06/05/2010 15:31 Alter: 9 yrs

Casino Forum d‘art contemporain Laboratorium der Gegenwartskunst

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

„Kulturinstitution in hervorragend zentraler Lage mit unschlagbar schöner Aussicht – jung genug, um noch voller Tatendrang zu sein, jedoch mit 15 Jahren eingesessen genug, um sich einer gewissen Erfahrung brüsten zu können sucht interessierte Kunstwerke zwecks angeregten Dialogs“, könnte die Kleinanzeige des Forum d'art contemporain lauten. Seit dem 13. Januar 1995 hat diese Kultureinrichtung nicht nur auf 41, rue Notre-Dame eine ständige Bleibe gefunden, sondern auch dem Großherzogtum Luxemburg ein kleines, aber beachtliches Fleckchen auf der internationalen Landkarte der zeitgenössischen Kunst verschafft.  Nichts währt länger als ein Provisorium, heißt es bekanntlich. Hierfür kann es grundsätzlich nur zwei Gründe geben: Entweder es bietet sich keine bessere Alternative an, oder was auf Zeit gedacht war, erweist sich als schlüssig und somit dauerhaft lebensfähig. Im Falle des Casino Forum d'art contemporain dürfte wohl letztere Option die richtige sein, konnte es sich doch auch nach der Eröffnung, am 1. Juli 2006, des Mudam auf Kirchberg – es war eigentlich bis zur dessen Fertigstellung gedacht – als schlüssige und notwendige Kulturinstitution behaupten.  Als wohl wichtigstes Überbleibsel des ersten Kulturhauptstadtjahres hat sich das Casino zwar nahtlos in das bestehende Stadtbild integriert, doch birgt das vermeintlich biedere Äußere so manche Überraschung, wie Maurizio Nannucci provokativ mit seinem „All Art Has Been Contemporary“-Neonschriftzug behauptet, der 2000 für die „Light Pieces“-Ausstellung angefertigt wurde, später vom Mudam erworben und nun als Dauerleihgabe den als „Aquarium“ bezeichneten Pavillon ziert.  Mondäne und musische Vergangenheit  Geschichtsträchtig ist das Gebäude in der rue Notre-Dame allemal, wurde dessen Errichtung doch 1882 von der am 1. September 1880 gegründeten und bis 1959 bestehenden „Société anonyme du Casino Bourgeois“, unter deren Gründungsmitgliedern sich unter anderem die Familien Metz oder Godchaux befinden, in Auftrag gegeben. Als Standort wird eine Parzelle zwischen der Rue Marie-Thérèse und dem Boulevard du Viaduc – heute Rue Notre-Dame und Boulevard Roosevelt – ausgewählt, die die Gesellschaft bereits im Juni 1880 zu erstehen gedenkt. Die Architekten Pierre und Paul Funck werden mit dem Projekt des Zentrums für Kultur, Gastronomie und Freizeit beauftragt.  Erste Umgestaltungsarbeiten am mediterran-barocken Bau werden bereits zehn Jahre nach der Fertigstellung in Angriff genommen. 1931 folgen dann unter der Federführung des Architekten Joseph Nouveau weitere Änderungen, vornehmlich im Inneren des Gebäudes. Düsterer geht es während des Zweiten Weltkrieges zu, als das Gebäude vom deutschen Besatzer zum „Haus Moselland“ umfunktioniert wird. Nach Plänen des Luxemburger Architekten René Maillet und einer Idee von Jean Trouvé, einem der federführenden europäischen Baumeister, der in Luxemburg unter anderem den Eingang des Kinos „Marivaux“ entwarf, wird 1958 an der Südseite das „Aquarium“ hinzugefügt. Das Casino war seit seiner Gründung ebenfalls eine reiche musische Plattform. Daran erinnert heute nicht nur eine an der Fassade angebrachte Gedenktafel, die darauf verweist, dass Franz Liszt (anlässlich eines Besuchs bei seinem Freund Mihály Munkácsy in Colpach) hier am 19. Juli 1886 am Ende eines Wohltätigkeitskonzerts seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte (die heutige Kulturinstitution wartet pünktlich zu jedem Jahrestag mit einem Liszt-Konzert auf). Klaviervirtuosen wie Vladimir Horowitz oder Arthur Rubinstein, aber auch die Comedian Harmonists oder das Orchester von Radio Luxemburg unter Henri Pensis machten gleich mehrmals Zwischenstation in der Rue Notre-Dame. Illustre Gäste wie Winston Churchill (am 15. Juli 1946) würden im Casino empfangen.Neben Theateraufführungen und Filmprojektionen, standen ebenfalls Ausstellungen wie beispielsweise der Salon des „Cercle Artistique Luxembourg“ auf der Tagesordnung.  