06/05/2010 15:49 Il y a : 9 yrs

Gore war gestern - Die Wandlung der Anne Lindner

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Anne Lindner ist eine freischaffende Allround-Künstlerin, die Multimedia, Performance und Malerei miteinander verbindet. Ihre Sicht der Dinge hat sich kürzlich maßgebend verändert: wieso man sich erst jetzt Annes Bilder ins Wohnzimmer hängen kann, erklärt die 28-jährige im Interview. „Es war damals alles negativ. Ich fand die ganze Welt kacke und wollte auch jedem zeigen wie kacke sie ist,“ lacht Anne Lindner. Dass dies mit einem konventionellen Job nicht möglich war, war ihr früh klar. Was sie allerdings studieren sollte, wusste sie anfangs nicht. Während ihrem ersten Studium - Kunstgeschichte und Englisch- fand sie nicht die erhoffte Erfüllung. „Ich habe drei Jahre lang rumstudiert und habe mir dann irgendwann gedacht 'nee, das ist es nicht'. Selbst Kunstgeschichte langweilte mich. Ich fühlte, dass ich etwas selber machen musste.“ So reiste Anne nach Leicester in Großbritannien um an der De Montfort University Kunst zu studieren, wo sie sich mit mehrere Medien experimentierte. „Ich war mir nicht sicher in welche Richtung ich gehen wollte, und habe so mehrere Sachen probiert. Meine Tutoren auf der Uni haben mir allerdings gesagt, ich solle nur Video und Fotografie machen, nichts anderes.“ Die Künstlerin ließ sich jedoch nicht in ihrer Experimentierfreudigkeit bremsen. „Ich mochte immer noch gerne malen und Skulpturen machen und eigentlich interessiere ich mich auch für alle anderen Sachen. Ich fand die Ansicht meiner Tutoren ziemlich bescheuert.“ Als großes Vorbild nennt Anne den niederländischen Maler Hieronymus Bosch. „Dessen Bilder hingen schon bei meinen Eltern den Wänden; ich bin also quasi mit seinen Werken aufgewachsen. Ich glaube die Tatsache, dass ich Bosch schon ewig kenne, ist einer der Gründe, wieso ich so gerne male.“ Die expliziten Bilder haben Anne allerdings erst nach einer Weile in ihren Bann gezogen. „Wenn du kleiner bist, kuckst du dir die Bilder an und bist interessiert. Später stellst du dann plötzlich fest wie atemberaubend dieser Maler eigentlich ist.“  Als absolutes Lieblingswerk nennt Anne sein bekannteste Werk, „Der Garten der Lüste“, ein Triptychon auf dem der Künstler seine Vision der Schöpfungsgeschichte, des Gartens der Lüste und der Unterwelt illustrierte. Themen wie die Todsünde, Wollust, Liebe und Folter sind detailliert und sehr explizit dargestellt. In Annes frühen Werken spiegeln sich ähnliche Themen wider, die durch die Natur des Projektes mehrere Sinne des Zuschauers beanspruchen: Performance Kunst, Installation, Malerei und Multimedia bilden ein Ganzes. „Für mein Projekt namens 'The Anarchy and Chaos Theory of Little Anne's Confused Brain' habe ich weisse Maleranzüge angezogen, Luftballons mit Farbe gefüllt und die dann aufgeschlitzt. Durch die tropfende Farbe entstand langsam ein Bild.“  Mit Anzügen und Ballons arbeitete sie auch bei ihrem nächsten Projekt: für „The Seven Deadly Sins“ füllte Maleranzüge mit Ballons, setzte ihnen Masken auf, malte sie rot an und platzierte sieben von ihnen nebeneinander. Jede Figur stand für eine der Todsünden, die Anne weiterhin in Fotografie und Kurzfilmen interpretierte: auf einem Foto küsst sie eine der Sünden und in einem Video befindet stopft sie in einem dunklen Raum die sieben Maleranzüge mit Ballons. Kontrovers und provokativ, so mochte Anne am Liebsten arbeiten. „Während meinem Studium, da war ich an allem interessiert was gore war“, erklärt sie. Die Wut, die in ihrer Kunst zu spüren ist, weist Anne heute auf das Gefühl der Entwurzelung zurück, das sie in ihrer Jugend und während ihrem Studium spürte. Die gebürtige Kölnerin ist in jungen Jahren öfters umgezogen, und als sie im alter von fünf Jahren mit ihren Eltern von Köln nach Mühlenbach zog, musste sie erfahren, dass sie eine Fremde war. „Hier war ich am Anfang halt immer der 'Preis' oder der 'Nazi'. Nachher hat sich das jedoch wieder gelegt.