30/06/1994 17:57 Alter: 25 yrs

Stadtviertel Neudorf

Kategorie: 46/1994 - Neudorf 46/1994 - Neudorf

?4 Stadtviertel Neudorf Wie aus einem Prunkschlo13 mit fürstlichem Wildpark ein Vorort wurde Beim Bombendenkmal befand sich der Haupteingang des Mans feldschlosses, integriert in die Prunkfassade mit den drei Türmen. Die Gebäude- und Parkanlagen zogen sich längs der Alzette bis Ober die heutige Clausener Kirche hinweg. So eng mit der Geschichte der Altstadt verwoben wie die idyllisch am Ufer der Alzette ineinander verschachtelten Unterstädte Grund, Clausen und Pfaffenthal ist das Neidierfchen ganz sicher nicht. Es ist auch kaum als Sehenswürdigkeit in den bunten Fremdenführern ver- merkt, so daß die Touristenbusse ohne Zwischenstopp von der Kalt- gesbréck bis hinunter nach Clausen fahren. Auch die Makler und Baulöwen, die in weniger als zwei Jahrzehn- ten die Faubourgs architektonisch aufgemotzt haben, sind bis hierher noch nicht vorgedrungen. Es gibt auch noch keine Szenelokale, dafür aber das eine oder andere Wirtshaus mit Lokalkolorit, wo man viel- leicht für zivile Preise mehr Vieux Luxembourg-Atmosphäre antrifft als in den zahlreichen Schickimicki-Bistros, die sich heute, ein paar hundert Meter weiter, am Flußufer genau so breitgemacht haben wie vor langer Zeit die Mühlräder, die Handler und Handwerker.I) as heutige Neudorf, dieser schmale, langgezogene Talgrund zwi- schen Clausen, Weimershof und Fet-schenhof-Cents, war vor kaum mehr als vierhundert Jahren noch eine menschen- leere Wildnis, die von einem Bach durch- quert wurde, der in Clausen in die Alzette mündete. Zwar hatten die Skla-ven- und Soldatenheere der Römer bereits um das Jahr 50 vor Christus eine ihrer großen Heerstraßen (Kiem) ange- legt, die oben auf der Anhöhe an Kirch- berg und Weimershof vorbeiführte, unten aber schlängelte sich allenfalls ein holperiger Jägerpfad durch die waldige Schlucht von Clausen hinauf zum Findel. Die Neudorfer Siedlungsgeschichte beginnt erst zu jener Zeit, als Peter Ernst, Graf von Mansfeld, als Gouverneur nach Luxemburg kommt, nämlich in der zwei- ten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der 1517 in Sachsen geborene Graf von Mansfeld und Heldungen war bereits ein berühmter Feldherr und weitgereister Mann in den Diensten des Kaisers Karl V., als dieser ihn 1545 zum Gouverneur der Provinzen Luxemburg und Namür ernannte. Doch von einem beschauli- chen Regieren konnte in diesem waffen- klirrenden, kriegslüsternen Jahrhundert keine Rede sein: Mansfeld war dauernd an der Spitze kaiserlicher Eroberungs- feldzüge in halb Europa unterwegs, und 1552 geriet er bei der Belagerung von Yvois in fünfjährige französische Kriegs-gefangenschaft, die er in einem Turm des Schlosses von Vincennes verbrachte. Als der Nachfolger Karls V., Philipp II., endlich im Jahre 1557 die gewaltige Ablösesumme aufbrachte, damit Mans- feld nach Luxemburg zurückkehren konnte, herrschten hier Pest und Chole-ra, die Scheiterhaufen der Hexenprozesse brannten lichterloh, und Rotten von Bettlern und Aussätzigen zogen durch die Städte und Dörfer. In dieser Zeit muß der Graf den Plan gefaßt haben, in Clausen ein prunkvolles Schloß errichten zu lassen, sozusagen als Bollwerk gegen Krieg und Seuchen und als zinnenbewehrtes Refugium für seine alten Tage. 1563 beginnen die umfangrei-chen Rodungs- und Bauarbeiten, und ganze Heerscharen von Steinmetzen und Handlangern gehen während Jahren von früh bis spät zu Werke, um das megalo- manische Projekt zu verwirklichen. Längs der Alzette, am rechten Ufer, zum heutigen Neudorf hin, entsteht ein riesiger Park mit einem Tier- und Wildge- hege, mit exotischen Bäumen und Pflan- zen, mit künstlichen Kaskaden und Fon- tänen, mit Alleen, kostbaren Statuen, mit Lustwäldchen, Vogelpavillons, Teichen, Wasch- und Badehäusern, das Ganze Carl Brandebourg: Das Neudorfer Tor 1869 wohl abgeschirmt durch eine zinnenbe- wehrte, zwölf Fuß hohe Mauer. Mansfeld selbst findet kaum Zeit, hin