06/05/2010 16:01 Alter: 9 yrs

Der Kulturpapst

Kategorie: 93/2010 - Freischaffender Künstler 93/2010 - Freischaffender Künstler

Papst Gregor der Große las einst in der Bibel,  Die Kunst sei verwerflich und also von Übel.  Die Büsten der Götzen der heidnischen Welt  Verscheuchten die Vögel im Gurkenfeld.  Zu mehr taugt sie nicht, die griechische Kunst,  Sie hat nur die Menschen verdummt und verhunzt.  Nur Toren beten vor Bildern und Steinen  Und warten vergeblich, dass Geister erscheinen.  Sie können nicht reden, auch muss man sie tragen,  – die Statuen –, nicht gehen, man soll nicht verzagen;  Sie sind nicht zur Hilfe bereit, noch imstand,  Auch schaden sie kaum, das ist doch bekannt.  Man liest in den Psalmen und hört von Propheten:  Erkühnt euch nur nicht und hört auf zu beten,  Vor leblosen Steinen und güldenem Tand.  Es ist doch so zwecklos wie Sprechen zur Wand.  Papst Gregor, gewiss, war auch kein Gerechter,  Betätigt sich gern mal als Menschenschlächter.  Die Folter, er wandte sie gegen die Heiden –  Er konnte die Langobarden nicht leiden. Doch Rom, das einst in herrlicher Pracht  Als Weltmacht dastand, war zusammengekracht.  „Es ist wie ein Schiff mit uralten Planken“,  Denkt Gregor und macht sich so seine Gedanken.  „Von überall dringt schon das Wasser herein,  Ich steure das Schiff und bin doch zu klein.  Das Unwetter droht und mir ist so bang.  Ich fürchte endgültig den Untergang.“  „Einst hatte die Stadt an die tausend Paläste,  Heut sind es nur Trümmer, es bleiben noch Reste.  Sie zeugen von Blüte und griechischer Kunst,  Von Wohlstand und Größe, doch höllischer Brunst.“  „Es ist zwar die Schönheit antiker Skulpturen  Dem christlichen Glauben abhold, doch Figuren,  Die müssen nicht Ebenbild Gottes sein,  Es reicht schon das Abbild als Mahnung allein.“  „Wie soll die Barbaren ich ernstlich bekehren,  Wenn ich mich versteife, die Kunst zu verwehren.  Sie schnitzen und malen, sie schmieden ihr Gold,  Wenn ich es erlaube, sind der Kirche sie hold.“ „Sie können nicht lesen, es ist doch ein Witz“,  Sinnt Gregor, und ihm kommt ein Geistesblitz:  „Was den Reichen die Schrift, ist den Armen das Bild,  Es ist doch die Kunst, die die Kirchen füllt.“  „Nur so kann man ihnen Geschichten erzählen,  Aus der Bibel, und solche, die die Päpste wählen.  Kulant will ich sein, so auch bei den Riten,  Dann gewinne ich sogar die Gunst der Briten.“  Und also spricht Gregor, der oberste Christ:  „Ich benutze statt Folter auch einmal die List.  Das Volk der Angeln wird Weihwasser saufen,  Und König Ethelbert lässt sich taufen.“  „Und statt barbarische Laute zu lallen  Und zu Wöden, Erce und Horsa zu wallen,  Soll Britanniens Volk Hallelujah singen  Und damit auf ewig die Götzen bezwingen.“ „So ist mir die Kunst im Zweifel auch lieber“,  Sagt der gichtige Gregor im Endzeitfieber.  Doch später, als Gregor schon längst in der Gruft,  Verschafften die Künstler sich Freiheit und Luft.  Der Einsatz der Kunst, wie ihn Gregor betrieb,  Ist heute auch anderen Päpsten noch lieb.  Sie treten mit Füßen die Neunte im Staub,  Doch Beethoven stellt sich einfach taub.  Denn seine Musik ist wie die Kunst der Alten.  Man kann nach ihr greifen; sie ist nicht zu halten.  Der wirkliche Künstler, frisst er auch Kreide,  Bleibt im Grunde genommen immer ein Heide.  Jacques Drescher 


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