18/07/2011 11:17 Alter: 8 yrs

„natur musée“: Wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht!“ sagen

Kategorie: 97/2011 - Tiere 97/2011 - Tiere

 

Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, das „natur musée“ vorschnell als „Kinderkram“ abzutun. Immerhin ist hier nämlich von einem wahren Publikumsmagneten die Rede: 2010 zog es stolze 36 985 Besucher an, die meisten davon übrigens nicht Kinder, sondern Erwachsene! Zählt man noch „extra muros“-Initiativen wie „Mam Musée an d’Natur“ sowie Veranstaltungen des Musée-Bus/Galileo Mobil und des Panda/Science-Club hinzu, kommt man auf ganze 57 595 Menschen, die sich von den vielfältigen Amgeboten des Museums im vergangenen Jahr überzeugen ließen.

Nicht nur im Dickicht des stillen, lauschigen Waldes sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht!“. Auch in der scheinbar stets rastlosen Stadt haben beide einen Ort gefunden, an dem sie unbehelligt vom ganzen Rummel verweilen können. Zugegeben, ein kleiner Haken ist schon an der vermeintlichen Idylle dran. Denn weder Reineke Fuchs noch Meister Lampe erfreuen sich wirklich an besagtem Luxus. Der Preis der Ewigkeit lautet nämlich Taxidermie, i. e. die Haltbarmachung für Forschungs- aber auch Dekorationszwecke durch Präparation. Das städtische Dasein der – wilden – Tierwelt beschränkt sich, anstatt sich selbst zu laben, eher darauf, Freude zu bereiten: Was ja, wenn auch nur begrenzt tröstlich, immerhin schon das ist, geht es doch darum, die zahlreichen Besucher, die tagtäglich ihren Weg ins „natur musée“ im Stadtgrund finden, zu erfreuen.

„Wir sind nicht – wie unsere Kollegen von vergleichbarer Größe in Brüssel, Straßburg oder Nancy – ein touristisches Mu-
seum, sondern ein solches, in dem vornehmlich lokale Besucher zusammenkommen“, erklärt Patrick Michaely, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im „Musée national d'Histoire naturelle“, kurz MNHN. Kinder seien dabei vor allem einfach nur begeistert, Tiere zu sehen, Jugendliche fänden im pädagogischen Programm das Richtige und Erwachsene seien vor allem an den Sonderschauen interessiert, so der Museumsmitarbeiter weiter.

Jäger und Sammler mal anders

 

Wenn man es sich recht überlegt, dürfte man ein naturhistorisches Museum durchaus als die zivilisierte Form des urzeitlichen Jäger- und Sammlertums bezeichnen. Und hinter der vermeintlich langweiligen Unbeweglichkeit der ausgestopften Tiere eröffnen sich durchaus aktive Kulissen, in denen die 93 festen Mitarbeiter des „natur musée“, aber auch so mancher Praktikant und und so mancher Doktorand wie emsige Bienen ihre überaus facettenreiche Arbeit verrichten.

Die eigentliche Geschichte des „Musée National Histoire Naturelle“ – heute kurz „natur musée“ genannt – beginnt vor über 150 Jahren, 1850 um genau zu sein, mit der Gründung der „Société des sciences naturelles“ unter der Schirmherrschaft des niederländischen Prinzen Heinrich. Vier Jahre später öffnet das erste „Museum“, eigentlich eher ein „Kabinett“, in Räumen des ehemaligen Athénée de Luxembourg, der heutigen Nationalbibliothek, für das Publikum seine Türen: In acht Schränken werden präparierte Vögel, Säugetiere sowie Reptilien, aber auch Muscheln, Insekten und Schmetterlinge gezeigt. Auch Fossilien und Mineralien gibt es zu bewundern.

Bereits 1892 muss die Sammlung Klassensälen weichen und findet eine neue Bleibe im renovierten Flügel der Vauban-Kaserne im Pfaffenthal, die 1956 abgerissen wurden. Nach langem Hin und Her und einer kriegsbedingten Auszeit eröffnet das Museum für Naturgeschichte, an der Seite des Nationalmuseums für Geschichte und Kunst auf Fischmarkt am 20. Februar 1949 seine Pforten. Die Kohabitation dauert bis 1996, als das Museum in der Rue Münster im Stadtgrund seine neue Unterkunft erhält.