1959 erwirbt der Staat das Casino das bis 1990 an den Kulturkreis der Europäischen Gemeinschaft vermietet wird. Danach verfällt das in „Foyer Européen“ umbenannte Gebäude in einen fünfjährigen Dornröschenschlaf, aus dem das erste Kulturhauptstadtjahr 1995 es wachküssen wird. Seit dem 13. Januar 1995, 11.30 Uhr, verfügt auch Luxemburg nun über sein eigenes Zentrum für zeitgenössische Kunst, das, wie internationale Kunsthallen, über keine eigene Sammlung verfügt.  Art's Corner Urs Raussmüller, Direktor der Halle für Neue Kunst im Schweizer Schaffhausen, wird von Paul Reiles, dem damaligen Direktor des Nationalen Museums für Geschichte und Kunst, zu Rat gezogen, um das Projekt in Angriff zu nehmen. Indem er die seit den 60er Jahren gebrauchten „white cubes“, i.e. weis-neutrale Würfel, heute zwölf an der Zahl, in die vorhandenen Sälen integriert, vermag er 460 Quadratmeter Bodenfläche in 290 Quadratmeter Ausstellungsfläche umzuwandeln und alte Bausubstanz mit neuer Bestimmung optimal zu verbinden. Die Ausstellung „Luxe, calme et volupté – Regards sur le post-impressionnisme“ läutet für das ehemals mondäne Zentrum eine neue Ära ein. Die weiteren Schauen „Swinging Sixties – Sparkling Nineties“, „Edward Steichen – photographe“, „Wege des Expressionismus“ und „Main Stations – Nouveaux départs“ ziehen, bis zum 3. März 1996, getragen von der 95er landesweiten Kultureuphorie, 102 744 Interessenten an. Anlässlich der ersten Ausstellung nach dem Kulturhauptstadtjahr („Arrêts sur Images“) wird dem Casino ab dem 22. März 1996 ein „Forum d'art contemporain“ hinzugefügt. Dass das Luxemburger „Forum“ seinem antiken Vorbild des öffentlichen Platzes, wo Überzeugungen dargelegt, Standpunkte ausgetauscht, Fragen gestellt und Diskussionen geführt werden, gerecht wird, dürften auch die an zeitgenössischer Kunst Uninteressiertesten vorbehaltlos unterzeichnen können. Um auf einen aktuelleren Vergleich mit dem Londoner „Speaker's Corner“ zurückzugreifen, darf man das Haus auf Nummer 41 in der Rue Notre-Dame durchaus als „Art's Corner“ bezeichnen, da es Künstlern eine öffentliche Plattform bietet, um ihre kreative Vision anschaulich – sprich: in passender Umgebung – darzubieten.  Das Casino versteht sich vor allem als Laboratorium der Gegenwartskunst. Da es nicht unter Zwang steht, Besuchern eine eigene Sammlung zu präsentieren, ist es durchaus reaktiver – in Bezug auf aktuelle Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst. 1998 war die Ausrichtung der zweiten, von Stadt zu Stadt ziehenden, europäischen Kunstbiennale „Manifesta“ ein Dreh- und Angelpunkt in der ansonsten reich gefüllten Ausstellungsagenda des Casino. Doch nicht nur im geschichtsträchtigen Gebäude versucht die Casino-Mannschaft ihr Publikum zu erreichen: 2001 und 2005 wagt sie sich „extra muros“ vor und nimmt mit der Ausstellung „Sous les ponts, la rivière“ gleich das ganze Petrußtal in Beschlag, um vielleicht zufällige, aber umso verblüffendere Begegnungen mit der zeitgenössischen Kunst zu provozieren. Unter anderem Daniel Burens Projekt „D'un cercle à l'autre: le Paysage emprunté“ sprengt, indem es ihn hervorstreicht, den klassischen Postkartencharakter der Stadt und eröffnet dem Betrachter neue Perspektiven auf Altbekanntes.  