30/06/1994 17:57 Alter: 25 yrs

Was bedeuten die Straßennamen der Stadt?

Kategorie: 46/1994 - Neudorf 46/1994 - Neudorf
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?Prince Henn (Boulevard du) Dieser Boulevard, nach der Schleifung der Festung auf den ehemaligen Befesti- gungsanlagen angelegt, führt von der Avenue Marie-Thérèse aus, am Stadt- park entlang, zur Avenue Pescatore. Sein ursprünglicher Name, ?Boulevard du Prince", den er ab 1877 führte, wurde durch einen Gemeinderatsbe- schluß vom 29. Dezember 1945 in ?bou-levard du Prince Henri" umgeändert; durch Straßenbezeichnungen sollte gezielt das Andenken jener Persönlich- keiten wachgehalten werden, die dem Land bedeutende Dienste erwiesen haben. Prinz Heinrich der Niederlande war von seinem Bruder, dem König-Groß- herzog Wilhelm III., kurz nach dessen Regierungsantritt 1849 mit der Verwal- tung des Großherzogtums betraut wor- den. Er wurde am 3. Juni 1820 als dritter Sohn des damaligen Prinzen von Ora- nien auf Schloß Solyk in den Niederlan- den geboren. Bereits in jungen Jahren trat er in den Marinedienst ein; als See- offizier und späterer Admiral sollte er weit in der Welt umherkommen. In Luxemburg leistete er den Eid am 24. Oktober 1850, und bis zu seinem Tode 1879 sollte er der eigentliche Herrscher des Landes bleiben. Die Jahre seiner Herrschaft brachten dem Land einen vielversprechenden Aufschwung des politischen, wirtschaftlichen und kultu- rellen Lebens. Auf innenpolitischem Plan hatte er zwar zunächst die reaktio- näre Politik seines Bruders unterstützt, dem jedweder Sinn für liberale Bestre-bungen fehlte und der 1856 auf sehr undemokratische Weise eine Revision der freiheitlichen Verfassung von 1848 durchsetzte, wodurch die Souveränität des Herrschers gegenüber der Volksver- tretung wieder hergestellt wurde. Dem Prinzen Heinrich gelang es jedoch, in den kommenden Jahren durch seine konziliante Haltung eine Versöhnung der zerstrittenen Parteien herbeizufüh- ren. Eine bemerkenswerte Rolle kommt ihm in den Krisenjahren 1867-1871 zu, als durch die Trinkgeldpolitik Napoleons III. und die Machtansprüche Bismarcks die Unabhängigkeit des Landes ernst- lich bedroht war. 32 Was bedeuten die Straßennamen der Stadt? Damals wäre Wilhelm III. durchaus bereit gewesen, unter Voraussetzung der Einwilligung Preußens, Luxemburg gegen Entgelt an Napoleon III. abzu-treten; es hätte ihm erlaubt, seine leeren Kassen zu füllen und sich des lästigen Anhängsels Luxemburg zu entledigen, das für ihn lediglich eine Quelle außen- politischer Schwierigkeiten war. Dem gegenüber trat Heinrich als eifri-ger Verfechter der Unabhängigkeit des Landes auf. Ihm kommt das Verdienst zu, auf eine friedliche Lösung der Frage hingearbeitet zu haben, die eine Räu- mung der Festung von preußischen Truppen voraussah sowie eine Neutrali- tätserklärung des Luxemburger Staates, ein Entscheid, der im Londoner Vertrag von 1867 Wirklichkeit wurde. Auch 1870, angesichts der bedrohlichen Haltung Bismarcks, wandte sich Hein-rich an seinen Verwandten, den Zaren Alexander III., und bat um Schutz, so daß dem Land das Schicksal erspart blieb, in die Kriegswirren hineingezo- gen zu werden. Prinz Heinrich hatte 1853 die Prinzessin Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach geheiratet. Das Herrscherpaar, das sei-nes leutseligen und aufgeschlossenen Wesens wegen bei der Bevölkerung sehr beliebt war, hatte seinen Wohnsitz in Walferdingen. Nach dem Tode der Prin-zessin Amalia im Jahr 1872 heiratete der Prinz in zweiter Ehe die Prinzessin Marie von Preußen. Er selbst starb 1879 in Walferdingen. Von nun an nahm sein Bruder Wilhelm III. selbst wieder die Führung der Luxemburger Geschäfte in die Hand. Probst Jean-Pierre (Rue) Diese kurze Straße führt von der Place de l'Etoile zur Rue de la Chapelle. Der Stadtpolitiker und Deputierte Jean- Pierre Probst wurde 1871 in Echternach geboren. Nach seinem Jurastudium in Straßburg, Nancy und Paris wirkte er als Rechtsanwalt in Luxemburg. 1902 wurde er einer der Mitbegründer der sozialistischen Partei in Esch, deren Vorsitz er 1906 übernahm. Die Grander dieser Partei stammten zwar aus den Kreisen des Bürgertums, aber es lag ihnen am Herzen, die schwierige Lage der Arbeiterschaft zu verbessern. Jean- Pierre Probst war dank seiner großen Beredsamkeit stets ein eifriger Verfech- ter der Rechte der Arbeiterklasse; er wirkte als Anwalt der freien Gewerk-schaften und war auch um die Weiterbil- dung der Arbeiter bemüht. So war er auch ein Mitbegründer des Volksbil-dungsvereines. Seine politische Tätig- keit fällt in die Jahre 1902-1920. 1902 wurde er in den Gemeinderat der Stadt Luxemburg gewählt; von 1917 bis 1920 bekleidete er das Schöffenamt unter Bürgermeister Luc Housse. Als Verant- wortlicher für das Schulwesen organi-sierte er die Waldschule im Baumbusch. Seine parlamentarische Tätigkeit erstreckte sich auf die Jahre 1905-1911 und 1917 bis 1919. In diesem Zusammen- hang sei sein resolutes Auftreten für das Frauenwahlrecht hervorgehoben, und dies entgegen der Ansicht seiner Partei- brüder, die befürchteten, daß der Wahl- gang der Frauen vor allem der Rechts-partei von Nutzen sein würde. Es ist anzunehmen, daß Jean-Pierre Probst 1917 zusammen mit Jos Thorn für eine Radikalisierung der sozialisti- schen Partei eintrat, die bis dahin aus wahltaktischen Gründen mit den Libe- ralen einen Mitte-Links-Block gebildet hatte. Man sah ihn auch auf der politischen Bühne in den Wirren der Jahre 1918 bis 1919, als die Linksparteien Großherzo- gin Marie-Adelheid gegenüber eine feindliche Haltung einnahmen und sich vehement für die Abschaffung der Mon- archie einsetzten. Es wurden sogar Stimmen laut, die einen eventuellen Anschluß des Großherzogtums an westliche Nachbarländer forderten. In dieser aufgewühlten Stimmung waren es Jean-Pierre Probst und Luc Housse, die zur Mäßigung aufriefen und dafür plädierten, in der dynastischen Frage nichts zu unternehmen, sondern die Entscheidung der aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangenen Abgeord-netenkammer zu überlassen. Dies sollte dann zum Referendum von 1919 führen, das über das Schicksal des Landes und die Frage der Staatsform entschied. Im März 1919 hatte sich Jean-Pierre Probst bei den belgischen Sozialisten für die Unabhängigkeit Luxemburgs einge-setzt. Aus gesundheitlichen Gründen zog er sich in den zwanziger Jahren aus dem politischen Leben zurück. Er starb am 26. Februar 1936. Eine seiner Töchter, Netty Probst, folgte dem Beruf des Vaters und machte auch in der Politik Karriere.


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