und wieder die fortschreitenden Arbeiten zu beaufsichtigen, denn er eilt als Feld- herr in den Diensten Philipp II. von einer Schlacht zur anderen. Erst 1599 kehrt der inzwischen 82jährige Gouverneur defini- tiv nach Luxemburg zurück. Es bleiben ihm noch knappe fünf Jahre, um endlich all die Pracht und den Luxus zu genießen, die er sich für seine alten Tage geschaffen hat. Peter Ernst von Mansfeld stirbt am 22. Mai 1904, und er wird in einer Grab- kapelle auf dem Friedhof des Franziska- nerklosters beigesetzt. Und bald beginnt auch das Schloß zu verfallen, und all die herrlichen Anlagen verwildern. Bereits 1609 werden die Kunstschätze über dieMosel nach Holland und von dort nach Spanien verschifft. Und aus den Park- mauern, den Schloßbauten, Pavillons und Torbögen brechen die Vorstädter sich in den folgenden Jahrzehnten die drin-gend benötigten Steine für den Hauser- bau. So hat Graf Mansfeld mit seinem Schloß unbewußt den Grundstein zu einem neuen Vorort gelegt. Für die Neudorfer Siedlungsge- schichte ist vor allem der ehemalige Tier- garten von Bedeutung. Mit ihren Anhö- hen zum Weimershof und zum Fetschen-hof hinauf war die Neudorfer Talmulde für dessen Anlage damals ideal, nicht zuletzt durch das im Tale reichlich flie- ßende Quellwasser. Aus jener Zeit stam- men die noch heute gebräuchlichen Orts- benennungen: am Deieregaard, Hierze- krépp (Hirschkrippe) oder am Huese- gröndchen. Und auch die Wegstrecke vom Tiergarten bis zum Findel heißt heute wie damals am Laangegronn. Von heute aus betrachtet, führte die hohe Mauer mit insgesamt fünf Toren, die den Tiergarten umschloß, etwa von der Eisenbahnbrücke in Clausen nach den Drei Eicheln hin, dann weiter über Wei- mershof bis zum Huesegröndchen, anschließend an der Brauerei Henri Funck vorbei zum Centser Plateau hinauf und neben dem heutigen Tavionsweg und längs den Felsen von Kuhberg wieder nach Clausen hinunter. Die drei Haupt- tore trugen die Namen der drei Söhne Mansfelds: Karlstor (Carline, Carlein) auf Weimershof, Peiteschpuert in Neu- dorf bei der Brauerei Funck und Porta Octaviani (daher der Name Tavioun) auf Fetschenhof. Bei jeder dieser Pforten lag zu Mansfelds Zeiten eine Dienstwoh-nung für den Pförtner, der zugleich För- ster und Wildhüter war. 6 Diese Häuser blieben auch nach dem Verfall des Parkes bestehen, und langsam wurden neue hinzugebaut. Tiergarten, Weimershof und Tavioun waren jetzt Domanialgut, das von der königlichen Finanzkammer in Brüssel verwaltet wurde, und politisch gehörten Weimers-hof und Neudorf zum Hof Eich in der Herrschaft Johannesberg (Düdelingen). Im 18. Jahrhundert schritt die Besiedlung des einstigen Tiergartens langsam fort, der Name Neudorf jedoch taucht zum erstenmal in den Pfarrbü- chern sowie in den Registern und amtli- chen Dokumenten der Gemeinde Eich nach der Französischen Revolution auf, am Anfang des 19. Jahrhunderts. Das ist historisch leicht zu erklären: Als die fran- zösischen Belagerer im November 1794 der Festung Luxemburg immer näher- rückten, wollte der damalige Stadtkom-mandant General von Bender den Feind daran hindern, die Festungstore zu erobern, indem er sämtliche Gebäude vor den Wällen abreißen ließ. Auch die Péi-teschpuert mit den umliegenden Häusern wurde damals zerstört. Die so Enteigne- ten erhielten neue Wohnplätze am Ein- gang zum Huesegröndchen zugeteilt, und diesem neuen Ortsteil gab der Volks- mund dann den Namen Neydîrfchen (Neudorf). Dieser Name wurde bald zur Bezeichnung der ganzen Siedlung im Tal, und er hat sich zusammen mit den alten Gehegenamen aus Mansfelds Wildpark bis heute erhalten. