08/03/2003 15:03 Alter: 16 yrs

Spielend lernen

Kategorie: 73/2003 - Kindheit 73/2003 - Kindheit

??Früher war al les besser?, pflegten unsere Eltern bei den verschiedensten Gele- genheiten zu sagen. ?Die Luft war noch sau-berer, es gab weniger Autoverkehr, weniger Lärm, weniger Stress. Man hatte mehr Zeit für seine Kinder und die Kinder spielten draußen in der frischen Luft, statt stunden- lang vor dem Fernseher zu hocken, am Com-puter herumzuhängen oder irgend welche elektronischen Spiele zu bedienen." Spielend lernen Ob früher wirklich alles besser war als heute, diese Behauptung sei mal dahinge- stellt. Tatsache ist jedoch, dass die Gesell- schaft in den Industrieländern in den letzten zwei Jahrzehnten einen grundlegenden Wandel durchgemacht hat, der dazu führte, dass die Kinder nicht mehr auf die selbe Art und Weise betreut und erzogen werden wie in den späten sechziger, den siebziger und den frühen achtziger Jahren. Betreuungsstrukturen für Kleinkinder auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg Während viele in Luxemburg wohnende Kleinkinder bis vor zwei Jahrzehnten auf zumindest ein Elternteil zurückgreifen konnten, wenn es ums Gehen und Sprechen lernen, ums Malen, Zeichnen und Basteln, und schließlich ums Spielen ging, ist das heute bei den allermeisten Kindern nicht mehr der Fall. Alleinerziehende Frauen und Männer, Väter und Mütter, die alle beide tagsüber berufstätig sind und schließlich Eltern, die mit der Erziehung ihres Kindes schlichtweg überfordert sind, lassen den Bedarf an Betreuungsstrukturen für Kinder bis zum Grundschulalter rasant wachsen. Während vor zwei Jahrzehnten bis auf eini-ge wenige Kinderkrippen lediglich die obli- gatorische Vorschule, auf luxemburgisch imedia Spillschoul genannt, existierte, gibt es heute allein auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg insgesamt 43 Kinderkrippen, 46 Tagesstät- ten für Kinder, 28 so genannte ?foyers sco- laires", die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind, und schließlich die seit einigen Jahren bestehende Früherziehung (educa-tion précoce), welche in der Stadt Luxem-burg in 31 parallel funktionierenden Modu- len angeboten wird. Viele Kinder verbringen demnach den wichtigsten Abschnitt ihrer Kindheit in staatlichen, kommunalen oder privaten Betreuungsstrukturen. Lediglich abends und am Wochenende sind die Klei- nen mit ihren Eltern oder zumindest mit einem Elternteil zusammen.Statistisch gesehen gab es noch nie so viele Kinder, die vom Angebot privater, kom- munaler und staatlicher Betreuungsstruktu- ren Gebrauch gemacht haben wie zum jetzi-gen Zeitpunkt. Und gerade wegen dieser enorm großen Nachfrage gibt es ein bestimmtes Defizit an Kinderkrippen auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg. Informa-tionen des Familienministeriums zufolge konnten am 1. November des vergangenen Jahres 386 Anfragen für Tagesstätten für Kinder im Alter zwischen 0 und 4 Jahren auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg nicht befriedigt werden. Ein von der Vereinigung ohne Gewinnzweck Entente des foyers de jour verwalteter und dem Familienministe- rium unterstehender Service d'information info-crèches zentralisiert die Einschreibean- träge für Tagesstätten in Luxemburg-Stadt und liefert den Eltern allgemeine Information über die Betreuungsstrukturen von Institu-tionen, welche eine Konvention mit dem Familienministerium haben, über die Öff-nungszeiten der Kinderkrippen und über die finanzielle Beteiligung der Eltern an besagten Dienstleistungen. Schaut man sich die Liste des Familienministeriums sämtlicher Kinder- krippen auf dem Gebiet der Stadt Luxem-burg an, so kommt man zu einigen interes-santen Feststellungen. Auffallend ist, dass nur sechs der insgesamt 43 Kinderkrippen mit dem Familienministerium konventioniert sind, will heißen, gesetzlich festgelegte Bedingungen einhalten müssen und als Gegenleistung