19/07/2010 11:55 Alter: 9 yrs

O mein Gott, 25 Jahre Kapuzinertheater?

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater
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25 Jahre! Eine lange Zeit. Bin ich schon so alt? Nein, noch nicht ganz, ich war nämlich im ersten Jahr gar nicht mit dabei. Uff, grad nochmal davon gekommen! Ich sitze grade irgendwo in einem kleinen Hotelzimmer, in irgendeiner Kleinstadt in Deutschland und soll nun 25 Jahre Kapuzinertheater kommentieren. Wie soll das gehen? Was soll ich da schreiben?

Gut, die erste Spielzeit lass ich schon mal weg, bleiben also nur noch 24. Und auch dazu kann ich mich ja nur begrenzt verhalten, ich war ja nur begrenzt zugegen, schreibe also nur von dem, was mich betraf und habe Angst. Ja, wen interessiert denn das überhaupt? Zurückblicken ist auf dem Theater eine gefährliche Angelegenheit: Man steht auf der Bühne, stockt, hält inne, überlegt, was war das grad eben, und schon hat man den nächsten Satz verpatzt, rennt hinterher und holt sich selbst nicht mehr ein. Am Theater gilt, wie im Fußball, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, man muss vorwärts denken, jeder Rückblick ist fatal und gehört eher in die Silvesternacht als auf die Bühne.

Dennoch, ich versuch‘s, und der Leser ist ja ein freier Mensch, er kann das Lesen ruhig einfach lassen und stattdessen ins Theater gehen, oder auch nicht, ganz wie er will, er darf davon halten, was er will, das ist die große Chance und das große Ärgernis des Theaters, jeder darf, was er will, sagen, kritisieren, sich begeistern und ablehnen, und dem Schauspieler bleibt keine andere Möglichkeit als zu behaupten, das was er tue, sei genau das Richtige, ob‘s stimmt oder auch nicht!

Mein erstes Stück, bei dem ich mitspielte, im Kapuzinertheater, war „De Meeschter fällt vum Himmel“ (Regie Fränk Hoffman, Text Guy Rewenig, nach der Vorlage von Goldonis „Diener zweier Herren“). Danach folgten, verteilt auf 24 Jahre, etwa zwanzig weitere weitere Stücke, oder waren es 25 oder nur 15? Die ersten Arbeiten waren vor allem mit Fränk Hoffmann, „Faust“, „Blumfelds Hund“, „Die Räuber“, davor unter der Regie von Dagmar Zwingmann „Zur schönen Aussicht“, nach dem „Meeschter“ alles deutsche Stücke. Fränk Hoffmann hatte am Kapuzinertheater die große Möglichkeit, seine Idee von Theater zu verwirklichen, modern, deutsch, neuartig, und ich hatte das große Glück, in meinen Anfängen mit dabei zu sein. Und wir hatten das große Glück, dass es das Kapuzinertheater gab, und dass Marc Olinger uns machen ließ, auch wenn es konträr zu seiner eher französisch angehauchten
Theateridee verlief. Marc, ein „Chef“, der selber viel und überall und immer wieder und fast beängstigend gerne spielt, inszeniert und isst, konnte man nie den Vorwurf machen, dass er einem ständig im Weg steht. Das waren 24 Jahre lang (für andere, ältere als ich, 25 Jahre), eine große Freiheit, die man nutzen konnte, wenn man sie zu nutzen wusste.

Auf meine „Hoffmann-Zeit“ folgten mehrere Stücke unter der Regie von Frank Feitler, als erstes „Macbeth“ in französischer Sprache, ups! Die französische Sprache ist nicht unbedingt mein Fall, Fränk Feitler schon eher, und wir konnten einen der für mich schönsten Theaterabende zusammenbasteln: „Siwe Lëtzebuerger kreien de Karlspreis“. Das aus der Not geborene Stück wurde morgens bei Albert gegenüber vom Theater (dem heutigen Art-Café, das sinnigerweise bereits vor Vorstellungsende seine Tore schließt – wegen Reichtum geschlossen) unter Einfluss von Hunderten von Espressos zu Papier gebracht, anschließend auf der Probe ausgelotet, weiterimprovisiert und am Abend, natürlich nach der Probe, unter Einfluss von Hunderten von Litern Bier in den Himmel hochgetrunken. Da wir uns selbst kurz vor der Premiere in keinster Weise sicher waren, dass das, was wir da zusammenbrauten, irgendjemand außer uns auch witzig finden würde, luden wir zur Generalprobe schon mal einige Freunde ein, um vorsichtshalber doch mal reinzuschauen. Das Echo war verblüffend, ab der ersten Sekunde johlten die wenigen Zuschauer im Saal, der Erfolg war gesichert, fast hätten wir ihn uns dadurch verdorben, dass wir bereits nach der Generalprobe, am Tag vor der Premiere, so ausgelassen feierten, als gäbe es keine Premiere mehr. Bei Sanny, in der „Pësperkëscht“ wurde bis vier Uhr morgens getanzt und gefeiert, neben, auf und unter den Tischen, selbst auf der Bar, zu literarisch hochwertigen Liedern à la „Live is Live“. Frank Feitler saß am Tisch und sah schon die ganze Arbeit im Rausch durch den Gully verschwinden… Gottlob blieb uns aber auch noch für die Premiere ausreichend Spannung übrig, um das Ganze zum Erfolg zu bringen.

