06/05/2010 15:39 Alter: 9 yrs

Hände weg von der Malerei!

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

I ch hätte auf Freund René Clesse’s Ansinnen, mich für ons stad zur Wieder- eröffnung und Erweiterung der städtischen Kunstgalerie Villa Vauban möglichst in Feuilletonform auszulassen, nicht eingehen sollen. Nach reiflicher Überlegung weiß ich aber, wie ich dem Angebot vielleicht doch halbwegs gerecht werde. Dafür muß ich allerdings weiter ausholen und heim in meine Kindheit und Jugend leuchten. Bei uns zu Hause hat nämlich, so weit ich denken kann, in der Salon genannten guten Stube eine von Nico Klopp gemalte Straßenszene gehangen, die, so wird erzählt, der chronisch klamme Künstler meinen Eltern zur Hochzeit geschenkt habe. Nicht nur aus Nostalgie oder Sentimentalität hab ich das Bild, das der handwerklich geschickte Maler selbst aus wohlfeiler Fichte gerahmt hatte, über zahlreiche Umzüge und Ortswechsel hinweg bis heute in Ehren gehalten. Die sogar bei Kennern heimischer Malerei kaum bekannte, impressionistisch fahlgrün und eigelb und blaßblau glimmende Platanenallee zeige, so Klopp selber, den ehemaligen Düsseldorfer Schulweg seiner Frau Elfriede. Als Kind hab ich mir freilich sehr früh eigne Reime auf diese nahezu menschenöde Malszene gemacht. Jedenfalls ist seinerzeit nicht damit zu rechnen gewesen, Martin Gerges, unvergesslicher Herausgeber der „Publications Mosellanes“, werde mir eines Tages den Auftrag erteilen, für seine Serie über Moselmaler eine Monographie über Leben und Werk von Nico Klopp zu schreiben. Dem biographischen Essay „Das Licht der Schatten“ ist viel Respekt vor Ölmalerei als solcher anzumerken; in der Tat verwende ich – übrigens zum Leidwesen von Klopps Tochter Rosemarie, die zur Buchpremiere eigens aus Ägypten anreist – mehr liebevolle Sorgfalt auf den Menschen als auf den Maler Nico Klopp. Auch von der Auswahl der Motive, die im Vierfarbendruck die fertige Monographie bebildern sollen, halte ich mich in voller Absicht fern. Aber sogar Verleger Martin Gerges selbst ist enttäuscht über die zu diesem Zweck von Kunstpapst Joseph-Emile Muller ausgespähten Bildmuster. Ja, es hat den Anschein, dem nachweislich kloppophoben bzw. kutterophilen Kunstwart Muller sei es drum zu tun gewesen, qualitativ zweifelhafte, ungelenke Stillleben gegen charakteristische Moselszenen auszuspielen und Klopp vielleicht auf Umwegen als Maler zu diskreditieren. Mullers mehr denn merkwürdige Auswahl bringt mich auf die Idee, einmal wenigstens einer Autorität auf den Zahn zu fühlen, die jahrzehntelang nahezu unumstritten über Luxemburgs Kunstszene herrscht. Ich ersuche dafür den Experten bei Gelegenheit höflich, mein Gemälde mit der Düsseldorfer Alleeszene künstlerisch zu bewerten. In seinem Amtszimmer hochoben im alten Fischmarkter Kunstmuseum zieht sich der extrem kurzsichtige Joseph-Emile das Bild deslängeren dicht vor Augen, nimmt sogar die Lupe zu Hilfe, winkt dann jedoch plötzlich barsch ab und tut leise einen Schrei des Abscheus. Erst wenn er merkt, daß er mich damit gehörig verstört, meint er schließlich ziemlich mokant: „Ich muß Sie enttäuschen, junger Mann, das Werk taugt so gut wie gar nichts, denn, sehen Sie, es ist anno 1923 gemalt, da hat Klopp noch überhaupt nicht malen können. Überhaupt, lassen Sie sich’s gesagt sein, von diesem Klopp kann man höchstens das eine oder andere späte, kurz vor seinem frühen Tod gemalte und dazu unfertige Bild gelten lassen.