06/05/2010 15:24 Alter: 9 yrs

Musée National d’Histoire et d’Art - Das Allround-Museum

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

Michel Polfer, Direktor des Musée National d’Histoire et d’Art, über die Aufgaben eines Nationalmuseums und den Bezug zur zeitgenössischen Kunst. ons stad: Mit der Eröffnung des Casinos, des Geschichts- und Naturmuseums sowie des Mudam hat das Nationalmuseum seine Monopolstellung in Luxemburg eingebüßt. Was ist ihrer Meinung nach heute die Rolle eines Nationalmuseums? Michel Polfer: Glücklicherweise gibt es die Monopolstellung des Nationalmuseums heute nicht mehr, denn das heißt ja, dass interessante neue Museen hinzugekommen sind. Ich glaube, wir haben heute eine doppelte Aufgabe. Einerseits die Mission, das nationale Kulturerbe in den Bereichen der Archäologie, der Geschichte bis hin zu den Schönen Künsten zu sammeln, wissenschaftlich zu erforschen und dem Publikum zugänglich zu machen – letzteres, sofern das vom Platz her überhaupt möglich ist. Andererseits wollen wir im Bereich der Bildenden Kunst dem Publikum die Möglichkeit bieten, sich mit der kunstgeschichtlichen Entwicklung vertraut zu machen. Es gibt keine andere öffentliche Sammlung in Luxemburg, die das leistet – außer der Villa Vauban, die ja demnächst ihre Türen wieder öffnet, wo das jedoch in einem zeitlich beschränkten Rahmen passiert. Was die Kunst des 21. Jahrhunderts anbelangt – hier stellen sich natürlich Fragen. Hier muss man sehen, wer in Zukunft – das Mudam, das Casino oder wir – Ausstellungen organisiert und vor allem auch Sammlungen aufbaut. ons stad: Wie situieren Sie sich gegenüber der Villa Vauban? Michel Polfer: Die Sammlungen der Villa Vauban sind mit unseren nur in kleinen Bereichen deckungsgleich, dies aufgrund der unterschiedlichen Geschichte des Zustandekommens der Sammlungen. Im Fall der Villa Vauban sind es Privatsammlungen, die der Stadt Luxemburg geschenkt wurden. Sie illustrieren den Geschmack einer gewissen Zeit und einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Unsere Sammlung ist vom Entstehungsdatum der Werke her dagegen breiter angelegt. Auch handelte es sich von Beginn an um eine öffentliche Sammlung, die seit dem zweiten Weltkrieg mehr oder weniger systematisch aufgebaut wurde. Ich glaube daher nicht, dass es hier zu großen Überschneidungen kommt. Ich bin auch sicher, dass wir in Zukunft das eine oder andere thematische Projekt gemeinsam auf die Beine stellen werden. ons stad: Und welche Rolle spielt moderne Kunst im Kontext des Nationalmuseums? Michel Polfer: Die Kunst des 21. Jahrhunderts wird zurzeit ja vor allem vom Mudam und von uns gesammelt. Hier gibt es noch keine Absprachen. Dennoch stellt sich für mich die Frage, ob es auf Dauer sinnvoll ist, die internationale Kunst des 21. Jahrhunderts in Luxemburg in zwei öffentlichen Sammlungen zu sammeln. Auch stellt sich die Frage, wo denn in Zukunft luxemburgische Kunst des 21. Jahrhunderts gesammelt werden soll. Dies isoliert vom internationalen Kontext zu tun, macht meiner Ansicht nach keinen Sinn und würde nur zu einer Gettoisierung führen, die ja niemand ernsthaft wünschen kann. Wir sammeln im Moment noch internationale wie luxemburgische zeitgenössische Kunst. Das letzte Bild, das wir erworben haben, ist ein Gemälde von Jean-Marie Biwer, das noch nicht geliefert wurde – zeitnaher geht es nicht. Es ist also nicht so, wie zum Teil in der Öffentlichkeit vermutet wird, dass wir überhaupt keine Luxemburger Kunst kaufen, nur haben wir hier im Haus leider nicht genug Platz, sie zu zeigen. ons stad: Wie wollen Sie sich denn positionieren? Michel Polfer: Das ist abhängig von einer ganzen Reihe von zusammenhängenden Faktoren. Das erste Problem ist der Platzfaktor. Wir haben im Moment schon für die vorhandenen Sammlungen an Luxemburger Kunst fast keinen Raum. Wir brauchen – und meine Vorgänger haben das schon gefordert – eine an das Nationalmuseum angegliederte Nationalgalerie, welche Luxemburger Kunst zeigt, sowohl in ihrer historischen Entwicklung wie in ihrer aktuellen Produktion. Zu diesem Zweck bräuchte man zunächst einmal zusätzliches Personal. Denn wir haben im Moment im Bereich der Schönen Künste nur anderthalb Posten, welche sich um Ausstellungen, Sammlungen und wissenschaftliche Aufarbeitung kümmern. Neben dem Personal erfordert eine solche Nationalgalerie natürlich auch Ausstellungsflächen. Hier im Hause gibt es diese nicht. Dennoch wäre es – u.a. aus logistischen Gründen – sinnvoll, eine solche Nationalgalerie in der Nähe des Nationalmuseums anzusiedeln. Wir hatten gehofft, dass der Flügel des alten Justizpalastes in der Wiltheim-Straße dafür umgebaut werden könnte. Das wäre eine einfache Lösung gewesen. Nun kommt jedoch wie es aussieht das Außenministerium hierhin. Ob sich in dieser Frage in nächster Zeit etwas bewegen lässt, hängt also von den Mitteln ab, welche uns zur Verfügung gestellt werden. Ein weiterer Aspekt, der hinzu kommt und oft mit der eigentlichen Sammlungsstrategie der Museen selbst verwechselt wird, ist die staatliche Kunstförderung sowie der Ankauf von Kunst für den öffentlichen Raum und die Ausstattung staatlicher Bauten. Hier plädiere ich für eine zentrale „Commission d’achat“, in der auch Vertreter der Museen sitzen würden. Dies mit dem Ziel, diese staatliche Ankaufpolitik mittel- und langfristig so auszurichten, dass sie auch im Hinblick auf den systematischen Auf- und Ausbaus der Museumssammlungen sinnvoll wäre. So könnten etwa Werke, die sich im Rückblick als wichtig erweisen, in die Museumssammlungen integriert und dauerhaft öffentlich zugänglich gemacht werden, statt dass Museen mit ihren ohnehin zu knappen Budgets noch einmal Bilder der gleichen Künstler ankaufen. ons stad: Inwiefern sollen in Zukunft lebende Künstler im Nationalmuseum ausgestellt werden? Michel Polfer: Im Nationalmuseum gab es immer die Regel, dass lebende Luxemburger Künstler in der Dauerausstellung nicht gezeigt wurden und werden – was übrigens in fast allen Nationalmuseen der Welt so gehandhabt wird. Aus mehreren Gründen. Einmal aus Konkurrenzgründen: Sie können sich ja vorstellen, dass dann alle Luxemburger Künstler hier vertreten sein wollen. Aber auch Qualitätsüberlegungen spielen hier eine Rolle: erst mit einem gewissen Abstand kann entschieden werden, welche Künstler einer Generation dauerhaft ausgestellt werden sollen Das Kriterium zu erfüllen, Luxemburger zu sein oder in Luxemburg zu arbeiten, reicht hierzu ja wohl nicht aus. Auch deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, neben dem Nationalmuseum eine Nationalgalerie zu haben, die auch die aktuelle Produktion zeigt und in ihrem Kontext thematisiert. ons stad: Dennoch stellt sich die Frage, wo der Sammlungsauftrag des Nationalmuseums aufhört? Michel Polfer: Insgesamt wurde Luxemburger Kunst bisher in unserer Dauerausstellung tatsächlich vielleicht nicht genügend berücksichtigt. Wir planen für den Herbst eine neue Hängung, mit der wir die bisherige Fläche der Dauerausstellung im Bereich Bildende Kunst praktisch verdoppeln können. Wo es möglich ist, werden wir im Herbst dann auch Werke einheimischer Maler in die internationale Hängung mit hinein nehmen – wohl gemerkt aber aus den genannten Gründen keine lebenden Luxemburger Künstler. Möglich wird dies dadurch, dass in den kommenden drei Jahren die zum Nationalmuseum gehörenden Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Wiltheim-Straße modernisiert werden, so dass dort dann eine ganze Etage für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen wird. ons stad: Wäre es denn nicht sinnvoll in Zukunft, um Platz zu schaffen, gewisse Fachbereiche auszulagern – etwa die Fotografie ins Centre