13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Die Leiden eines alternden Verwerters an der Bücherschwemme

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?Die Leiden eines alternden Verwerters an der Bücherschwemme ?O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen? Seh ich fiber jede Schwelle doch schon Bücherströme laufen. 46 S eine Liebe zum Buch wird schon zur Lei- denschaft, vielleicht zum Laster gewor- den sein, wenn der Rezensent nach rund fünfzig Jahren zu zweifeln beginnt, ob die Lust auf Literatur seine Leiden am Beruf denn wirklich aufwiege... Und so fühlt er sich, lang lange vor seinem Beitrag zur Eröffnung der schmu-cken neuen Stadtbibliothek wie Goethes Zauberlehrling und glaubt, er brauche aus ?Wasser" nur ?Bücher" zu machen, um sein Leiden an einer Bücherschwemme mit Versen aus der Ballade zu bebildern, z.B. ? 0, du Ausgeburt der Hölle! / Soll das ganze Haus ersaufen?/ Seh ich über jede Schwelle / doch schon Bücherströme laufen" oder auch und vor allem mit dem längst büchmannreifen Vers: ?Herr, die Not ist groß!/ Die ich rief, die Geister! werd ich nun nicht los." In der Tat, wenn er ? ist es wirklich be- reits ein halbes Jahrhundert her? ? zum ers- ten Mal im eignen Namen bei einem großen deutschen Verlag um Besprechungsexem- plare einkommt, kann er nicht wissen und nicht ahnen, dass er drauf und dran ist, 2 auf dem Postweg eine Beziehungslawine x loszutreten. Denn dieser erste Kontakt zu einer tüchtigen Verlagspressestelle greift unverhofft nachhaltig, in seinem Gefolge metastasieren die Bindungen zu Verlagen unaufhaltsam wie ein Krebsgeschwür: Des Rezensenten Name, seine mehrmals wechselnden privaten und professionellen Anschriften stecken ein für alle Male tief drin in den ehedem noch gebräuchlichen Handkarteien. Seit Presseexemplare oder Fahnenabzüge im Spätwinter für die Früh- jahrs-, im Spätsommer für die Herbst-Neu- heiten elektronisch geordert werden, sind persönliche Koordinaten noch unauslösch- licher auf Festplatten gestanzt. Der Rezen- sent kommt sich erst recht vor wie Sisyphus oder Tantalus, wenn er zuerst höflich leise bittet, danach schon laut und zornig ver- langt, die Pressedamen möchten ihn doch endlich und ein für alle Male strikt und streng nur mehr mit den Titeln bedenken, die er sich, expressis verbis, erbittet und die er ? nicht unerheblich! ? überhaupt und voraussichtlich Zeit und Lust hat zu lesen und zu besprechen. Verpuffte Liebesmüh! Die Halbwertzeit des Buches ist in 50 Jahren schwindelerregend schnell geschwunden, ? oder weshalb decken ( deutsche ) Groß-, und auch einige Mittel- und Kleinverlage seit langem selbst Provinzkritiker so groß- zügig mit Presseexemplaren ein, dass die sich schon fast wie willkommene Entsorger von Altpapier missbraucht vorkommen? Der Rezensent hat nach den 50 Jahren, die er heute hier beklagt, ein knappes halbes Dutzend Ortswechsel hinter sich. Anfangs haben ihm die Boten der gu- ten alten Post georderte Presse-Exemplare liebenswerterweise noch vereinzelt ausge- händigt, kiloschwere, sperrige Bücherpa- ckungen aber damals schon von motorisier- ten Kollegen zustellen lassen. Mittlerweile beauftragen nicht wenige Verlage private Postdienste mit der Versendung bzw. Zu- stellung von Literaturgut und nutzen übri- gens die neuen fixeren Mittel und Wege, um ihre Adressaten noch großzügiger mit Leseware einzudecken. In den vor Neuer-scheinungen oft schier berstenden Kartons findet sich, zugegeben, mitunter der eine oder andere ausdrücklich georderte Ti- tel, nicht selten aber muss eine Mehrzahl an gelieferten Büchern so eingeschweißt wie ungelesen unter Bauchgrimmen und mit Herzflimmern erst mal ins unterste, hinterste Regal, sehr bald aber auch auf Speichergründe und in Kellerverliese weg-gestaut, d.h. außer Sicht geschafft