Kollektive, thematisch ausgerichtete Ausstellungen, aber auch regelmäßige monographische Schauen internationaler Kunstschaffender wie Jacques Charlier, Peter Friedl oder Wim Delvoye, sowie hiesiger Künstler wie Simone Decker, Bert Theis oder Su-Mei Tse bieten eine willkommene Vitrine für deren Werke.  Neben einer systematischen Veröffentlichungs- und Konferenzpolitik, die das Casino über die Jahre hinweg verfolgt, wird gleichfalls das musikalische Erbe gepflegt. Auch hier wird oft, ohne andere Genres wie Jazz oder Klassik zu vernachlässigen, Zeitgenössischem der Vortritt gelassen. Skandale und Skandälchen Dass Luxemburg eine Plattform für zeitgenössische Kunst braucht, lässt bereits das öffentliche Interesse an der niederländisch-luxemburgischen Ausstellung „Rendez-vous provoqué“ 1994 im Nationalen Museum für Kunst und Geschichte anklingen. Frei nach dem „Nomen est omen“-Prinzip und eigentlich eher ungewollt sorgen Enrico Lunghi und sein niederländischer Co-Kurator Wim Beeren, der die drei Luxemburger Künstler Simone Decker, Antoine Prüm und Bert Theis aussucht, für reichlich Gesprächsstoff: Die Installation „Genera Virola“ von Berend Strik, in der eine ausgestopfte Katze anzutreffen ist, trifft nicht jedermanns Geschmack und ruft Proteste unter anderem von Tierschützern hervor. Der Präzedenzfall für öffentlich ausgetragene Diskussionen über Sinn und Zweck zeitgenössischer Kunst ist geschaffen. „Ich war es nicht, der den Skandal verursacht hat, sondern die Künstler. Es handelte sich nicht um programmierte Skandale, weil man nie im Voraus weiß, was möglicherweise die Volksstimmung brüskieren kann“, verrät Lunghi.  Auch weiterhin ist der Weg des Casino mit mehr oder minder kleinen und großen Diskussionen, Polemiken, Skandalen und Skandälchen gepflastert: „Lady Rosa of Luxembourg“, die schwangere „Gëlle Fra“-Interpretation der kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic scheint einen sensiblen Punkt des Luxemburger Nationalgefühls zu berühren, während Wim Delvoyes „Cloaca“ – die immerhin im Kulturhauptstadtjahr 2007 genau 9 404 Besucher anzieht, mehr als die zeitgleiche Pierre-Ernest-de-Mansfeld-Schau des MNHA – auch nicht bei allen Besuchern auf Verständnis stößt. Beide geben sogar Anlass zu parlamentarischen Anfragen. „Man kann mit Skandalen leben, und sie können durchaus einen Mentalitätswandel herbeiführen“, so der aktuelle Mudam-Direktor der sich in 13 Jahren als künstlerischer Leiter des Casino seine Sporen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst verdiente, gelassen.  „Geburtstage sind nur dann von Wert, wenn sie Brücken in die Zukunft schlagen“ – diesen Satz des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac stellte die damalige Kultur-Staatssekretärin, und heutige Ministerin Octavie Modert ihrem Vorwort zum Katalog anlässlich des 10. Jubiläums des Casino voran. Betrachtet man das Schaffen der nationalen Kunstszene, die zu internationalen Kunstinstitutionen geknüpften Verbindungen und die spürbar geweckte Neugier für Zeitgenössisches, dürfte wohl erwiesen sein, dass das Casino seinen Auftrag als Gegenwartspodium und Ort mit richtungsweisendem Charakter mehr als nur erfüllt hat. Und bekanntlich ist ja das einzige, was einer Brücke gefährlich werden kann, der Marsch im Gleichschritt... Vesna Andonovic Vier Fragen  an Jo Kox, administrativer Direktor  des Casino Wenn aus einem Provisorium ein Dauerzustand wird, werten Sie das als... ... einerseits, dass unser Projekt geglückt ist und die Richtung, die wir damals eingeschlagen haben, die richtige war. Andererseits, dass die Qualität, die wir gezeigt haben, den gebührenden Anklang gefunden hat, und zwar nicht nur bei den Behörden, sondern vor allem beim Publikum und den Künstlern selbst. Hinzu kommt, dass der Zufall uns doch wohlwollend zugespielt hat und das Casino so die Möglichkeit erhielt, eine ständige Einrichtung zu werden. Wenn der Mudam schneller fertiggestellt worden wäre, hätten wir sicherlich dort Quartier bezogen. Doch die Verzögerung hatte letztlich zur Folge, dass Luxemburg heute wesentlich reicher ist: Neben einem Kunstmuseum haben wir nun auch eine Kunsthalle – eine Traumkonstellation für jede Stadt, die sich nach außen hin öffnen möchte.  