13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Limpertsberg: Die letzte katholische Pfarrbibliothek Luxemburgs

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?1844 - der apostolische Vikar Jean- Théodore Laurent verfasste in Luxemburg- Stadt einen Hirtenbrief übers Lesen.1 Der seit 1812 mit der Schnellpresse und 1843 mit der Erfindung des Holzschliffpapiers eintretenden Massenliteratur und Informa- tionsflut müsste Einhalt geboten werden. ?Eine der verderblichsten Plagen unserer Zeit ist ohne Zweifel die Menge ungläubi- ger und unsittlicher Bücher, welche in allen Sprachen Europa's die Welt überschwem- men." Laurent befürwortete sogar, sich auf die Bibel2 stützend, Bücherverbrennungen. ?Da aber alle Fäulni 13, geistige wie leibli- che, ansteckt und jede Seuche immer wei- ter um sich frißt, so droht auch jene Lügen- und Lasterliteratur die Gesellschaft immer mehr zu verpesten und allmählig in einen Höllenpfuhl zu verwandeln." Um die Welt vor dem Abgrund zu bewahren hieß es ?die Lesung schlechter Bücher zu verhindern und die Lesung guter Bücher zu befördern." Der Begriff des ?guten Buches" hält sich bis heute. 1844 gründete Laurent in der The- resienstraße (heute: Rue Notre Dame) die erste öffentliche Pfarrbibliothek des Landes. Angesichts der gewaltigen bevorstehenden Arbeit holte er sich Hilfe beim gerade in Deutschland gegründeten Borromäusverein 58 Limpertsberg: Die letzte katholische Pfarrbibliothek Luxemburgs (Bonn 1844), der Spezialist für katholische öffentliche Bibliotheken. ?Zuerst bildete sich in der Stadt Lu-xemburg ein Verein, der von dem Vor-stande des Central-Vereins zu Bonn als Hülfsvereins anerkannt wurde, und sehr bald mehre hundert Mitglieder und Theil- nehmer in sich aufnahm. L..] Die Biblio- thek des Haupthülfsvereins zu Luxemburg enthält schon gegen 50 Bände zum Theil kostbarer Werke."3 1903 - Der in diesem Jahr gegründe- te Katholische Volksverein bot ein erstes Angebot von Wanderbibliotheken an - als Anfangsbestand, sich mehrheitlich aus Un- terhaltungsliteratur zusammensetzend, für kleine, neu gegründete Bibliotheken ge-dacht. Ebenfalls 1903 wurde vom Pfarrer in Eich eine Volksbibliothek eröffnet.4 Im März 1905 folgte die Gründung einer sol- chen in Hollerich.5 1908 bestand auch ein Hülfsverein in ?Luxemburg-Seminar". Und in Luxemburg-Limpertsberg ?gedenkt" im Jahre 1909 ?unsere Ortsgruppe in diesem Jahre für Verbreitung guter Lektüre zu sor-gen durch Beihülfe an der Errichtung einer Borromäusleihbibliothek."6 Um diese Zeit nahm auch die ewige Feindschaft zwischen Katholischem Volksverein (KV) und Volks- bildungsvereinen (VBV) ihren Anfang. Die von den VBV proklamierte Neutralität ih-rer Bibliotheksbestände wurde vom KV als Kampfansage empfunden. Neutral hieß damals religionsfrei. Die beiden Richtungen - katholisch contra sozialdemokratisch-libe- ral - lieferten sich ein Wetteifern um Orts- gruppen- und Bibliotheksgründungen. Um 1910 sollte der erste große Aufschwung der Pfarrbibliotheken, je nachdem Borromäus- bibliotheken oder ?bibliothèques réunies" benannt, stattfinden. 1920-22 sollte die In-flation in Deutschland die Lage verschlim- mern. Im Volkshaus am Boulevard Royal wurden dennoch weiterhin fleißig Weiter- bildungsaktivitäten und Bibliotheksinnova- tionen angeboten.' 1927 - Die deutschen Bücherpreise explodierten regelrecht. Eine Luxemburger Bücherzentrale sollte durch den gemein-samen Mengeneinkauf billiger an Bücher gelangen. 1927 erschien auch die voll- ständigste bekannte Statistik über ?unse- re Pfarrbibliotheken".8 Limpertsberg war damals mit 2.200 Bänden die drittgrößte Pfarrbibliothek landesweit, hatte 85 Leser, und belegte mit 2.500 Ausleihen den 2. Guy HoffmannAuf der anderen Seite der Hauptstadt kilt in Bonneweg eine andere Spezies die Stellung, die letzte Volksbildungsvereinsbibliothek in der Ardennerstrae. Platz als beste Ausleihbibliothek des Jahres 1926. Merl, Neudorf und Stadtgrund lagen im Mittelfeld. Andere städtische Pfarrbi- bliotheken, welche in Quellen 1908 und 1919 erwähnt wurden, fehlen in der Sta-tistik. 