19/07/2010 11:54 Alter: 9 yrs

Der Auftakt der Spielzeit 2010-2011 im Großen Theater und im Kapuzinertheater

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

 

OPER UND ZIRKUS:

MOZART UND BAROCK

 

Mozarts herrliche Oper Così fan tutte läutet die Opernsaison ein. Anfang Oktober gastiert die Produktion des Festivals von Aix-en-Provence aus dem Jahre 2008, die mit der English National Opera und dem Grand Théâtre de Luxembourg koproduziert wurde, in Luxemburg. Der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami (Goldene Palme in Cannes für Le Goût de la Cerise 1997) inszeniert, während Andreas Spering die Capella Augustina dirigiert.

Zwei Monate später steht eine Barockoper auf dem Programm. Niobe, Königin von Theben ist das Werk eines heute weitaus unbekannten Komponisten Agostino Steffani (1654-1728). In der Produk-tion des Royal Opera House Covent Garden, koproduziert mit dem Grand Théâtre de Luxembourg, steht das Balthasar-Neumann Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, während Lukas Hemleb
inszeniert. Véronique Gens singt die Titel-rolle der Niobe, während Jacek Laszczkowski
Anfione verkörpert.

Ein ganz besonderer Abend ist Mitte Dezember dem Cirque invisible gewidmet: Véronique Chaplin und Jean-Baptiste Thierrée verkörpern Clowns und Gaukler, wilde Tiere und Zauberer. Das Jahr 2010 schließt in Grand Théâtre mit einem Programm, das sowohl dem Zirkus als auch dem Barock gewidmet ist: Le Carnaval Baroque zeigt in einer aufwändigen Produktion Zirkuskunst, Musik und Tanz aus dem Rom des 17. Jahrhunderts.

 

 

 

TANZ: BERLIOZ, NADJ,
CLARK UND PRELJOCAJ

 

Der Tanzreigen der Spielzeit 2010-2011 wird eröffnet mit einer großen Koproduktion von Roméo et Juliette von Hector Berlioz. 18 Tänzer des Ballet Biarritz tanzen in einer Choreographie von Thierry Mandelain, der vor zwei Jahren das Luxemburger Publikum mit L’amour sorcier (Manuel de Falla) und Le portrait de l’Infante von Maurice Ravel begeisterte.

Ende Oktober bringt der große Choreograph Angel Preljocaj Tänzer seines Ensembles mit Tänzern des Bolchoi-Theaters zusammen auf die Bühne. Techno-Star Laurent Garnier sorgt für die Musik, der indische Künstler Subodh Gupta gestaltet die Bühne und der russische Mode-Designer Igor Chapurin zeichnet die Kostüme. Ein wahrhaft globales Projekt!

Mitte November kommt das englische Ensemble Michael Clark Company wieder nach Luxemburg und tanzt nach Lou Reed, Iggy Pop, Brian Eno, Velvet Underground und Nina Simone. Michael Clark sagt von der Musik, die ihn geprägt hat: „Rock is my rock. It has been vital to me on a personal level; it has shaped me as an individual as well as an artist“.

Ende November ist der große serbische Choreograph Joseph Nadj mit zwei Arbeiten in Luxemburg zu Gast: Les corbeaux, ein Dialog zwischen Bewegung und Musik (Saxophon: Akosh Szelevényi), auf dem Hintergrund von Malerei, wird von
Télérama als „pièce palpitante, performance épatante“ bezeichnet. Der zweite Abend Woyzeck ou l’ébauche du vertige basiert auf dem Werk Georg Büchners, aus dem Nadj ein „Feuerwerk visueller Erfindungen“ zaubert.

 

 

SPRECHTHEATER IM GROSSEN HAUS

 

Der Saisonauftakt im Bereich des Sprechtheaters entführt uns in eine ferne Welt: Baïbars, le Mamelouk qui devint sultan erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im 13. Jahrhundert nach einer echten Odyssee Sultan über die islamische Welt wird.

Ende September laden der Komponist Kris Defoort und der Schauspieler Dirk Roofthooft, die beide schon auf der Bühne des Großen Theaters zu sehen waren, zu den Brodsky Concerts ein, einem Abend, der auf dem literarischen Werk Joseph Brodskys beruht, der 1987 mit dem Literatur-
nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Eine Ausnahmeproduktion kommt Ende Oktober: Les Justes von Albert Camus mit einer viel beachteten Emanuelle Béart in der Rolle der Dora. In seiner Inszenierung verzichtet Stanislas Nordey bewusst auf schmückendes Beiwerk und konzentriert sich ganz auf den Text von Camus, der nichts an Prägnanz eingebüßt hat.

Le soleil même pleut ist der schöne Titel, den Françoise Berlanger ihrem Monolog über die Krankheit und den angekündigten Tod eines geliebten Menschen gegeben hat. Am 2. November, dem Tag der Toten, zeichnet sie dieses Kaleidoskop des Todes, aber auch des Trostes.

Mitte November hat das Große Theater einen der bekanntesten deutschen Autoren zu Gast: Daniel Kehlmann. Ich und Kaminski (2003) und Die Vermessung der Welt (2005) sind nur zwei von fünf Romanen, die ihn zu einer festen Größe des deutschen Literaturbetriebs gemacht haben. Anna Maria
Krassnigg inszeniert die Büh-nenfassung des Schelmenromans Ich und Kaminski,
der den Kunstbetrieb durch eine gnadenlos satirische Brille sieht. In Töten, eine Produktion des Wiener Max-
Reinhardt-Seminars nach der gleichnamigen Kurzgeschichte Kehlmanns, steht der Ausbruchsversuch eines halbwüchsigen Jungen im Mittelpunkt. Vor dieser Vorstellung am 18. November lädt das Große Haus zu einem Gespräch mit Daniel Kehlmann ein. Der Kehlmann-Zyklus schließt ab mit Anna Maria Krassniggs Bühnenfassung von Ruhm, dem neuesten Roman von Kehlmann.

