19/07/2010 12:17 Alter: 9 yrs

Das Kapuzinertheater und ich Eine Tragikomödie

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

E

s fing ja schon alles mit einem Missverständnis an. Nicht dem von Camus. Dem vom Kalender. Ein Timingproblem, würde man unter Komikern sagen.

Ich erkläre mich.

 

„An dann engagéieren se en ugestrachenen Neger vun Tréier-Süd a gin deem zingdausend Frang!“ (Aly Bintz zu Lebzeiten, entrüstet)

 

Am 2. August 1984 trat ich mein erstes Engagement als Schauspieler an, am Theater Basel. Ich hatte den üblichen Anfängervertrag unterschrieben und war jetzt Mitglied eines Hauses mit über 400 Angestellten. Allein das Schauspielensemble, das heißt die festangestellten Schauspieler, zählte über 30 Köpfe. Ich mittendrin – oder am unteren, am Anfängerende. Dennoch: 1 836 Franken (Schweizer Währung) netto, Kranken- und Pensionskasse abgegolten, Probenplan laut Vereinbarung zwischen Patronat und Gewerkschaft, Kantine, alles.

Ich wusste wohl, dass zu diesem Zeitpunkt in Luxemburg das alte Theater renoviert wurde. Dass es dann, später einmal, ein „Produktionstheater“ sein sollte, ein Theater für die, die Theater machen, für Schauspieler, Regisseure, Assistenten, Bühnenbildner und für ganz viele Techniker, Beleuchter, Platzanweiserinnen. Und für Zuschauer auch. Super! Richtig Theater mit Pausenumbau und so.

Das war eigentlich eine tolle Sache!

Zuvor war das nämlich nicht so.

Als ich 1980 zum ersten Mal im Kasemattentheater mitspielen durfte, da gehörte es zu meinen Aufgaben, Scheinwerfer aus dem Lager in den Felsen zu tragen – hinunter und am Ende wieder hinauf. Die Schauspieler waren zwar Berufsleute, ausgebildet dafür, und viele von ihnen spielten eigentlich in deutschen Stadt- und Staatstheatern. Sie waren für den Sommer zurück „nach Hause“ gekommen. Sie alle kamen aus mehr oder minder großen, „richtigen“ Theatern. In ein solches Theater wollte ich auch. Eines Tages wollte ich da drin sein.

In Luxemburg mussten sie allerdings eine Menge Zusatzaufgaben erledigen, die sie in den „richtigen“ Theatern gar nicht erledigen durften, da es dafür erstens eigenes Personal gab und da sie, zweitens, für solche Tätigkeiten weder ausgebildet noch versichert waren: am Bühnenbild schrauben oder Scheinwerfer hängen und verkabeln zum Beispiel.

Das sind nämlich, man glaubt es kaum, Berufe. Handwerksberufe, in denen man Meisterprüfungen ablegen kann. Und die technische Direktion hat eine Ingenieurs-ausbildung. Das nur so, nebenher, auch für den heutigen Gebrauch.

Die eigentliche Eröffnung des Kapuzinertheaters habe ich gar nicht mitbekommen. Ich habe jedenfalls keine Erinnerung daran. Ich war damit beschäftigt, etwa 100 bis 120 Vorstellungen pro Saison zu spielen, 4 bis 5 Premieren rauszubringen in einem Haus, das deren mindestens 14 pro Spielzeit produzierte – allein im Schauspiel. Hinzu kamen Opern und Ballette, insgesamt vielleicht noch mal 12 Premieren. Pro Jahr kamen um die 140 000 Zuschauer in die drei Spielstätten.

So war mein Theater.

Im Kapuzinertheater arbeiteten in der ersten Spielzeit – wie viel? 8, 10 Leute? Insgesamt? Oder waren es gleich 15?

Ich will damit sagen: Ich war 1985 woanders. Ganz woanders. Aber dennoch: Als das Kapuzinertheater aufging, war das ein Quantensprung für das Theater in Luxemburg. Es war der erste, sehr zaghafte Schritt zu einer Theaterproduktion, die sich irgendwie an den sonstwo üblichen Produktionsabläufen orientierte. Und nicht mehr am hiesigen Dorf- oder Vereins-
theater, was, ehrlich betrachtet, der organisatorische Stand auch bei den drei kleinen Kreationsbühnen war.

Es waren enorme Hoffnungen daran geknüpft. Und es hat sich Einiges erfüllt an Hoffnungen.

Wir sind übrigens doch kurz zusammen gekommen, das Kapuziner und ich, in sehr jungen Jahren.

„Der junge Luxemburger Steve Karier
fiel gegenüber den ausländische Profis nicht ab.“
(Fernand Hoffmann im Luxemburger Wort, aus dem Schädel zitiert)

 

Ein Gastspiel war es, ein One-Night-Stand, könnte man sagen.

Aus Basel war „Nathan der Weise“ eingeladen worden. Mark Zurmühle war der Regisseur, Frank Feitler der Dramaturg. Und ich spielte den Derwisch. Es war meine zweite Produktion gewesen, im Winter 84/85, nachdem ich mit Frank Hoffmann als Demetrius im Großen Haus debütiert hatte.

Wir kamen erst nach Luxemburg, nachdem wir in Basel abgespielt waren. Aus dem Bühnenbild musste nämlich ein Meter herausgeschnitten werden, weil die Kapuzinerbühne erheblich kleiner war als die Komödie in Basel. Und den konnte man schlecht anschließend wieder hineinkleben. Also kamen wir 86, wenn ich mich recht erinnere.

