07/03/1999 18:06 Il y a : 20 yrs

Die Zerstörung der Gëlle Fra am 21. Oktober 1940

Catégorie : 60/1999 - Gëlle Fra 60/1999 - Gëlle Fra

?Eines der wenigen Monumente der Stadt Luxemburg war 1940 die 1923 errichtete Gëlle Fra. Die auf einem Obelisken stehende vergol- dete Siegesgöttin erinnerte an die luxemburgi- schen Freiwilligen des Ersten Weltkrieges, die auf alliierter Seite gefallen waren. Hier legten auslän- dische Delegationen, aber auch die wenigen offiziellen Staatsbesucher Blumengebinde nieder, und so wurde aus diesem von der Bevölkerung finanzierten Kunstwerk bald ein nationales Monument, das die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes symbolisierte. Vom 10. Mai bis zur Zerstörung der Gëlle Fra kam es immer wieder vor, daß uner-schrockene Luxemburger dort Blumensträuße niederlegten, um so ihrer Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Als Gauleiter Simon sich daran machte, ?die Herzen der Luxemburger für das Deutschtum zu gewinnen", war ihm klar, daß alle Denkmäler, die an die Unabhängigkeit des Landes erin-nerten, verschwinden müßten. An erster Stelle stand dabei die Gëlle Fra. Bei den ersten Überlegungen, die deut- ischerseits deswegen angestellt wurden, war daran gedacht worden, eine Einheit der Wehr-macht damit zu beauftragen. Dies scheiterte aber am Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich, General von Falkenhausen, der dem Kommandeur der 71. Infanterie-Division untersagte, ?Kräfte zur Durchführung einer Maßnahme zur Verfügung zu stellen, die aus- schließlich auf dem Gebiet der Zivilverwaltung liegt". Von seiten der Aktivisten der Volksdeut- schen Bewegung war angeregt worden, die Gëlle Fra im Anschluß an die erste Großkundge- bung mit Gauleiter Simon am 28. September 1940 zu zerstören. Doch daraus wurde nichts, da man ?deutschfeindliche Kundgebungen" be- fürchtete. Am 10. Oktober wurde der Stadtarchitekt, Herr Petit, mit der Angelegenheit befaßt, nachdem Dr. Münzel, der Stellvertreter des Chefs der Zivilverwaltung, sich bei Oberbürger- meister Hengst darüber beschwert hatte, daß das Denkmal immer noch stünde. Stadtarchitekt Petit versuchte nun, durch verschiedene Vorschläge zur Entfernung der französischen Inschriften das Denkmal selbst vor einem Abbruch zu schützen. Diese Anregungen stießen aber auf völlige Ablehnung seitens des Gaulei- ters. Am Freitag, den 18. Oktober wurden der Stadtarchitekt und der Leiter des Stadtbauamtes zum deutschen Stadtamtmann Boggemes bestellt und erhielten den Auftrag, das Denkmal innerhalb von drei Tagen abzureißen und das Material zu beseitigen. Trotz ihrer Proteste und des Hinweises, die Arbeiten seien in dieser kurzen Zeit nicht zu bewältigen, bestand Boggemes auf der Durchführung. Herr Petit sah sich deswegen gezwungen, Vorarbeiten zum Abbruch durchzuführen. Er nahm Kontakt mit mehreren Bauunternehmern auf, um mit ihnen die Möglichkeiten eines fachgerechten Abbruchs zu erörtern. Einige Bauunternehmer lehnten es rundweg ab, bei der Zerstörung des Denkmals mitzuwirken, und einer, der prinzipiell dazu bereit war, scheiterte an der Weigerung seiner Arbeiter, bei dieser Tat mitzumachen. Immerhin verbreitete sich an diesem Tag die Nachricht in der Stadt, daß die Zerstörung des Denkmals erfolgen sollte. Am Samstag, den 19. Oktober ließ Ober- bürgermeister Hengst Petit zu sich kommen. Nachdem er gehört hatte, daß die privaten Bauunternehmer sich weigerten, den Abbruch vorzunehmen, verlangte er, daß die Arbeiter des städtischen Bauamtes das Denkmal abreißen sollten. Alle Argumente gegen diesen Plan lehnte er kategorisch ab, und so kam man auf den Gedanken, den Obelisken mittels einer Dampf- walze umzuziehen. Man bestellte eine Arbeiter- kolonne, holte Seile, Feuerleitern und von Karp- Kneip eine Dampfwalze. Zwar wurde noch versucht, Zeit zu gewinnen, doch schließlich wurde der Stadtarchitekt schriftlich vom Ober- bürgermeister