06/05/2010 15:51 Il y a : 9 yrs

Charly Reinertz - Der stille Perfektionist

Catégorie : 93/2010 - Artiste indépendant 93/2010 - Artiste indépendant

Charly Reinertz, 1944 in Diekirch geboren, ist ein bescheidener und freundlicher Mensch. Seit 1986 lebt er in einer Schlafsiedlung ganz oben in der Rue de Reckenthal, die dort von der Hauptstadt in die Gemeinde Strassen übergeht. Fast jeden Tag begegnet man dem Künstler im Bambësch, wo er seine zwanzig oder dreißig Kilometer auf dem Mountainbike herunterkurbelt, um sich fit zu halten. W ohl kaum ein Spaziergänger ahnt, dass dieser unscheinbare, aber gut durchtrainierte Freizeitsportler, inzwischen 65 Jahre alt, eine markante Luxemburger Künstlerpersönlichkeit ist. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen seiner Generation macht er kein großes Aufhebens um seine Person. Als wir ihn vor Wochen in seinem Haus besuchten, waren wir zuerst einmal erstaunt über die Innenarchitektur. Pop-Art, Andy Warhol, sechziger Jahre: das waren so die Klischees, die uns spontan einfielen, als wir die durchgestylten und farbenfrohen Wohnzimmermöbel erblickten. Charly hat sie zusammen mit einem bekannten Luxemburger Schreiner selbst entworfen und anfertigen lassen. Design pur, und an den Wänden von ihm kreierte Lichtbilder, die, einmal an die Steckdose angeschlossen, einen kühlen Charme ausstrahlen. Sein Atelier ist im Obergeschoss, gleich unterm Dach. Alles sauber aufgeräumt, ein strenges, fast klösterliches Ambiente. Seine neuen Kreationen lehnen an der Wand und wirken auf den ersten Blick hyperrealistisch. Man denkt sofort an moderne Spritzkompressormethoden.  Aber nix da. Der Künstler erklärt sich: Alles minutiös mit dem Pinsel gemalt. Charly nennt es Lasurmischtechnik aus Öl und Acryl. Schichtenweise aufgetragen. Fast wie vor Hunderten von Jahren. Reinertz ist ein Geduldsmensch, ein begnadeter Kunsthandwerker, ein stiller Perfektionist. Diskrete Lehr- und Meisterjahre Malen, aber vor allem Zeichnen, sei schon immer seine Leidenschaft gewesen, erzählt er uns. 1970 habe er die Limpertsberger Ecole des Arts et Métiers besucht, habe in den sechziger Jahren aber zuerst einmal einen ganz normalen Brotberuf ausgeübt. Zum Beispiel einige Jahre lang als Busfahrer. Später einige kleine Aufträge als PR-Grafiker für Luxemburger Firmen. Frust.  Ende der sechziger Jahre dann schwappte der Pariser Mai auch nach Luxemburg über. Künstler und Literaten gründeten die Consdorfer Scheune. Es herrschte Aufbruchsstimmung. Charly Reinertz schreibt sich 1971 auf der Freien Kunstschule in Stuttgart ein, ein Jahr später wechselt er – von 1972 bis 1976 – auf die Stuttgarter Staatliche Akademie für Bildende Kunst über. Nach einer Stagezeit im Atelier des charismatischen Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka wird er schließlich selber Lehrbeauftragter (bis 1978) an der Stuttgarter Akademie. Viele seiner ehemaligen Schüler gedenken ihrem einstigen Lehrmeister noch heute mit Respekt in ihren Internet-Biographien. Zurück nach Luxemburg Seine erste Einzelausstellung hat Charly 1976, also mit zweiunddreißig Jahren, in seiner Heimat Luxemburg. Ein damaliger Kritiker skizzierte den Künstler wie folgt: "Man erkennt seine Vorliebe für die Überspitzung, öfters schwimmen seine Figuren in übergroßen Hemden und Hosen, tragen zu kleine Hüte und Mützen, von Weinranken umhangene oder gekrönte Häupter. Die darin enthaltene Symbolik ist nicht zu übersehen. Seine Figuren wirken clownesk, grotesk, surreal, um mit beiden Füßen in der Surrealität zu landen. Sehr oft sind gemeinsame Gesichtszüge mit dem Künstler selbst zu erkennen. Seine Bilder zeigen Verwandtschaften mit den Figuren von Fellini und Beckett. Ob sie vielleicht auf Godot warten?" Bei Charly Reinertz fallen einem Namen wie Joseph Kutter und Foni Tissen ein. Auch diese Luxemburger Künstler waren einsame Sucher nach dem Ich, der Welt und dem Sinn des ganzen Zaubers. Und sie waren, genau wie Charly, Perfektionisten. Ihr einziger Fehler: Sie fuhren nicht Mountainbike. René Clesse


Fichiers :
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