“ Ein paar Jahre später zog die Familie nach Beggen. Die Umzüge und ihre Zeit in Leicester trugen dazu bei, dass viele Freunde und Verwandte ihr verschiedene nationale Identitäten zuschrieben. So wurde sie in England als Luxemburgerin angesehen, in Luxemburg war sie ein „Preis“ und bei Verwandten in Deutschland war sie wiederum Luxemburgerin. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung wo ich eigentlich hingehörte und es ist mir auch heute egal was auf meinem Pass steht“ erklärt sie, und klingt dabei ein bisschen verbittert. Verständlich, denn damals hat diese ständige Kategorisierung ihr zu schaffen gemacht. So sehr, dass Künstlerin sich in ihrem Schaffen damit auseinandersetzte. „Ich hatte so ein altes Nazi Propagandabuch, in dem natürlich sämtliche retuschierte und inszenierte Fotos von Hitler zu sehen waren. Die habe ich dann mit Blitz fotografiert und jedes Mal entstand dann durch die Abspieglung eine Art Heiligenschein auf Hitlers Kopf. So habe ich sozusagen eine doppelte Fälschung aus den Fotos gemacht. Die habe ich dann für eine Ausstellung benutzt. “Die Installation bestand aus einer braunen Wäscheleine, auf der die Fotos hingen und deren Ende zu einem Strick verknotet war. An dem Strick hing die Erklärung des Werkes. Die Eindrücke der Besucher waren unterschiedlich. „In England waren die Leute zwar sehr interessiert, aber nicht sonderlich erschrocken.“ Dies war nicht der Fall in Luxemburg, wo die Installation auf dem Musikfestival „Out of the Crowd“ in Esch zu sehen war.  „Manche haben sich total aufgeregt und gefragt, was denn diese Nazi Scheisse auf einem Musikfestival zu suchen hätte. Es hat sich dann herausgestellt, dass genau diese Besucher den Text am Ende der Installation nicht gelesen hatten und gar nicht verstanden, um was es überhaupt ging.“ Das Provokative war natürlich ein wichtiger Aspekt des Stückes. „Ich wollte provozieren, weil ich ja damals auch immer provoziert wurde. Mit der Ausstellung wollte ich halt sagen, dass man mich einfach in Ruhe lassen soll und mir nicht eine Vergangenheit ins Gesicht reibt, mit der ich nichts zu tun habe“, erklärt sie. Doch die Wut von damals scheint wieder vergangen, Anne fühlt sich heute ruhiger und entspannter. Sie erklärt, dass die Geburt ihrer Tochter letztes Jahr der Auslöser für diese Wandlung war. Die Schwangerschaft hat dazu beigetragen, dass „nicht mehr alles so düster und negativ ist“, und auch Anspielungen auf Themen, die sie in früheren Werken verarbeitet hat – wie Tod, Sünde, Verzweiflung – fallen ihr heute nicht mehr so leicht. „Ich kann keinen Tatort oder Nachrichten mehr kucken, es ist mir zu brutal“ erzählt sie. „Seit der Schwangerschaft ist die Welt doppelt grausam und ich kann diese Sachen einfach nicht mehr kucken“. Diese neue Sicht der Dinge hat demnach grundliegende Veränderungen in ihrer Kunst mit sich geführt. „Ich würde sagen, dass ich jetzt eher schöne, ästhetische Kunst mache. Ich gehe gerade in eine Richtung, die definitiv nicht mehr so provokativ ist.“ Kurz: „Jetzt kann man meine Sachen ins Wohnzimmer hängen, vorher konnte man das nicht“, lacht sie. Und was bei Lindners an den Wänden hängt, soll vor allem den Nachwuchs nicht verstören. „Mit der Kleinen möchte ich nicht so düstere Sachen machen. Ich will sie ja nicht verkorksen mit meiner Kunst,“ so die Künstlerin. Die Begeisterung für Polemik hat sie trotzdem nicht verloren. „Ich find kontroverse Sachen noch immer super, und in meiner Jugend dachte ich halt auch, dass ich als Künstlerin so sein muss. Aber das hat sich jetzt geändert. Vielleicht kommt das nach einer Zeit zurück und ich werde wieder die Sau rauslassen, aber im Moment eben nicht“, sagt sie.  Momentan tobt Anne sich eher mit Materialien aus. „Ich male sehr gerne mit Acrylfarben, Schellack und Sand. Jetzt habe ich entdeckt dass man mit Federn tolle Sachen machen kann. Eigentlich benutze ich gerade alles was mir unter die Finger kommt.