06/05/2010 15:32 Alter: 9 yrs

Manet, Van Gogh, Cézanne, Renoir, Matisse, Picasso & Co

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler
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Wenn auch keine 27 Stadtluxemburger wissen wo gegenwärtig das Pescatore-Dutreuxsche Vermächtnis an Gemälden eingesehen werden könnte und wir keinerlei Gemäldemuseum haben, so wird doch dank privater Initiative fast alle vierzehn Tage eine Gemäldeschau geboten, die uns Provinzlern ein klein wenig aus dem lebendigen Fluss der Kunstströmungen zu trinken gibt. Neben der großen Schau im Cercle-Gebäude, die zu versäumen geradezu Sünde wäre, gibt es bei Wierschem die romantisch wie Gral-Landschaften patinierten Bildzeichnungen von Sosthène Weis, die in eine Stube gehängt, eine heilige Stimmung verbreiten…  Diese Zeilen kann man in der Obermosel-Zeitung vom 24. April 1937 nachlesen. Zu dem erwähnten Vermächtnis die erfreuliche Nachricht, dass die lange “heimatlose” wertvolle Sammlung nun endgültig ein passendes Zuhause in der restaurierten und erweiterten Villa Vauban (an deren Anbau man sich aber erst noch gewöhnen muss) im Stadtpark gefunden hat. In Zukunft können dort Teile der Sammlung, eingebunden in dauernd wechselnden Ausstellungen, besichtigt werden. Auch die Kunstabteilung des Nationalen Museums für Kunst und Geschichte am Fischmarkt hat in den vergangenen Jahrzehnten eine sehenswerte Sammlung mit Werken von anerkannten einheimischen und ausländischen Artisten, durch Ankauf oder Schenkung, zusammenstellen können. In dieser Nummer von ons stad, die anlässlich der feierlichen Eröffnung der Villa Vauban – Musée d’Art de la Ville de Luxembourg erscheint, wollen wir auf die grosse Schau, ein außergewöhnliches, aus Privatinitiative entstandenes und ausgeführtes Kulturereignis zurückblicken, das vor über 70 Jahren die Spalten der einheimischen Zeitungen füllte, einen bis dahin nicht gekannten Publikumserfolg aufweisen konnte und es somit absolut verdient, in Rahmen dieser Veröffentlichung in Erinnerung gerufen zu werden. Eine gleichwertige Kunstausstellung hat bis heute – trotz einiger Ansätze während zwei sogenannten Kulturjahren – in Luxemburg nicht mehr stattgefunden. Es ist die Ausstellung die unter dem Titel La peinture française - de Manet à nos jours, nach einer Idee von Robert Stumper (1895-1977), dem rührigen Präsidenten der Luxemburger Volksbildungsvereine, verwirklicht worden war und vom 10. bis 25. April 1937 im hauptstädtischen Palais Municipal (Cercle) zu besichtigen war. R. Stumper und seinem Verband der Volksbildungsvereine war es gelungen, zusammen mit den Amis du Musée, der Action Française d’Expansion Artistique à l’Etranger sowie dem Cercle Artistique das Vertrauen der Regierung Bech zu gewinnen. Durch Vermittlung des Schwiegersohnes von Frau Emile Mayrisch-de Saint-Hubert, dem damaligen französischen Unterstaatssekretär am Quai d’Orsay Pierre Viénot-Mayrisch, hatte die französische Regierung ebenfalls ihre Unterstützung zugesagt. Da weder im Luxemburger Nationalarchiv noch in den diplomatischen Archiven des Quai d’Orsay (Papiere der französischen Botschaft in Luxemburg) offizielle Dokumente zur Ausstellung erhalten sind kann man davon ausgehen, dass die praktische Umsetzung ohne besondere staatliche Hilfe erfolgte. Zum Commissaire général der Ausstellung war der Pariser Autor und Kunstkritiker Claude Roger-Marx bestellt worden. Ehrenpräsidentin des Comité d’organisation