19/07/2010 12:15 Alter: 9 yrs

Roger Manderscheid (1933-2010): Brief an einen Freund

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

Lieber Rosch, 

 

Verstorbenen kann man ja eigentlich keine Briefe schreiben. Allein schon wegen der Adresse: Urne 17, Friedhof Itzig, da ist jeder Postbeamte überfordert.

Wenn ich an dich denke, fällt mir irgendwie das Chanson von Georges Brassens „Le Testament“ ein, in dem es u.a. heißt:

«Ici-gît une feuille morte

Ici finit mon testament

On a marqué dessus ma porte

‘Fermé pour caus' d'enterrement’

J'ai quitté la vie sans rancune

J'aurai plus jamais mal aux dents

Me v'là dans la fosse commune

La fosse commune du temps.»

 

Naja. Nujee. Kennen gelernt haben wir uns Mitte der siebziger Jahre. Wenn ich mich recht erinnere, in Esch. Gelesen hatte ich damals schon viele Texte von dir. Du warst ja der Wegbereiter der neuen deutschen Literatur in Luxemburg (ich sage nur: Gruppe 47), die verständlicherweise nach der Nazi-Besatzung allenthalben auf Misstrauen stieß.

Dein Erzählband „Leerläufe“ (1978) war für mich so etwas wie eine zeitgeschichtliche Bombe.

Oder dein Film „Stille Tage in Luxemburg“, der im Südwestfunk für landesweites Furore sorgte und dir den Ruf eines Nestbeschmutzers einbrachte.

Was sich später als totaler Quatsch erwies: Mitte der achtziger Jahre hast du dich im Luxemburgischen versucht, und deine Romantrilogie Schacko Klak, De Papagei um Käschtebam und Feier a Flam gehört seither zum besten, was die rezente Luxemburger Literatur zu bieten hat.

Du warst halt ein Arbeitstier. Aber daneben auch ein freundlicher, sozialer und lustiger Mensch, den man auch ins Herz geschlossen hätte, wenn er mit Kunst und Literatur überhaupt nichts am Hut gehabt hätte.

„Du houre Ren“, hast du des öfteren zu mir gesagt, „Schreiw emol e Roman. Du kanns dat.“

Aber ganz ehrlich, Rosch: Ich kann das nicht. Oder vielleicht bin ich einfach zu faul dazu. Ich weiß es nicht.

Aber du hast das alles gekonnt: Romane, Essays, Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke. Sozusagen aus dem Stegreif Und gemalt und gezeichnet hast du auch. 

Aber ich weiß, dass dem nicht so war. Du hast hart arbeiten müssen, nicht nur als Staatsbeamter, sondern auch als Literat. Und die schicksalhaften Todesfälle deiner Angehörigen (die Mutter, die Frau, der Sohn, der Bruder, die Schwester) hätten jedem normalen Zeitgenossen die Sprache verschlagen. Oder ihn ihn in die klinische Depression getrieben.

Doch von außen betrachtet warst du immer eine Art „saltimbanque“. Obwohl ich dich 1991 in der Itziger Kirche hab weinen sehen (wéi eng Madeléin), als dein Sohn Dany mit gerade mal 29 Jahren auf der Echternacher Straße mit dem Motorrad tödlich verunglückte.

Aber wie dem auch sei:

Hoffen wir nur, dass demnächst eine Schule oder wenigstens ein Gässchen nach dir benannt wird.

Aber man weiß ja nie: In diesem Land ist die Literatur noch immer ein nationales Stiefkind.

Anyhow: Rosch, I won’t forget you.

 

René Clesse


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