Das ehemalige Hospice Saint Jean beherbergt heute das eigentliche „natur musée“; im benachbarten Schulungsgebäude stehen den Jugendprogrammen drei Klassensäle zur Verfügung, indes das eigene wissenschaftliche Forschungszentrum neben sechs Labors auch zwei Depots begreift.

Neben seiner ursprünglichen, mittlerweile durchaus erfolgreich erfüllten Mission der Zusammenstellung einer Materialsammlung wird heutzutage ebenfalls vermehrt auf das Zusammentragen von Daten gesetzt. So führt das Museum u.a. eine „rote Liste“ von Tieren, deren Existenz hierzulande bedroht ist. „Durch diese Art von Informationen, die einen kleinen Flecken auf Europas Karte erfasst, leisten wir unseren Beitrag zur Erstellung eines grenzüberschreitenden, aussagekräftigen Gesamtbildes“, erläutert Patrick Michaely. Biodiversität anschaulich zu zeigen, ist ein zentraler Aspekt des Museums.

 

Eine Sammlung wie ein Eisberg

 

Was könnte wohl die Gemeinsamkeit zwischen der Sammlung des „natur musée“ und einem Eisberg sein, dürfte man sich – einmal abgesehen von der großen Eiszeit-Schau, die es 2004/5 präsentierte – nun an dieser Stelle fragen. Nun, es gibt sie, und zwar gleich mehrfach: Einerseits im Umfang, bei dem beide durch ein ansehnliches Volumen – die Anzahl der Exponate ist dermaßen groß, dass ihre Erfassung ein ständiger „work in progress“ ist –, andererseits ist im „natur musée“, ebenso wie beim Eisberg, nur die sprichwörtliche „Spitze“ zu sehen.

Entstanden ist die umfassende Sammlung über die Jahre hinweg durch diverse Einkäufe von Einzelstücken oder gar kompletten Sammlungen, aber auch durch zahlreiche Schenkungen wohlhabender Gönner; zu diesen gehören die Familien Boch-Buschmann, Dutreux und Pescatore sowie Luxemburger und ausländische Weltreisende wie der Kaufmann Jules Saur aus Rio de Janeiro oder Edouard Luja, der Direktor der Lacourt-Farmen aus Belgisch-Kongo. Auch mehrere Leihgaben des großherzoglichen Hofes befinden sich in den aktuellen Beständen.

Knapp zehn Prozent der Sammlung des Museums sind Besuchern im Grund zugänglich. Der Großteil fristet indes seine schlummernde Existenz im Depot des Museums. War dieses zuerst in einer Lagerhalle auf Howald untergebracht, so gab es erst kürzlich einen Umzug nach Kehlen. „Unser Mietvertrag auf Howald wurde nicht verlängert, so musste schnell eine Lösung her: Die Bestände sind empfindlich und mögen es nicht, hin und her transportiert zu werden“, erklärt der Museumsmitarbeiter und führt weiter aus: „In absehbarer Zukunft soll unser Lager in der 'Cité des Sciences' in Esch Belval sein endgültiges Zuhause erhalten. Das genaue Datum steht noch nicht fest; es wurde bereits wiederholt nach hinten revidiert.“

Wie in den meisten Schatzkammern herrschen auch in Kehlen strenge Regeln: Eine konstant zwischen 16 und 18 Grad angesiedelte Raumtemperatur und eine Luftfeuchtigkeit, die nie aus dem Schnitt zwischen 50 und 55 Prozent abweicht, sind Voraussetzungen für eine optimale Konservierung der Exponate. „Unser größter Feind ist der Museumskäfer; hat der sich einmal eingeschlichen, kann er riesige Schäden anrichten“, so Jean-Michel Guinet, Konservator der zoologischen Abteilung. Auch Schimmel und Motten stellen eine stets lauernde Bedrohung dar, die man nicht unterschätzen dürfe, erläutert der Biologe.

