13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Was haben Alexander Weickers Romanmanuskript Fetzen und Nico Helmingers Hut gemeinsam?

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?Batty-Weber-Preis 2008 für Nico Helminger Was haben Alexander Weickers Romanma-nuskript Fetzen und Nico Helmingers Hut gemeinsam? Was verbindet den Prix Servais mit der Echternacher Struwwelpippi-Kinderbuch- autorenresidenz? Welche Beziehung gibt es zwischen dem Auguste Trémont zugeschriebenen Ölbild von Nikolaus Welter und den über 500 Korrespondenz-partnern von Anise Koltz? Die Antwort ist einfach und mag doch verblüffen. Alle aufgeführten Artefakte und Veranstaltungen verweisen auf das Centre national de littérature (CNL) in Mersch. 62 Was haben Alexander Weickers Romanmanuskript Fetzen und Nico Helmingers -- Hut gemeinsam? Das CNL ist das jüngste der Luxembur-ger Kulturinstitute. 1995 wurde es offiziell eingeweiht, doch eine gesetzliche Grundla- ge wurde ihm erst 2004 mit der Loi portant réorganisation des instituts culturels de l'Etat zugestanden. Hervorgegangen ist es aus der Forschungsstelle über luxemburgi- sche Literatur an den Archives nationales, wo erste Schriftstellernachlässe und Samm- lungen angelegt wurden. Untergebracht ist es im geographischen Mittelpunkt des Landes, in Mersch, in einem herrschaftli- chen Haus aus der Zeit der Französischen Revolution, dem Geburtshaus von Emma-nuel Servais. Dank der Großzügigkeit von Jeanne Servais gelangte das Anwesen zu-erst in den Besitz der Gemeinde Mersch, dann des Staates. Dass es einer kulturellen Bestimmung zugeführt werden sollte, hatte sie in ihrem Testament verfügt. Das CNL ist aber nicht nur das jüngste der Kulturinstitute, sondern auch das ein-zige, das einen doppelten Namen trägt. Offiziell heißt es Centre national de litté- rature/Lëtzebuerger Literaturarchiv. Damit sind die beiden großen Aufgabenbereiche des Hauses umrissen: zum einen die För- derung der zeitgenössischen luxemburgi- schen Literatur, zum anderen das Sammeln von Schriftstellernachlässen und das Do- kumentieren des literarischen Schaffens in Luxemburg seit dem beginnenden 19. Jahr- hundert. Der ersten Aufgabe kommt das CNL nach, indem es regelmäßig Lesungen, Vor- träge, Konferenzen, Ausstellungen und Fortbildungsveranstaltungen organisiert. Allen Literaturinteressierten, Studierenden, Forschern sowie den Journalisten steht die Dokumentationsstelle über die einzelnen Autoren oder literarischen Institutionen zur Verfügung. Sie wird immer häufiger in Anspruch genommen; besonders erfreulich ist das große Interesse an der luxemburgi- schen Literatur aus dem Ausland. Speziell an die Schüler richten sich die Kibum, die Kinderbuchmesse aus Oldenburg, die alle Neuerscheinungen des jeweils vergange- nen Jahres im Bereich Kinder- und Jugend- buch präsentiert, sowie die Struwwelpippi Kinder- und Jugendbuchautorenresidenz, die um Pfingsten herum einen Autor oder eine Autorin für einen Monat nach Echter-nach führt, wo er/sie am kulturellen Leben teilnimmt, an den Schulen Echternachs liest, mit den Schülern diskutiert und an der Springprozession teilhat. Martin Klein, Irma Kraus, Regula Venske, Doris Meissner- Johannkecht, Bettina Obrecht, Karin Gün- disch und Dietlof Reiche heißen die bishe-rigen Struwwelpippis, und ihnen ist es u.a. zu verdanken, dass Echternach nicht länger ein blinder Fleck auf der literarischen Land- karte ist. Vor wenigen Wochen erst ist das in Echternach spielende Kinderbuch Nix wie weg von Doris Meissner Johannknecht in der Reihe Kurzstreckenleser des Schro- edel/Westermann Verlages erschienen.nftWI7rfTlyr PL Ein lebendiges Literaturarchiv Weniger spektakulär, dafür aber ar- beitsintensiver ist die archivarische Arbeit. 