30/06/1994 17:57 Alter: 25 yrs

Batty und die Katzen

Kategorie: 46/1994 - Neudorf 46/1994 - Neudorf

?Satire 28 BATTY UND DIE KATZEN Die Familie Zimmer-Kummer aus Luxemburg-Neudorf hat einen herben Verlust zu beklagen. Quasi Ober Nacht ist ein Familienmitglied jäh aus der häuslichen Gemeinschaft gerissen worden. Es handelt sich um das Meerschweinchen Emil, den treuen Weggefährten der Kinder Steve und Iris. Eines Nachts wird Batty aus dem Schlaf geschreckt. Ein Röcheln gellt durch das Haus. Batty Zimmer-Kummer, seine Frau Marguerite, Großmutter Ame- lie Kummer-Keller sowie die Kinder Steve und Iris eilen hastig die Treppe hinunter zur Küche, wo das Meerschweinchen sein Lager hat. Doch es ist schon zu spät. Emil hat weißen Schaum vor dem Maul, er zuckt und krümmt sich, macht einige tollkühne Sätze, sackt dann in sich zusammen, gibt den letzten Seufzer von sich und schläft friedlich ein. Für immer. Der sogleich herbeigeholte Veterinär- arzt Dr. Hubert Huhn, ein sehr kompeten- ter, freundlicher und einfühlsamer Mensch, kann nur noch den Tod des Meerschweinchens feststellen. Nach ein-gehender Untersuchung des Kadavers diagnostiziert er, daß Emil zweifelsfrei an Rinderwahnsinn verstorben ist. Der Todesfall wirkt natürlich wie ein Schock auf die Familie Zimmer-Kummer, aber Batty tröstet sich und die Seinen damit, daß Emil immerhin stolze 33 Jahre alt war ? ein für ein Meerschweinchen erstaun- lich hohes Alter ? und seine Zeit ohnehin längst gekommen war. Einige Tage vergehen; im Hause Zim-mer-Kummer herrscht Trauerstimmung, niemand spricht, und alle denken an Emil und die Abenteuer, die vielen Abenteuer, die man gemeinsam mit dem Meer- schweinchen verlebte. Batty kann die ersten Nächte nicht richtig schlafen und wälzt sich im Halbtraum. Er träumt vom Meer und von tosenden Wellen, die sich in lauter Schweinchen verwandeln und Schaum vor dem Maul haben. Marguerite Zimmer-Kummer fragt sich, was jetzt wohl aus der neuen Meerschweinchen- füttermaschine mit Airbag und Servolen- kung werden soll, die Emil anläßlich sei-nes letzten Geburtstags geschenkt bekam. Vielleicht sollte man sie beim frei- täglichen Flohmarkt von RTL Radio Lët- zebuerg gegen eine Standuhr eintau-schen. Großmutter Amelie Kummer-Keller erinnert sich an die glücklichen Momente, die die Familie Zimmer-Kummer in Emils Gesellschaft verlebt hat. Zum Beispiel an den Abend im Neuen Theater im April 1988, als sich das Meerschweinchen in seinem neugehäkelten Mäntelchen auf der Bühne verirrt hatte und beinahe vom Hauptdarsteller ? einem reichlich über- spannten Drachentöter ? mit dem Säbel erstochen worden wäre. Die Kinder Steve und Iris entsinnen sich, wie ihnen ihr Vater im Jahre 1982 in Josy Welters Tier- und Samenhandlung das damals 21jährige Meerschweinchen gekauft hatte, um sie über den Selbst- mord des Hundes Jean-Paul hinwegzu- trösten. Ja, es sind schwere Momente, die die Familie Zimmer-Kummer nun mit-macht. Doch heilt die Zeit gottlob Wun- den. Schon bald möchten die Kinder ein neues Haustier. Steve will eine Schildkrö- te, und Iris möchte eine Ratte. Marguerite und Großmutter Amelie legen sich quer. ?Wenn du es zuläßt, daß eine Ratte in mein Haus kommt, lasse ich mich schei- den", droht Marguerite. Batty denkt nach und sieht in der Rubrik ?Tiermarkt" nach. Da gibt es allerhand Getier und Gerüm- pel: Pudel, Dackel, Cocker, Terrierwelpen, Rottweilermischlinge, einen Hahn für einen Bauernhof, junge Blaustirn-Amazo- nen, Dalmatiner-Welpen, Kaninchen, Schlachtpferde, legereife ?Pällen", weiße und braune Masthähnchen, Perl- und