war Frau Aline Mayrisch, als Präsident fungierte Robert Stumper; das Comité technique wurde vom Kunstmaler Joseph Kutter geleitet; Frantz Clément stand dem Comité d’éducation artistique vor und Zeitungsdirektor A. Schmitz führte das Comité de presse an. Im Rauchzimmer von Joseph Kutter, berichtet Frantz Clément, hatten wir uns an einem Abend in knapp einer halben Stunde über die betreffenden Namen von Künstlern geeinigt, so sicher und einmütig waren wir jedenfalls über das, was wir wollten. Die selbe Einmütigkeit herrschte auch von Anfang an zwischen den hiesigen Organisatoren und dem Pariser Generalkommissar der Ausstellung. Demnach waren die Weichen ohne Probleme zügig gestellt worden und das Vorhaben konnte kaum noch scheitern. Wegen der Weltausstellung in Paris, in der auch die Kunst eine Zentralrolle spielte, konnte von Anfang an, trotz Bereitwilligkeit und Großmütigkeit der Pariser Regierung und der Generaldirektion der Künste (LZ), nicht mit Leihgaben aus französischen Museen gerechnet werden. Ob das die Arbeit der Kuratoren vereinfachte oder erschwerte ist im Nachhinein nicht zu beurteilen. Die im Cercle ausgestellten Werke kamen schlussendlich hauptsächlich aus französischen und luxemburgischen Privatsammlungen. Die Kunstsammlerin und Mäzenin Aline Mayrisch, die ausgezeichnete Beziehungen zu Künstler- und Sammlerkreisen im In- und Ausland hatte, unterstützte tatkräftig die Bemühungen der Kuratoren. Ebenso der Direktor der Tuchfabrik Schleifmühle, der aus Deutschland emigrierte Erich Goeritz-Sternberger, der selbst u.a. einen kostbaren Manet und einen charakteristischen Monet zur Verfügung gestellt hatte, vermittelte aus seinem Freundeskreis ein halbes Dutzend seltener Bilder von Cézanne, van Gogh und Gauguin. Da die meisten ausgestellten Bilder in privaten Salons abgenommen werden mussten war die Dauer der Ausstellung aus Rücksicht auf die Leihgeber auf nur zwei Wochen begrenzt worden. Nicht weniger als hundert Gemälde waren ausgewählt worden. Wir wollen dem interessierten Leser die Liste der 66 Artisten nicht vorenthalten und bringen sie in alphabetischer Reihenfolge. Wenn nicht anders vermerkt waren sie mit je 1 Werk vertreten. Yves Alix, Maurice Asselin, Pierre Bonnard (3), Eugène Boudin, Jean-L. Boussingault, Georges Braque, Maurice Brianchon, Hughes C. Caillard, Edmond Ceria, Paul Cézanne (4), Auguste Chabaud, Marc Chagall, Henri-Edmond Cross, Edgar Degas (2), Maurice Denis, André Derain (2), Charles G. Dufresne (2), Raoul Dufy (3), André Dunoyer de Segonzac (3), Othon Friesz, Juan Gris, Marcel Gromaire (2), J.B. Guillaumin, Louise Hervieu, Adrien Holy, Edmond Kayser, M. Kisling, R. de la Fresnaye, A. de la Patellière, Pierre Laprade, Marie Laurencin, Fernand Leger, Raymond Legueult, André Lhote, Robert Lotiron, Maximilien Luce, Edouard Manet, Jean Marchand, Pierre A. Marquet, Henri Matisse (3), A. Modigliani, Claude Monet (4), Luc. Albert Moreau, Roland Oudot, Jules Pascin, André Planson, Pablo Picasso (2), Camille Pissaro (2), Odilon Redon, Auguste Renoir (3), Georges Rouault (2), K.