bis zu einem gewissen Pro- zentsatz vom Staat subventioniert werden. Auch fällt auf, dass nur fünf Kinderkrippen von der Stadt Luxemburg geleitet werden, die meisten Krippen hingegen von gemein- nützigen Organisationen und Gesellschaften ohne Gewinnzweck oder Privatpersonen verwaltet werden. Zudem unterhalten einige Firmen, Verwaltungen und Institutionen hauseigene Kinderkrippen, wie z.B. die DEXIA-BIL, das Centre Hospitalier, die Europäische Investitionsbank, das Sekreta-riat des Europaparlamentes auf Kirchberg und die Staatsbeamtengewerkschaft CGFP. Allen Kinderkrippen gemeinsam sind die relativ arbeitnehmerfreundlichen Öffnungs-zeiten ? geöffnet ist meist ab 7.00 / 7.30 Uhr bis 18.00 bzw. 18.30 Uhr. Aufgenommen werden in fast allen Kinderkrippen Kinder zwischen null und vier Jahren. Einzelne Krip- penverantwortliche präzisieren, dass Klein- kinder erst ab zwei bzw. drei Monaten auf-genommen werden, derweil andere Kinder- krippen das Höchstalter ihrer "Klientel" auf zwei Jahre festlegen. Grundsätzlich stehen sämtliche Kinderkrippen auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg offen für sämtliche Kinder einer bestimmten Alterskategorie, unabhän- gig davon, ob es sich um Luxemburger oder Ausländerkinder, um Kinder von EU-Funk- tionären und von Bankbeamten oder um Flüchtlingskinder handelt. Lediglich die von den Europäischen Institutionen, der DEXIA- BIL und dem CHL betriebenen Kinderkrip- pen sind ausschließlich den Kindern ihrer Mitarbeiter vorbehalten. Schaut man sich die Bevölkerungsstatis- tik der Stadt Luxemburg (Erhebung vom 28.10.2002) an, so fällt der europaweit wohl höchste Ausländeranteil auf, der sich konse- quenterweise auch in der Bevölkerung in den Kinderkrippen, in der Früherziehung und in den Kindergärten widerspiegelt. Auf 82.372 Männer und Frauen, die Ende Oktober 2002 auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg lebten, entfallen 41,27 Prozent Luxemburger und 58,73 Prozent Ausländer. 2.322 Jungen und 2.286 Mädchen haben das fünfte Lebens-jahr noch nicht erreicht und dürften zum größten Teil von einer der zahlreichen Betreuungsstrukturen auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg profitieren. Zu den wichtigsten Ausländergruppen in der Alterskategorie zwischen 0 und 5 Jah-ren zählen die Portugiesen mit 984 Kindern, die Franzosen mit 521 Kindern, die Italiener mit 313 Kindern, die Belgier mit 177 Kindern, die Jugoslawen mit 124 Kindern, die Bosnier mit 77 Kindern, die Briten mit 124 Kindern und die Deutschen mit 109 Kindern. Rele-vant sind auch die Spanier mit 83 Kindern zwischen 0 und 5 Jahren, die Schweden mit 59 Kindern, die Finnen mit 45 Kindern, die Griechen mit 44 Kindern und die Chinesen mit 43 Kindern unter 5 Jahren. Die Zahl der luxemburgischen Kinder im Alter zwischen 0 und 5 Jahren beträgt 1.474 bei einem Total von 33.999 Luxemburgern (15.906 Männer und 18.093 Frauen), die auf dem Gebiet der Hauptstadt leben. Interessant ist auch der Landesvergleich, obwohl das uns zur Verfügung stehende Zahlenmaterial zum Teil lückenhaft ist. Laut STATEC entfielen auf die insgesamt 448.300 Menschen (277.600 Luxemburger und 170.700 Ausländer), die im Januar 2003 im Großherzogtum wohnten, 28.578 Kinder, die ihr viertes Lebensjahr noch nicht erreicht hatten. Eine andere Statistik besagt, dass im Jahre 2001 landesweit 10.706 Kinder in der Vorschule eingeschrieben waren, die von 751 brevetierten Lehrpersonen und Lehrbe-auftragten betreut wurden. Dass der sehr hohe Ausländeranteil im enseignement précoce und in den Spill- schoulen das Erlernen der luxemburgischen und der deutschen Sprache nicht verein- facht, darauf machte Laura Zuccoli, die bei der Immigrantenorganisation ASTI im pädagogischen Bereich tätig ist, bereits 1997 in einem Beitrag für Ons Stad aufmerksam. Laura Zuccoli spricht in ihrem Beitrag von Eltern besonders aus manuellen Berufen, die aufgrund ihrer fehlenden