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stehen in dem neuen Vor-ort, der zur Gemeinde Eich gehört undDie Brauerie Anfang der fünfziger Jahre der Pfarrei Sankt Michel angegliedert ist, noch kaum mehr als hundert kleine, strohbedeckte Hauser, und durch die bescheidene Ortschaft führt ein vielbe- fahrener Steinweg, der aber in sehr schlechtem Zustand ist. 1843 erhält Neudorf für seine insge-samt 71 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren eine erste eigene Schule, die sich im Hause eines Herrn Pierre Ernster befindet, der als Jahresmiete von der Gemeinde die Summe von 24 Franken erhält. Ein richtiger Schulbau wird dann 1845 im Huesegröndchen fertiggestellt. Eine Feuersbrunst, die am 27. April 1845 zahlreiche Häuser zerstörte, führte zu einem generellen Verbot der Strohdä- cher. Zu dieser Zeit begann sich auch überall in unserem Lande das freiwillige Feuerlöschwesen zu organisieren, doch in Neudorf sollte es bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dauern, bis hier, vor allem mit der moralischen und finanziellen Unterstützung der Brau- erfamilie Funck, ein funktionstüchtiges Korps aufgebaut werden konnte. Im Jahr 1852 übernahm der Staat den alten Gemeindeweg, der durch Neudorf führte, um ihn zur großen, der neuen Zeit angepaßten Staatsstraße auszubauen. Bis 1920 bildete Neudorf mit Wei- mershof und Tavion eine Sektion der Gemeinde Eich. Durch Gesetz vom 26. März 1920 wurde es dann zusammen mit Eich in die Stadt Luxemburg eingeglie- dert, von der es allerdings schon vor die- sem Datum Wasser, Gas und Elektrizität bezogen hatte, eine Tatsache, die die Ein-gemeindung vorbereitet und erleichtert hatte. Bibliographie: ? Ketter, Rolph: ?Ein Palast für die alten Tage." In: Ons StadNr 22 (1986), S. 2-5; ? Thill, Jang: ?Neudorf. Von der Urzeit bis zur Gegenwart." In: In memoriam. Brochure éditée lors de l'inauguration du monument aux morts Luxembourg-Neudorf 1940-1945, le 30 septembre 1951, S. 9f. ? 'Reuter, abbé J.: ?Neudorf. Werden und Wachsen eines Vorstadtortes." In: Chorale Ste-Cécile Neudorf. 50' anniversaire (29 juin ? 6 juillet 1969), S. 42f. ? Thill, Jang: ?Die Neudorfer Brauerei." In: Cinquantenaire de la Fanfare Neudorf, du 23 au 30 juin 1957, S. 81f. ? Thill, Jang: ?Vom Feuerlöschwesen in frü- heren Zeiten." In: 75e anniversaire du corps des pompiers Neudorf, le 7 juin 1959, S. 21f. 7 Äußerst wichtig für die wirtschaftli- che Entwicklung des neuen Vororts war der Bau der Brauerei Funck-Schambur- ger im Jahre 1864. Deren Begründer, Henri Funck (1836-1904), war ein Enkel jenes legendären Heinrich Funck (1775- 1853), dem Sippenältesten des Luxem- burger Bieres schlechthin, von dem alle hauptstädtischen Brauhäuser von Rang und Namen abstammen. So die Familien Funck-Bricher in Stadtgrund, Funck- Erdmer in Clausen, Funck-Nouveau in Pfaffenthal, Mousel-Funck in Clausen und eben Funck-Schamburger in Neu- dorf. Ausschlaggebend bei der Wahl des Bauplatzes waren das vorzügliche und reichlich vorhandene Quellwasser sowie die Felsenhöhlen, die bis zur Erfindung der Kältemaschinen als Eiskeller dienten, aber auch die Lage außerhalb des städti- schen Oktrois und des Festungsgürtels ersparte der neuen Brauerei so manche amtliche Schikane. Einem alten Register der Brauerei zufolge erfolgten die ersten Bierlieferun- gen am 8. Dezember 1864. Und als die erste Brauicht aus dem Kessel floß, so wird erzählt, soll Direktor Henri Funck den Braunen aus dem Stall geholt, das Bierfaß auf den char-a-banc geladen haben und zum Café Schamburger zum Fischmarkt hinaufgefahren sein, wo die Stammgäste schon voller Spannung des ?Neuen" harrten. Die Probe übertraf alle Erwartung, und in den folgenden Jahr- zehnten wurde der Name Neudorf zusapnen mit APTM1 FonckeBéierbis die Grenzen unseres Landes zu einem Markenzeichen. Weit über ein Jahrhundert lang flo- rierte das Unternehmen, dank ständiger Anpassungen an die neuen Techniken der Braukunst. Doch 1982 wurde die ?Ancienne Brasserie Henri Funck", wie zahlreiche andere Luxemburger Braue-reien, ein Opfer der Kartellbildungen im Brauwesen. Sie wurde von den Brasseries Réunies aufgekauft und stillgelegt. Mit ihr hat Neudorf sein Markenzeichen für immer verloren. René Clesse


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46/1994 - Neudorf

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