09/03/2006 11:09 Alter: 12 yrs

Mitten im Leben

Kategorie: 81/2006 - Drittes Alter 81/2006 - Drittes Alter

?Manche Senioren kommen zu Hause nicht mehr allein zurecht. Wenn dann noch eine Krankheit hinzukommt, die pflegerische Maßnahmen erfordert, wird es richtig Mitten im Leben schwierig. Wer dennoch in seiner vertrauten Umgebung bleiben will, dem hilft ein ambulanter Pflegedienst beim Waschen, Verbandwechsel oder bei der Medikamentengabe. Ambulante Pflegedienste in Luxemburg-Stadt Auch wenn die Zeit manchmal drängt, ein kleiner Plausch muss immer sein. 10Manchmal kann es ganz schnell ge- hen. Jahrelang ist sie gesundheitlich gut klar gekommen, doch dann muss Ger-maine plötzlich wegen einer Augenope- ration ins Krankenhaus. Zwei Tage nach dem erfolgreichen Eingriff passiert jedoch etwas Unvorhersehbares: ihr linkes Bein ist plötzlich von der Hüfte bis zum Knie voll- ständig gelähmt und nichts ist mehr, wie es früher war. Die 83-Jährige kann sich nicht mehr allein fortbewegen und muss vor- erst im Rollstuhl sitzen. Innerhalb von drei Monaten Krankenhausaufenthalt schafft es die willensstarke Luxemburgerin zwar dank eines Gehwagens wieder langsam zu laufen, aber für ihren Alltag zuhause benö- tigt sie seitdem Hilfe. Angehörige, die sie pflegen könnten, hat die Rentnerin jedoch nicht mehr. Da Germaine auch weiterhin in ihrer vertrauten Stadtwohnung leben möchte, kümmert sich seit fünf Jahren die Luxemburger Stiftung ?Hëllef Doheem" fachkundig um ihre Versorgung. Ein echter Glücksfall mit sehr gutem Service, urteilt die Seniorin. Nur die Einkäufe und Bank- geschäfte erledige immer noch die Tochter ihrer besten Freundin. Jeden Morgen zwischen 8.30 Uhr und 8.45 Uhr klingelt es an Germaines Tür. Auch an diesem Sonntag. Doch bevor die professionelle Pflegehelferin Magali mit ihrer Arbeit beginnt, wirft die Französin noch im Dienstwagen einen Blick in die Patientenakte der Seniorin. Jede Leistung wird hier täglich mit Zeitangabe exakt Ein ambulanter Pflegedienst hilft auch bei der Verrichtung von ganz alltäglichen Dingen. vermerkt. Gerade im Pflegebereich müs- sen ständig Informationen ausgetauscht werden, vor allem, um beim Ausfall der eingeteilten Pflegekräfte schnell mit fach-kundigem Ersatz aushelfen zu können. Fer-ner ist die schriftliche Dokumentation auch ein wichtiger Nachweis, um später mit der jeweiligen Pflegeversicherung oder der Krankenversicherung die Leistungen nach- vollziehbar abzurechnen. Bei Germaine ist alles Ordnung. Keine Veränderung der körperlichen und geistigen Verfassung. Als die 31-jährige Pflegerin nach dem Klingeln mit dem Schlüssel die Haustür ihrer Klientin öffnet, empfängt die Rentnerin sie schon freudig mit ihrem Gehstock im Flur. Ganz allein hat sich Germaine heute morgen ge-waschen und nett zurecht gemacht. Wohl wegen dem ungewöhnlichen Besuch der Journalistin ist sie heute früher als sonst auf den Beinen. Der erste Handgriff von Ma- gali ist der Griff nach den Kompressions- strümpfen, die sie der Rentnerin im Wohn-zimmer behutsam anzieht. Normalerweise hilft die ?aide soignante" ihr auch beim Rü- cken oder Füße waschen und beim Finger- nägel schneiden. Auch zu ihrem Stammfri-seur begleitet sie Germaine hin und wieder. Doch Infusionen geben, Blut abnehmen oder auch medizinische Verbände wech- seln darf Magali als Pflegehelferin nicht. Das gehört zum Aufgabenbereich einer Krankenschwester, die zusätzlich zur Pfle- gekraft den Klienten zuhause mit versorgt. Bei Germaine besteht dafür allerdings kein Bedarf. Nur einmal in der Woche kommt ihr Hausarzt zu Besuch, sieht nach ihrem Bein und misst zur Kontrolle den Blutdruck. Magali braucht für ihre Versorgung rund eine halbe Stunde täglich. ?Alles was ich noch allein schaffe, dass mache ich auch selber", erzählt die rüstige Seniorin offen und lehnt sich in ihrem Sessel zurück. Auch in der Küche hat sie sich ihre Unabhängig- keit bewahrt. Jeden Mittag steht die ältere Dame noch selbst hinter dem heimischen Herd und zaubert sich ihre Leibspeisen. Der ?Service des repas sur roues" vom So- zialamt der Stadt Luxemburg ist für die 83- Jährige kein Thema. Inzwischen sind ihre