13/03/2007 18:11 Alter: 11 yrs

Was bedeuten die Straßennamen der Stadt?

Kategorie: 84/2007 - Jugend 84/2007 - Jugend
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?Was bedeuten die Straßennamen der Stadt? Thfingen (Rue du Fort) So benannt seit dem 20. Februar 1969, befindet sich diese Straße auf Kirchberg auf der Anhöhe über Clausen. Von der Rue des Coquelicots aus führt sie an der Place de l'Europe und den Verwaltungsgebäuden der europäischen Institutionen vorbei und mün- det in die Rue Jules Wilhelm. Das Fort Thüngen, im Volksmund wohl besser unter dem Namen ?Dräi Eechelen" bekannt, gehört zum äußeren Festungsgür- tel der Grünewaldfront. Zum Schutz gegen Angriffe von Osten wurde es 1732 als Teil eines gewaltigen Verteidigungswerkes um das 50 Jahre zuvor von Vauban geschaffene kleinere Werk ?Redoute du Parc" angelegt und nach dem damaligen österreichischen Festungskommandanten Freiherr von Thüngen benannt. Bauingenieur war der Österreicher Simon de Beauffe. 1836 wurde das Fort von der preußischen Besatzung erweitert und 1860 ein weiteres Mal verstärkt. Nach der Neutralitätser- klärung Luxemburgs und dem Abzug der preußischen Garnison (1867), erfolgte die Schleifung der Anlagen in zwei Phasen, die erste 1870, dann eine weitere in den Jahren 1874/75. Verschont von der Schleifung blie- ben die drei Rundtürme ?in einem Anflug von neunzehnhunderter Romantik" (Roger Bour, Stadt und Festung Luxemburg von A-Z Ed. St Paul 1992). Ihre Turmkuppeln wurden mit jeweils drei vergoldeten Eicheln verziert, die immer ein militärisches Emblem waren. Verschont blie- ben auch die 1991 frei gelegten Grundmau-em des Fort. Im Lauf der letzten Jahrzehnte erfolgten hier große Rekonstruktionsar- beiten, vor allem als das Festungsgelände in die Baupläne des Architekten Ieoh Ming Pei im Rahmen der Errichtung des Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean einbezogen wurde. Infolge des heftigen Protestes der Festungs- liebhaber wurde der Bauplan so geändert, dass Mudam und Fort Thüngen getrennt blieben. Im Laufe dieses Jahres soll nun dort das ,,Muse Dräi Eechelen" eröffnet werden, das der Geschichte der Luxemburger Fes- tung und der nationalen Identität Rechnung tragen soll. Thyes (Rue Léon) Durch Schöffenratsbeschluss vom 20. Feb- ruar 1984 trägt diese Zugangsstraße zur Cite du Kiem die Inschrift ?Leon Thyes, latiniste, poète et chroniqueur de la langue françai- se 1899-1978". Sie zweigt vom Boulevard Pierre Frieden ab und endet westlich der Rue Abbe Jos Keup in einer Sackgasse. Leon Thyes wurde am 23.Juli 1899 gebo-ren als Sohn des Malers und Zeichenlehrers Andre Thyes und als entfernter Verwandter des ersten Luxemburger Schriftstellers fran- zösischer Sprache Felix Thyes. Nach glänzend bestandenem Studium am Athenäum kam er 1918 nach Paris an die Ecole normale supérieure, wo sich die Elite der Studenten zusammenfand. Nachdem er dort als bester Latinist sein Studium abgeschlos- sen hatte, wurde er 1923 Stagiarprofessor am Athenäum. Später wirkte er als Professor für Latein und Französisch am Mädchenlyzeum, dem heutigen Lycée Robert Schuman, an der Lehrernormalschule und an den ?Cours Supérieurs". Zwischen 1930 und 1935 veröffentlichte er in der liberalen ?Luxemburger Zeitung" unter dem Pseudonym Jean-Marie Durand im Stile Voltaires verfasste Chroniken, Kom- mentare und Essays, die ihm den ?Prix de l'Alliance Française" einbrachten. 