07/09/1999 18:47 Il y a : 19 yrs

Batty im 19. Jahrhundert

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?Satire Wie viele Luxemburger, die manch Wider- sprüchliches über das für fast 50 Milliarden Gold- mark instandgesetzte Kammergebäude gehört und gelesen hatten, wollten sich Batty Zimmer- Kummer, seine Frau Marguerite, Großmutter Amelie, die Kinder Steve und Iris sowie das Meerschweinchen Emil verständlicherweise selbst ein Bild über die Örtlichkeiten machen. Und so standen sie an diesem Sonntag nach-mittag, an einem der ? Tage der Offenen Tür", geduldig am Dienstboteneingang hinter dem Palais Schlange, um Einlass in die geheiligten Räume des Hohen Hauses zu erhalten. Man musste die Gelegenheit beim Schopf nehmen, denn sie würde sich sobald nicht mehr bieten. Die mit der Renovierung und Vergröße- rung betrauten Architekten hatten dafür gesorgt, dass alles im Geiste des letzten Jahrhun-derts gestaltet wurde, so dass der Dienstboten-bereich, also der Zugang für das Volk, wie in einem englischen Landhaus vom Hohen Hause, dem eigentlichen Tagungsort der Parlamentarier, abgetrennt worden war. In einer Demokratie war das ein unschätz- barer Vorteil, denn wenn Demonstranten oder Bittsteller ihre Petitionen künftig überbringen würden, könnten die Deputierten an der anderen Seite des Gebäudes sie weder sehen noch hören und müssten sich nicht belästigt fühlen. Das Volk würde unsichtbar über Hinter- treppen und Nebengänge zu den Zuschau- errängen geleitet, ohne unterwegs auf Mitglieder des Hohen Hauses zu treffen. Und so drängelte sich heuer viel Volk in dem brandneuen und modernen Korridor und auf der Wendeltreppe rund um den gläsernen Lift. Der Massenandrang an Schaulustigen glich jenem auf der Braderie oder auf der Herbst- und Frühjahrsmesse. Stöhnend und schwitzend arbeitete sich die Familie Zimmer-Kummer nach oben zur Galerie, wo sie von streng drein- blickenden Kammerdienern in Livree in Augen-schein genommen wurde. Nicht schlecht staunten Batty und die Seinen, als ihnen von einem distinguierten Herrn, der sich als Kammerkanzlist ausgab, erklärt wurde, dass sie sich an eine gewisse Kleiderord- nung zu halten hätten, um überhaupt Zugang zum alten Teil des Gebäudes zu erhalten. Da dieser im Stil des 19. Jahrhunderts renoviert worden war, mussten die Besucher sich auch 26 Batty im 19. Jahrhundert entsprechend einkleiden. In einem in der Garde- robe zur Feier des Tages eigens eingerichteten Kostümverleih wurde Batty höflich angewiesen, seine kleinkarierte Jacke, seine Jogginghose und die weißen Tennissocken nebst den braunen Schuhen unter einer angemessenen Tracht zu verstecken. Während ihm ein englisches Cape mit Armschlitzen, Durchgrifftaschen und Kapuze zum Überziehen sowie ein Zylinder ausgehän- digt wurden, mussten sich Marguerite und Großmutter Amelie sowie die Kinder Steve und Iris regelrecht umziehen. Die Frauen standen schließlich in Reifröcken mit Cul de Paris und Negligé-Jäckchen da (Großmutter Amelies Aufzug erinnerte entfernt an die Reitkleidung, wie sie vor der französischen Revolution bei Hofe üblich war), derweil Steve und Iris in ein Matro- senkostüm bzw. ein Chemisekleid gezwängt wurden. Nur das Meerschweinchen Emil kam unbehelligt durch die Kontrolle. Und so standen sie auf der großen Zuschau- ertribüne und blickten hinunter in den pracht- vollen Plenarsaal mit den rotweißgeäderten Säulen aus Marmorimitat, dem goldenen Stuck, dem bunten Teppichboden und dem riesigen Kronleuchter mit seinen Glühbirnen, die aussahen wie züngelnde Kerzen. Großmutter Amelie ärgerte sich, als sie sah, wie achtlos die Besucher durch diese Würde und Autorität ausstrahlenden Räume fegten und dabei die kostbaren Teppichböden arg in Mitlei- denschaft zogen. ? Wer soll das alles putzen und abstauben?", fragte sie angesichts der Fülle an Vergoldungen und Zierrat an Wänden und Decken. Das vorbeiziehende Volk war schwer beein-druckt von dem Prunk. Es sagte ?Aaah!" und ?Oooh!" und war voll Bewunderung über die moderne Computertechnik in den Pulten der Volksvertreter. Ja, das Parlament hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und der Moder- nität derart gehuldigt, dass es Zentralheizung und elektrisches Licht hatte installieren lasse40 eeoliiii Einige Räume waren sogar mit fließend Wasser versehen worden, und es gab jetzt c einige nach Geschlechtern getrennte KI setts. