08/03/2003 15:01 Alter: 16 yrs

Kindheit

Kategorie: 73/2003 - Kindheit 73/2003 - Kindheit

?Ed. Kutter (1952) Kindheit: Das war früher vor allem eine Zeit des Entdeckens. Wilde und oft gefährliche Spiele mit Alters- genossen an geheimnisvollen Orten des Stadtviertels, Mutproben, Räuber und Gendarm, im Wald auf Bäume klettern, sich in stillgelegten Industrieanlagen rum- treiben, Fahrradrennen, Fensterscheiben einschmeißen... Man las und spielte Tom Sawyer und Huckleberry Finn, war einen Nachmittag lang Winnetou und Old Shatterhand, dann wieder die Fünf Freunde oder die Schwarze Sieben. Es gab keine Gameboys und keine Computer, das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, aber man hatte das vielleicht Allerwichtigste: viel Zeit und Abenteuerlust. Wo sieht man heute noch Kinder in Gruppen herum- tollen und spielen? Der Straßenverkehr ist viel zu gefähr- lich, die Eltern, die meist zu zweit arbeiten, sind gestresst und besorgt und organisieren zusammen mit Pädagogen und Betreuern die Freizeit ihrer Sprösslinge. Psychologen und Soziologen sprechen bereits von einem "Inselverhalten" bei den Allerjüngsten, die über- Titelbild: Joseph Kutter ,Enfant sur cheval de bois» (1937) EDITORIAL Kindheit "Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit Mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. 0 Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen... Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen Und auf den Plätzen die Fontänen springen Und in den Gärten wird die Welt so weit ?. Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, ganz anders als die andern gehn und gingen ? 0 wunderliche Zeit, o Zeitverbrin gen, o Einsamkeit." Rainer Maria Rilke haupt nicht mehr die Möglichkeit haben, auf eigene Faust ihre kleine Welt zu entdecken, sondern diese nur noch scheibchenweise serviert bekommen: Die Kleinen werden mit dem Auto oder per Bus zur Schule, zur Crèche oder zum Kindergarten gebracht und auch wieder dort abgeholt. Auch die Freizeit ist bis ins kleinste Detail vorgeplant: Kindergeburtstage, Ballettunterricht, Sport, Musik und vieles mehr. Und natürlich die obliga- ten Stunden vor dem Fernseher, am Gameboy, am Computer. Wir haben versucht, in dieser Ons Stad-Nummer aufzuzeigen, was heutzutage in unserer Hauptstadt für Kinder im Vorschulalter alles angeboten wird. Es ist nicht wenig, es ist alles pädagogisch sinnvoll und zweifellos wichtig für die spätere Entwicklung. Aber haben die Kinder heute überhaupt noch die Möglichkeit, auch mal in Eigenverantwortung ihre Freizeit zu erleben? Ohne Terminkalender, ohne over-protection und ohne den ewigen Zeitdruck? rd.


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73/2003 - Kindheit

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