30/06/1994 17:57 Alter: 25 yrs

Auf nach Neudorf

Kategorie: 46/1994 - Neudorf 46/1994 - Neudorf

?Seit meiner Wanderung über den Tavion und den Zens war in mir eine Art Heimweh nach dem Tal von Neudorf erwacht. Das ?Neudörfchen" war eine der Stätten, in denen sich ganz besondere Kindheitserinnerungen angesiedelt hat- ten, und es überkommt einen manchmal der Drang, sie wieder aufzurichten. Also auf nach Neudorf. Wir sind mit der Oktavprozession von Sandweiler her über die Kalkes-brücke talwärts gewandert. Da steht noch an der Wegscheide, wo die beschat- tete Straße nach Senningerberg hinauf führt, das Försterhaus, das seine breite, stattliche Front westwärts den Häuserrei- hen von Neudorf entgegenbreitet. Wir wußten schon als Kinder, daß da vor sieb-zig Jahren der Förster Becker wohnte. ?Es war mein Vater", sagte ein freundli- cher Mann, der mich angeredet hatte, während ich das Haus betrachtete. Und ich ließ meine Gedanken auf dem Weg einer fernen Vergangenheit weiter wan- dern: ?An der letzten Etappe vor der Stadt wurde haltgemacht. Die Fahnen wurden aus ihren Futteralen gezogen, den «Engelchen» wurden die Haarwickel gelöst und die Schleier angesteckt, die Sänger taten ihre Pfeifen in die Brustta- schen, spuckten ergiebig aus und strichen sich die Schnurrbärte. Sie räusperten ihre Kehlen sauber und stellten sich in Reih und Glied. Auch die Feuerwehr faßte Posto. Und dann setzte sich der Pilgerzug von der Anhöhe her gegen die Stadt in Bewegung . " Noch klingt mir in den Ohren der melodische Chor: ?Ave maris stella", mit dem sich unser Gesangverein auch in der Hauptstadt Achtung verschaffte. Den Clausener Berg hinauf standen noch die alten Festungsbauten ? ohne den hohlen Zahn! ?, und es war uns Buben ein Genuß, gerade unter den Torgewölben unser ?Grizeischte Marja!" schallend hinauszuschmettern. Ich gehe nie durch das ?Neudörf- chen", ohne eines tragikomischen Ereig-nisses zu gedenken, das aber nicht mehr in meine Kinderzeit gehört. Ich kam mit meinem Freund Juppy in einer mondhel- len Nacht von einer Radtour an die Mosel durch Neudorf zurück. Plötzlich sehe ich etwa zehn Meter vor mir genau in der Fahrtrichtung einen dicken Stein liegen. ?Achtung!" schreie ich, ?ein Stein!" ?Ich hab ihn gesehen!" schreit Juppy zurück. Und fliegt im nächsten Augenblick mäch- tig klirrend mit seiner Humber-Beaston auf die Straße. ?Ich hatte ihn wohl gesehen," erklärte er mir die Katastrophe. ?Aber Auf nach Neudorf bevor ich mir klar darüber war, ob ich rechts oder links vorbeirennen sollte, flog ich schon im Bogen darüber weg." Es ist schon manchem im Leben unter schlimmeren Umständen ähnlich ergangen. Jetzt sind wir schon im Talabwandern bis ans Tor gelangt, das noch den Namen seines Erbauers Mansfeld trägt, und den- ken an dessen Sohn Oktavian, nach dem der Tavion getauft sein soll. Aber näher und ergreifender wirkt auf uns das graue Steindenkmal, das den Opfern des Flie- gerangriffs vom 8. Juli 1918 errichtet wurde. ?Um neun Uhr", lesen wir in der interessanten und lokalhistorisch wert- vollen Broschüre von J.P. Robert über die Fliegerangriffe auf Luxemburg im Welt- krieg 1914-1918, ?wurden zwei Geschwa- der von je sechs Flugzeugen über ?Drei Eicheln" in großer Höhe gesichtet. Plötzlich ging von einem ein Lichtsignal aus, in der nächsten Sekunde krachten die ersten Bomben. Dann erst wurde Alarm gegeben und die Abwehrgeschütze fingen an zu feuern. Die meisten Opfer fielen im Tiergarten vor der Wirtschaft Kill-Bef- fort, wo zwei Bomben dicht ans Trottoir fielen und in die gepflasterte Gosse Löcher von zirka 70 Zentimeter Durch-messer und 40 Zentimeter Tiefe schlugen. Nicht weniger als sieben Personen wur- den von den Splittern dieser Bomben getötet. Es waren: Frau Kill-Beffort, als sie eben in ihren Hausgang flüchtete; der Tabakhändler aus der Freiheitsavenue Ferring-Scholtes, der in Clausen eine kleine Gärtnerei betrieb; er wurde mit drei Ziegen, die er an der Leine zum Jahr- markt führte, von den Bombensplittern zerrissen; Frau Theisen-Marson, als sie ebenfalls sich im Haus in Sicherheit brin- gen wollte; J.B. Kill, Fuhrmann beim Gaswerk, ein Bruder des Wirtes Kill; Franz Sar, Briefträger, Frau Joh. Ditsch und Frl. Julie Thill, 17 Jahre alt, Tochter von Wilhelm Thill, die vier letzteren auf offener Straße. Besonders Frl. Thill war bis zur Unkenntlichkeit von den Stahl- splittern zerfetzt." JR Robert erzählt in seiner Bro- schüre von weiteren Bomben, die in der näheren und ferneren Umgebung des ?Tiergartens" einschlugen und denen im ganzen 10 Tote und 11 Verwundete zum Opfer fielen. Tags darauf standen an die- ser Stelle folgende Sätze: ?Sollte denn nicht endlich aus dem tiefsten Gewissen der zivilisierten Menschheit brennende Scham mit einem Wutschrei, der über den Erdball ginge, gegen den stumpfsinnigen Mißbrauch protestieren, den die Brutali- tät der Kriegführenden mit einer der stol- zesten Errungenschaften menschlichen Geistes treibt!" Und: ?Unsere Zeit hat den unsterblichen Ruhm erworben, unschuldige Frauen und Kinder, wehr- lose Greise und völlig unbeteiligte Neu- trale unter dem Vorwand der Vergeltung niederzuknallen, wie eingekreistes Wild!" Batty Weber ?Abreißkalender" vom 29. Februar 1940 9


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