07/03/1999 18:04 Alter: 20 yrs

Tîmberen fir d'Gëlle Fra

Kategorie: 60/1999 - Gëlle Fra 60/1999 - Gëlle Fra
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?Tîmberen fir d'Gëlle Fra Zu Beginn der 20er Jahre war unsere Philatelie zwar bereits 70 Jahre alt und hatte immerhin schon etwa 130 verschiedene Käppercher aufzuweisen, aber von den Themen her gesehen, war das Feld nur dünn bestückt: Herrscherporträts, Wappen und eine Allegorie waren die einzigen auf den ersten bunten Papierschnitzeln gezeigten Motive. Ab 1921 änderte sich dies mit dem Einzug von Stadt-und Landschaftsbildern als Illustration auf Briefmarken. Aber es sind noch mehrere Besonderheiten hierzu zu verzeichnen. 1921 entdeckte der damals zuständige Generaldirektor der Finanz, Alphonse Neyens, die Möglichkeit der Geldbeschaffung mittels Briefmarken. Eine Serie Timbre du Souvenir (3 Werte: 10 c, 15 c und 25 c) wurde mit postalisch nicht verwertbarem Aufgeld (10 + 5 c, 15 +10 c, 25 + 10 c) versehen als Beitrag zur Errichtung der Gël le Fra, des Denkmals für die Opfer des Ersten Weltkrieges. Die Idee, auf diese Weise zu Geld zu kommen, war nicht neu und wurde auch in anderen Ländern angewandt, nur waren dort die durch den Zuschlag erwirtschafteten Gelder dem Roten Kreuz und den Kriegsopfern bestimmt. Zu dem Portowert von 50 c steuerte der Käufer also 25 c für die Gëlle Fra bei. Mit seiner Idee hatte der Generaldirektor in doppelter Hinsicht recht: Einnahmen erbrachten natürlich die Zuschläge; die Auflage von 200.000 Sätzen, wenn sie denn alle verkauft worden sind, mit 25 c Zuschlag ergibt immerhin 50.000 Franken, eine nette Summe im Jahre 1921. Zum Vergleich: im Budget des Jahres 1921 wurde das Jahresgehalt des protestantischen Pastors mit 5.853 Franken eingesetzt. Zusätzliche Einnah men ergaben sich aus der Tatsache, daß diese Marken zur Beförderung von Briefen recht wenig verwendet wurden und die Post, also der Staat, für diese Einnahmen keine, oder nur äußerst wenige, Gegenleistungen zu erbringen hatte. Die Serie war eigentlich nur für (TIMBRE DU SOUVENIR Sammler gedacht. Hatten auch die Sammler ein gutes Geschäft gemacht? Ihr Anfangseinsatz von insgesamt 75 centimes war 1938 mit 6 Franken im UTL-Katalog taxiert, im Katalog von 1940 bereits mit 15 Franken und 1942 mit 3 RN1 (= 30 Franken). Heute erreicht der Satz laut Prifix-Katalog der banque du timbre den doch recht mittelmäßigen Wert von 650 F (gestem- pelt) und 25 F (neu mit Falz) sowie 100 F (neu ohne Falz). Die Preisgestaltung zeigt klar, daß es sich um reine Sammlermarken handelt. Die doch recht hohe Auflage von 200.000 Serien konnte keinen Raritätseffekt aufkommen lassen. Die Bildmotive der Timbre du Souvenir- Serie, übrigens die ersten großformatigen Marken der luxemburgischen Philatelie, stehen in keinem Bezug zu dem Gëlle Fra-Denkmal: die Marken zeigen die Abtei Clerf, eine Aussicht auf die Alzette in der Unterstadt und einen Blick auf die Schlassbréck mit der St.-Michaels-Kirche. Mit diesem Satz von 1921 war in der luxemburgischen Philatelie das Zeitalter der Marken mit Aufpreis angebrochen. Waren die Einkünfte aus dieser Serie ungenügend? Man kann es annehmen, denn 1923 erschien der gleiche Satz ein zweites Mal und zwar mit einem zweiten Aufschlag: 10 + 5 + 25 c; 15 + 10 + 25 c, 75 + 10 + 25 c. Nun wurde der Käufer richtig zur Kasse gebeten: Bei einem gleichbleibenden Portowert von 50 c kamen nun 1 F Aufgeld hinzu. Die 1923er Serie ist übrigens die einzige in der Postgeschichte Luxemburgs mit doppeltem Zuschlagspreis. Auf diesen Marken kommt darüber hinaus ein weiterer Überdruck vor: 27 mai 1923. Die alten UTL Kataloge geben hierzu weitere Infor-mationen und lassen den Ausgabezweck dieser Auflage erkennen: ?Gedenkmarken aus Anlaß einer Denkmaleinweihung und des Besuches des belgischen Kronprinzen Leopold". Ein sehr infor- mativer Aufdruck also: Das Gël le Fra-Denkmal wurde nämlich am Sonntag, den 27, Mai 1923 in Anwesen heit des belgischen Kronprinzen Leopold eingeweiht. TIMBRE DU OUVENIR Die Auflage war diesmal bescheidener: 30.000, und dies spiegelt sich sofort in den Kata- logpreisen wieder, die im Vergleich zur 1921er Ausgabe besser abschneiden: die Serie neu mit Falz ist mit 125 F bewertet, neu ohne Falz 450 F und gestempelt 2.500 F. Auch hier sind es wieder einmal reine Sammlermarken. Die damalige Postverwaltung scheint volles Vertrauen gehabt zu haben in die Spendierfreu-digkeit ihrer Kunden, ansonsten ja wohl nicht ein Satz mit gleich zwei Zuschlägen herausge-kommen wäre. Es gibt allerdings Anzeichen, die darauf hinweisen, daß die Ausgabe von 1923 aus unverkauften Beständen von 1921 herstammt, die überdruckt wurden. Beide Ausgaben haben in mancher Hinsicht eine Reihe erstaunlicher Gemeinsamkeiten, bei denen möglicherweise der Zufall als Erklärung nicht ausreicht: Abgesehen von dem absolut gleichen Erscheinungsbild, haben beide Ausgaben die gleiche Zähnung (11,5 + 11,5) sowie die gleiche mangelhafte Gummierung. Sogar die Abarten sind in beiden Ausführungen die gleichen: ein verlängertes V auf der 25 c-Marke. Die Serie Timbre du Souvenir wurde nach Kupferstichen des bekannten französischen Künstlers H. Cheffer von Johan Enschedé en Zonen, Haarlem, im Tiefdruck hergestellt. Als Nachtrag muß unbedingt erwähnt werden, daß die 25 c-Marke weltberühmt wurde und im Guiness-Buch der Briefmarken erwähnt ist. Diese Marke kam 1923 mit abgeändertem Wert (10 F) zum Anlaß der Geburt der Prinzessin Elisabeth in Form eines Kleinbogens heraus. Dies war der erste Block in der Geschichte der Welt- philatelie. Die Auflage betrug 5.100 Stück. Eine Weltpremiere in kleiner Auflage kann nur ein Resultat haben: die Katalogpreise bewegen sich in schwindelnden Höhen. Die Gëlle Fra selbst aber, sagenumrankt und im Volksbewußtsein tief verwurzelt, hatte nie die Ehre, auf einer Briefmarke abgebildet zu werden Rene Link


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