Mudam und Casino: Konkurrenz, gezwungenes Miteinander oder Liebeshochzeit? Ganz eindeutig letztere Option! Von Anfang an war klar, dass wir durch den Mudam und wegen des Mudam entstanden sind. Wir waren ihm stets verbunden, heute als große Schwester, früher als Kind. Ehedem konnten wir ihn als „Baby“ betrachten, das wir mit ausgetragen haben. Die Schwangerschaft hat so lange gedauert, dass wir genügend Zeit hatten, uns ausgiebig über die bevorstehende Geburt zu freuen. Der Funken ist auch gleich übergesprungen zwischen Marie-Claude Beaud und Enrico Lunghi. Folglich konnte überhaupt kein Konkurrenzkampf entstehen. Die Mudam-Direktorin hat nie versucht, das Casino zu unterdrücken und ihre Vormachtstellung auszuspielen. Selbst meine „Scheidung“ von Enrico hat sich absolut friedlich vollzogen. Wir sind demnach nicht nur total komplementär, sondern vermitteln uns sogar gegenseitig Besucher, Künstler oder ausländische Kritiker.  Wie weit können oder dürfen Sie sich als administrativer Leiter des Casino in seine künstlerische Ausrichtung einmischen? Stehen Sie hinter allem, was hier gezeigt wird?  Wenn ich mich einmischen würde, wäre ich hier fehl am Platz! Die Zeiten, als ich mit Enrico lange Diskussionen geführt habe, sind seit langem vorbei. Das heißt natürlich nicht, dass ich keine eigene Meinung habe. Sie jedoch Einfluss nehmen zu lassen auf meine Arbeit und meinen Auftrag – der darin besteht, hinter den künstlerischen Projekten zu stehen und die Kuratoren und Künstler in ihrem Schaffen zu unterstützen –, wäre falsch.  Das Casino setzt verstärkt auf Kinder- und Jugendprogramme. Ist hier ein offeneres Publikum vorzufinden, und wenn ja weshalb? Eigentlich müsste der Soziologe Fer-nand Fehlen einmal eine Studie darüber führen. Die Kinderprogramme in sämtlichen Luxemburger Kulturinstitutionen – vom Casino über den MNHA bis hin zur Philharmonie – sind sehr gut besucht, sogar komplett ausgebucht. Um es frech auszudrücken: Für manche ist es ein intelligentes Babysitting, wo den Kindern wenigstens etwas Wertvolles vermittelt wird. Deshalb ist es absolut notwendig, hierfür Gelder bereitzustellen! Kinder haben keine Vorurteile, sie sind weder von Geschmack noch Ideologie beeinflusst; die tauchen erst später auf. Erwachsenen fehlt da einfach das zum Verständnis notwendige Wissen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst. Das große Problem taucht beim Übergang zur Sekundarschule auf: Die Jugendprogramme sind überall ein Desaster. Einen einzelnen Jugendlichen zu mobilisieren scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Aus ihrer Sicht ist es „uncool“, der zehnte Museums- oder Theaterbesuch ist eine Qual... Ein Jugendlicher lässt sich einfach nicht mehr von der Mutter samstagnachmittags an der Museumspforte abliefern – das ist ein Phänomen, das pubertär erklärbar ist.Vier Fragen an Kevin Muhlen,  künstlerischer Leiter des Casino: Sie haben nach dreizehn Jahren von Enrico Lunghi, nach dessen Umzug ins Mudam, das Zepter des künstlerischen Leiters übernommen. Welchen Schwerpunkt möchte der Neue an der Spitze des Casino seinem Forum geben?  