliothek, ohne diese jedoch während dieser ganzen Zeit jemals zu betreten, aus Frust über seine Nichtbe-nennung zum Direktor des Echternacher Gymnasiums. Ab 1912 benutzte er die Bib- 27AUS DER GESCHICHTE EINER STADT- UND NATIONALBIBLIOTHEK liothek jedoch wieder in seiner Eigenschaft als Leser. Von 1923-1929 war die National- bibliothek ohne Leitung26 (ebenso 1804- 1811); die Überwachungskommission, eigentlich seit Juni 1893 die Erwerbungs-kommission dieser Zwei-Mann-Bibliothek, leitete die Bibliothek bis zur Ernennung Pierre Friedens am 25.01.1929. Dieser 10. Bibliothekar sollte einer der besten werden: gute Praktika in Paris, Berlin, Leipzig und Brüssel, Gründung der Luxemburgensia- Abteilung 1930, Erstellung von neuen Zet- telkatalogen, Versuch den ?dépôt légal" bereits 1938 einzuführen, Herausgeber der ersten Nationalbibliographie 1944-45, Mi-nister, sogar Staatsminister von 1958-59, Unterzeichner des ersten Rahmengesetzes der Nationalbibliothek 1958 und offiziell 30 Jahre lang, somit seit Clasen längster im Amt verweilender Nationalbibliothekslei- ter (Alphonse Sprunck war provisorischer Leiter von 1948-1961). Ernennungsmäßig sollte der 11. Bibliothekar, Joseph Goedert (1961-72), nicht nur 1964 der erste offizi- elle Nationalbibliotheksdirektor werden, sondern auch, wie bereits oben erwähnt, im November 1969 in die Geschichte ein-gehen. Der zweite Direktor, Gilbert Trausch (1972-84), konnte von den Vorteilen eines neuen und geräumigen Gebäudes profi-tieren. Der 3. Direktor, Jul Christophory (1984-96), sorgte im Oktober 1985 für die Einführung des Computerkatalogs. Chris- tophory arbeitete sich intensiv ein: zahlrei- che Artikel in ausländischen Zeitschriften, Repräsentation mit bleibender Erinnerung auf internationalen Fachkongressen, Orga-nisation von Bibliothekartagen, Gründung eines Bibliothekarvereins, Initiator unzähli- ger Erweiterungsprojekte der Nationalbibli- othek,... um schließlich zu verzweifeln und am 22.06.1994 schwarz zu sehen, indem er die Nationalbibliothek Trauerflor tragen ließ.27 Dem 4. Direktor (1997-März 1999, bzw. offiziell bis zum 31.07.2001) sollte es zwar nicht so schlimm ergehen wie dem 4. Professor-Bibliothekar, doch das ist eine andere Geschichte...28 Das Personal - ohne das Personal (meistens in Luxemburg-Stadt ansässig) konnte und kann kein Direktor, der ja nie vom Fach, d.h. ausgebildeter Bibliothe- kar, sondern politisch ausgewählt war/ist, seine Bibliothek ordentlich verwalten. Die schlechte Atmosphäre prägte allerdings stets das Arbeitsklima. Ein quasi stets un- zufriedenes, durch die engen Räumlichkei- ten täglich behindertes Personal konnte einen anfangs erscheinenden Traumjob ei-nes Direktors in einen wahren Albtraumjob verwandeln. Dass innerhalb des Personals auch sonderbare oder merkwürdige Ge-stalten29 umherirrten, gehört zur Biblio- theksgeschichte jeden Landes dazu. In der Nationalbibliothek in den frühen 1920er Jahren, so erinnern sich in die Nationalbi- 28 bliothek schleichende Athenäumsschü-ler, kam die Ausleihe von vier Büchern der Ausleihe der gesamten Bibliothek gleich. So jedenfalls empfand es die erste Bibliothe- karin, Paula Michel-Weber (Batty Webers Tochter aus erster Ehe), die dazu beitragen sollte, mehr Benutzerinnen in die Bibliothek zu locken.31 Zur selben Zeit diente dort ein heiserer Theaterschauspieler, namens Wal-ter Colling, als Bibliothekar. Später kam der taube Max Goergen, Doktor der Rechts-und Wirtschaftwissenschaften und ers- ter Redakteur der Nationalbibliographie, und der an Nervenzuckungen leidende Robert Schumacher, ein beeindruckender Rara-Spezialist, zum Personal dazu. Spei-cher- und Kellerbibliotheken als traditi- onelle Abstellgleise wurden für brillante, aber körperlich Behinderte schon immer als politisch praktische Lösung angesehen. Insbesondere wenn die Bibliotheken eher eine Archivfunktion erfüllten. Eine Karrie- re nach einer gewissen Zeit in der Natio- nalbibliothek war möglich: als ehemalige Bibliotheksmitarbeiter des öffentlichen Lebens sind vor allem Ex-Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges (1960/61) und die grüne Abgeordnete Renée Wagener (1982-1992) zu nennen. Manchmal ent-schied die körperliche und mentale Verfas- sung der Bibliotheksmitarbeiter auch über das Schicksal einer Bibliothek. So gesche- hen mit der ?Bibliothèque du Gouverne- ment". Das Personal bestand Anfang der 1960er Jahre nur noch aus zwei, auf ver- schiedene Arten kranken Mitarbeitern. Das war ein Hauptgrund, warum