Mit Frank Feitler kamen natürlich auch die ganzen „Lëtzebuerger Owender“ mit Liedern und Texten von Putty Stein, Pir Kremer, Auguste Liesch u.a. An einem dieser fünf „Abende“ waren Marc Olinger und ich die Backgroundsänger von Josiane Peiffer, und Marc hatte sich ein wunderbares Zwergenkostüm ausgedacht: auf an den Knien befestigten aufgeschnittenen Turnschuhen und mit einem Nikolausbart unter der Nase rutschten wir auf die Bühne, hoppelten in unserer halbierten Größe auf und ab, und ich muss gestehen, neben Marc sah ich Zwerg ziemlich alt aus! In der Viererbande, Fernand Fox als alter Hase, Marc als Wuchtbrumme, Josiane als Grande-Dame war und blieb ich, der jüngste, bis heute der „Bouf“, eine Bezeichnung, die mit grad noch nicht fünfzig etwas lächerlich ist, aber, was soll‘s, auch das gehört zum Theater. Sich der Lächerlichkeit preiszugeben ist das, womit ich einen Teil meines Geldes verdiene.

Ich war, naturgemäß, bis auf zwei Ausrutscher, dem deutschen und natürlich auch dem luxemburgischen Theater verbunden. Komischerweise ist es nie wirklich gelungen, die drei oder gar vier Sprachen – deutsch, französisch, englisch und luxemburgisch – zusammenzubringen und so ein sprachliches und stilistisches Gesamtkonzept für das Kapuzinertheater zu entwickeln. Als ginge man sich beflissen sprachlich aus dem Weg, jeder auf seiner eigenen Stilburg, ohne zueinander zu gelangen. Eine Ausnahme war vielleicht „Beckett x 3“
in einer Inszenierung von Johannes Zametzer, wo ein deutsches, ein französisches und ein englisches Stück von Beckett zu einem einzigen Gesamtstück ineinander flossen. Auch zwei Jahre später mit „Edward II“
von Christopher Marlow, und danach mit meinem eigenen „Homekrimi“, mit Marie-Paule von Roesgen als bezaubernde luxemburgische Mutter, die sich ihren in die ganze Welt verstreuten Kindern als portugiesische Putzfrau präsentierte (luxemburgisch, deutsch, portugiesisch und belgisch), gab es noch zwei weitere Versuche, doch danach drifteten die sprachliche Welten wieder auseinander und jeder theaterte alleine vor sich hin.

Ich blicke hier natürlich durch meine eigene kleine beschränkte Brille: Es mag sein, es gab zu „Lückenzeiten“ andere Versuche in diese Richtung. Ich habe, wie oben beschrieben, nur in etwa zwanzig, fünfzehn oder dreißig Stücken mitgespielt, es gab viele Leerzeiten, das Gesamtbild bleibt lückenhaft und würde zudem von der falschen Seite her aufgerollt. Ich habe die Stücke, in denen ich mitspielte, zwangsläufig nicht gesehen. Und bei denen, wo ich nicht dabei war, war ich zumeist auch nicht in Luxemburg, und darum habe ich die dann auch nicht gesehen. Also, 25 Jahre Kapuzinertheater, ein Gesamtbild, das kann mir einfach nicht gelingen.

Aber meine eigene Geschichte ist nunmal die einzige, die mir gelingt, mal besser, mal schlechter. Meine letzte Phase am Kapuzinertheater habe ich unter der Regie von Johannes Zametzer begangen: die beiden bereits oben erwähnten Stücke „Beckett x 3“, „Eduard II“, dann folgten „Bash“, „Die Grönholm-Methode“, „Der Hässliche“, „Das Leben der Anderen“, die letzten drei jeweils mit Germain Wagner, Petra Zwingmann und zum Teil auch Klaus Nierhoff und dann zur 25-Jahr-Feier „Wär ich doch früher jung gewesen“, eine Hommage an Hans Christian Andersen, gemeinsam mit dem genialen Musiker André Mergenthaler.

Zum Theater proben und spielen gehört eine gewisse Intimität, die nur gelingen kann, je besser man sich kennt. Es ist nicht so, dass man immer mit dem spielt, bei dem man sich am meisten „eingeschleimt“ hat, aber es ist doch sehr natürlich, dass man lieber und besser mit Leuten arbeitet, mit denen man „kann“, sich wohl fühlt, keine Angst hat, sich zu blamieren, denn nur da kann man sich fallen lassen. Und sich fallen zu lassen ist lebensnotwendig am Theater!

Ich habe in den 24 Jahren viele Stunden mit immer wieder denselben Menschen verbracht, luxemburgischen Kollegen wie auch deutschen, und unsere Spielwiese war das Kapuzinertheater, man hat sich gemeinsam gefreut, sich geärgert, kritisiert und aufgebaut, und am Ende stand immer die Aufführung, mal mehr, mal weniger gelungen, mal mehr, mal weniger vom Publikum honoriert.

 

Und damit komme ich zum letzten, nicht unwesentlichen Punkt: das Publikum. 25 Jahre Kapuzinertheater sind auch 25 Jahre Publikum, letzten Endes der einzige wahre Zeuge über die ganze Zeit hinweg. Ohne Publikum kein Theater, jede noch so große Bemühung auf der Bühne verpufft, wenn sie sich niemand anschaut. Man muss dem Zuschauer nicht immer nach dem Maul spielen, aber man sollte sich schon auch bemühen, dass das Publikum kommt und bleibt!

Letzten Endes sind 25 Jahre Kapuzinertheater nichts anderes als das, was das Publikum davon mitgekriegt, geliebt und gehasst hat. Eigentlich sollte das Publikum hier sitzen und über 25 Jahre Kapuzinertheater schreiben. Aber wie bekommt man ein luxemburgisches Publikum in ein muffiges Hotelzimmer, irgendwo nach Deutschland in irgendeine Kleinstadt, auf Tournee?

Wie dem auch sei, Glück auf für 25 Jahre Kapuzinertheater. Ich freue mich auf weitere pralle 25 Jahre und hoffe, auch dann wenigstens 24 davon mitzuerleben…

 

Luc Feit


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