276 Vor- und Nachlässe von Schriftstellern, Verlegern und literarischen Institutionen kann das CNL heute sein eigen nennen. Eine alphabetische Liste aller Bestände steht auf der Internetseite des CNL http:// www.cnl.public.lu/. Eine genauere Be- standsbeschreibung findet sich in Pierre Marsons Buch Die Bestände des Luxembu- ger Literaurarchivs und im Aleph-Katalog unter der Adresse aleph.etat.lu. Ei-nige umfassen lediglich einen schmalen Ar- chivkasten, andere wie z. B. der Nikolaus Welter-Nachlass, an die 50 Archivkästen. Ein erster unumgänglicher Arbeitsgang besteht in dem fachgerechten Ablegen der dem CNL anvertrauten Materialien. Säure- freie Mappen und spezielle Archivkästen, ebenfalls säure- und formaldehydfrei, sind notwendig, um zu gewährleisten, dass die oft fragilen Materialien Zeit und Säurefraß überstehen. In einem zweiten Arbeitsschritt geht es an die Erschließung des Materials. Wer ist der Schreiber des Briefes, wer der Adressat? Gibt es eventuell Gegenbriefe? Ist das Manuskript überarbeitet worden und von wem? Wer sind die auf dem Foto abgebildeten Personen? Resultat dieser Er- schließungsaufgabe sind so genannte Find- bücher, die den Bestand auflisten und dem Forscher den Zugriff auf die Materialien ermöglichen. CNL- Direktorin Germaine Goetzinger Nikolaus Welter (Ölbild von Auguste Trémont) Die beiden großen Aufgaben- bereiche unseres Hauses: zum einen die Förderung der zeitgenössischen luxemburgischen Literatur, zum anderen das Sammeln von Schriffitellernachlassen und das Dokumentieren des literarischen Schaffens in Luxemburg seit dem beginnenden 19. Jahrhundert. Guy Hoffmann Neben den eigentlichen Archivbestän- den verfügt das CNL über eine gut dotierte Bibliothek. Sie ist im nationalen Verbund- katalog Aleph erfasst, man kann sie über Internet einsehen aleph.etat.lu. Im Gegensatz zu anderen Bibliotheken gilt das besondere Augenmerk den Büchern, in de- nen Spuren des Autors zu finden sind, wie z.B. Lesekommentare, Besitzvermerke oder Widmungen. Vor allem Widmungen sind aufschlussreich, da sie auf bestehende oder angestrebte Kontakte zwischen Schriftstel- lern, ihren Kritikern, Freunden oder ande-ren Multiplikatoren verweisen und über die Gelegenheitsformeln hinaus, oft sehr private und persönliche Informationen enthalten. Von besonderem Interesse sind ganze Schriftstellerbibliotheken, die Ver-mutungen über Forschungsschwerpunkte, Lesegewohnheiten und Leseverhalten zu- lassen. Ein besonders wertvoller Bestand des CNL ist die an sprachhistorischen Wer- ken reiche Bibliothek von Robert Bruch und die kunsthistorisch wertvolle Bibliothek Ali-ne Mayrischs. Auch wenn der Hauptakzent auf Be- ständen zu Persönlichkeiten des litera- rischen Lebens liegt, gibt es im CNL eine Reihe von teils umfangreichen Spezial- sammlungen. Sie umfassen Audio- und Videomaterialien, Fotos, Plakate, Gemäl- de, Postkarten, Exlibris, literaturbezogene Briefmarken und Poststempel, Musicalia, Lesezeichen und Zeitungsausschnitte. 63Ausstellungen, Symposien und Publikationen Archivmaterialien verkümmern, wenn sie nicht zu neuem Leben erweckt werden, und Literaturarchive werden zu Literatur- mausoleen, wenn sie sich auf Sammeln und Horten von Archivalien beschränken. Wich-tig sind daher die Bemühungen, mittels Li- teraturausstellungen und Publikationen gewonnenes Wissen und Erkenntnisse wei-terzureichen. So stellte die Jahresausstel- lung 2007 des CNL Luxemburg als Exilland während der nationalsozialistischen Zeit vor. Davor gab es Ausstellungen über Michel Rodange, über deutsch-luxemburgische Literaturbegegnungen, über die Colpacher Gäste der Familie Mayrisch, über die Lu-xemburger Sprache oder die Geschichte des Phi-Verlags. Außerdem übernimmt das CNL regelmäßig literarische Ausstellungen ande-rer Ausrichter, die einen Bezug zu Luxem-burg haben. Dies war beispielsweise der Fall bei der Thomas Bernhard-Ausstellung, wel- che die Mondorfer Dichtertage der 1960er und 1970er Jahre wieder aufleben ließ, wo Thomas Bernhard vor dem Mondorfer Her- kul-Grün-Denkmal dem Suhrkamp-Lektor Wieland Schmied das Romanmanuskript seines Erstlings Frost versprach. Dem gleichen Anliegen verpflichtet ist das Veröffentlichungsprogramm des CNL. So werden zu den einzelnen Ausstellun- gen wissenschaftliche Kataloge erstellt. Sie sind sowohl bibliophile Objekte als auch 64 KATHRIN MESS ,,??? als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle" Das Tagebuch der Luxemburgerin Yvonne Useldinger aus dein Frauen-KZ Ravensbrück M ET RO POL regelrechte