diese von öf-fentlichen Geldern subventionierte ehema- lige Staatsministerprivatbibliothek ab 1963 ohne rechtliche Grundlage und schriftliche Zeugnisse einfach mit der Nationalbiblio- thek fusioniert wurde. Übrigens existierte der Budgetartikel der nie offiziell aufge- lösten Regierungsbibliothek noch ganze 40 Jahre lang weiter. Die überwiegende Mehrheit der Nationalbibliotheksmitar- beiter versuchte dem internen Chaos mit nettem ?Service" entgegen zu wirken. ?Sie sind alle brav, fast alle liebenswürdig und einige sogar ganz gescheit. Sie tun, was sie können." so beschrieb es Frantz Clément 1918.32 Joseph Goedert sah es realistischer: ?les bibliothécaires, désespérant de se- couer l'incurie gouvernementale, préfèrent laisser au vestiaire leurs illusions et leurs désillusions et répondre au dédain par un travail silencieux et désintéressé."" Die Neubauprojekte -Die Hauptlö- sung fast aller Probleme der Nationalbi- bliothek scheint ein Bibliotheksneubau in Luxemburg-Stadt zu sein. Bisher wurden immer nur alte, nicht-bibliotheksgerechte Gebäude umgenutzt. Zählen wir die be- kanntesten, einigermaßen konkreten, nie realisierten Neubauprojekte in der Ge-schichte der Nationalbibliothek kurz auf: es Théo Mey Camille Langers, Magaziner am Bd Royal begann im Juli 1919 mit dem Projekt ?Ocu-li" von Paul Wigreux (erster Preis) auf dem ehemaligen Artilleriekasernengelände beim Postgebäude (Rue Aldringen). Die Nazizeit sah ein kulturelles ?Landestheater"-Groß-projekt, ein ?Kulturbollwerk im Westen", samt ?Landesbibliothek" vor. 1961 sollte in einem Heilig-Geist-Plateau-Umbau u.a. auch Platz für die Nationalbibliothek vorge- sehen werden. Das Gesetz vom 20.07.1998 sah die Erbauung einer Zweigstelle der Na- tionalbibliothek auf Kirchberg vor. 2002 beschloss die Regierung dieses Gesetz nicht auszuführen (Splitting). Es folgte das Bolles-Wilson-Projekt an Stelle des heuti-gen EU-Generalsekretariats. Dieses wurde 2004 auf Eis gelegt. Von der Ressourcen- verschwendung für die endlosen Planun- gen seit 1986 möchten wir lieber nicht re- den. Heute sieht es so aus, als werde die Baustelle ?Universität Luxemburg" wohl auch über das zukünftige Schicksal der Nationalbibliothek (Hauptbenutzergrup- pe: Studenten) mitbestimmen: Splittine, d.h. die Luxemburgensia im Stadtzentrum verbleibend, der nicht-luxemburgische Be- stand nach Esch umziehend, oder ein ra- dikaler Umzug der gesamten Bibliothek auf den neuen Universitätscampus Esch/ Belval. Ist man sich aber bewusst, dass die Nationalbibliothek eigentlich immer eine Stadtbibliothek war, könnte ein eventueller Abschied schmerzvoll ausfallen. Die Biblio- thek in der Stadt - die städtische Seelen- verletzung mildernd hilft es zu wissen, dass die Stadtbibliothek Aufgaben und Ange-bote der Nationalbibliothek, wenn auch in geringerem Maße und bei entsprechenden Investitionen, übernehmen könnte.Carlo Hury, Bibliothekar im 20. Jahrhundert Und 2008? - Die Nationalbibliothek verfügt im wertvollen Luxemburgensia-Bereich bis heute nicht über die nötigen Bestanderhaltungsstandards wie wenig Licht, klimatisierte Magazine, abgesicherte Räumlichkeiten, professionelle Notfallplä- ne, etc. Platz- und Personalmangel gibt es seit Jahrzehnten im Überfluss. Seit 2005 erscheint keine Nationalbibliographie mehr auf Papier. Der Verbundkatalog ist voller Fehler. Mit der Erstellung virtueller Produk- te kurzfristiger Lebensdauer wird versucht von den eigentlichen Problemen abzulen- ken. Ein neues Gebäude steht nicht mehr in Aussicht. Die Zahl der Bananenkisten der Marken Chiquita, Del Monte, Dole und Eko Oké nimmt weiter zu; sie sind von au- ßen auf den Fensterbrettern (erster Stock: Luxemburgensia) für jeden Stadtbesucher, insbesondere vom Personal des gegenüber liegenden Rathauses, deutlich zu erkennen - und gehören somit eigentlich mittlerweile auch zum Stadtbild. Das Personal verzwei- felt zusehends... So wie es aussieht, wird das Dauertrauerspiel Nationalbibliothek weiterhin viel Stoff für Anekdoten und Skandale bieten können. Und als größte wissenschaftliche Bibliothek auf Stadtge-biet wird sie noch Anlass für interessante Stadtgespräche geben können. Jean-Marie Reding Jean-Marie Reding, Bibliothekar im 21. Jahrhundert 1 Compte rendu des séances de la Chambre des députés 1872-73. - Séance du 30.01.1873, S. 943. Catalogue de la Bibliothèque de Luxembourg! 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89/2008 - Literatur

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