Schulausbildung und ihrer mangelnden Kenntnisse in Deutsch und Luxemburgisch ihren Kindern Ober- haupt keine Hausaufgabenhilfe anbieten könnten. Fernerweist die AST/-Mitarbeiterin darauf hin, dass das Erlernen der luxembur- gischen Sprache für Ausländerkinder inner- halb von zwei Jahren (zum Zeitpunkt des Erscheinens des Beitrags von Laura Zuccoli gab es das enseignement précoce noch nicht) mit zahlreichen Schwierigkeiten ver- bunden sei und der Lehrer oder die Lehrerin oft auf Französisch zurückgreifen müsse, um den Kindern etwas zu erklären. Auf die aktuelle Situation der Auslän- derkinder auf dem Gebiet der Stadt Luxem-burg und deren schulspezifischen Probleme angesprochen, meint Laura Zuccoli, das Erlernen der luxemburgischen Sprache sei für Ausländerkinder nach wie vor eine schwieri-ge Angelegenheit, auch wenn die Situation sich seit der Einführung des enseignement Guy HoffmannCrèche de Luxembourg (1937) Kinderheim Limpertsberg (1956) Photothèque de la Ville de Luxembourg Crèche de Luxembourg (1955) Kinderkrippe in Bonneweg (1987)précoce deutlich verbessert habe. Die Früherziehung bewertet Laura Zuccoli als eine gute Initiative, allerdings kritisiert sie die Öffnungszeiten des enseignement précoce. Die Öffnungszeiten des précoce seien dem Arbeitsrhythmus der Eltern nicht angepasst. Viele Eltern arbeiteten bis 12.00 Uhr und sogar noch länger und könnten ihre Kleins- ten nicht um 11.40 Uhr von der Schule abho- len. Andere Eltern hingegen hätten sowohl Kinder im précoce als auch in der Grund- schule und müssten dann gleich zweimal zur Schule fahren, da die Primärschuler bis 12.30 Uhr auf der Schulbank hocken würden. Kri-tik übt Laura Zuccoli auch an der Preispolitik der Betreuungsstrukturen. Das Betreuungs- system für Kinder auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg sei zuviel auf Tagesstätten auf-gebaut, statt als Komplementarium zur Schule zu funktionieren. Konsequenz davon sei, dass vor allem die Kinder der Mittel- schicht von den Betreuungsstrukturen profi-tieren würden, die sozial schwächer gestell- ten Kinder hingegen, die unbedingt eine intensivere Betreuung bräuchten, würden wegen fehlender finanziellen Möglichkeiten nur selten von foyers de midi, Schulkantinen und anderen Tagesstätten Gebrauch machen. Häufig würde bei diesen Kindern der Fernseher einer pädagogisch sinnvollen Spiel- und Lerngruppe vorgezogen. Zur Zeit funktioniert die Früherziehung, die aller Wahrscheinlichkeit nach ab 2006 obligatorisch sein wird, auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg wegen Mangel an Klas- senräumen in Form von Modulen. 407 Kin-der, welche zwischen dem 1. September 1998 und dem 31. August 1999 geboren sind ? davon 248 Ausländerkinder (38 der 248 Ausländerkinder sind im Ausland gebo-ren, 210 im Großherzogtum) und 159 luxemburgische Kinder ? sind aufgeteilt in 31 Module. Modul A funktioniert montags, mittwochs und freitags zwischen 8.00 und 11.40 Uhr sowie mittwochs zwischen 14.00 und 16.00 Uhr, Modul B montags und frei- tags zwischen 14.00 und 16.00 Uhr sowie dienstags und donnerstags zwischen 8.00 und 11.40 Uhr. So kann ein- und derselbe Klassensaal gleich von zwei Kindergruppen genutzt werden. Fast alle Pädagogen betreuen zugleich ein Modul A und ein Modul B. Auffallend ist, dass von den insge- samt 28 Lehrbeauftragten des précoce die Hälfte über die vorgeschriebene Ausbildung verfügt, von den anderen 14 Lehrpersonen vier jedoch keinen Sekundarschulabschluss haben. Während der Ausländeranteil in der Früherziehung in den so genannten teureren Stadtvierteln etwas niedriger liegt (Belair, Rue Aloyse Kayser: 25%, Cents, Rue Gabri-el de Marie: 36 %), ist er in den typischen Ausländerstadtvierteln relativ hoch (Bonne- weg, Rue Jean-Baptiste Gellé: 77 %, Bahn-hof, Rue du Commerce: 80 %, Pfaffenthal, Rue du Pont: 74 %). Der Klassendurch- schnitt im précoce schwankt zwischen 8 und 18 Kindern, der Durchschnitt liegt bei 13 Kin- dern. Ein ähnliches Bild bietet sich in den Vor- schulklassen. Von den 1.282 im Schuljahr 2002/2003 im enseignement préscolaire auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg einge-schriebenen Kindern sind 767 Ausländer, was einem Ausländeranteil von ca. 60 Pro- zent entspricht. 