13/06/2008 18:43 Alter: 10 yrs

Von Butterfahrten & Weltenbummlern

Kategorie: 88/2008 - Tourismus 88/2008 - Tourismus

VON BUTTERFAHRTEN Ja, es ist Sommer. Vogelgezwitscher erfreut das Herz, in den städtischen Parks leuch?,ten die Blumenbeete, und die Luft, die man einatmet, ist irgendwie leichter geworden. Aber der Sommer in unserer Hauptstadt hat leider auch seine dunklen Seiten. Denn mit den ersten warmen Son-nenstrahlen beginnt jenseits der Mosel und anderswo ein reges Treiben. In aller Frühe werden schwere Mercedes-Dieselmotoren angeworfen, und allmorgendlich starten zwischen Trier und Saarbrücken, zwischen Metz und Nancy, zwischen Arlon und Brüs-sel und hinter Maastricht an die fünfhundert Reisebusse, vollbesetzt mit grimmig ent- schlossenen Hausfrauen und Rentnern, zur Tagesbutterfahrt ins kleine Großherzogtum. ?Wat kost' denn die schöne Blutwurst da?" ? ?Wo jeht's denn hier zur goldenen Frau, wat ja eure Trösterin der Betrübten ist?" ? ?Is' det dat Schloss von denen ih-rem Großherzog? Kuck mal, Gisela, dat is' ja überhaupt kein richt'ges Schloss. Dat lohnt ja nit mal für'n Foto." Und zu ganzen Hundertschaften ge-bündelt kommen sie angestiefelt und er-obern den Knuedler, die Place d'Armes und die Groussgaass, fallen ein in Zigaret-ten- und Schnapsläden, in Bäckereien und Metzgereien: dicke, bierernste Männer inTrevira-Freizeitanzügen und ihre stämmi- gen, blondgefärbten Frauen, in heiliger Ein- falt schwer beladen mit Plastiktüten voller Sonderangebote. Klischees So oder so ähnlich sieht zumindest der gebildete Luxemburger die tumben Frem- den aus der Großregion, die tagtäglich in die alte Festungsstadt einfallen. Aber nicht nur die Butterfahrt-Touristen, sondern auch die Besucher aus der großen weiten Welt kommen bei ihm durchwegs schlecht weg. So etwa die schrillen und unentwegt mit ih- ren Digitalkameras und Mobiltelefonen he- rumknipsenden Japaner und Chinesen, die mit Shorts und Rucksack herumlatschen- den Amerikaner auf ihrem unvermeidlichen Europe-Trip, die randalierenden Fußball- fans aus Holland oder England, wenn mal wieder am Stadion an der Arloner Straße eine europäische Auseinandersetzung mit dem runden Leder stattfindet, bei der Lu-xemburgs Nationalelf in der Regel misera- bel abschneidet. Der Tourist ist trotz EU und globalisier- ter Welt auch heute immer noch der ande- re, der Fremde, der von den Einheimischen eher mitleidig belächelt wird.VON BUTTERFAHRTEN Johann Wilhelm Tischbein (1751-1829) ?Goethe in der Campagna" (1787) L'ADMINIST Arkfldie".00YT*01; DiPARTEENT DES inalaTS, Aux Citoyens de cek-pipiiiiitierd, #'aux ddrninisiratioit , munieiku saiton. ? CITOYENS,. rgoctANATTQN:.:, A, ? LUXEMBOURG, »,s0,4or,, .4.e Annie répdbitaine. le e91,4#1 e.tytuerePTi t3uï" les ? Français du 4i,skr 4,tine ,Haqt?etiol Te ds abus de rancien rhTrete; on irie sornr dis premieres assem- ? blées nationales les grandes conceptions, les projeta.Der Blick von außen Roger Manderscheid, der 1973 mit seinem Filmdrehbuch ?Stille Tage in Luxemburg" für Skandal sorgte und bei vielen Landsleuten als Nestbeschmutzer galt. (Titelbild der ?Revue" von Ende September 1973) Sämtliche Zitate aus ?Luxembourgeois, qui êtes-vous. Echos et chuchotements" von Jul Christophory. Ed. Guy Binsfeld, 1984 Einmal abgesehen davon, dass ? wie der Kabarettist Mars Klein vor dreißig Jah-ren bissig vermerkte, ?Luxemburg nur rein flächenmäßig der Nabel der Welt ist", lohnt es sich vielleicht auch und gerade in einer ons stad-Nummer, die die Geschichte des Tourismus zum Thema hat, ein paar ?Frem- de" zu Wort kommen zu lassen, die unser kleines Land vor Jahren bereist haben. Wobei die geflügelten Worte des Ge-heimrats aus Weimar, der am 15. Oktober 1792 während seiner ?Kampagne in Frank- reich" auf der Durchreise von der ?Größe und Anmut, vom Ernst und von der Lieb- lichkeit" berichtete, die heute noch nahe der Corniche in Stein gemeißelt zu bewun-dern sind, nicht unbedingt repräsentativ sind. Denn auch der böse Henry Miller was here, und zwar in den dreißiger Jahren. In seinem Roman Quiet days in Clichy steht u.a. über die Luxemburger zu lesen: ?All they were concerned about was to know on which side their bread was buttered. They couldn't make bread, but they could butter it." Oder, noch frecher: ?lt was a peaceful, fat, easy-going land, with sounds of Ger-man music everywhere; the faces of the inhabitants were stamped with a sort of cow-like bliss." Marcel Proust widmet dem Großher- zogtum in seiner berühmten Recherche ge-rade mal einen Satz: ?Vous savez c'est pas grand le Luxembourg, dit la duchesse de Guermantes." (Tome II, p. 539, Ed. Pléiade) Und in der letzten Fransousenzäit, un- ter dem Directoire, skizzierte der Préfet du Département des Forêts unsere Landsleu- te wie folgt: ?Leur nourriture consiste es- sentiellement en lard, sauercraut et légu- mes farineux dont ils font une très grande consommation. Il se tue dans la ville seule, six mille cochons annuellement. Le peuple est grand mangeur, sa boisson ordinaire est l'eau, le vin et la bière étant par leur prix fort au dessus de leurs facultés pécu- niaires, mais il se dédommage facilement le dimanche des privations de la semaine, après le service divin auquel il est très scrupuleux d'assister, on le voit aller garnir les cabarets d'où il ne sort ordinairement qu'ivre..." Auch der französische Schriftsteller Pierre Viallet, der in seinen Jugendjahren öfters in Luxemburg weilte, geht in sei-nem Roman La Foire nicht gerade sanft mit unseren Landsleuten um: ?Toute vie sociale s'organisait autour d'influences ou d'alliances et à. condition d'appartenir à. une certaine caste de rigolards privilégiés, tout se passait à. la bonne franquette." Gibt es denn nichts Positives zu berich- ten? Doch! So schrieb Joseph Goerres Anno 1814 im Rheinischen Merkur ?Die Bewohner dieses Landes sind im Durchschnitt ein starker, kräftiger, wohlgebildeter und auf-geweckter Schlag Menschen, besonders die Männer." Na also. René Clesse


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