Truthühner, Gänse, Enten und Kücken, Berner Sennen, New-Foundlander, Boxer, Kutschenpferde, Vögel, Käfige, Volieren, Teichfische und Seerosen, einen Wallach sowie kleine Perserkatzen. ?Wie wär's mit einer Katze?", fragt Batty zaghaft und wundert sich über die Begeisterung, die ihm sogleich zuteil wird. Steve und Iris sind einverstanden. Das ist die Idee! Batty sucht sich Tele- fonnummer und Adresse des Tierzüch- ters und fährt mit den Kindern hin. Der Tierzüchter ist eine Tierzüchterin aus Lamadelaine, eine gute alte Bekannte übrigens. Es handelt sich um die stets zuvorkommende und immer gutgelaunte Witwe Victorine Houd remont-Scharpant- gen, weiland Betreiberin eines Gewürz- krämerladens in Luxemburg-Neudorf, wo man, von der Petersilie über Dosenschin- ken und Kochkäse bis hin zu Schiefertafel und Schulheften für die Kinder, alles bekommen konnte, was das Herz begehrt. Unsere Leser erinnern sich, daß Frau Houdremont-Scharpantgen ihren Kolonialwarenhandel im Jahre 1983 hatte aufgeben müssen, weil die meisten Ein-wohner plötzlich ihre Samstag-Einkäufe fernab, auf der grünen Wiese, tätigten. Wie auch immer, die inzwischen 87jährige Victorine Houdremont-Schar- pantgen hat sich also in Lamadelaine, in ihrem kleinen Häuschen, das sie sich von ihrem Ersparten geleistet hat, zur Ruhe gesetzt und widmet sich nun ganz der Zucht von Perserkatzen, und das in den verschiedensten Farbvarietäten, vom Perser Schwarz, über den Perser Self Cocolate und den Perser Weiß mit ver- schiedenfarbigen Augen, bis hin zum Per- ser Blau und zum Perser Silver Tabby. Vic-tonne Houdremont-Scharpantgen trennt sich nur ungern von ihrem Nachwuchs und ist deshalb froh, daß sich mit der Familie Zimmer-Kummer eine Adoptivfa- milie gefunden hat, die ihr gut bekannt ist. Steve und Iris entscheiden sich gleich für zwei dreimonatige Kater, einen schwarzen und einen blauen Perser, die auf die Namen Willibrord und Bonifatius hören und natürlich über einen internatio-nal anerkannten FIFE-Stammbaum ver- fügen. Sie sind entwurmt worden, und sie sind gegen Katzenschnupfen, gegen Leukose und natürlich auch gegen den Rinderwahnsinn geimpft. Die Eltern von Willibrord und Bonifatius sind beides mehrfach auf Ausstellungen preisge- krönte Champions, und so kann auchBatty nicht widerstehen und kauft gleich die beiden drolligen Exemplare, denn soviel weiß auch er: Im Gegensatz zum Meerschweinchen Emil, das ein Einzel- gänger und Sonderling war, mögen Kat-zen die Gesellschaft von Wurfgeschwis- tern. Besonders wenn niemand zu Hause ist, ist es immer gut, wenn die Hauskatze einen Spielgefährten hat. Zu Hause angekommen, wo der Neuerwerb auf begeisterte Zustimmung bei Großmutter Amelie und bei Margue-rite stößt, wird sich Batty sogleich bewußt, daß er sein Heim wohl meer- schweinchen-, jedoch nicht katzenge-recht ausgestattet hat. Jede Menge von Katzen-Zubehör und Utensilien gehören dazu, und im Zoohandel kann sich Batty überzeugen, daß sich die Kosten für die Haltung von Langhaar-Rassekatzen längst nicht auf den Anschaffungspreis beschränken. Also kauft er einen Trans- portbehälter aus Korbgeflecht, der den Kätzchen zu Hause als Schlafplatz die- nen soll und gleichzeitig zu Reisezwek- ken benutzt werden kann. Darüber hin- aus erwirbt Batty ein Katzenhäuschen aus Plüsch, eine sophistikierte Katzentoi- lette, geruchsbindende Katzenstreu, Fut- tergefäße sowie einen riesigen Kratz- und Kletterbaum, den er im Baukastensystem zusammensetzt und mit einem Winkelei- sen an der Decke und am Fußboden befestigt. Die Katzenzüchterin