173 Ausländerkinder sind außerhalb des Großherzogtums geboren. Im Gegensatz zu den übrigen Gemeinden des Landes, wo zwei verschiedene Lehrpersonen die erste und die zweite Klasse der Vorschu- le unterrichten, betreuen die Vorschullehrer und -lehrerinnen in Luxemburg-Stadt gleichzeitig Kinder der ersten und der zwei- ten Spillschoulsklass. So schwankt die Schü- lerzahl von 11 im Stadtviertel Belair (Rue Aloyse Kayser) Ober 13 in Bonneweg (Rue du Mur) bis hin zu 18 im Stadtviertel Cents (Rue Léon Kauffman). Der Ausländeranteil in der Vorschule spiegelt die Bevölkerungsstruktur in den einzelnen Wohnvierteln wieder und reicht von 22 % in Cents (Rue Gabriel de Marie) und 33 % (Rue Léon Kauffman) bis hin zu 90 % in der Rue du Commerce und sogar 95 % im Stadtviertel Eich. Die Stadt Luxemburg zählt für das Schuljahr 2002/2003 insgesamt 95 Vorschulklassen, aufgeteilt auf 40 Schulgebäude. Die Kinder werden unterrichtet von 106 Vorschullehre- rinnen und einem einzigen Vorschullehrer. Lediglich fünf der über hundert Vorschulleh- rerinnen verfügen nicht über einen Sekund- arschulabschluss. Neben den Kinderkrippen, der Früher- ziehung und den Vorschulklassen bietet die Stadt Luxemburg schließlich die Schulfoyers an, welche vom CAPEL, dem Centre d'Ani-mation Pédagogique et de Loisirs de la Ville de Luxembourg (siehe auch den Beitrag von Colette Mart auf Seite 15) verwaltet werden. Die Schulfoyers bieten den Kindern neben einem Mittagessen und erzieherischer Betreuung auch Hausaufgabenhilfe, Frei- zeitbeschäftigung sowie Kommunikation und Zusammenarbeit mit Schule und Familie an. Sinn und Zweck der Schulfoyers ist laut I nformationsfaltblatt ?l'apprentissage des règles de la vie en commun, utilisation cou-rante de la langue luxembourgeoise, entraî- nement de différentes formes de communi-cation, favorisation d'un comportement indépendant et responsable, développe- ment des qualités morales, physiques et intellectuelles de l'enfant, respect de la per- sonnalité". Auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg gibt es insgesamt 28 Schulfoy- ers, von denen lediglich drei nicht für Vor- schulkinder zugänglich sind. Die meisten Foyers sind während der Schulzeit von 11.40 bzw. 12.30 bis 14.00 Uhr und an freien Schulnachmittagen bis 18.00 Uhr geöffnet. Darüber hinaus bieten 19 der 28 Foyers auch Aktivitäten während der Schulferien an. Lediglich während der Aktioun Bambèsch, an Feiertagen und während der ersten Woche der Sommerferien bleiben die 19 Schulfoyers geschlossen. Die Einschreibege- bühr liegt bei 54,54 Euro pro Trimester für den accueil préscolaire (täglich von 11.40 bis 12.30 Uhr). Weitere Informationen über die Schulfoyers sind beim CAPEL unter der Tele- fonnummer 4796-3178 erhältlich. imediaimedia Multikulturelles Miteinander in der Rue du Commerce Sie heißen Jasmine, Sherry, Mensur, Juan, Tony, Bryan, Samuel, Catarina, Danie-la, Sebastian, Melissa, Cintia und Fiola. Sie kommen aus Pakistan, Portugal, Spanien, Kosovo-Albanien, Rumänien, Italien, Luxemburg und von den kapverdischen Inseln. Ihnen gemeinsam ist, dass sie alle-samt die Vorschulklasse von Frau Brigitte Wunsch-Livneh in der Rue du Commerce besuchen und sich auf luxemburgisch ver-ständigen. Das Erlernen der luxemburgi- schen Sprache gehört denn auch zu den Pri-oritäten im préscolaire genau so wie die Ein-führung in die Begriffe "Rechnen, Lesen und Schreiben". "Richtig mit Zahlen herum operiert oder geschrieben wird zwar noch nicht", so Bri-gitte Wunsch-Livneh, "allerdings sollen die Kinder schon einen Grundbegriff von Rech-nen, Lesen und Schreiben