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts eine wahre Revolution. Tollkühn mutete schließlich die Kabelverbindung zwischen dem Plenarsaal unte der gegenüberliegenden ?Maison de la Pres;é2 Eigentlich hatte die Familie Zimmer-Kummer ja dem im Casino untergebrachten Museum für zeitgenössische Kunst einen Besuch abstatten wollen. Aber als sie merkten, dass man dort Eintritt bezahlen muss, entschieden sie sich für eine Besichtigung des renovierten Kammer- gebäudes. Um so mehr als der Eintritt während der dortigen ?Porte Ouverte" frei war und es hinterher im großen Bierzelt auch noch etwas zu trinken gab. an, eine staatlich subventionierte Journalisten- kneipe, wo die Parlamentsdebatten fortan direkt vom Tresen aus verfolgt werden konnten. Unten im Plenarsaal gab ein glatzköpfiger älterer Herr wild gestikulierend Erklärungen für die Besucher ab und führte sie durch die Salons mit fußgemalten Porträts vormaliger Großher- zöge. Schaudernd nahmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass das Parlamentsbüro gerade noch Pläne vereitelt hatte, das Gebäude bis auf die Fassade abzureißen und alles ganz modern zu gestalten. Schrecklich! So aber sah alles aus wie vor 120 Jahren: ?Ausserdem haben wir eine neue Direktverbindung zwischen dem Plenarsaal und dem Palais geschaffen, damit der große Saal blitzschnell für Festbanketts umgebaut werden kann. Das ist sehr bequem bei einem Putsch. Da kann der Herrscher hoch zu Ross durch die neue Passage in den Plenarsaal reiten, alle Deputierten mit seinem Säbel köpfen und das Parlament abschaffen, wenn er gerade Lust dazu verspürt", plapperte der Führer. Die Rallye durchs Parlament endete mit einem lustigen Quiz, bei dem die Besucher raten mussten, wie hoch die Gardinen waren und ob es sich bei den etwas steif wirkenden Gestalten auf den goldgerahmten Bildern an den Wänden um Außerirdische oder richtige Astronauten handelte. Dann gab es noch die Eintragung ins goldene Buch, und es wurden Pins verteilt. Die Kinder erhielten sogar ein 140teiliges Puzzle der Abgeordnetenkammer nach einem Wandtep-pich in Patchworktechnik. Das Puzzle befand sich in einer Schachtel, auf der der Name des Künstlers Ota Nalezinek mit ?Ota Malezinek" angegeben war.4 1 Zum Schluss der Visite genehmigte sich die Familie Zimmer-Kummer ein Glas Sekt in dem mit Blumenarrangements und Messingleuchtern geschmückten Festzelt. Für die Kinder gab es eine Brauselimonade (die Cola war noch nicht erfunden), und das Meerschweinchen Emil erhielt eine Sonderration Vogelfutter. Die Besucher hatten dann aber auch noch Gelegenheit, sich mit ein paar echten Parlamen- tariern über Politik, Teppichböden und Brokat- vorhänge zu unterhalten, wobei auch hohe Staatsgäste anwesend waren. Diese saßen frei- lich etwas abseits, vor einer elektrisch beleuch- teten Kamin-Attrappe. Es handelte sich um jene Ehrengäste, die vor langer Zeit schon einmal im Bankettsaal des Parlaments gespeist hatten, wie die englische Königin, die Könige von Belgien, Norwegen und Schweden und Präsident Pompidou. Sogar der leibhaftige und noch sehr rüstige Marschall Tito war zur Stelle und führte ein angeregtes Gespräch mit der Wachsfigur des neuen Bürgermeisters über die Verhängung eines Ausgehverbots für Nachteulen. Müde aber glücklich bedankten sich die Zimmer-Kummers bei ihren Gastgebern für den freundlichen Empfang und den gelungenen Nachmittag und strebten dem Ausgang zu. Vor dem Festzelt wartete eine Pferdedroschke. Nachdem die Familie Platz genommen hatte, klopfte Batty mit dem silbernen Knauf seines Gehstocks gegen die Kutschenwand. Der Kutscher trieb die Pferde an. Das Gespann setzte sich ächzend in Bewegung. Das Geräusch der Pferdehufe und der Räder auf der gepflasterten Straße war noch eine Weile zu hören. Dann kehrte Stille ein. Ein Nachtwächter löschte die Gaslampen und sperrte das Stadttor zu. Jacques Drescher


Fichiers :
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