19/07/2010 12:12 Alter: 9 yrs

Am Rande der Kapuzinerlesungen

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

 

Im Januar 2001 hat Pol Greisch als erster, im Februar 2005 Günter Grass als letzter mit großem bis überwältigendem Erfolg das Literaturprogramm „Kapuzinerlesungen“ bestritten. In fünf Jahren haben sich auf dem Podium des Art Café und der Bühne des Kapuzinertheaters noch 22 weitere deutsche, französische, österreichische und luxemburgische Autoren, darunter so bekannte Leute wie Herbert Rosendorfer, Robert Gernhardt, Martin Walser, Michel Tournier, Robert Menasse, Jakob Arjouni, Cathérine Millet (ausnahmsweise im Studio des Grand Théatre), Jorge Semprun, René de Obaldia, Claudine Muno, Guy Helminger und Gerold Späth dem Luxemburger Publikum gestellt.

Als Initiator und Moderator der Lesereihe nehme ich meine Gäste in der Regel Stunden vor der Veranstaltung im Cravat oder Bellevue in Empfang und führe sie, ein bisschen stolz, in den historischen und neueren Viertel der Stadt herum; wir kehren auch schon mal da oder dort ein, um Journalisten in entspannter Atmosphäre Gelegenheit zum Interview zu geben.

Was sie von der Stadt gesehen, wie sie Land und Leute erlebt haben, was ihnen zu Luxemburg eingefallen ist, steht mittlerweile „Bei den Dazwischenleuten“ (Jürgen Lodemann dixit), in einer vom Kapuzinertheater und den Cahiers Luxembourgeois herausgegebenen Broschur aus Texten, die auf Wunsch des Gastgebers eigens geschrieben worden sind.

In diesem Album fehlt freilich ein Zwischenfall vom September 2002. Ich hoffe, in den Tagebüchern, die er auf seinen zahllosen, zum Teil weltweiten Reisen akribisch geführt hat (bislang zwei Bände bei Rowohlt Hamburg), erinnert sich Martin Walser, satirisch boshaft wie er bisweilen redet und schreibt, so nachhaltig nicht an einen für ihn äußerst peinlichen Auftritt in einer Boutique im Herzen unserer eingebildeten Einkaufsstadt.

Martin Walser weilt anno 2002 schon zum vierten Mal in Luxemburg und ist auch voll der Sympathie für die Stadt, insbesondere für das „Kapuziner“, von dem er, vaterstolz, weiß, diese Bühne hatte mal ein Stück seiner Lieblingstochter Alissa im Programm.

Der Weg vom Cravat ins Theater führt zwischen Place d’Armes und Grand-Rue vorbei an den Vitrinen einer bekannten Herrenboutique. Wer weiß, dass Martin Walser immer schon ein eitles Mannsbild gewesen ist, dass er jetzt, mit 75 Jahren, immer noch großen Wert auf eine möglichst imposante Erscheinung und eine sorgsam ausgesuchte Garderobe legt, ist nicht überrascht, wenn er sieht, wie es den Schriftsteller beinahe magisch vor die Auslagen besagter Boutique zieht. Leider hat der Laden zu früher Abendstunde schon geschlossen, doch Walser nimmt sich vor, am nächsten Morgen auf einem weiteren Gang durch die Stadt den Laden wieder aufzusuchen, um, „sie sind zwar sündhaft teuer“ klagt er, einen Pullover und ein T-Shirt zu kaufen, die es ihm angetan haben.

Und tatsächlich, am nächsten Tag steuert Walser, denn er kennt sich mittlerweile gut hier aus, auf nächstbestem Weg zu seinem Herrenausstatter. Im nachhinein bedauere ich, vor der Boutique auf ihn gewartet zu haben. Denn so krieg ich gleich einen schönen Schreck, zu sehen, wie Walser, kaum hat er den Laden betreten, im Rückwärtsgang und heftig kopfschüttelnd die Boutique wieder verlässt. Erst stützt er sich mir auf die Schulter und versucht, tief durchzuatmen, dann aber lässt er seiner Verblüffung und seinem Ärger freien Lauf: Du, ich wette, du rätst nicht, was mir da-
drin eben passiert ist? Also, ich krieg nicht mal Zeit genug, mein Begehr vorzubringen, ich will eben noch Richtung Auslage deuten, um mich verständlich zu machen, da unterbricht mich die junge hübsche Dame hinter dem Tresen, grinst mich erst hämisch an und meint dann völlig ungerührt: „Je suis désolé, Monsieur, mais ici, on ne sert pas les vieux!“

Wir sind danach, trotz Verstimmung, noch ein wenig durch die Stadt geschlendert. Walser kauft am Krautmarkt – wie unter Protest – zwei britisch gemusterte Pullover, doch ein paar Tage danach gesteht er mir am Telefon, er habe sich zum ersten Mal in seinem Leben Ware andrehen lassen, die er nicht anziehen könne, weil sie ihm nicht passe.