“ Basta ! Ich leugne sie ja nicht, meine große Schwäche für das Werk des leider jung vollendeten Künstlers Nico Klopp; und ich gestehe auch liebend gern, diese von Kindsbeinen auf gehegte Schwäche ist stark lokalpatriotischer Natur: Hof Remich spielt, wenngleich zu ungleichen Zeiten, in unserer beider Leben eine starke Rolle. Doch erst viel später lerne ich ein bei Klopp besonders ausgeprägtes Talent kennen und schätzen, eine Kunstfertigkeit, die ihn zweifelsfrei vorteilhaft von den Malern seiner Generation, seinen Freunden und Mitstreitern bei der legendären Sezession, den Kutters, Rabingers, Schaacks etc. unterscheidet: Klopp ist der bedeutendste Holz- und Linolschneider der Luxemburger Kunstgeschichte, Klopp hat mit seinen grafischen Beiträgen angesehene Zeitschriften und markante Bücher zu bibliophilen Raritäten gemacht, Klopp ist der anerkannte Ahnherr und heimliche Lehrmeister mehrerer Generationen talentierter Luxemburger Kunstgrafiker. Auf Nico Klopp, den fleißigen, originellen und innovativen Holz- und Linolschneider berufe ich mich denn auch gern und oft, wenn mich Fragen nach dem Eindruck und dem Wert eines Ölgemäldes in Verlegenheit bringen, wenn ich nicht bereit bin, offen und laut zu gestehen, daß ich mir schon deshalb kein fundiertes Urteil gestatte, weil ich zu wenig über die jeweilige Maltechnik weiß. Ohnehin glaube ich, Ölmalerei ist leichter und griffiger mit sprachlichen Anleihen in der Musik zu fassen, Schreiben dagegen ist von sich her Grafik pur… Doch schon ein paar Jahre bevor ich mich im biografischen Essay „Das Licht der Schatten“ mit Nico Klopp befasse, verleidet mir der eigne Cousin die Lust an der Ölmalerei so nachhaltig, daß ich mich eigentlich bis heute immer wieder hinter meiner Vorliebe für gute Grafik verschanze, wenn man von mir ein Urteil über ein Gemälde oder einen Maler erwartet. Vom Hörensagen glaube ich zu wissen, „Land“-Leser unterscheiden in den sechziger und siebziger Jahren sorgfältig zwischen J.-P.R., dem Kunst- und M.R., dem Literaturkritiker. Einmal jedoch vermischt „Land“-Herausgeber Leo Kinsch aus redaktioneller Not – J.-P.R. ist unabkömmlich – die beiden persönlichen Spielwiesen. Flehentlich bittet er M.R., ihm doch um Himmelswillen einen Beitrag über eine Frantz-Gillen-Schau in der seinerzeit kleinen, feinen Galerie Horn am Boulevard Royal zu liefern. Leo Kinsch fühlt sich wegen des Entwurfs für ein Farbfenster in seinem Haus auf Biergerkreiz dem in Paris lebenden Frantz Gillen verbunden. Und so steckt M.R., weil er den Verlegerfreund nicht enttäuschen möchte, ganz hübsch in der Bredouille. Denn er weiß, trotz Horns liebenswürdig beflissener Beratung, mit den abstrakten, penibel geometrischen Ölbildern des angesehenen Malers Gillen nicht viel anzufangen. Nicht nur die Wissens- und Gewissensbisse, an denen M.R. während seiner Arbeit über die Gillen-Vernissage leidet, auch und vor allem seine fachliche Inkompetenz hat er in seinem „Land“-Beitrag nur notdürftig hinter Höflichkeiten für den Maler Gillen verstecken können. Und so kommt es denn wie es kommen muß: Die Druckerschwärze unter der verunglückten Gillen-Rezension ist vermutlich noch nicht trocken, da meldet sich der hörbar verärgerte J.-P.R. beim Cousin und meint in seiner saloppen Ausdrucksweise: „Also Junge, Du verstehst vermutlich mehr von Literatur als ich, ich aber rate dir ein für alle Male: „Hände weg von der Malerei !“ Basta ! Ein paar Jahre drauf bringt der Maler Frantz Gillen nicht nur mich noch einmal arg in Verlegenheit. Der um spinnerte, doch lukrative Einfälle selten verlegene Auto-Revue-Verleger François Mersch lädt mit Architekt Paul Retter zum Dîner in die „Bar des Empereurs“. Es gilt den bei Gillen bestellten Entwurf für den von Mersch jahrzehntelang hartnäckig verfolgten Plan eines Denkmals für die „Klëppelkrieger“ zu begutachten. Auf dem Restaurant-Tisch, doch bereits ausser Sicht geschoben, Gillens Entwurf: Eine leeres, nacktes Sperrholzbrett auf dem um die zwei Dutzend schlanke, vierkantige, längliche Hölzer – vermutlich tapfere Öslinger – Mikadostäben gleich mehr und weniger aufrecht stehen. François Mersch und Paul Retter sind hörbar bemüht, über Gillens peinlich mageren Entwurf hinweg der Konversation zu pflegen. An meiner Miene ist wohl abzulesen, daß ich mir ebenfalls ein angemessenes Urteil unbedingt zu verbeißen trachte. Und dabei hätte ich damals ausgerechnet dank des auf Luxemburgs Kunstszene hoch gehandelten Meisters Frantz Gillen nicht mit meiner – inkompetenten – Meinung über Ölmalerei herausrücken müssen. Michel Raus


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