13/09/2008 18:41 Alter: 11 yrs

Schreiben in Luxemburg oder 22 Jahre Luxemburger Schriftstellerverband

Kategorie: 89/2008 - Literatur 89/2008 - Literatur

?66 ier und jetzt, also um diese Jahres- wende 2008-2009, könnte man doch tatsächlich von einem Fortschritt, von einer Art Aufbruch in der literarischen Szene Lu-xemburgs sprechen. In der Tat wird nämlich derzeit an einer Anthologie der Luxemburger Literatur für die höheren Klassen der Sekundarschulen gearbeitet, was in Zukunft bedeuten wür- de, dass es zumindest schwieriger wird, als Luxemburger Schulabgänger sein Abitur in der Tasche zu haben, ohne auch nur ein einziges Mal einen Luxemburger Autor ge- lesen oder aber nicht die leiseste Ahnung darüber zu haben, dass hier im Land auch geschrieben wird. Dieses Unwissen, dieses manchmal ge- zielte Ignorieren der Luxemburger Literatur, diese unterschwellige Geringschätzung, all diese Klischees, die in der öffentlichen Meinung noch allzu weit verbreitet sind, denen allerdings immer mehr, wenn auch noch ungenügend, von staatlicher Seite entgegen gewirkt wird, sind sowohl für die Förderung der literarischen Kreativität in unserem Land als auch für die Entwick- lung unserer Identität, die zugleich luxem- burgisch und multikulturell ist ? das heißt, deren Einzigartigkeit und Vielfältigkeit eine mehrsprachige Literatur beinhaltet ? ver- heerend. Schreiben in Luxemburg oder 22 Jahre Luxemburger Schriftstellerverband Literatur bricht Tabus Das Unwissen und die Geringschät- zung sind sogar rückständig in dem Sinne, dass unsere Literatur Tabus bricht, an sen-sible Themen unserer Geschichte rührt, an Stereotypen über Männer und Frauen oder auch über gesellschaftliche Klassen in un- serem Land rüttelt. Unsere Literatur traut sich, schlicht und einfach manchmal die Wahrheit zu sagen, und zwar sowohl über Kriegstraumata in den Familien, über Kindesmisshandlungen und Familiengeheimnisse, über Scheinhei- ligkeit, über eine sexuelle Doppelmoral, die nur mit sehr viel Mühe innerhalb gemein- nütziger Vereinigungen und politischer Par- teien aufgearbeitet wurde, über schwarze Pädagogik und erniedrigende Erziehungs-methoden. Oder auch Ober jene Momente des Lebens und der Geschichte, in denen die Luxemburger Welt in Ordnung zu sein schien: Die mühevolle Arbeit im bäuerlichen Leben und in der Fabrik, die Bemühungen der Familien, Kindern auch Liebe und Schul- bildung mit auf den Lebensweg zu geben, die Kämpfe um mehr Rechte für Arbeiter, für Frauen, für verschiedene Berufsgruppen sind positive Punkte in der Entwicklung der Luxemburger Gesellschaft, die auch in der Literatur ihren Niederschlag finden. Autoren denken mit Ores Balmer Autoren denken mit, und es kann durchaus vorkommen, dass sie ihrer Zeit voraus sind, wenn sie versuchen, sensible und unterschwellige Themen anzuspre-chen, an die sich die Gesellschaft noch nicht herangewagt hat. Sie reflektieren also Luxemburger Ge-schichte und Luxemburger Denkweisen, deren Blockladen und deren Vorurteile, allerdings auch deren gelegentliche Fort- schrittlichkeit, die auch in der Literatur viel Mut kostete, zumindest in jenen Zeiten, als die Presse noch konservativ dominiert war und fortschrittliche Autoren totgeschwie-gen oder verrissen wurden. Die Geschichte der Luxemburger Li- teratur ist insgesamt eine abenteuerliche Geschichte, die einerseits die Gesellschaft reflektiert, diese andererseits aber auch beeinflussen und zum Nachdenken anre-gen kann. Autoren sind grundsätzlich Individua-listen, haben sich jedoch zu vielen Zeiten der Geschichte als fähig erwiesen, sich zusammen zu schließen und literarische Events zu organisieren, um die Aufmerk-samkeit der Öffentlichkeit zu mobilisieren.Eine literarische Öffentlichkeit schaffen Die Entscheidung, 1986 den ?Lëtze- buerger Schrëftstellerverband" ins Leben zu rufen, ging auf das Bedürfnis zurück, den Autoren und der Literatur Gehör zu verschaffen, das Verlagswesen zu fördern, eine literarische Öffentlichkeit und Solida- rität zwischen den Mitgliedern zu promo- vieren, da das Konkurrenzdenken stets ein Klotz am Bein der Autoren war. 2006 feierte der LSV sein 20-jähriges Bestehen, und bei dieser Gelegenheit be- kannten sich namhafte Politiker und ande- re Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben zur Luxemburger Literatur. Die Ver- anstaltung, die also eine Unterstützung der Literatur durch die Politik dokumentierte, was