Gerichte zwar etwas einfacher geworden, aber schmecken tun sie immer noch gut. Zwischendurch suchen Magali und Ger-maine immer wieder das Gespräch. Meis- tens auf Französisch. Auch wenn die Zeit manchmal drängt, ein paar nette Worte müssen immer sein. Denn Einfühlungs- vermögen gehört für beide unbedingt zur mobilen Pflege dazu. Mit den Jahren der engen Zusammenarbeit sind sie ein gut ein- gespieltes Team geworden. Jeder kennt die Ecken und Kanten des anderen. Manchmal kommt es sogar vor, dass die Pflegekräfte Germaine Privates über sich anvertrauen. Das sei bei ihr immer gut aufgehoben. Sie selbst frage jedoch nie nach privaten Din- gen, berichtet die Luxemburgerin. Die Ein-samkeit, die viele ältere Menschen in den eigenen vier Wänden fürchten, macht der Seniorin jedoch nichts aus. Im Gegenteil. ?Ich bin ganz gern allein, denn ich lese viel oder schaue Fernsehen." Germaines Pflegedienst, die gemein- nützige Stiftung ?Hëllef Doheem" von der Caritas, ist 1999 gegründet worden. Mit über 1.300 Mitarbeitern ist sie der größte ambulante Pflegedienst im Großherzogtum. ?Derzeit werden insgesamt 4.773 Klienten im ganzen Land von uns versorgt", erläu- tert die Pflegedirektorin Pierrette Biver von ?Hëllef Doheem". Die Stadt Luxemburg ist dabei in drei Pflegezentren aufgeteilt. Vor allem ganzheitliche und bürgernahe Dienst- leistungen stehen bei ?Hëllef Doheem" im Mittelpunkt. So ist das oberste Ziel der Stif-tung, älteren, kranken, hilfs- und pflegebe- dürftigen Menschen den Verbleib in ihrer häuslichen Umgebung zu ermöglichen. Das Fachpersonal sei speziell ausgebildet und 11Guy Hoffmann Erklärtes Ziel der ambulanten Pflegedienste ist es, den kranken und pflegebedürftigen Menschen hier zu Lande das Leben zuhause zu erleichtern sowie die Selbständigkeit der betreuten Personen aktiv zu unterstützen. Pflegerin Magali und Germaine beim Frühstück. 12 reiche von Pflegehilfen über Altenpfleger und Krankenschwestern bis hin zu Ergo- therapeuten, Erziehern, Sozialarbeitern und Psychologen, so Pierette Biver. Seit dem Jahr 2000 verfügt ?Hëllef Doheem" ne- ben dem Pflegedienst auch über einen so genannten ?Berodungsdéngscht", um ins- besondere die Familien der hills- und pfleg- bedürftigen Personen zusätzlich zu bera- ten und zu unterstützen. Diese Leistung wird während einer begrenzten Zeit von der Pflegeversicherung und zu einem klei- nen Anteil vom Klienten bezahlt und dient dazu, den Betroffenen zu zeigen, wie man die Verrichtungen des täglichen Lebens so autonom wie möglich gestalten kann. Das neueste Projekt von ?Hëllef Doheem" wid- met sich seit rund fünf Jahren auch der Pal- liativmedizin. Die ?Equipe de soins spéciali-sés à domicile" (ESSAD) betreut und pflegt würdevoll schwerstkranke und sterbende Menschen rund um die Uhr in ihrer ver- trauten Umgebung bis zum Lebensende. Aber auch die Luxemburger ?Croix- Rouge" verfügt hierzulande mit ?Help ? Doheem Versuergt" über einen eigenen mobilen Pflegedienst. Auf die Initiative der hiesigen ?Croix-Rouge", der südlichen Krankenhäuser und des ?Objectif Plein Emploi" wurde dieser Pflegedienst eben- falls 1999 ins Leben gerufen. Dabei ist das Netzwerk ?Help" ausschließlich für die Koordinierung und Organisation der häuslichen Hilfe und Pflege zuständig. In Zusammenarbeit mit ?Doheem Ver- suergt" der ?Croix-Rouge" für das Gebiet Luxemburg Stadt und drei weiteren dazu- gehörigen Trägern für das gesamte Groß- herzogtum werden so die Hilfe- und Pfle- geleistungen in der vertrauten Umgebung des Klienten verwirklicht. ?Unser Netzwerk ,Help" verfügt heute insgesamt über mehr als 650 feste Mitarbeiter, die alle unter- schiedlich professionell ausgebildet sind", berichtet Catherine Gapenne, Ansprech-partnerin für den Pflegebereich bei ?Do- heem Versuergt". Allein in der Hauptstadt betreut dieser Pflegedienst mehr als 250 Kli- enten. Erklärtes Ziel von ?Help" ist es, den kranken und pflegebedürftigen Menschen hier zu Lande das Leben zuhause mit einer optimalen Lebensqualität und entspre-chendem Komfort zu ermöglichen sowie die Selbständigkeit der betreuten Person Auch die Medikamentengabe gehört zum Aufgabenbereich des