19/07/2010 12:05 Alter: 9 yrs

Une photo et son histoire

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

 

Die geneigten Leser, die das jetzige Kapuzinertheater in seinem ehemaligen Zustand in Erinnerung haben, werden verstehen, dass dieses Lokal keinesfalls den Ansprüchen einer Besatzungsmacht genügen konnte, die – so Goebbels – „das Theater als Anstalt nationaler Erziehung“ ansieht. Der Intendant des ersten Gastspiels (Mozarts Zauberflöte), das nach der Ankunft Gustav Simons 1940 über die Bühne ging, der Koblenzer Hanns Kämmel, sah überall „technische, hygienische und feuertechnische Mängel“ und stellte eine latente „Explosionsgefahr“ fest, die er mit einer „mangelnden Entstaubung des Bühnenhauses“ erklärte.1

Der deutsche Oberbürgermeister Richard Hengst erklärt den Bedarf an einem neuen Theaterbau in einer nicht uninteressanten Analyse: „Die Stadt Luxemburg wird in Zukunft nicht mehr Regierungssitz eines kleinen, aber reichen Landes sein. Sie sinkt also unzweifelhaft in ihrer Bedeutung. Auch ist die Stadt in Gefahr, durch die Eingliederung Luxemburgs ins Reich, als Fremdenverkehrsstadt wenigstens vorübergehend an Anziehungskraft (…) einzubüssen. Rein materiell gesehen war der Lebensstandard der Luxemburger recht hoch, so dass wir ihnen, wenigstens auf absehbare Zeit, materielle Vorteile nicht bieten können. Um so wichtiger ist es, kulturelle Anziehungspunkte in Luxemburg zu schaffen, und eines der hervorragendsten und werbendsten Kulturinstitute ist zweifellos das Theater. Aus diesen Gründen ist die Führung der Stadt entschlossen, alles daran zu setzen, um die gänzlich unzulänglichen Theaterverhältnisse in der Stadt so bald wie möglich zu verbessern.“2

In der Tat: das bestehende Theater – das heutige Kapuzinertheater – lag „vollkommen versteckt in einer Seitengasse, (...) ein ganz und gar missgestalteter und völlig unzweckmäßiger Bau, (...) der weder umfang mäßig noch architektonisch der Würde einer deutschen Theaterkunststätte (entspricht), (zumal sein) Eingang einer Scheune eher gleichzusetzen ist als dem Portal eines Theaterbaues“. 

Und so wurden die Düsseldorfer Architekten Hentrich und Heuser mit der Ausarbeitung der Pläne eines neuen Theaters beauftragt. Als Ort war das Heilig-Geist-Plateau zurückbehalten worden, wo auch erwogen wurde, eventuell ein neues Rathaus und ein Gebäude für die Kreisleitung zu errichten. Oberbürgermeister Hengst verstieg sich zu einem Vergleich mit der Akropolis und kündigte gleichzeitig umfangreiche Straßenbauprojekte an, welche das Theater- und Verwaltungszentrum besser an die Stadt anbinden sollten. So sollte zum Beispiel die Trierer Straße mit einem Viadukt direkt an den Platz angebunden werden.

Aber der Gauleiter sollte es anders entscheiden: Die Infrastrukturarbeiten auf dem Heilig-Geist-Plateau waren zu aufwändig und das Bauareal zu begrenzt. Also entschloss man sich für das Gelände des Konvikts als neuen Standort. Die Verkehrszufuhr war einfacher und vor allem das Grundstück größer. Es bot Raum für ein ganzes kulturelles Viertel mit Theater und Konzerthaus, Bibliothek, Musikschule und Kino. Der Führer selbst beauftragte die Architekten Hentrich und Heuser, die schon den ersten Entwurf gemacht hatten, mit der Durchführung des Projektes, das aber – indirekt – dem Einmarsch in die Sowjetunion zum Opfer fiel. Die finanziellen Prioritäten lagen jetzt anders und die deutschen Gastspiele – vornehmlich aus Koblenz und Trier – gastierten weiterhin in „der Kapuzinerkapelle“. Dennoch war die Berliner Volksbühne jedes Jahr u.a. mit René Deltgen in Luxemburg zu Gast, bis die Zerstörung der Verkehrsverbindungen diese Gastspiele unmöglich machten und nur mehr Gastspiele des benachbarten Stadttheaters Trier auf dem Spielplan standen. Der Sicherheitsdienst allerdings beklagt, dass diese Vorstellungen nicht gut besucht waren: verwundete Wehrmachtsangehörige, Krankenschwestern und Luxemburger, die sich mit „flegelhaftem Benehmen“ auf dem „Juk“ (sic) hervortaten, waren das einzige Publikum.

Es kann nur spekuliert werden, ob ein pompöser Theaterbau zu einer größeren Affluenz geführt hätte. Sicher jedenfalls ist, dass nach der deutschen Besatzungszeit während Jahrzehnten schöne Produktionen in deutscher und französischer Sprache über die Bühne der „Kapuzinerkapelle“ gingen, die heute aus unserem Theaterleben nicht mehr weg zu denken ist.

 

Simone Beck

 

 

1 Ferdy Reiff, Jahrhundert-Geschenk zu Jahrtausendfeier, in: Théâtre Municipal Luxembourg, Plaquette commémorative du 25e anniversaire, Luxembourg 1989, S. 24;

2 Fundus „Chef der Zivilverwaltung“, Archives Nationales;

3 Fundus „Chef der Zivilverwaltung“, Archives Nationales.

 

 


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