nicht bedeutet, dass die Literatur auch nur im geringsten deswegen Kompromisse mit der Politik macht (in diesem Sinne sind Luxemburger Autoren absolut eigenwillig und unabhängig), regte Gedanken dazu an, was denn jetzt seitens des Schriftstelle- verbandes gearbeitet und erreicht wurde. Der LSV ist für Institutionen und Mi- nisterien ein offizieller Ansprechpartner geworden, der die Interessen der Autoren in zahlreichen Gremien vertritt, was nicht bedeutet, dass in vielen Bereichen die Poli- tik nicht auf der Stelle tritt. Zahlreiche Hürden Der LSV kämpft seit seiner Entstehung für die Förderung von Schullesungen, doch es scheint, als würden sich in jeder Epo-che andere Hürden wieder neu aufrichten; kein Ministerium empfindet sich als allein zuständig, jedes beweist zwar gelegent- lich guten Willen, aber alle schieben auch immer mal wieder entweder den Lehrern, Professoren, Schuldirektoren, oder einem andere Ministerium die Verantwortung für die Promovierung der Luxemburger Litera-tur in die Schuhe. In diesem Sinne ist die Ausarbeitung der oben genannten Antho- logie für die Schulen ein Meilenstein. Und doch sind gerade Schullesungen, wenn sie zustande kommen, oft wirkliche Sternstunden für Schüler und Autoren. Jun- ge Menschen erfahren, dass hier in Luxem-burg geschrieben wird, dass man es durch-aus wagen kann, ein Buch zu schreiben und zu versuchen, einen Verlegerzu finden oder aber auch sein Buch selbst herauszugeben, sich durch das Dickicht der Öffentlichkeit zu kämpfen und sein Publikum zu finden. Lesung und Austeilung in Consdorf (1970): Jeannot Bewing, Nico Thurm, Pierre Puth, Roger Schiltz, Gaston Scholer, Lambert Schlechter In der Kulturszene verankert Die Promovierung der Luxemburger Literatur im Ausland, dies mit Hilfe der Buchverleger und öffentlicher Instituti- onen, die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Merscher Literaturzentrum in Sachen Aufarbeitung der Literatur, die Organisation von Lesungen und die He- rausgabe wichtiger Bücher, die Zusam-menarbeit mit Gemeinden und Gemein- debibliotheken zwecks Veranstaltung von Lesungen oder Vorstellung neuer Bücher sind andere Aufgaben, denen sich der LSV im Laufe der Jahrzehnte gewid- met hat. Auch setzte er sich stets für das Be- wusstsein ein, dass Literatur nicht gratis ist, dass man einem Autor Honorare bezahlen muss, was sich dann auch problemlos ein- gebürgert hat. Alles in allem bleibt von offizieller Sei-te aus im literarischen Bereich noch viel zu tun, aber andererseits scheint es doch, als hätten sich viele Autoren dank ihrer stark entwickelten Eigeninitiative und auch ihrem Talent gemausert. Einige machten sich im Ausland einen Namen, andere wurden übersetzt oder ver- filmt, und wieder andere werden doch im-mer mehr, und recht häufig zu Lesungen in Stadt und Land eingeladen. Mehr und mehr gehen Vereine, Seniorenclubs sowie Wei- terbildungsinstitutionen, Gemeindebiblio- theken und Kulturkommissionen auf den Weg, Autoren einzuladen. Lesungen haben sich eingebürgert Haben diese Vereine und Institutionen ihr Stammpublikum, so sind diese Lesun-gen auch meistens erfolgreich. Schwieriger bleibt es nach wie vor, eine öffentliche Le- sung zu organisieren, wenn nicht gezielt ein bestimmtes Publikum angeschrieben wird. Trotzdem erfreut sich das alljährliche Lesemarathon des Schriftstellerverbandes, das am internationalen Tag des Buches or- ganisiert wird, eines guten Zulaufs, und hier spielt auch die Presse eine dynamische Rol-le, um das Event anzukündigen. Allgemein wäre zu sagen, dass die Presse der Literatur positiv zuarbeitet und ihr auch eine Öffent-lichkeit verschafft. Zudem entstand eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Buchhändlern, Verlegern, öffentlichen Ins- titutionen und Autoren zwecks Förderung der Luxemburger Literatur. Der LSV selbst hat auch durch seinen öffentlichen und gewerkschaftlichen Ein-satz sowie die Organisation von Lesungen und die Beteiligung an Veranstaltungen zu einer breiteren Öffentlichkeit für die Luxemburger Literatur beigetragen. Aber es bleibt noch viel zu tun. Insbe- sondere im Abbau von Vorurteilen bei den Lesern, auch immer mal wieder ein luxem- burgisches Buch im Handel zu kaufen, und so einer besseren Verbreitung unserer ein-heimischen Literatur zuzuarbeiten. Colette Mart LSV-Präsidentin Norbert Ketter 67


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