Victorine Hou- dremont-Scharpantgen hat Batty und den Kindern eingebleut, Willibrord und Bonifatius beileibe nicht mit Dosenfutter zu ernähren. Dosenfutter, so sagt sie, wird von der Tiernahrungsindustrie fast ausschließich aus Tierkadavern oder aus Fleisch hergestellt, das hohe Hormon- werte aufweist, also Überreste, die der Mensch aus Gesundheitsgründen selbst nicht essen würde. ? Tiere, die mit Dosen-futter aus der Industrie ernährt werden, leiden nach einigen Jahren an Leber- krebs, also verfüttern Sie an die Katzen nur das, was Sie auch selber essen." Marguerite Zimmer-Kummer bleibt nichts anderes übrig, als Willibrord und Bonifa-tius viermal täglich ein Menü zuzuberei- ten. Mal gibt es Hühnerfleisch mit Reis und Gemüse, mal gibt es gekochten Fisch, den Marguerite mit Babynahrung mischt, und ausnahmsweise gibt's auch Thunfisch aus der Dose. Auch rohes Rin- derhack, Milz und Leber fressen die bei- den Raubtiere gerne. Schweinefleisch bietet Marguerite den beiden Katzen nur gekocht an, um eine Übertragung der lebensgefährlichen Ajeszkyschen Krank-heit zu verhindern. Man ist ja nicht von gestern. Willibrord ist wild auf Quark, während Bonifatius eher Schmelzkäse bevorzugt. Sie mögen auch Kartoffelbrei, Nudelre- ste, rohes Eigelb oder Haferflocken- Milchbrei. Kurzum, Marguerite füttert die Katzen anhand eines komplizierten Spei- seplans mit wissenschaftlich berechne- ten Werten für Nährstoff- und Vitamin- bedarf, fügt einmal pro Tag einen Teelöffel Hefeflocken über die selbstbereitete Nahrung, was für glänzendes Fell sorgt. Außerdem bekommen Willibrord und Bonifatius eine homöopathische Medizin verabreicht, damit sie sich keine Erkäl- tung zuziehen. 72:7 Neben den Futternäpfen steht ein Kästchen mit eingesätem Gras, das die Katzen fressen, um sich von den bei der Fellpflege verschluckten Haaren zu befreien. Das Resultat ist, daß Willibrord und Bonifatius mehrmals wöchentlich auf den Fußboden in der Küche oder auf den Teppichboden im Wohnzimmer kotzen und an Durchfall leiden, weil sie lieber Milch als Wasser trinken. Hinzu kommt, daß die beiden Viecher täglich gekämmt werden müssen, ansonsten ihre feine Unterwolle verfilzt. Besonders Willibrord führt ein furchtbares Gezeter auf, wenn er mit dem feinen Metallkamm am Bauch gekämmt und von Haarknoten befreit wird. Er kratzt und faucht jedesmal, wenn die Pflegestunde naht. Bonifatius seinerseits gibt sich gelassen und schnurrt sogar, wenn er gebürstet und gepudert wird. Selbst ein Bad mit Babyshampoo läßt er sich gefal- len. Das Fönen freilich stößt auf seinen lauten und vernehmlichen Protest. Die Augen- und Ohrenpflege ist bei Perserkatzen ebenfalls eine Plage. Da Willibrords und Bonifatius' Tränenkanäle eine Verengung aufweisen, müssen die Tränen mehrmals täglich mit einem Wat-tebausch getrocknet werden, der mit Borwasser getränkt wird. Außerdem gibt Batty den beiden Katern Augentropfen und nimmt eine regelmäßige Ohrkontrolle mit dem Wattestäbchen vor. Natürlich haben die Zimmer-Kum- mers mit ihren beiden neuen Haustieren viel Spaß, besonders wenn sie herumtol- len, sich balgen, an der Tapete und den Gardinen kratzen, ihre Notdurft in den Bottichen der Zimmerpflanzen verrichten oder im Ehebett schlafen, statt in ihrem Korb. Dennoch denkt Batty mit Wehmut an das Meerschweinchen Emil zurück. Das war doch ein viel anspruchsloseres Haus- tier, und es mußte nicht gekämmt und gebadet werden. Kein Wunder, daß Batty nachts mitunter von Meerkatzen träumt. Jacques Drescher 11 29


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