haben. Die Vor-schule bereitet die Kinder auf das Lesen, Schreiben und Rechnen vor, sie führt sie spielerisch in die Welt der Zahlen und Buch-staben ein. Konkret heißt das, dass die Kin-der lernen zu zählen, Mengen zu erfassen und Mengen zu vergleichen. Feinmotorische graphische Übungen bereiten sie auf den Schreiberwerb vor und visuelle Übungen vermitteln ihnen eine Lesegrundlage. Mittels Sprach- und Rollenspielen wird täglich miteinander kommuniziert, es wird zudem gemalt und gebastelt, musiziert und gesungen, und wenn die Witterungsverhält-nisse es erlauben, gibt's auch mal einen Spa-ziergang ins naheliegende Petrusstal oder einen Besuch auf dem Bauernhof. Für Weih-nachten haben wir Biskuits gebacken, einmal haben wir eine Suppe gekocht und vor kurz-em waren wir ins Theater, um uns ,Peter und der Wolf' anzuschauen. Zur Zeit reden wir über Muttertag und jedes Kind fertigt ein far-biges Porträt seiner Mutter an." Aktivitäten gibt's jedenfalls zuhauf in der Vorschulklasse von Brigitte Wunsch-Liv- neh, und über spezifische Probleme kann sich die diplomierte Vorschullehrerin nur wenig beklagen. ?Manchmal, besonders zu Beginn des Schuljahres, sind die Kinder nicht besonders konzentriert, aberdas Problem löst sich meist schon nach einigen Wochen ganz von selbst. Dann gibt's auch Mütter, die mich um Hilfe bitten, um ihr Kind zurechtzuweisen mit der Begründung, ihr Kind würde ihnen über-haupt nicht gehorchen, und vielleicht würde es beim Lehrpersonal besser klappen. Mit der Kommunikation zwischen Eltern und Lehr-personal kann's auch mal Schwierigkeiten geben, weil verschiedene Mütter zu Beginn des Schuljahres überhaupt kein Französisch, Deutsch oder Englisch sprechen. Aber größere Probleme ? abgesehen davon, dass die Kinder nicht immer brav sind ? gibt's eigentlich keine in dieser Klasse."Einen Unterschied gibt's auch, was den Klassenraum betrifft. Die in einem "norma- len" Klassensaal untergebrachten Vorschul- kinder verfügen genau wie in der Früherzie- hung über eine Legoecke, eine Puppen- küche, viel Spielzeug und schließlich eine Bücherecke mit Matratze, allerdings fehlt hier der räumlich getrennte Spiel- und Klet- terraum, in dem sich die Kinder austoben können. Genauso multikulturell und aktivitäts- reich wie in Brigitte Wunsch-Livnehs Vor- schulklasse geht's auch in den beiden Früherziehungsklassen von Mireille Forster- Scaramucci und Karin Mathews-Kayser in der Rue du Commerce zu. Während 14 resp. 12 Stunden pro Woche erlernen die in zwei Gruppen von einmal 18 und einmal 16 ein- geteilten drei- bis vierjährigen Kinder, die aus Portugal, Spanien, Italien, Frankreich, Ex- Jugoslawien, Tadschikistan, Bosnien-Herze- gowina, Dänemark, der Dominikanischen Republik und Luxemburg stammen, die luxemburgische Sprache. Ferner singen sie Lieder auf luxemburgisch, musizieren, legen Puzzles, arbeiten mit Plastilin oder fertigen Gipshände für Muttertag an, backen Waf- feln für Weihnachten, machen Obstsalat, um die einzelnen Obstarten kennenzuler- nen, pflanzen Sonnenblumen und säen eine Wiese aus Kresse, malen Blumen, Häuser, Menschen und Tiere, tanzen, springen und klettern, machen Gruppenspiele und Bewe- gungsübungen und vieles mehr. ?Bewegungsübungen sind überhaupt sehr wichtig für unsere Kinder", so die bei- den Lehrbeauftragten, die der Meinung sind, dass die im Bahnhofsviertel wohnen- den Kinder sich manchmal schwer damit tun, draußen in der frischen Luft zu spielen und sich zu bewegen. Schwierigkeiten können zu Den Unterschied zwischen précoce und préscolaire will Brigitte Wunsch-Livneh vor allem im schulischen Aufbau des Unterrichts ausmachen. In der Früherziehung können die Kinder länger in einem Themengebiet arbeiten als im préscolaire und der kindlichen Phantasie werden im précoce nur wenig Grenzen gesetzt. Der wesentliche Unterschied zwischen der Früherziehung und der Vorschule besteht in der Tat im Unterrichtsaufbau. Während