 

 

 

 

Michel Raus

 

 

Anno 2002 hielt Robert Gernhardt eine Kapuziner-Lesung.

Am Tag danach schenkt er mir 

ein im Restaurant Le Beaujolais (heute Brasserie du Cercle) geschriebenes Gedicht.

Kurz vor seinem frühen Tod hat er es auch in die an der Uni in Frankfurt und Düsseldorf gehaltenen Vorlesungen über Poetik (siehe „Was das Gedicht alles kann: alles“ S. Fischer Verlag Frankfurt) aufgenommen. 

D

azu Gernhardt: „Manchmal genügt sogar ein kleiner Dreh, den Dichter glücklich zu machen. So jedenfalls erging es mir, als ich mittags in einem Lokal der Stadt Luxemburg auf meine Bestellung wartete. Dabei ging mir ohne sichtlichen Anlass folgende Zeile durch den Kopf: 'Das ist sone Sache, sagte der Sachse.' Hat was, dachte ich und nutzte die Wartezeit dazu, die deutsche Sprache im Schnelldurchgang nach weiteren brauchbaren S-Erweiterungen zu durchforschen. Ich wurde fündig: Wache- wachse, Fache – Faxe, Lache-Lachse. Lachse! War es das laborgenerierte Wort, war es die vom Leben eingefädelte Situation, dass ich ausgerechnet auf ein Fischgericht wartete?

Das Gedicht war fertig, noch bevor seine Fischsuppe vor Gernhardt stand:

 

Das sei sone Sache, / sagte der Sachse. / Er halte hier Wache, / ob der Fischbestand wachse. / Forellen im Bache, / er fangse und backse – / das sei keine Mache: / „Ich gennse und magse.“ / Doch sei er vom Fache, / weshalb er jetzt faxe: / Solch flache Lache / ist nichts für Lachse.

Ein Luxemburger Literaturprofessor verließ in der Pause der Robert-Gernhardt-Lesung wütend den vollen Theatersaal und meinte, so was habe weiland ein gewisser Wilhelm Busch schon weggedichtet!

 

 

Ein Brief 

aus Hamburg

 

I

ch habe euer Land wieder verlassen mit dem Gefühl, dass alle Japaner dort auch Chinesen sein könnten. In der Avenue Monterey überlegte ich lange, ob ich mir die dort ausgestellten Pantoffel kaufen sollte, bevor das Schädeltor des Winters hinter uns zuschlägt. Zur Nacht unterhielt ich mich mit der Kundenberaterin einer Düsseldorfer Mobilfunkgesellschaft darüber, wie ich in meine Mailbox gelangen könnte, in die mich das örtliche Netz Tango offenbar nicht ließ. Gegen Morgen machten wir uns bereits Geständnisse und beendeten die Beziehung flüsternd. Ich war plötzlich 25, sie, schätzungsweise, knapp über 30.

Unvergesslich werden mir die roten Berge bleiben, und wie deren guter Geist und Beschützerin, N.M., die Senkrechten hinaufflog, hin und wieder einen Jäger rausschoss und dessen Knochen liebevoll unter den Kauern ihres Hundes knacken ließ. Ihrem langen schnellen Leben ist sie immer einen Augenblick voraus.

Auf dem Flughafen lernte ich, für immer melancholisch zu sein. Er ist gerade noch so klein, dass jeder Abschied dort traurig stimmt. Schafft viele kleine Flughäfen! Zum Abschiedspielen. In Luxemburg lernte ich zwei Dinge: dass man Geld nicht sehen kann. Und dass ein Nichtkommunist mit einem Kommunisten beieinander sitzen kann. Ohne ihn, wenigstens im stillen, auslöschen zu wollen. Das war mir, als Bürger einer sozialdemokratischen Metropole des verbliebenen fränkischen Ostreichs, bisher unbekannt. So beschloss ich mit allen Jugendtorheiten zu brechen und Kommunist zu werden.

Dank, Luxemburg. Und Dank Euch. Mögt ihr weiter Tote zum Leben erwecken.

Herzlich, 

Euer Piwitt

 

 

 


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