Es ist in der Tat nicht so einfach, nach dreizehn Jahren ein Haus neu zu beleben. Vieles wurde erreicht in dieser Zeit. Doch ich denke, auch dies macht es spannend und gibt Mut zur Neufindung. Nun geht es darum, neue Einflüsse in das Casino einzubringen, ohne jedoch von der Spur abzukommen. Mir geht es hauptsächlich darum, eine neue Generation von Künstlern, aber auch Kuratoren und andere Personen, die in der zeitgenössischen Kunst aktiv sind, einzubeziehen, um so auch diese neue Ära zu prägen. Unser Publikum soll merken, dass das Casino immer noch nach vorne schaut und sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht, sei es in der Auswahl der Künstler oder in den Ausstellungskonzepten und den Rahmenprogrammen.  Eine international vernetzte Arbeitsweise ist für ein Kulturhaus wie das Casino einerseits notwendig. Muss man jedoch andererseits nicht befürchten, dass man sich in einer Komfort-Schiene festfährt, was ja für ein zeitgenössisches Haus fatal wäre? Genau dies meinte ich vorhin. Wenn man zeitgenössisch sein möchte, muss man permanent nach neuen Künstlern Ausschau halten, neue Medien mit einbeziehen und versuchen, immer auf dem letzten Stand der Entwicklungen zu sein. Eine Kunsthalle wie das Casino ist ja schließlich nicht nur da, um etablierte Künstler zu zeigen. Auch wenn dies berechtigt bleibt, wenn in einer Gruppenausstellung zum Beispiel ein Dialog mit jüngeren Standpunkten entsteht.  Für viele ist der Begriff „Zeitgenössische Kunst“ entweder mit Unverständnis oder gar Ablehnung gleichzustellen. Wie versuchen Sie dies zu ändern? Falsch ist es zu denken, man müsse unbedingt die Kunst verstehen, um eine Ausstellung zu besuchen. Bei der Kunst, auch der zeitgenössischen, kann man sich gerne von den Werken verführen lassen, sei es auf ästhetischer Basis, weil eine Arbeit einem einfach nur gefällt, oder weil die Thematik einen anspricht. Die Interpretation kann als zweiter Schritt dazukommen. Diese kann man frei für sich selbst finden oder sich in der Arbeit vertiefen. Eigentlich gibt es keine Regeln. Man soll nur offen für neue Ideen sein. Wer schon mit vorgefertigten Ideen in eine Ausstellung kommt, lässt sich nicht so leicht verführen.  In meinen Ausstellungen möchte ich den Besuchern zeigen, dass es nicht nur um Verständnis und Fachwissen geht, sondern auch um Gefallen und Freude. Die Idee von „Konzept“ schreckt viele ab, doch dass es hier oft auch noch andere Anliegen gibt, wird vielfach vergessen.  Wie schwierig oder leicht ist es für einen künstlerischen Leiter, den persönlichen Geschmack außen vor zu lassen, oder muss er diesen im Gegenteil in seiner Arbeit pflegen? Der persönliche Geschmack ist natürlich präsent und prägt auch die künstlerische Linie. Man soll ja auch selbst Freude und Gefallen an seinen eigenen Ausstellungen haben. Natürlich entwickelt dieser Geschmack sich mit der Zeit, was auch interessant zu beobachten ist. Doch man muss die richtige Balance halten können. So ist es wichtig, in einer thematischen Ausstellung die Auswahl der Künstler und Arbeiten so breit wie möglich zu halten. Nur so können sich die Arbeiten entfalten und interessante Dialoge entstehen. Dies gilt auch für das Programm. Es wäre schade, wenn es eintönig, nur nach dem Geschmack des künstlerischen Leiters gestaltet wäre.  Das Einladen von Gastkuratoren ermöglicht es ja die Auswahl der Künstler breiter zu fächern, andere Ideen mit einzubeziehen und das Netzwerk der Kontakte auszudehnen.Quellen: Katalog „Traces de parcours 1996-2006“; Katalog „Ceci n’est pas un Casino“, mit u.a. Beiträgen von: - Didier Damiani: Du Casino Bourgeois au Forum d’art comtemporain; - Marc Jeck: Un Casino pas comme les autres: L’histoire d’une institution au fil des temps; - Paul Reiles: Le hasard et la nécessité: L’origine du Casino Luxembourg; „De Notre-Dame au Mudam“ von Sonia da Silva,  La Voix du Luxembourg, 24.11.2009.


Dateien:
PDF(277 Kb)

93/2010 - Freischaffender Künstler

p.  1