die Kinder im précoce spielend in die Begriffe Lesen, Schreiben und Rechnen eingeführt werden, charakterisiert die Vor- schule sich durch ihren schulischen Aufbau. Wohl wird den Kindern in der Vorschule das Spiel nicht untersagt, allerdings sollen die Kleinen sich bereits an einen gewissen Arbeitsrhythmus gewöhnen, eine Mal- oder Bastelarbeit nicht komplett in freier Phanta-sie, sondern nach den Anleitungen des Leh- rers oder der Lehrerin tätigen und auch einen gewissen Zeit- und Arbeitsplan respektieren. Im précoce heißt es spielend lernen, im pré- scolaire hingegen wird das Kind bereits auf den Besuch der Grundschule vorbereitet. Das Lehrpersonal vermittelt dem Vorschul- kind Begriffe von préécriture, prélecture und pré calcul, wie es in der Fachsprache heißt. Ein weiterer Unterschied besteht in der Unterrichtsdauer. Derweil die Kinder im pré- coce auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg während dreizehn bzw. elfeinhalb Wochen-stunden die Schule besuchen, müssen die Vorschulkinder während insgesamt 24,5 Stunden die Bank drücken. Schließlich ist auch ein Unterschied in der Einrichtung des Klassensaals auszuma-chen. Die Früherziehung ist verstärkt auf Spielen und Bewegungsübungen aufge-baut. Der Klassensaal beinhaltet demnach eine Reihe Spiel- und Bewegungsgeräte, die in der Vorschule keinen Platz mehr haben. Was die in der Schule getätigten Arbei- ten anbelangt, ist der Unterschied zwischen Früherziehung und Vorschule doch eher gering. Gebastelt und gemalt wird oft ums selbe Thema, die Spiele ähneln sich, auch wenn sie in der Vorschule geregelter ablau- fen als in der Früherziehung, und auch die Lieder, die gesungen oder musikalisch unter- malt werden, kennen viele Vorschulkinder bereits aus der Früherziehung. Es ist dem-nach nicht grundlegend falsch, wenn der Schreiber dieser Zeilen behauptet, die Früherziehung sei eine Ausdehnung der zwei Spillschoulsjoren auf ein drittes Vorschuljahr. Die Kreativität wird auch in der Vorschu- le gefördert, zusätzlich müssen die Kinder jedoch ein erhöhtes Maß an Präzision und Konzentration aufbringen. So heißt es bei- spielsweise, vorher bestimmte Farben auf genau festgelegte Flächen aufzutragen, ohne die Hilfslinien zu übermalen. In der Regel wird in der Vorschule tiefgründiger und während eines kürzeren Zeitraums an einem Thema gearbeitet als in der Früherziehung. Beginn des Schuljahres auftreten, wenn ein Kind sich nicht an die Gruppe anpassen will. Im allgemeinen scheinen die Probleme in den beiden Früherziehungsklassen von Mireille Forster-Scaramucci und Karin Mathews- Kayser jedoch eher minimal zu sein. ?Zu Beginn des Schuljahres gelingt es diesem oder jenem Kind nicht rechtzeitig auf die Toilette zu gehen, aber das ist für dieses Alter noch völlig normal. Die Kommunika-tion mit den Kindern funktioniert relativ gut. Wir sprechen mit ihnen auf luxemburgisch, übersetzen möglichst wenig und bringen den Kleinen Lëtzebuergesch mit Hilfe von bildlichen Erklärungen und anhand von praktischen Beispielen bei. In der Regel arbeiten wir vier Wochen an einem Thema, was sich dadurch erklärt, dass die Kinder nur alle zwei Tage ins précoce kommen. Die meis- ten Spiele in unserer Klasse drehen sich rund ums Erlernen der Sprache. Im Unterschied zur Vorschule, die schulisch aufgebaut ist, kann man vom précoce sagen, dass die Kin-der durchs Spielen lernen. Das Lehrpersonal legt Direktiven fest, im Gegensatz zum pré- scolaire wird jedoch kein précalcul, keine préécriture und keine prélecture schriftlich gemacht. Meist arbeiten wir mit vier bis maximal sechs Kindern, während die ande-ren zur gleichen Zeit spielen dürfen. Auf der Tagesordnung stehen sowohl aktive wie auch stille Übungen, dies um zu verhindern, dass die Kinder zuviel aufgedreht werden. Wir legen vor allem Wert darauf, dass den Kindern praktische Übungen oder alltägliche Sachen gezeigt werden und dass sie sich auch aktiv