Mitte Dezember schließt das diesjährige Sprechheaterprogramm des Grand Théâtre mit einer großen, internationalen Koproduktion ab: Un Tramway, nach Un Tramway nommé Désir von Tennessee Williams. In der Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski spielt Isabelle Huppert die Rolle der Blanche
DuBois. Ihre Interpretation dieser einsamen Frau wurde in der französischen Presse hoch gelobt.

SPRECHTHEATER

IM KAPUZINERTHEATER

 

Ende September steht auch eine große französische Schauspielerin auf der Bühne des Kapuzinertheaters: Marie-Christine Barrault ist George Sand in Une rencontre avec George Sand von Alain Duault, eine Hommage an Frédéric Chopin.

Die erste Produktion der neuen Spielzeit geht Anfang Oktober über die Bühne: Marion Poppenborg inszeniert Die Kassette
von Carl Sternheim mit Marie-Paule von Roesgen, Jules Werner und Frédéric Frenay in der Besetzung. Eine traute Familienidylle wird nach und nach als scheinheiliges Panoptikum von Habgier und Egoismus entlarvt.

Ende Oktober feiert die erste französischsprachige Inszenierung der Spielzeit Premiere: Crime et Châtiment von Fedor Dostoïevski in der Bühnenfassung von Virgil Tanase in einer Inszenierung von Claudine
Pelletier (mit u.a. Caty Baccega, Valérie Bodson, Joël Delsaut, Philippe Noesen und Marc Olinger).

Samy Frey gastiert am 28. Oktober mit Premier Amour von Samuel Beckett im Kapuzinertheater, während zwei Wochen später Eva Darlan (bekannt aus Fernsehsendungen wie Palace, Madame le Proviseur) auf ihre Divins Divans einlädt. Die beiden französischen Mythen Jean Cocteau und Jean Marais stehen im Mittelpunkt von Cocteau-Marais mit Jacques Sereys, einer Produktion, die Jean Marais 1983 zusammen mit Jean-Luc Tardieu konzipiert hatte. Drei Tage später serviert das Kapuzinertheater ein musikalisches Cocktail Cocteau mit Jean-Louis Châles und Jean-Paul Alimi.

Mit einer ganz anderen Note hört das Jahresprogramm des Kapuzinertheaters auf: Nach Angels in America inszenieren Myriam Muller und Jules Werner Un garçon impossible des norwegischen Autors Petter S. Rosenlund, ein Stück, das 1998 mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt stehen einsame Kinder und versagende Erwachsene in einer gewaltbereiten, sexorientierten Gesellschaft.

 

 

FÜR DAS JUNGE PUBLIKUM

 

In der Zeit, in der Nikolaus und Weihnachtsmann Geschenke bringen, bringt das Große Theater auch ein reiches Programm für Kinder und Jugendliche. Auftakt macht Mäusemärchen und Riesengeschichte, Musiktheater als Puppenspiel von Elisabeth Naske mit Dan Tanson und Jean Bermes.

Sommerflügel, ein Spiel mit Licht und Schatten, richtet sich an die Kleinen von 2 bis 4 Jahren, während Zauberflöte – eine Prüfung sich an Kinder ab 8 und an Erwachsene wendet. Das „musikalische Volkstheater mit Pappe, Puppen und Projektionen“ wartet mit immer neuen Überraschungen auf und präsentiert eine völlig neue Zauberflöte.

CarréRotondes empfängt die beiden letzten Programme des Jahres: Le Carré curieux ist lebender Zirkus: die vier ausgebildeten Zirkuskünstler brillieren mit magischen Bildern und ständig wechselnden visuellen Herausforderungen. In Oups, tanzt das Ensemble La Vouivre die erste verliebte Annäherung eines Paares mit klarer Choreographie und viel Humor.

Es sei am Schluss dieses Beitrages einem Menschen gedankt, der viel für das Luxemburger Theater getan hat: Marc Olinger. Als er 1984 an die Spitze des Kapuzinertheaters berufen wurde, konnte niemand ahnen, welchen Impuls dieses Theater unter der Leitung von Marc Olinger
dem einheimischen Theaterschaffen geben sollte: professionelle Arbeitsbedingungen, mutige Spielpläne und interessante Gastspiele machten de Kapuziner zu der Bühne schlechthin. Für die vielen schönen Abende und die spannenden Produktionen sind wir Marc dankbar. Unsere besten Wünschen begleiten ihn, verknüpft mit der Hoffnung, dass wir ihn in Zukunft mehr als Schau-spieler auf und als Regisseur vor der Bühne sehen.

 

Simone Beck

 

 

 

Beim Schreiben dieser Zeilen erreichte uns die Nachricht, 

dass Roger Manderscheid gestorben ist Ein großer Schriftsteller, 

ein liebenswerter Mensch hat uns verlassen. 

 

Eng Nuecht um Kuelebierg gehörte zum Eröffnungsprogramm 

des Kapuzinertheaters vor 25 Jahren (1985).

 

„Eng Nuecht um Kuelebierg“ von Roger Manderscheid mit

Pierre Bodry, Marc Olinger, Mady Dürer, Philippe Noesen und Josy Braun.

 

 

 


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