aufgefordert, sofort die Zer- störung vorzunehmen. Von Petit informiert, rief Bürgermeister Diderich den Schöffenrat zusammen, aber ihr Antrag, den Abbruch zu verschieben, stieß ebenfalls auf Ablehnung. Als man sich nun an die Verwaltungskom- mission wandte, gelang es den Regierungsräten Simmer und Carmes, bei der Zivilverwaltung eine einstweilige Einstellung der Abbrucharbeiten zu erreichen. Ein erster Versuch, den Obelisken umzureißen, mußte aufgegeben werden, da die Stricke rissen. In der Zwischenzeit waren Kreisleiter Müller aus Trier und der Distriktsleiter der VdB, Marius Didesch, zur Gëlle Fra gekommen. Sie ließen sich davon überzeugen, daß der Abbruch so schnell nicht durchzuführen sei und versprachen, beim CdZ zu intervenieren, Die Dampfwalze, die Feuerleitern und die Stahlkabel wurden in die Depots zurückgebracht. Kreisleiter Müller ordnete jedoch an, um das Denkmal einen drei Meter hohen Bretterzaun zu errichten, was gegen 19.00 Uhr auch geschehen war. Während des ganzen Nachmittags waren zahlreiche Luxemburger zur Gëlle Fra gekom- men, deren Verhalten der SD folgendermaßen beschrieb: ?Es hatte sich eine große Men- schenmenge angesammelt, die dieser Arbeit zusah. Rufe wie «Wir wollen keine Preu- ßen werden», «Hurenpreußen», «Saubande», «Dreckbande», «Das ist eine Gemeinheit», «Rode Loew erwach» u. a. wurden laut. So wurde auch versucht, das Nationallied Feierwon anzustimmen. Der anwesende Kreisleiter Müller war mit den verschiedensten Schimpfnamen aus der Menge betitelt worden. Die Demonstranten waren in der Haupt- sache Schüler des Athenäums und halberwach- sene Mädchen aus höheren Schulen. Die Frau- enwelt beteiligte sich in starkem Maße an den Schimpfereien. Den ganzen Tag über war die Gegend um das Denkmal das Ausflugsziel eines großen Teiles der Einwohner aus Luxemburg- Stadt. Als die Schüler des Konvikts um 14.00 Uhr zum Athenäum zogen, erschallten aus deren Mitte beleidigende Zurufe. Allenthalben bildeten sich kleine Gruppen, die ziemlich laut und erregtihrer Meinung über den Vorfall Ausdruck verliehen. Viele Luxemburger ballten die Fäuste und bedienten sich Ausdrücken wie «Es kommen bestimmt noch andere Zeiten». «Das Denkmal ist von unserem Geld hingestellt worden, die Deutschen haben kein Recht, uns dasselbe niederzureißen.» Viele Jugendliche, vorwiegend Schüler höherer Lehranstalten, trugen zum Zeichen des Protestes an den Rockaufschlägen Zündhölzer, die nach entsprechender Umände- rung die Landesfarben rot-weiß-blau erkennen Das Einsatzkommando der Sicherheitspo- lizei und des SD schritt am 19. Oktober 1940 zur Festnahme einer Anzahl Personen. Der Propa-gandatrupp der VdB, der von den Vorfällen Kenntnis erhielt, setzte mehrere Angehörige des PT zur Straßenüberwachung ein. Diese nahmen sämtliche Passanten, die die Streichhölzer im Knopfloch trugen, fest, brachten sie zur Dienststelle der VdB und stellten Nachforschungen darüber an, welche Kreise sich hinter den Demonstranten versteckten. Soweit diese ein widerspenstiges Verhalten zeigten, erhielten sie Prügel. Im Anschluß daran wurden die Festgenommenen dem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD zur Verneh- mung übergeben. Insgesamt wurden dreizehn Personen festgenommen, bei denen es sich ausschließlich um Schüler handelte." Auch am Sonntag pilgerten die Stadtbe-wohner zahlreich zu ihrer Gëlle Fra. Am gleichen Tag hielt der Gauleiter seine erste große Rede vor den Arbeitern in Esch. Mit keinem Wort ging er auf ;die Ereignisse in der Stadt Luxemburg ein. Am Montagmorgen blieb es dann auch in Luxemburg ruhig. Am Nachmittag des 21. Oktober aber verlangte der Oberbürgermeister erneut die sofortige Zerstörung des Denkmals. Diesmal gab es keine Möglichkeit mehr, den Abbruch zu verhindern. Ein Stahlseil wurde um den oberen Teil des Obelisken gelegt, und mit der Dampfwalze wurde dieser dann umgezogen. Beim Sturz brach