Während viele von Guinets Schützlingen in Kisten, Kartons und mit Formalin gefüllten Gläsern schlummern, dürfen einige ihrer Kollegen Besucher im Museum erfreuen. Einmal pro Woche bekommen alle Besuch vom Trierer Präparator Bernd Schmitz, der nach dem Rechten sieht und, wenn nötig, hie und da ein Ohr oder einen Schwanz bei seinen Schutzbefohlenen ausbessert.

Hirsch, Büffel, Marmelente und Okapi

 

Schreitet man durch die Ausstellungsräume des „natur musée“, die durch Wald, Wiesen, Hecken und Städte führen, so besticht zuerst die abgeklärte Inszenierung, die auf den ersten Blick nüchtern erscheinen mag, jedoch den eigentlichen Hauptdarstellern, sprich den Tieren, durchaus wirkungsvoll das sprichwörtliche Rampenlicht überlässt. Vitrinen sind auf das Notwendigste reduziert, viele der präparierten Tiere sind zum Greifen nahe und das sie umgebende Dekor ist eher „abstrakt“ gehalten.

„Neben unserer Dauerschau, die wir bald erneuern werden – was nach 15 Jahren eigentlich auf der Hand liegt – sind es vor allem unsere temporären Ausstellungen, die Besucher anziehen.“, erläutert Patrick Michaely. So sind u.a. nicht nur 1998 faszinierende Einblicke in das Leben der Marsupilami – die es tatsächlich und nicht nur in der Comicwelt gibt (!) – zu erwähnen, 2003 gab es eine spannende Erforschung des Konzepts der „Zeit“, vor knapp fünf Jahren eine der gemeinen Fliege gewidmete, ungemein lehrreiche Schau, und im vergangenen Jahr waren die Fotografien der faszinierenden Glasmodelle der böhmischen Glasbläser Leopold und Rudolph Blaschka zu entdecken. Verspielt und überaus informativ führt die aktuelle Sonderschau „Farbenfroh“ noch bis Ende Februar kommenden Jahres in die fesselnde Welt der Farben.

Der Grundstein der Sammlung ist ein Bienenfresser aus dem Jahre 1854. Doch wahrlich unerwartete Genossen trifft man in den Beständen des Museums an, die wie eine etwas andere andere Arche Noah anmuten, denn die meisten Passagiere sind ohne Artgenossen an Bord gestiegen.

„Die präparierten Tiere haben ja nicht – wie Werke eines klassischen Kunstmu-seums – einen Wert an sich als Individuum, sondern stehen stellvertretend für ihre Gattung“, führt Michaely aus. Sicherlich gäbe es seltenere Exemplare, wie der Schneeleo-pard, der früher in einem Zoo lebte und nun in einem Ausstellungsraum des ersten Stocks seine Bleibe gefunden hat, so der Museumsmitarbeiter weiter, doch eigentlich richtig wertvoll seien vor allem „espèces-types“,
i. e. Exemplare nach denen eine neue Art definiert wurde. Auch deren gibt es ein gutes halbes Dutzend in den Beständen.

Historischen, aber auch anekdotischen Wert haben fast alle ausgestellten Tiere: So zeugt der Hirsch, der im Erdgeschoss Besucher empfängt, von den Jagdkünsten des Großherzogs; ein Büffel wurde – damals gemeinsam mit einem Giraffenskelett, einem Nilpferd und einem Schwertwal – auf dem Fischmarkt hinter einer Wand eingemauert gefunden; die Marmelente – die selbstverständlich nichts mit dem gleich klingenden, leckeren Brotaufstrich zu tun hat – zählt, trotz ihres lustigen Namens, zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten, und der Okapi kam im letzten Jahrhundert als Geschenk des Direktors des Museums von Tervuren, Dr. Schouteden, ins Haus.

So zahlreich und vor allem friedfertig nebeneinander wie im „natur musée“ und in seinem Lager sind die meisten der ausgestellten Tiere in freier Wildbahn eher selten anzutreffen, und wenn, dann muss man eine kleine Weltreise in Kauf nehmen, um sie in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten. Nicht weniger interessant und sicherlich viel praktischer ist es da doch, beim nächsten Familienausflug den Stadtgrund anzusteuern, wo sie brav, in Reih' und Glied auf die Aufwartung der Besucher warten. Man sieht sich also – dort!

 

Vesna Andonovic


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