daran beteiligen", ergänzen die beiden Lehrbeauftragten. imediaimedia Ein Beispiel: Die Kindertagesstätte "am Rousegäertchen" Mit 43 vom Familienministerium zuge- lassenen Kinderkrippen und 46 so genann- ten Tagesstätten (foyers de jour) ist die Stadt Luxemburg wohl die Gemeinde mit der höchsten Anzahl an Betreuungsstrukturen für Kinder vor dem und im schulpflichtigen Alter. Zu den sechs mit dem Ministerium konventionierten Kinderkrippen auf dem Stadtgebiet zählt unter anderem die von der Vereinigung ohne Gewinnzweck Caritas Jeunes et Familles betriebene Kindertages- stätte Am Rousegäertchen, die vor rund 28 Jahren, genauer genommen ami. Mai 1975 ihre Türen zum ersten Mal öffnete. Zu Beginn waren es etwa 40 Kinder im schul- pflichtigen Alter, die das auf Nummer 27 in der Michel Welter-Straße im Bahnhofsviertel gelegene Haus besuchten. Als wichtigstes Zulassungskriterium galt, dass entweder beide Elternteile aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation tagsüber einer Arbeit nachgehen mussten oder dass es sich um so genannte familles monoparentales handel- te. Vier Jahre später wurde erstmals eine Konvention mit dem Familienministerium unterschrieben und die Kinder wurden ein- geteilt in eine Gruppe von Vier- bis Sechs- jährigen sowie zwei Gruppen von Sechs- bis Zwölfjährigen. 1984 zogen die Verantwort- lichen des Foyer de lour Am Rousegäertchen in ein zwei Häuser weiter gelegenes Gebäu- de auf Nummer 29a, Michel Welter-Straße um. Die Aufnahmekapazität wurde auf 73 Kinder erhöht, eingeteilt in drei Gruppen von jeweils zwölf Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren und eine Gruppe von dreizehn Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jah- ren. Ein Jahr später, im Herbst 1985 eröffne- te Caritas Jeunes et Familles die erste Kinder- krippe für Babys im Alter von drei bis vier- undzwanzig Monaten. Aufgrund des großen Erfolgs wurde im darauffolgenden Jahr eine zweite Vorschulgruppe (2 bis 4 Jahre) miteiner Aufnahmekapazität von dreizehn Kleinkindern eröffnet. Zurzeit sind es 87 Kinder, die fünfmal wöchentlich in der Tagesstätte Am Rou- segäertchen von etwa dreißig Erwachsenen betreut werden. Die Gruppe crèches umfasst zwölf Kinder im Alter zwischen drei und vier- undzwanzig Monaten, die Gruppe jardin d'enfants fünfzehn Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren. Die Vier- bis Neunjährigen sind in drei Gruppen von jeweils 15 Kindern eingeteilt und die Neun- bis Zwölfjährigen bilden eine Gruppe von insgesamt 15 Kin- dern. Das Personal begreift unter anderem zehn ganztags und drei halbtags beschäftig- te Erzieher, zwei Personen in der Verwaltung, zwei in der Küche, drei für Putzarbeiten und Reparaturen zuständige Personen sowie eine ganze Reihe Praktikanten und Freiwillige. Der Direktionsbeauftragte des Foyer de Jour Am Rousegaertchen Jean-Paul Jerolim präzisiert gegenüber Ons Stad, dass die Kli- entel seines Hauses nicht mehr ausschließlich aus dem Bahnhofsviertel stamme. Lediglich ein Drittel der Kinder kämen aus der direkten Umgebung, die anderen zwei Drittel seien Kinder, deren Eltern in der Nähe arbeiten warden, die teilweise außerhalb des Stadt-gebietes wohnen würden sowie Kinder, die mal im Bahnhofsviertel gewohnt hätten, die irgendwann jedoch in ein anderes Stadtvier- tel umgezogen seien. Priorität bei der Auf-nahme in die Tagesstätte würden nach wie vor die Kinder alleinerziehender Mütter oder Väter haben sowie Kinder aus Familien, in denen beide Elternteile aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage berufstätig seien. Wichtig sei zudem, dass bei den Eltern der Wille bestehe, den sozialen Kontakt zwi-schen ihren und den anderen Kindern zu för- dern. Bei Ausländerkindern geschehe dies vor allem durch das Erlernen der luxembur- gischen Sprache. Statistisch gesehen seien 34,5 % der Kinder im Foyer portugiesischer, 34,5 % luxemburgischer Herkunft, 14 % kapverdischer