mobilen Pflegedienstes. aktiv zu unterstützen. Zusätzlich bietet das Netzwerk auch noch andere Serviceleis- tungen an, vor allem für die betroffenen Familien sowie für mithelfende Angehörige an. Der Pflegeservice leistet einerseits me- dizinische Versorgung wie Infusionen ge- ben oder Verbände wechseln. Andererseits übernimmt er aber auch alltägliche Aufga- ben wie Haus- und Gartenarbeiten oder Begleitung beim Einkaufen. Die Betreuung sterbenskranker Menschen daheim und die Fortbildung in Palliativbetreuung für ihre Fachkräfte gehört ebenfalls schon lange zu den angebotenen Leistungen des mobilen Dienstes ?Help". Die Kosten für die ambulante Pflege trägt hier zu Lande je nach Bedürftigkeit und Zuständigkeit die Pflege- und/oder Krankenversicherung. In besonderen Fäl- len werden die Leistungen auch durch die Anwendung des vom Luxemburger Fami- lienministerium eingeführten Sozialtarifs ermäßigt. Auch wenn die Pflege- oder Krankenversicherung nicht zum Tragen kommt, kann die betroffene Person jedoch die Leistungen eines Pflegedienstes zum Selbstkostenpreis in Anspruch nehmen.Zurück zu Germaine: Schon einmal ist die ältere Dame in ihrer Wohnung un- glücklich gestürzt. Damals konnte sie sich nicht selbst aufhelfen und musste so auf dem kalten Boden liegend warten, bis mor-gens ?ihre" Pflegekraft eintraf. Zum Glück ist jedoch noch alles gut ausgegangen. Ohne größere Verletzung. Seitdem trägt Germaine immer einen Alarmauslöser als Kette um den Hals. Per Knopfdruck kann sie im Notfall oder bei einem Sturz zuhau- se schnell jemanden um Hilfe rufen, ohne auf ihr Telefon angewiesen zu sein. Bei Auslösung meldet sich sogleich die hiesige Notrufzentrale, die rund um die Uhr er-reichbar ist. Von hier aus werden alle wei-teren Schritte eingeleitet, um so schnell wie möglich zu helfen. ?Sëcher Doheem" heißt dieser nationale Hausnotrufdienst, früher bekannt als ?Service Télé-Alarme". Seit 2001 wird er von der Stiftung ?Hëllef Do- heem" verwaltet, wobei es eine intensive Zusammenarbeit mit dem ?Service de pro- ximité de la Croix-Rouge", den stationären Einrichtungen sowie dem Rettungsdienst der ?Protection Civile" gibt. Auch die Stadt Luxemburg verfügt über ein eigenes ?Te- lealarm"-System, das jedoch nur im Stadt-gebiet funktioniert. Die Unkosten für diese beiden Hausnotrufsysteme muss der Klient selbst tragen. In einigen Fällen gewähren die Luxemburger Gemeinden jedoch einen Zuschuss. Neben einer einmaligen Instal- lationsgebühr entrichtet der Kunde einen monatlichen Mietpreis sowie eine Zentra-lenaufschaltgebühr. Inzwischen hat Germaine in der Küche schon angefangen, den Frühstückstisch zu decken, die restlichen Dinge reicht ihr Magali. Auch das Wasser für den mor- gendlichen Kaffee setzt die Pflegehelferin auf. Für den heutigen Besuch hat die ältere Dame extra zwei Croissants besorgen las-sen, denn in netter Gesellschaft macht ihr das Frühstücken viel mehr Spaß. ?Ich bin wirklich ganz zufrieden mit der Arbeit mei-ner Pfleger. Irgendwie sind sie alle wie mei-ne eigenen Kinder", sagt Germaine sicht- lich gerührt und greift nach Magalis Hand. Ohne die Hilfe des mobilen Pflegedienstes könnte die Seniorin mittlerweile nicht mehr Bei Bedarf schneidet Magali auch die Fingernägel von Germaine. in ihrer vertrauten Umgebung leben. Zwar kann sie dank ihres Gehwagens morgens al- lein aufstehen und abends wieder allein ins Bett gehen, doch wenn sich die Schmerzen der Lähmung wieder bemerkbar machen, wird es schwieriger. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Für Ma- gali wird es jetzt so langsam Zeit zu gehen, denn schließlich warten an diesem Morgen noch viele andere Klienten auf sie. Auch Germaine freut sich schon auf Montag und das Klingeln an ihrer Tür. ?Help ? Doheem Versuergt" Parc de la Ville de Luxembourg L-2014 Luxemburg, Tel.: 45 02 02 34 www.doheem-versuergt.lu Tina Noroschadt Weitere Auskünfte: ?Hëllef Doheem" West / Zentrum: 50a, Avenue Gaston Diderich, L-1420 Luxemburg Ost: 12, Plateau du Rham, L-2427 Luxemburg Süd: 8, Place Sauerwiss, L-2512 Luxemburg Tel.: 40 20 80 www.shd .1u 13


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