06/05/2010 15:20 Alter: 9 yrs

Künstler auf der Schläifmillen

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

Auf Initiative der damaligen Bürgermeisterin Lydie Polfer  hat die Stadt Luxemburg  1987 der Asbl Schläifmillen,  einer Vereinigung hauptstädtischer Künstler,  die ehemalige Tuchfabrik  in der Rue Godchaux  zur Verfügung gestellt. D ass die Schleifmühle heutzutage als Künstlerstätte funktioniert, ist unter anderem Robert Mancini zu verdanken. Anfang der achtziger Jahre war der Journalist und Bildhauer auf der Suche nach einer geeigneten Werkstatt, als ein Freund ihm erzählte, er wolle auf der Schleifmühle wohnen. Allerdings war das besagte Gebäude zu jener Zeit noch eine regelrechte Bauruine, und die wenigen intakten Räumlichkeiten waren von verschiedenen Abteilungen der Stadt Luxemburg besetzt. „Es gab kein fließendes Wasser, keine sanitären Anlagen, die elektrischen Installationen waren defekt und die Fenster waren größtenteils aus den Rahmen gerissen“, so Mancini. „Es war demnach undenkbar, dass jemand in einem solchen Gebäude wohnen könnte. Uns als Künstler interessierte allerdings das Industriegebäude. In der Folge intervenierte ich bei der damaligen Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg Lydie Polfer, die meinem Vorschlag, die „Schläifmillen“ hauptstädtischen Künstlern als Werkstatt zur Verfügung zu stellen, positiv gegenüber stand. 1983 richtete ich meine Werkstatt in dem alten Industriekomplex ein. Danach zogen Marie-Paule Schroeder und Patricia Lippert ein. 1983 erneuerte die Stadt Luxemburg das Dach des Hauptgebäudes. Nach und nach wurden weitere Renovierungsarbeiten wie das Ersetzen einzelner Fenster und die Verankerung der Fensterrahmen, die Installation eines Wasseranschlusses mit zwei Waschbecken und einer Toilette und anderes mehr ausgeführt. Im Dezember 1987 gründeten wir, das heißt Patricia Lippert, Schorsch Mayer, Bertrand Ney, Marie-Paule Feiereisen, Jean-Marie Weber und ich selber schließlich eine Vereinigung ohne Gewinnzweck, die zum Ziel hatte, das Gebäude nach bestimmten Kriterien selber zu verwalten.“ In den Statuten der „Asbl Schläifmillen“ steht, dass nur Künstler hier arbeiten dürfen, die sich aus Geldmangel kein eigenes Atelier leisten können. Die Aufnahme neuer Mitglieder muss einstimmig erfolgen. Wer seine Werkstatt nur sehr selten benutzt, kann aus der „ Asbl Schläifmillen“ ausgeschlossen werden. Da nicht genügend Raum für sämtliche Künstler, die auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg leben, vorhanden ist, stellen manche Künstler ihre Werkstatt während einer längeren Abwesenheit jüngeren Kollegen und Kolleginnen zur Verfügung. Rafael Springer, seit 1982 im Kunstbereich aktiv, würde am liebsten auf der Schleifmühle wohnen. Er bezeichnet die Werkstätten, die die Stadtverwaltung den Künstlern zur Verfügung stellt, als einen einmaligen Glücksfall. Springer hat eine besondere Beziehung zur „Schläifmillen“, da sein Großvater als Müller arbeitete. „Man kann sowohl im Gebäude als auch draußen arbeiteten. Große Kunstwerke beispielsweise können auf der grünen Wiese entstehen. Darüber hinaus ist die Schleifmühle ein Lebensraum, in dem die meisten von uns den größten Teil ihrer Zeit verbringen. Auch wenn vom ihrem Wesen her sehr verschiedene Leute hier arbeiten, ist das Klima eher gut. Wir besuchen uns gegenseitig in unseren Ateliers, und im Sommer wird auch mal gemeinsam draußen gegrillt. Besonders wichtig ist unsere „Porte ouverte“, die bereits zur Tradition geworden ist und die alljährlich zahlreiche Besucher ins Alzette-tal lockt.“ Dani Neumann ist eine der wenigen einheimischen Künstlerinnen, die versucht, von ihrer Kunst zu leben. Sie geht zwar einer kleinen Beschäftigung nach, den Großteil ihres Einkommens macht allerdings der Verkauf ihrer Kunstwerke aus. „Man kann hier in Luxemburg sehr wohl von der Kunst leben, allerdings macht man damit keine großen Sprünge. Man muss eine gewisse Disziplin an den Tag legen, da man keine regelmäßigen Einkünfte hat und das Geld für das relativ teure Material ja auch vorstrecken muss.