werden ?, zumal im Frühling oder Herbst, wenn es gilt, für die nächsten Literaturballen Platz zu schaffen. Weder ausufernde Zeitungs-rezensionen noch langweilende Radiobe-sprechungen, nicht einmal Auftragsarbei- ten für ausländische Medien bringen diese Bücherstapel zum Schmelzen ?, der Kritiker bleibt bis hoch ins Alter ein Lehrling und dem faulen Zauber, der von Marketendern in den Hexenküchen der Verlage entfacht wird, wehrlos ausgeliefert. Eines Tages, viel früher als befürchtet, reichen die Speicher- und Keller-Kapazitä- ten bei Kritikers nicht mehr aus, seine Bü- cherhochstapeleien zu fassen, und es heißt dringendst, Ausweichquartiere zu finden. Wenn er nicht willens ist, wie bei echten, aber von Verlagspressestellen verschonten Büchernarren, nebst Keller und Speicher, Arbeits-, Wohn-, Schlaf- und Badezim-mer, Treppenaufgänge, ja sogar Toiletten mit Bücherregalen vollzutapezieren, bleibt ihm nur noch, nach Abnehmern Ausschau zu halten. Denn auch Bücher einzeln oder paarweise zu verschenken, schafft kaum Abhilfe. Vor dem ersten, zweiten und drit- ten Umzug stehen ihm zwar zwei, drei Stadt- und Regionalbibliotheken im Ösling und an der Mosel auf gutes Zureden bei, seine prallen Bibliotheksbestände und Bü- cherreserven um die entbehrlichsten Stü- cke zu lichten und ihm zu ersparen, die zum Sperrgut verkommene Literatur ins nächste Heim mitzuschleppen, es bleiben jedoch immer noch und immer wieder Remitten- den zu entsorgen ?, und unter wie vielen und welchen seelischen Koliken, auf welch beschämenden Wegen er sich ihrer schließ- lich entledigt, wagt er an dieser Stelle nicht zu gestehen... Spät, sehr spät rückt sie an, die Stun- de, wo der allmählich ermattende, doch immer noch roman-, essay- und lyriksüch- tige Rezensent ein allerletztes Mal die Dru-ckerspreu vom Literaturweizen zu trennen hat: So wie er müssen sich nach Jahrzehn- ten scheidungswillige Eheleute fühlen, d.h. nur sehr schwer entscheiden können, was aus dem gemeinsamen Hausbestand in ein neues Leben herübergerettet werden soll. Welche Titel, welche Autoren, welches Li- teraturgenre zählt wohl zum harten Kern einer Bibliothek, aus der er bis ans Lebens-ende vorzugsweise wird schöpfen wollen und wie viel von diesen Werken passen wohl an die einzige in der neuen Wohnung dafür ausersehene Bücherwand? Nein, er will als Sänger bis zuletzt höflich bleiben und nicht verraten, wie viel Umzugskisten vor dem endgültigen Wechsel aus einer Schlafgemeinde in die Stadt wieder und nochmals mit Büchern zu füttern gewesen sind, wie flehentlich, aber teils vergeblich, er die bis dato über- aus hills- und aufnahmebereiten Damen in den Stadt-, Dorf- und Regionalbibliothe- ken hat beknien müssen, ihn doch bitte, bitte ein letztes Mal, ein allerletztes Mal von einer Habe zu befreien, die ihm zur Last, anderen Menschen vermutlich zur Lust geworden wäre. Ihm fällt es jedenfalls zunehmend schwerer zu verstehen und zu würdigen, wie viel Aufhebens auf Messen um das Buch gemacht, wie viel Klamauk auf sogenannten Büchertagen und Mara- thonlesungen um die ohnehin jahraus jahr-ein schier grenzenlos wachsende Masse an Druckware veranstaltet, warum soviel und derart verlogener Kult um sie und mit ihr getrieben wird. Lieber Leser, liebe Leserin, lassen Sie sich von diesen Zeilen nicht die Freude an der neuen erweiterten und vervielfältigten Stadtluxemburger Bibliothek verderben! Sie sind nur Muster ohne verbindlichen Wert. In der Tat, nur ein alternder Litera- turverwerter bringt nach einem schon sehr langen Berufsleben so viel Griesgram auf, sich offen nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Opfer eines Übermaßes an ?belles lettres" zu empfinden und zu outen. Dieser Leidensmann hört auf den Namen Michel Raus


Dateien:
PDF(559 Kb)

89/2008 - Literatur

p.  1