1931-32 stieg die Bibliothekenanzahl angesichts der Wirtschaftskrise wieder sprunghaft an: in Notzeiten benutzen im-mer mehr Menschen Bibliotheken. 1934 fiel die Hilfe aus Bonn definitiv aus; Nazi- deutschland zwang den Borromäusverein dazu, seine Aktivitäten drastisch zu redu-zieren. Nach dem Einmarsch 1940 wurde unerwünschtes feindliches Schrifttum vom Sicherheitsdienst aus den Pfarrbibliotheken entfernt. Ab April 1941 sollten alle Biblio- theksbestände beschlagnahmt werden.9 1945 - Die Stadt Luxemburg, auch Bis-tumssitz, blieb weiterhin das Zentrum der katholischen Bibliotheksarbeit des Groß- herzogtums. Die Caritas gründete einen Service du livre, welcher den Wiederauf-bau des Pfarrbibliothekswesens organisier-te. 1948 wurde die Centrale Catholique du Film et du Livre (offiziell 1995 aufgelöst) gegründet, eine auf religiöse Literatur spe- zialisierte Buchhandlung. Sowohl der Buch-dienst, als auch die Centrale wurden durch Ein freundliches Ambiente, neuere Bücher, eine aktive Gruppe ehrenamtlicher Mitarbeiter auf Limperts berg die Arbeit eines gewissen Charles Schaus (t1975)1° jahrzehntelang geprägt. 1960 sollen ca. 200 Pfarrbibliotheken in Luxem-burg existiert haben... Ab den siebziger Jahren ging es mit den Pfarrbibliotheken so bergab wie mit dem katholischen Vereinswesen. Manche Bestände beinhalteten doch tatsächlich noch hauptsächlich deutschsprachigell Li- teratur in Frakturschrift, die um 1870 er-schienen war, in der Blütezeit 1903-1910 eingekauft wurde und bis in die 1980er Jahre hinein im Bibliotheksbestand wieder- zufinden war. 2008 - Ein Bibliothekstyp ist vom Aus-sterben bedroht. Nach 150 wechselhaften Jahren ist nur noch ein einziges Exemplar übriggeblieben. In der Avenue Pasteur, Nr. 85, hat die Limpertsberger Pfarrbibliothek überlebt. Ein freundliches Ambiente, neu- ere Bücher, eine aktive Gruppe ehrenamt- licher Mitarbeiter auf Limpertsberg hat es mit Veränderungen versucht und noch den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft. Auf der anderen Seite der Hauptstadt lebt in Bonneweg eine andere Spezies, einst Tod- feind der Limpertsberger: die letzte Volks- Pfarrbibliothek Weimerskirch bildungsvereinsbibliothek hält in der Ar-dennerstraße die Stellung. Auch wenn ein Canyon die beiden geographisch trennt, die Zeit der Grabenkämpfe ist endgültig vorbei. Beide Volksbildungsarten haben heute vieles gemeinsam: wenig Geld und Platz, und kein besoldetes Personal. Er- haltenswert sind beide - und nicht nur aus reiner Nostalgie. Zum intellektuellen Reich- tum einer Landeshauptstadt gehört eine möglichst große Bibliotheksartenvielfalt. Vielleicht hilft ein Artenschutzprogramm? Jean-Marie Reding 1 Laurent, lean-Théodore: Den verehrten Lesern Heil und Segen!. - Luxemburg: [s.n.], 18.01.1844 Apostelgeschichte XIX, 19 Lux. Wort. - N°99, 24.12.1848, [Si]. . 4 Lux. Volk. - Nr. 2, 19.12.1903,S. 11. Lux. Volk. - Nr.44, 04.11.1905, S. 3. 6 Lux. Volk. - Nr. 4, 23.01.1909,S. 15. Olmedo Moes, Patricia: Reconstitution des archives du ?Luxemburger Volk" en matière de bibliothèques paroissiales [...]. - Bruxelles: IESSID, 2007. ?Travail de fin de stage Lux. Volk. - N°36, 02.10.1927, S. 2. e Die Luxemburger Kirche im 2. Weltkrieg. ?Luxemburg: Ed. St.-Paul, 1991. - S. 40-41. 10 Tätigkeitsbericht der Luxemburger Caritas 1975, S. 9. 11 Eng Lëtzeburger Pârbibliothe'k: de' Hollerecher le'sst sech weisen! REE. In: Revue N°2, 07.06.1950,


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