-X. Roussel, Georges P. Seurat, Paul Signac (2), Alfred Sisley (2) H. Soutine, Henri de Toulouse-Lautrec, Maurice Utrillo (3), Suzanne Valadon, Kees van Dongen, Vincent van Gogh (2), Henri Vergé-Sarat, Maurice Vlaminck (3), Edouard Vuillard (3) und Henri de Waroquier. Im Vorfeld und während der Ausstellung hatten Kunstkritiker wie Joseph-Emile Muller (L), Paul Bruck (L), Claude-Roger Marx (F), Paul Fierens (B)… Vorträge über moderne französische Kunst in Luxemburg-Stadt und in Esch/Alzette gehalten. Luxemburger Wort, Luxemburger Zeitung, Luxembourg, Escher Tageblatt, Volksblatt, Obermosel-Zeitung… haben wissenschaftliche Beiträge oder Besprechungen von Frantz Clément, Théo Kerg, Paul Bruck u.a. veröffentlicht. Das Wort Kultur war damals noch Teil des geläufigen Wortschatzes bei Radio Luxemburg und so wurden über Wochen Plaudereien über moderne französische Malerei von Jean Bruck sowie französische Musik ausgestrahlt. Alle ausgestellten Werke waren in einem handlichen Katalog - jedoch ohne Angabe der Besitzer – aufgeführt worden. Die feierliche Eröffnung der Ausstellung – die unter dem Protektorat der luxemburgischen und der französischen Regierung stand - fand am Nachmittag des 10. April 1937 in Anwesenheit von Prinz Felix und der französischen Staatssekretärin im Unterrichtsministerium, Mme Léon Brunschvicg – die mit allen Ehren im Fürstenpavillon am Bahnhof von Regierung und Stadtverwaltung empfangen worden war - sowie zahlreichen Diplomaten und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft aus beiden Ländern statt. Auch viele einheimische Künstler hatten sich eingefunden. Frau Aline Mayrisch und Pierre Viénot-Mayrisch - ohne deren tatkräftigen Einsatz die außergewöhnliche Retrospektive nie zustande gekommen wäre – haben aus unbekannten Gründen der Eröffnungsfeier nicht beigewohnt. Abgesehen von den unvermeidlichen Besserwissern, die es auch damals gegeben hat, waren die Reaktionen beim Publikum und in der Presse durchweg positiv. Frantz Clément kam in der Luxemburger Zeitung eventuellen Kritikern zuvor: Wenn auch schon gleich bei der Eröffnung die Ausstellung die oft enthousiastische Anerkennung aller wirklichen Kenner einheimste – es gibt auch vermeintliche Kenner, die viel schlimmer sind als Ignoranten -, so wissen die Organisatoren am besten, dass ihr Werk nicht vollkommen ist. Joseph-Emile Muller und Frantz Clément führten täglich durch die Ausstellung. Da die Veranstaltung zum Teil mit der Oktave zusammenfiel, bot sich Besuchern und Vereinen aus allen Teilen des Landes eine willkommene Gelegenheit, sich im Cercle umzusehen. Viele Schulklassen wurden durch die Ausstellung geführt; die Lehrervereinigung besuchte dieselbe geschlossen an einem schulfreien (!) Nachmittag. Wegen des nicht abreißenden Besucherandrangs konnte die Schau, im Einvernehmen mit den Leihgebern, um immerhin vier Tage – bis zum 29. April – verlängert werden.  Wir bezweifeln, dass es heute sowohl aus Sicherheits- als auch aus Kostengründen noch möglich wäre, eine solch reiche Sammlung an unschätzbaren Kunstwerken an einem Ort zusammenzubringen. Sicherlich hatten damals noch nicht alle Künstler den hohen Stellenwert den sie heute haben. Dass eine Privatinitiative zu solch einem Publikumserfolg geführt hat und dass durch diese Ausstellung den Leuten über Presse und Rundfunk das Interesse an der Kunst näher gebracht oder vertieft wurde, gereicht Robert Stumper und seinen rührigen Mitstreitern zur Ehre, bis heute. Doch wir sind zuversichtlich, dass auch die jetzigen Verantwortlichen der Villa Vauban - Musée d’Art de la Ville de Luxembourg keine Mühe scheuen werden, in- und ausländischen Kunstbegeisterten fortan interessante und hochwertige Ausstellungen zu bieten, wenn auch nicht unbedingt mit Matisse und Co. Guy May


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