National Audiovisuel zu geben? Michel Polfer: Nein, das glaube ich nicht. Ausstellungsfläche gewinnen wir dadurch ohnehin nicht. Wir haben eine recht umfangreiche Fotosammlung, die aber vor allem historisch wertvolle Aufnahmen umfasst. Im Bereich der Kunstphotographie ist für uns vor allem die Edward Steichen-Sammlung sehr wichtig, die häufig im Ausland gezeigt wird. Diese Sammlung ist wichtig, um Beziehungen mit anderen Museen aufzubauen. ons stad: Inwiefern ist ein Ausbau der Ausstellungsfläche für Dauerausstellungen überhaupt sinnvoll, wenn ohnehin ein großer Teil des Fundus nie gezeigt wird? Michel Polfer: Das ist in den meisten Museen der Welt so, außer vielleicht in einigen amerikanischen Museen, die selbst keine großen Sammlungen haben, sondern eher Durchlauferhitzer für Wechselausstellungen sind. Ich hoffe nicht, dass wir in Europa diesen Weg einschlagen. In jedem größeren europäischen Museum sind 9/10 der Werke dem Publikum nicht ständig zugänglich. Und das gilt nicht nur für Kunst. Vieles was wir sammeln, etwa historische oder archäologische Objekte, hat ja keine eigene ästhetische Qualität, sondern vor allem einen historischen Wert, der oft besser in Sonderaustellungen zur Geltung kommt. Und ohne den Fundus der Sammlungen wären ja Wechselausstellungen überhaupt nicht möglich. ons stad: Wie oft organisieren Sie thematische Wechselausstellungen? Michel Polfer: Wir haben im Durchschnitt vier, fünf Wechselausstellungen pro Jahr, sind also – auch im Vergleich – denke ich, nicht schlecht aufgestellt. Auch kommt es nur sehr selten vor, dass wir eine fertige Ausstellung aus dem Ausland übernehmen. Wir erarbeiten die meisten Ausstellungen selbst, so etwa auch die aktuelle James Ensor-Ausstellung. Wir haben die Sammlung über Kontakte in Belgien selbst aufgetan. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass der Sammler diese Ausstellung anschließend noch woanders zeigen will und wird. ons stad: Die Qualität eines Museums hängt viel vom Personal und der wissenschaftlichen Recherche ab. Michel Polfer: Das Nationalmuseum hat im Moment 92 Mitarbeiter, wären es mehr, könnten wir natürlich noch mehr machen. Wir sind verantwortlich für die gesamte archäologische Bodendenkmalpflege und die archäologische Forschung in Luxemburg. Wir betreuen einen großen Teil des materiellen Kulturerbes – keine andere Sammlung in Luxemburg ist annähernd vergleichbar. Wir betreuen einen großen Teil des künstlerischen Erbes des Landes. Wir organisieren im Schnitt vier bis fünf Wechselausstellungen pro Jahr, geben vier Mal im Jahr das Musée-Info heraus und ein Mal im Jahr unser Jahrbuch Empreintes, darüber hinaus mehrere Ausstellungskataloge und wissenschaftliche Monographien usw. Wenn ich sehe, wie viel Personal andere Häuser zur Verfügung haben, die nur einzelne Bereiche abdecken, dann ist klar, dass wir nicht immer und überall die gleiche Intensität liefern können. Ich will aber nicht falsch verstanden werden. Ich bin nicht eifersüchtig auf andere, ich würde mir nur wünschen, dass wir in einigen Bereichen durch neue Mitarbeiter unsere Arbeit verbessern könnten, so etwa im Bereich Kommunikation. Die wird im Nationalmuseum immer noch nebenher von den wissenschaftlichen Mitarbeitern und unserem museumspädagogischen Dienst erledigt, denn unser Haus verfügt nicht über eine einzige Person, die für Kommunikation zuständig ist. Allein im letzten Jahr haben wir drei neue Standorte übernommen: die Römervilla samt Museum in Echternach, Dalheim sowie das Musée Draï Eechelen. Für mich liegt auf der Hand, dass ohne Verstärkung im Bereich der Kommunikation nach außen das Nationalmuseum trotz seiner vielfältigen und immer zahlreicheren Aktivitäten an Visibilität gegenüber anderen Institutionen verlieren wird. Interview: Christiane Walerich


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