Faktenbücher zur Geschich-te der Literatur in Luxemburg. Besonderer Wert wird auf Referenzwerke gelegt, die der Orientierung des Interessierten und des Forschers dienen. Neben der jährlich erscheinenden Bibliographie courante de la littérature luxembourgeoise hat das CNL 2007 das erste Luxemburger Auto- renlexikon herausgegeben. Das mehr als sechshundertseitige Werk ist die derzeit umfangreichste und verlässlichste Infor-mationsquelle zur Literatur in Luxemburg. Insgesamt werden 979 Autoren vorgestellt und mehr als 10.000 Werke besprochen. Der Kernbereich des Veröffentlichungspro- gramms aber stellt die Lëtzebuerger Bib- liothéik dar. Hier werden vergriffene Texte der Luxemburger Literatur dem heutigen Lesepublikum als Studienausgabe, d.h. mit einer ausführlichen Einleitung, mit Kom-mentar zum Entstehungskontext und zur Rezeptionsgeschichte zugänglich gemacht. Als letzter und 15. Band der Reihe erschien vor zwei Monaten die von Sandra Schmit betreute 1883 in Dubuque (Iowa) von Nicolas Gonner herausgegebene Gedicht- sammlung Prärieblummen. Außerdem gibt das CNL gemeinsam mit den Editions Phi eine Essay-Reihe zur Literatur und Kultur Luxemburgs heraus und veröffentlicht Au- dioauflagen zur Luxemburger Literatur, wie etwa Michel Rodanges Renert von Steve Karier gelesen. Mehr Ober die Publikationen des CNL erfährt man unter www. cnl.public.lu/publications/index.html. Das CNL wird sich demnächst vergrö- Bern. Der Staat hat das Haus Becker-Eiffes, das unmittelbar neben dem Servais-Haus liegt und im 19. Jahrhundert zum Besitz der Servais gehörte, erworben und für die Nutzung des CNL restauriert. Durch die Erweiterung werden unter anderem neue, vollklimatisierte Magazine zur Verfügung stehen, die eine Konservierung unter bes- ten technischen Bedingungen ermögli- chen, sowie zusätzliche Büroräume und zwei Gästewohnungen für längerfristige Forschungsaufenthalte und für Autorenre-sidenzen. Beide Gebäude werden durch ei-nen Zwischenbau verbunden. Gleichzeitig wird der Park erweitert. Als Leihgabe hat die Familie des Künstlers Lucien Wercollier eine Skulptur zugesagt, die ihren Platz im Park des Servais Hauses finden wird. Ein offenes Haus Das CNL ist keine luxemburgische Er- findung. Es ist eingebunden in einen inter- nationalen Verbund von Literaturarchiven und Literaturmuseen. Wichtige Partner sind die Archives et Musée de la littérature in Brüssel, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach-am-Neckar oder das Literaturar- chiv Saar-Lor-Lux-Elsass an der Saarländi- schen Universitäts- und Landesbibliothek. Gleichzeitig ist das CNL Ansprechpartner der Luxemburgistikzentren, die an man- chen ausländischen Universitäten entstan- den sind. Durch die beharrliche und konse-Ministère de Grand-Duché de Luxembourg la Culture, de l'Enseignement supérieur et de la Recherche Prix Batty Weber ? Prix national de littérature -- 2008 Das CNL ist eingebunden in einen internationalen Verbund von Literaturarchiven und Literaturmuseen. Wichtige Partner sind die Archives et Musée de la littérature in Brüssel, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach-am-Neckar oder das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass an der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek. l'attire s Vita quente Arbeit des CNL beginnt Luxemburg allmählich auf der Karte der europäischen Literaturlandschaften sichtbar zu werden. Das CNL ist seit seiner Gründung ein offenes Haus. Besucher sind dort gern ge-sehen. Auf Anfrage werden auf Gruppen speziell zugeschnittene Besuchsprogramme angeboten. Sie vermitteln eine Einführung in die Welt der Luxemburger Literatur und geben Einblick in die faszinierende Arbeit des Luxemburger Literaturarchivs. Dank des Einsatzes kompetenter Mitarbeiter und des Interesses vieler Luxemburger an ih-rer Literatur ist das CNL in den 13 Jahren seines Bestehens gewissermaßen zur Zen- tralagentur des literarisches Gedächtnisses Luxemburgs geworden. Germaine Goetzinger Walfer Bicherdeeg, November 2008: Preisträger Roger Manderscheid mit LSV-Präsidentin Colette Mart 65


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