1941 wurde er durch den deutschen Besatzer seiner Funktionen enthoben und in den Vor- ruhestand geschickt. Ab 1944 trat ?Thyesse Loll", wie ihn seine Studenten vertraulich nannten, wieder in den Schuldienst ein, und das bis zu seiner Pensionierung 1964. Wäh- rend dieser Jahre führte er seine Studenten, die seinen Unterricht besonders schätzten, geschickt durch das Arkanum der Prosa des Tacitus und die ?satanischen" Verse der Naturphilosophie des Lukrez. Leon Thyes publizierte auch in den ?Cahiers luxembourgeois" und dem ?Journal des Pro- fesseurs". Er verfasste auch einige Gedichte. Wichtige Publikationen: ?Des Romans de Boylesve" und ?Les Chroniques de Jean- Marie Durand, die 1977 in einer ersten Aus- gabe von Alphonse Arend und Marcel Engel erschienen und 1991 in einer zweiten Ausga- be von François Thill. Leon Thyes verstarb in Luxemburg am 19. Juli 1978. Tidick-Ulveling (Rue Marie Louise) Im Gaspericher Viertel Sauerwiss gelegen, zweigt diese Straße vom Mühlenweg ab und mündet in die rue Gioacchino Rossini. Seit dem 14. Mai 1992 trägt sie den Namen der Luxemburger Schriftstellerin Marie-Louise Tidick-Ulveling. Am 14. Februar 1892 kam Marie-Louise Ulveling in Diekirch als Tochter des Rich- ters und späteren Präsidenten des luxem- burgischen Gerichtshofes Paul Ulveling zur Welt. Nach ihrem Literatur- und Rechts- studium an der Universität Bonn heiratete sie 1920, wurde aber bereits zwei Jahre spä- ter Witwe und lebte fortan allein mit ihrer Tochter Adeline. Schon früh hatte Mimy, wie sie genannt wurde, begonnen, in in- und ausländischen Zeitschriften zu publizie- ren. Ihre Schriften zeugen von ihrer großen Empfindsamkeit für die Belange der ein- fachen Menschen und für empörende soziale Ungerechtigkeiten. Sie kämpfte gegen reak- tionäre Engstirnigkeit auf manchen Gebie- ten, gegen Intoleranz und Fanatismus. Es nimmt daher nicht wunder, dass sie für den deutschen Besatzer ?nicht die Gewähr" bot, mehrmals verhaftet und verhört wurde, und dennoch dem harten Schicksal entging, das ihre Tochter traf. Adeline Tidick kam nach Inhaftierungen in Trier, Wittlich und Sankt Goar nach Ravensbrück, überlebte aber zum Glück diese Schreckenszeit. Ihre Mutter, die zunächst bei einer Bank, dann bei der Cegedel tätig war, verfasste nach ihrer Pensionierung ? außer Beiträgen in Tages- und Wochenzeitschriften - eine Reihe von Werken, in denen sie für die Idea- le eintrat, die zeitlebens die ihren waren: Toleranz, Gerechtigkeit, Frieden. Als Bei- spiele seien hier erwähnt: ?Im Zeichen der Flamme" (1961), ?Funken der Hoffnung" (1957) oder ?Gesänge des Lebens" (1974). Anlässlich des 90. Geburtstages von Marie- Louise Tidick-Ulveling gab das Großherzog- liche Institut 1982 einen Sammelband ihrer Schriften heraus mit dem Titel ?Von gestern für heute". Mehrere Beiträge aus ihrer Feder sind auch in ons stad erschienen. Marie- Louise Tidick-Ulveling verstarb in Luxem-burg am 17. September 1989. Quellen: - Roger Bour: Stadt und Festung Luxemburg von A bis Z, Ed. St. Paul 1992; - Roger Bour: Portraits, Wer ist Wer in Luxemburg? Ed. St. Paul 2000; - Frank Wilhlem: Léon Thyes in ?L'Athénée et ses grands Anciens 1815-1993" Ed. St. Paul 2003; - Victor Delcourt: Luxemburgische Literaturgeschichte, Ed. St. Paul 1992. 53


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