06/05/2010 15:15 Il y a : 9 yrs

Nikolaus Hein: Luxemburg Ahnung und Gegenwart

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Beim Sichten der hinterlassenen Papiere von Nikolaus Hein (1889-1969) wurde ein handschriftlicher Entwurf „Luxemburg – Ahnung und Gegenwart“ aus frühen Jahren gefunden, der wahrscheinlich in der Zeit des Ersten Weltkriegs entstanden ist. Das letzterwähnte Ereignis der Stadtgeschichte ist mit September 1914 datiert. Trotz ihres fragmentarischen – und fast belehrenden – Charakters besitzt diese historisch-kulturelle Skizze des jungen Dichters eine poetische Dimension, die es rechtfertigt, dass sie nach fast 100 Jahren als literarische Kuriosität veröffentlicht wird. Joseph Groben (...) Höre Melusinas Lied, der Wasserentstiegenen, die ihr Geheimnis hütend ins Urdunkel zurücksinkt, als die Zeit eintritt in die Helle der Geschichte. Sieh, wie im Stecknadelzauber am Krispinusfelsen die alten Geister noch tastend lange in das Gewebe des Schicksals eingreifen, da schon ringsum die neue Welt sieghaft sich durchsetzt. Vorüber gezogen sind wie Schatten die Völker der Dämmerzeit, Ligurer und Kelten und in schon hellerem Licht der Römer eisenumblitzte Legionen. Sieh sodann, auf dem Kiem marschieren sie nach Trier und zur Rheingrenze. Bis von dort die Völkerflut hereinbricht und die fränkischen Eroberer bleibend hier siedeln. Neue Staaten, neuer Glaube. Aus dem Felsenheiligtum der St. Greinskapelle weht dir die… frühmittelalterliche Gläubigkeit entgegen. Und sieh: schon hat auch Graf Siegfried auf dem Bock seine Burg errichtet (963), glanzvoller Jahrhunderte stolzer Beginn. Mit der Macht des Grafengeschlechts wächst auch die kleine Siedlung im Burgbereich, bürgerliches Leben entfaltet sich und sprengt bald die zu eng gewordenen Umwallungen. Sieh, hier „Am Graben“ war seit 1050 die Stadtgrenze. Geh vom „Graben“ zur Philippsgasse und weiter zum Königsring und du erlebst das langsame Wachsen der Stadt durch die Jahrhunderte mit, bis die Schleifung der Festungswerke (1867) den drängenden Lebenskräften nach allen Seiten den Raum freigibt… Jahrhunderte lang aber ging das Dasein Luxemburgs in den engen winkligen Gassen und den Unterstädten seinen bescheidenen Gang. Dir müssen die grossen Tage dieser Zeiten wie auch die Schicksalstage der späteren Jahrhunderte gegenwärtig sein, Leid und Freude der hingegangenen Geschlechter. Sieh, wie die Glorie des Kaisertums über der Burg am Bockfelsen strahlt, dem Stammhaus der vier Kaiser aus luxemburgischem Hause. Höre den Jubel des Bürgertums über die Verleihung des Freiheitsbriefes durch Ermesinde (1244), über die Gründung der Schobermesse durch Johann den Blinden (1340), fühle das Selbstbewusstsein der trotz Krieg und Not und Pestzeiten aufstrebenden Stadtgemeinschaft, bis mit der Einnahme durch Philipp von Burgund (1444) Stadt und Land dem Ränkespiel fremder Herrschaften anheimfallen. Zwischen den Bürgerhäusern wachsen Kirchen und Klöster empor, in Clausen ersteht Graf Mansfelds prächtiges Schloss, Vaubans Ingenieure ziehen um die Stadt den grossartigen Festungsgürtel. Weder Fürstenhof noch Bischofssitz, bleibt Luxemburg die Stadt der Kasernen und Klöster, arm an künstlerischen Grossbauten, da der grosse Bauherr fehlte. Durch immer neue Wirren und Drangsale ringt sie sich durch, umworben, umstritten, von Kriegsdonner umbraust, immer wieder wechseln auf ihren Toren die Wappen der Landesherren, immer wehen unruhevoll die Fahnen auf ihren Türmen.  