Herkunft und 17 % sonstige Ausländerkinder. Die Null- bis Zweijährigen genau wie die Zwei- bis Vierjährigen haben trotz ihres noch relativ jungen Alters bereits einen geregelten Tagesablauf mit bestimmten Schwerpunk- ten. Für die Null- bis Zweijährigen stehen Entdeckungs- und Wahrnehmungsspiele auf dem Programm, die ? falls die Witterungs- verhältnisse es erlauben ? draußen in der fri-schen Luft getätigt werden. Weitere Schwer- punkte des Tagesablaufs sind Babymassa-gen, Entdecken und Wahrnehmen der Umwelt, Snöezelen im abgedunkelten Raum durch Licht- und Musikeffekte sowie Tasten, kleinere Bastelarbeiten z.B. mit Salzteig, Malen, Wasserspiele usw. Je nach Alter müs- sen die Kleinsten auch zeitweise zum Ausru- hen ins Bett gelegt werden. Für die Zwei- bis Vierjährigen stehen zahlreiche Aktivitäten in der Natur auf dem Programm. ?Falls die Witterungsverhältnis- se es nur zulassen", so Jean-Paul Jerolim, ?organisieren wir Aktivitäten im Bambèsch, im Petrusstal oder im Gréngewald. Manch- mal bleiben wir sogar einen halben Tag im Wald. Wir lassen den Kindern wohl viel Frei- raum für Spiele ihrer Wahl, versuchen ihnen allerdings auch schon Spiele mit bestimmten Regeln beizubringen. Zudem stehen Bastel- arbeiten und das Erlernen der Sprache auf dem Programm. Wichtig ist vor allem, das Wahrnehmungsgefühl der Kinder aufzubau- en und zu stärken. Das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen und für die Zwei-bis Vierjährigen ist ebenfalls ein Mittags- schläfchen erforderlich." Probleme gibt es selbstverständlich auch in der Kinderkrippe, schließlich sind Kinder keine Maschinen, die man zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt nach Lust und Laune ein- und ausschalten kann. Jean-Paul Jerolim weiß von Kindern zu erzählen, die schwer in eine Gruppe integrierbar sind oder von Kin- dern mit psychomotorischen Entwicklungs- rückständen. Es liegt auf der Hand, dass diese Verhaltensstörungen und Entwick- lungsrückstände weit möglichst gelöst wer- den müssen, bevor die Kinder zur Schule gehen, da diese sonst immer größer werden. Schwierig ist es zudem für die Kinder, die neben ihrer Muttersprache auch noch unse- re Landessprachen erlernen müssen. Viele Kinder portugiesischer und kapverdischer Herkunft erlernen beispielsweise gleichzeitig Portugiesisch oder Kreolisch, Französisch und Luxemburgisch. Dann gibt es auch noch spezifische Probleme gesundheitlicher Natur, Allergien und Kinder mit bestimmten Behinderungen. Was den Mangel an Kinderkrippenplät- zen anbelangt, spricht Jean-Paul Jerolim von etwa 35 Eltern resp. Elternteilen, die auf der Warteliste der Caritas stehen würden. Ein großes Problem sei nicht unbedingt der Mangel an Kinderkrippenplätzen, sondern der Mangel an erschwinglichen Plätzen für Kleinkinder auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg. Private Kinderkrippen würden um die 750 Euro pro Monat für einen Kin- derkrippenplatz verlangen, und das könne sich halt nicht jeder leisten. Wohl käme ein Stuhl in der Crèche Am Rousegäertchen rund 1.000 Euro pro Monat zu stehen, allerdings müssten die Eltern je nach Einkommenssi-tuation durchschnittlich nur rund ein Drittel dieses Tarifs als Beitrag bezahlen. Möglich ist dies durch die Konvention mit dem Familienministerium, das seinerseits die Funktionskosten der Kinderkrippe zum größten Teil übernimmt. Bedingungen für diese Konvention sind die staatliche Zulas- sung der Betreuungsstruktur, die Schaffung einer Trägergesellschaft in Form einer Verei-nigung ohne Gewinnzweck (a.s.b.I.) und der Besitz oder das zur Verfügung stellen seitens der Gemeinde eines Hauses, in dem die Kin- derkrippe eingerichtet werden kann. Wer weitere Informationen über die Kindertagesstätte Am RouseVertchen benötigt, sollte die Telefonnummer 49 74 1- 32 oder die Faxnummer 49 74 142 wählen. Henri Fischbach imedia


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