06/05/2010 14:39 Alter: 9 yrs

Freischaffender Künstler in einem kleinen Land?

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

 

Luxemburg ist ein solides Land. Was hier in der Regel geschafft, nicht geschaffen wird, dient vor allem Handel und Wirtschaft, dem Häuserbau, dem Eigenheim, dem Auto, der Ferienreise. Hier ist man Europa- oder Staatsbeamter, Banker, Lehrer oder man arbeitet in der Privatwirtschaft. Von der großen Masse wird Kunst als Hobby betrachtet, das man zum Beispiel alljährlich in der Sommerakademie erlernen kann. Zeitgenossen, die es sich leisten können, investieren in Kunstwerke wie in Aktienpakete und Immobilien. Dabei geht es vor allem um Geldanlage und Rendite. Wo aber bleiben die Künstler, besonders die Freischaffenden, in Luxemburg? Sicher, es gibt sie. Aber sie sind fast so rar wie weiße Wale. Lucien Wercollier hat von seinen Skulpturen leben können, aber seine Frau war eine gut verdienende Zahnärztin. Der geachtete Surrealist Foni Tissen musste sich bis zu seiner Pensionierung als Zeichenlehrer im Escher Knabenlyzeum abmühen. Eine Generation später schien es bereits ein klein bisschen einfacher: Robert Brandy, Wil Lofy, Patricia Lippert, Moritz Ney, Charly Reinertz  und ein gutes Dutzend Kolleginnen und Kollegen haben es geschafft, sich als Berufskünstler durchzuschlagen. „Kunst“, hat Moritz Ney 1981 einmal gesagt, „hat für mich eigentlich wenig mit Talent zu tun. Vielleicht, dass man gewisse Vorlieben hat, gewisse Sachen gerne macht, aber vor allem hat Kunst etwas mit Mut zu tun. Man muss den Mut haben, die Bilder und Landschaften, die man im Kopf hat, ausdrücken zu wollen. Das ist der erste, der wichtigste Schritt. Wenn du erst einmal versucht hast, das, was dir oben liegt, in ein Bild oder eine Skulptur zu verwandeln, dann merkst du natürlich, dass du dazu die Technik und das Handwerk brauchst. Und das kann man dann lernen.“ Aber diese Aussage ist dreißig Jahre alt. Für einheimische Künstler der jungen Generation ist die Lage heute viel schwieriger geworden. Es gibt immer weniger Galeristen, dafür aber Tempel der zeitgenössischen Kunst wie etwa das Mudam oder das Casino Luxemburg. Und die sind eher international orientiert oder sie rekrutieren für ihre Ausstellungen Künstler aus der Großregion. Auch eine Einladung auf die Biennale von Venedig oder auf die Kasseler documenta ist für einen Luxemburger Kreativen längst kein Freifahrschein mehr in eine selbständige Zukunft als Kunstschaffender. Auch in dieser ons stad-Nummer, die der Kunstgeschichte in der Stadt Luxemburg gewidmet ist, gibt es mehr Fragen als Antworten.     r.cl.

 


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93/2010 - Freischaffender Künstler

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