“  Dani Neumann benutzt verschiedene Techniken wie zum Beispiel die klassische Ölmalerei oder den Holzschnitt. Sie ist der Ansicht, dass seit dem Kulturjahr 1995 die Möglichkeiten im Großherzogtum, sich mit Kultur auseinanderzusetzen, enorm zugenommen haben. Liane Reckinger teilt sich seit 1982 ihre Werkstatt mit ihrem Lebensgefährten Schorsch Mayer. Sie arbeitete früher als Zeichenlehrerin mit einer so genannten „mi-tâche“, zuerst im „Lycée Technique des Arts et Métiers“ und danach im „Lycée Technique du Centre“. Für Liane Reckinger ist die „Schläifmillen“ ein generöses Geschenk der Stadt Luxemburg. Sie arbeitet  figurativ und fertigt hauptsächlich Portraits aus Terracotta oder Bronze. Schorsch Mayer, 1940 in Stuttgart geboren, glaubt nicht, dass im Ausland in Sachen Kunst alles besser sei als in Luxemburg. Kunstprovinz gebe es überall, nicht nur im Großherzogtum. Dabei solle man nicht vergessen, dass die Konkurrenz unter Künstlern in Brüssel oder Paris viel größer sei als hier zu Lande. Mayer begann seine künstlerische Laufbahn in der Zeit der Studentenbewegung. Seine Kunstwerke sind denn auch eher politische Botschaften und Emanzipationsbilder. Er ist Mitglied der Münchener Sezession. Seine Bilder sind figurativ und zeigen den Menschen in seinem alltäglichen Umfeld. Zum Beispiel den Hüttenarbeiter in der Minetteregion oder die Fließbandarbeit im Mercedes-Werk. In einer seiner letzten Produktionen setzt sich der Maler mit den Lebensbedingungen der Obdachlosen auseinander. Interessant war auch Mayers Beteiligung an den Kunstwochen in Florenz, wo Künstler aus aller Welt die schwierigen Bedingungen, unter denen Immigranten in Italien leben, verbildlichten und so auch das Immigrantenviertel in Florenz ästhetisch aufwerteten. Doris Sander hat seit 1991 eine Werkstatt auf der Schläifmillen. Nach ihrem Abi-tur studierte sie Kunst und Biologie in Köln. Seit einigen Jahren stellt sie eine Veränderung in der Luxemburger Kunstszene fest. Dies ist vor allem den Kunstmuseen und der Teilnahme luxemburgischer Künstler an Ausstellungen und Wettbewerben im Ausland zu verdanken. Für Doris Sander ist die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern sehr wichtig. So lädt die Artistin ab und zu Künstlerfreunde aus Portugal in ihre Werkstatt ein oder stellt auch mal in Portugal aus. Im Jahr 2000 hat sie sich einen langgehegten Wunsch erfüllt: die Schaffung der Künstlerinnengruppe „autour du bleu“. Fünf Frauen – Doris Sander, Gudrun Bechet, Pina Delvaux, Flora Mar und Karin Kraus. Die fünf Künstlerinnen haben vor einigen Jahren eine interessante Performance anlässlich der „porte ouverte“ auf der Schläifmillen gezeigt, die zum Ziel hatte, die historische Bedeutung des alten Industriekomplexes darzustellen und die schwierigen Bedingungen, unter denen Frauen im vorvergangenen Jahrhundert arbeiten mussten, zu visualisieren.  Rita Sajeva studierte Architektur an der Universität in Palermo, unterrichtete sieben Jahre lang Kunstgeschichte und Zeichnen an der Universität in Rom and wanderte schließlich mit ihrem Lebensgefährten nach Luxemburg aus.  Für die gebürtige Italienerin ist die Schleifmühle ein idealer Arbeitsplatz. „Ich mag meine Werkstatt, und es ist ein großes Privileg für uns alle, mitten in der Natur arbeiten zu dürfen. Größere Arbeiten wurden 1990 auf der Schleifmühle vorgenommen, als der Vorbau komplett renoviert und Duschen sowie mehrere Toiletten im Hauptgebäude installiert wurden. Die Stadtverwaltung übernimmt die Nebenkosten wie Wasser und Strom. Für das Beheizen der einzelnen Werkstätten mittels Holzofen muss jeder selber sorgen. Wer mehr über die Aktivitäten der  Künstler auf der Schläifmillen wissen will, der sollte sich die Internetseite www.schlaifmillen.com ansehen oder Mitte Juli die „porte ouverte“ besuchen. Oder einfach mal an einem sonnigen Nachmittag ganz spontan an der Tür dieser oder jener Werkstatt anklopfen. Henri Fischbach Fränz Dasbourg sieht sich selber als jemanden, der Freude an der Kreativität besitzt. Seit seiner frühesten Kindheit greift er bereits zu Bleistift und Pinsel und versucht, seine Ideen künstlerisch umzusetzen. Während vor Jahren eher Holzskulpturen im Vordergrund standen, widmet sich Dasbourg in letzter Zeit vermehrt der Portraitmalerei. Menni Olinger ist seit 1991 als Bildhauer auf der Schleifmühle tätig. Er ist zudem der einzige Musiker der  Künstlergemeinschaft. Zusammen mit Thierry Kinsch arbeitet er als Schlagzeuger an mehreren Musikprojekten.


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