Höre die Eisenkugeln der französischen Belagerer prasselnd einschlagen in die Dächer der Stadt von 1683 und 1795, höre das Rollen der Pestkarren in den schauerstillen Gassen von 1636, höre der durchziehenden Heereskolonnen rasselnden Marschschritt und kriegerisches Lied, deutsche Landsknechtslieder und spanische Cancionen, die Marseillaise und die Lieder der deutschen Befreiung. Sieh dazwischen den Zug hoher Gäste, wie sie im Festgedränge einziehen oder still durch die Gassen gehen, Karl der Kühne, Maximilian, Ludwig XIV., Racine, Joseph II., Goethe, Napoleon.  Steh vor den alten Bauten still, es reden die Steine. Um die Kathedrale wogt das flutende Gedränge betender Wallfahrerscharen, aus dem Athenäum dringt das Stimmengewirr wissensdurstiger Jugend aus drei Jahrhunderten; im Arbedgebäude wächst die aufstrebende wirtschaftliche Macht. In Rathaus und Regierung werden seit Jahrzehnten die Geschicke des kleinen Staates geleitet. Halte vor jenem Schulgebäude bei der Post inne und wisse: hier im deutschen Hauptquartier fiel Anfang September 1914 die schicksalhafte Entscheidung, ging der Auftrag aus, der der Marneschlacht die entscheidende Wendung gab. (...) Ein „auf- und übereinander getürmtes Kriegsgebäude“ in einem labyrinthisch verschlungenen Talgewirr voll Anmut und Lieblichkeit – so sah Goethe 1792 die Stadt Luxemburg. Auch heute noch ist Luxemburg vor allem die Festungsstadt, mag auch das düstere Gesicht der kriegerischen Trutzbauten längst dahingeschmolzen sein in der Sonne langer Friedensjahre. Denn nicht die behäbige Geruhsamkeit der Villenstrassen im Westen, nicht der grossstädtisch aufgemachte Betrieb der Geschäftsviertel prägen das Gesicht der Stadt, sondern gegen Ost und Süd diese verwinkelten Flussschleifen mit den in engem Talraum zusammengedrängten Unterstädten, den zerschründeten und von alten Kriegsbauten starrenden Hügelflanken, wo auf Schritt und Tritt die Felspartien selber wie Bollwerke vorspringen, und mit den wehrhaft ragenden Umwallungstürmen hüben und drüben. (...) Luxemburg ist auch die Stadt der Kasematten. Nach allen Seiten hin durchziehen die in den Felsen gesprengten Stollen den Boden, ein vielverzweigtes Netz von Gängen und Kammern mit einer Gesamtlänge von 23 km. Es sind gewiss keine Katakomben, und keine geistige Atmosphäre haucht einen hier an. Aber sie sind eine technische Sehenswürdigkeit und lebendig verknüpft mit dem Schicksal der Stadt. Eindrucksvoll wirken vom Bock aus gesehen auch die andern Wahrzeichen Luxemburgs: die Viadukte. In weitem Schwung überqueren sie auf vielen Bogen die Talschluchten, und hoch über den Strassen und Häusern der Unterstädte wehen die weissen Rauchfahnen der in die Welt brausenden Züge. Ein Sinnbild dafür, wie aufgeschlossen und weltoffen und sehr lebendig diese zu einem Verkehrszentrum gewordene Stadt ist, die nicht friedsamer Erstarrung anheimfallen und in versponnener Winkelromantik verkümmern, sondern teilhaben will am Weltgeschehen.  Dabei bleibt sie die Stadt auf dem Lande. Spürbar, ja bis in den Stadtkern sichtbar schaffen des Landes Kräfte ringsum. Rosen blühen in allen Gärten, auf nahen Hügeln wogt der Weizen, sogar ein Weinberg birgt sich drunten am alten Münsterhang, in Talausschnitten ragen hohe Schlote, und in diese Symphonie des Lebens klingt wie ferner Orgelton das Brausen der grünen Wälderkuppen. 

 


Fichiers :
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