die Gëlle Fra in drei Teile. Das untere Schaftstück des Obelisken wurde in glei- cher Weise umgelegt. Vorher hatte die Firma Jacquemart aber noch die beiden Bronzefiguren am Sockel abmontiert und sie so vor der Zerstörung gerettet. Die Bruchstücke des Obelisken und des Sockels wurden dann zum Bauhof der Gemeinde nach Hollerich abtrans-portiert. Noch etwa eine Woche lang waren die Arbeiter der Gemeinde damit beschäftigt, den Sockel abzutragen und den Platz als Blumenbeet herzurichten. Die im Sockel eingemauerten Urkunden wurden vom Stadtarchitekten gerettet und im städtischen Bauamt in Sicherheit gebracht. Auch die Ereignisse des Montagnachmit- tags hat der SD in seinem Bericht festgehalten ?Am Nachmittag des 21. Oktober 1940 wurde das Denkmal endgültig niedergelegt, wobei sich eine große Menschenmenge einfand, die ihren deutschfeindlichen Gefühlen freien Lauf ließ. Die Durchführung der Arbeiten war durch polizeiliche Absperrmaßnahmen gewähr- leistet. Der Aufforderung der Ordnungspolizei Oktober 1940: Naziaufmarsch vor der ?Gëlle Fra" Der Beginn der Abrigarbeiten 17Nach dem brutalen Abriß ließen die deutschen Besatzer Blumenbeete anlegen 0 Photothèque de la Ville de Luxembourg 18 an die Menge, sich zu zerstreuen, kam diese nicht nach. Aus diesem Anlaß wurden Männer des Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD für kurze Zeit eingesetzt, die binnen kürzester Zeit die Menschenansammlungen zerstreuten und bei dieser Gelegenheit 48 Personen festnahmen. 40 Personen wurden nach Überprüfung und eingehender Verwar-nung wieder entlassen, während 8 Personen wegen reichsfeindlicher Äußerungen, Tragens besonderer Abzeichen und wegen Widerstandes vorläufig in Polizeihaft verblieben. Die Vernehmungen und sonstige Feststel- lungen ergaben, daß die Organisation der Kund-gebung wie auch das Tragen des Streichholzab- zeichens von Angehörigen des Gymnasiums in Luxemburg vorbereitet wurde und im wesentli- chen in der deutschfeindlichen Beeinflussung seitens der Lehrer dieser Anstalt seinen Ursprung findet. Nach den weiteren Feststellungen wird der Studienzirkel der katholischen Mittelschule als Hauptträger der in der letzten Zeit verstärkten deutschfeindlichen Tätigkeit, die sich z. T. in der Anbringung deutschfeindlicher Inschriften und in dem Abreißen von Plakaten der VdB äußerte, zurückzuführen sein. Als Hintermänner dieses Studienzirkels werden in deutschfeindlichen Kreisen der Leiter desselben, der Klerus und die Mittelschullehrerschaft angesehen". Immerhin registrierte der SD auch die nega- tiven Folgen, welche die Zerstörung der GO le Fra hatte: ?Die vorgenommenen Verhaftungen werden in Luxemburg zum Anlaß genommen, sich weiter in hetzerischer Form deutschfeindlich zu betätigen. Es werden Bemerkungen gemacht wie «Wenn die Deutschen meinen, daß sie damit die Luxemburger dem Anschlußgedanken näher bringen, dann haben sie sich gewaltig in den Finger geschnitten»." Um diesen entgegenzuwirken, versuchte die gleichgeschaltete Presse die Zerstörung zu begründen und zu erklären. Im Luxemburger Wort vom 23. Oktober 1940 sprach man vom ?Ende einer güldenen Lüge", von ?einer Maßnahme geschichtlicher Gerechtigkeit" und von der ?Beseitigung des Schandmales des Brudermords", konnte aber damit die Luxem- burger nicht überzeugen. Auch als Gauleiter Simon im Februar 1941 versprach, an der Stelle der Gëlle Fra ein Denkmal für ?Johann von Böhmen, (...) der im Kampfe gegen England gefallen ist", errichten zu lassen, hatte man dafür wohl nur ein müdes Lächeln. Paul Dostert Bibliographie: ? Spezialnummer des RAPPEL, 4/5 1985; ? SD-Bericht vom 22. Oktober 1940; ? Rapport du Directeur du Service des Travaux de la Ville de Luxembourg du 27 décembre 1944; ? Luxemburger Wort, Oktober 1940, Februar 1941.


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60/1999 - Gëlle Fra

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