“ Rezente Bilder der Künstlerin zeichnen sich durch ungegenständliche Kompositionen aus. In der „Abstract“ Serie, die Anne mit Acryl Farben und Schellack gemalt hat, stechen überwiegend warme Farben hervor. „Blue Sea“, eines der Bilder der gleichen Reihe, wirkt durch den Gebrauch von klarem Cyanblau auf den ersten Blick aufwühlend, erinnern dann plötzlich doch an einen Tag am Meer. In „Erinnerung I“, II und III bedecken grauen Flächen die wärmen Farben und wirken wie bedrohliche, unheilverkündende Wolken.  Die Autorin der Bilder wirkt allerdings alles andere als bedrückt oder beängstigt. „Ich weiss momentan was ich machen will, eben wegen meiner Tochter und auch beruflich. Ich will mein eigener Boss sein und nicht in irgendeinem Büro sitzen.“ Genau das hat Anne verwirklicht indem sie sich im Februar als freischaffende Künstlerin angemeldet hat. „Ich bin quasi ins kalte Wasser gesprungen“, sagt sie. „Vorher war ich in der Babypause, habe natürlich weiterhin Kunst gemacht, aber nicht so intensiv. Das Jahr 2009 war so mein Start für das was ich jetzt mache.“ Annes Neuanfang kündigt sich jedenfalls viel versprechend an; im Interview verrät sie, dass sie gerade wieder einen Auftrag erhalten hat. Sie besitzt zwar eine Internetseite, doch ihren Erfolg hat sie grösstenteils den Weiterempfehlungen ihrer Kunden zu verdanken.„Leute die mich kennen erzählen ihren Freunden, dass sie da ein Mädel kennen das malt und die beauftragen mich dann halt wenn sie etwas brauchen. So läuft das momentan Alles sehr gut.“ Anne erstellt jedoch nicht nur Malerei auf Anfrage. Die Künstlerin schöpft aus ihrer Vielseitigkeit um ihren Kunden zum Beispiel ein Dienst namens „Forget-me-not“ anzubieten, eine Art persönliches Multimedia Dokument, bei dem die Künstlerin die Produktion übernimmt. Ein anderes Projekt ist im künstlerischen Neustart entstanden.„Ich habe wieder angefangen zu zeichnen und denke dran, ein Kinderbuch zu verfassen“, so Anne. Die Idee kam Anne im Schlaf und die Geschichte handelt vom Träumen. „Es geht um ein Mädel, das Alpträume essen kann. Als sie sich eines Tages jedoch entscheidet, auch die guten Träume zu vernaschen, passiert ein Unglück“ erzählt Anne. Wie es weiter geht, kann man vielleicht bald nachlesen, denn Anne plant, das Werk zu veröffentlichen. Projekte sind für jeden Künstler wichtig, und so hat sich Anne zur Aufgabe gemacht, eine Galerie für die nötige Unterstützung zu finden. Ihr Ziel ist es, auf internationalen Festivals teilzunehmen. „Ich würde halt gerne eine Galerie finden, die mich auf Kunstfestivals wie Art Cologne oder Frieze Art Fair in London unterstützt“, so Anne. Die Idealvorstellung der Künstlerin ist allerdings, eine Ausstellung selbst zu gestalten. „Ich würde gerne einen Laden für ein oder zwei Wochen mieten und darin machen, was ich will,“ erklärt Anne und beschreibt somit das Konzept der „Pop-up“ Shops. Dies sind eine Art temporäre Kunstinstallation, die von Läden zu Läden reist und vor allem in Grossbritannien seit längerem sehr beliebt sind. Bis ein solches Konzept sich in Luxembourg durchgesetzt hat, wird wohl noch eine Weile vergehen. Bis dahin können immer noch spontanere Veranstaltungen geplant werden, wie zum Beispiel spontane Kunstveranstaltungen unter freiem Himmel: „Im Sommer gibt es ja die ganzen Kunstfestivals, da dachte ich mir ich könnte meinen Garten in eine Open Air Galerie umfunktionieren. Man könnte halt Flugblätter verteilen und schauen wer vorbeikommt“, so Anne. Pläne und Ideen hat Anne demnach reichlich, und man ist gespannt auf die nächsten Entwicklungen der freischaffenden Künstlerin. Unabhängig von der Richtung, die sie in ihrer Kunst einschlagen wird, sind zwei Sachen für die freischaffende Künstlerin momentan wichtig: „Networking und Organisation“. Auf die Frage, welches denn ihr wichtigstes Projekt momentan sei, antwortet sie jedoch ohne zu zucken: „Baby, baby, baby, baby!“ und lacht. Claire Barthelemy


Fichiers :
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