An die Vorstellung selbst habe ich kaum eine Erinnerung, außer dass es voll im Saal und eng auf der Bühne war. Wir hatten in Basel um die 40 Vorstellungen gehabt in etwa 18 Monaten – Repertoiretheater eben. Und da gewöhnt man sich schon mal an die Umstände. Und wenn dann plötzlich ein Meter fehlt, dann verschlägt es einem den Atem, weil keiner mehr da steht, wo er stehen sollte. Ich weiß jedenfalls noch, dass ich dauernd rückwärts gehen wollte, um mehr Platz zwischen mir und den Kollegen zu schaffen. Und dass ich zum ersten Mal die Kollegen bedauerte, die in Landestheatern gelandet waren und deren täglich Brot diese Kurverei durch Hallen und Theaterräume war, die nicht annähernd den Maßen der Heimatbühne entsprachen. Meine Fresse, hatte ich Schwein gehabt mit Basel!

Vielleicht hatte ich aber auch mehr Talent als andere? Oder mehr sonst was?

Kurz nach der Vorstellung erschien dann eine Rezension von Fernand Hoffmann im Wort. Fernand Hoffmann galt damals als „der“ Theaterkritiker im Land. Auch als „der“ Linguist. Und bestimmt noch ein paar mehr „ders“.

Und da las ich dann den Satz, den ich oben zitiere.

Und ich war bestürzt.

Dieser wahrscheinlich sogar noch gut gemeinte Satz fasst die gesamte provinzielle Überheblichkeit, die Selbstzufriedenheit, die Ignoranz, das totale Fehlen jeglicher Kenntnis internationaler Gepflogenheit (von publizistischer Sorgfalt ganz zu schweigen) – kurz: den Stand der Kultur in meinem armen Geburts- und, ja, auch Heimatland zusammen.

Fernand Hoffmann hatte irgendwie nicht mitgekriegt oder nicht fassen können, dass ich, der Escher Junge, der (gefühlt) gestern noch bei Ed. Maroldt im Gymnasium und vor einer Stunde noch im Kasemattenthater bei Frank Hoffmann mitspielen durfte, ein Profi war. Geworden war.

Besondere Ironie: Mit mir auf der Bühne standen Almut Henkel und Uwe Kramer, zwei von den „ausländischen Profis“. (Eigentlich möchte ich jetzt noch das absolute Unwort derzeitiger luxemburgischer Publizistik hinzufügen: „renommiert“. Ich sehe davon ab.)

Dabei waren Almut und Uwe im gleichen Jahrgang wie ich gewesen, auf der Hochschule. In eben dem Jahrgang, dem auch Luc Feit angehörte. Die beiden und ich hatten genau, exakt die gleiche Ausbildung genossen, die gleichen Grundlagen studiert bei den gleichen Lehrern, Dozenten und Professoren. Wo zur Hölle hat Fernand Hoffmann den Unterschied im Professionalismus zwischen ihnen und mir bemerkt – bzw. was hat ihn zu der leicht erstaunten Feststellung veranlasst, ich könne ja, siehe da, mit diesen Leuten irgendwie mithalten, ohne dass es peinlich sei?

Nachdem dies ohnehin bereits in der Basler Zeitung und in der Neuen Zürcher und im Tagesanzeiger und in der Frankfurter Allgemeinen und in Theater Heute gestanden hatte – wo man mich nicht immer toll fand, jedoch nie für meldenswert gehalten hatte, dass ich gegenüber meine Kollegen nicht abfiele. (Übrigens habe ich nie einen Schweizer Rezensenten gelesen, der notiert hätte, die Schweizer hätten mit den Ausländern mithalten können. Dabei ist die Schweiz so was von komplexbeladen gegenüber allen größeren Nationen der Welt, und davon gibt es eine Menge. Und wenn sie gegen Kleinere im Fußball verlieren, dann ist alles aus.)

Im Nachhinein habe ich das Gefühl, beruflich niemals so grundlegend beleidigt worden zu sein.

Und erst im Nachhinein, bei der Abfassung dieses kleinen, persönlichen Rückblicks wird mir das Ausmaß der luxemburgischen Kulturtragödie bewusst. Dass wir hier nämlich historisch quasi kulturlos sind. Schwer abstinken gegen andere Nationen und mangelnde Größe, diese Dauerausrede der Flachdenker lasse ich jetzt nicht gelten! Dass es in diesem meinem Land bis vor sehr, sehr kurzer Zeit kein Museum, keinen Kunstverein von irgend internationalem Interesse gegeben hat. Kein Theater, das irgend mit den umliegenden Städten Vergleichbares geschaffen hat, von Hauptstädten ganz zu schweigen. Keinen ernsthaften Konzertsaal. Und keine „Profis“. Keine Künstler, die sich nicht in sogenannten Brotberufen zu verschleißen hatten. Und dass, um es nur am Rand zu erwähnen, auch heute noch die hiesigen Schauspieler, wenn sie nicht von Haus aus mit Apanagen ausgestattet sind, den üblich-luxemburgischen Lebensstandard lediglich von recht Weitem betrachten dürfen. Von ziemlich Weitem.

 

Und im Umkehrschluss merke ich an, dass in eben diese dumpfe Vergangenheit das Kapuziner und sein Direktor Marc Olinger 1985 hineingepflanzt wurden, in eine sehr karge Erde.

 

„Gitt nach een huelen, mir ginn e Patt a ruffen Iech dann, wann en do ass.“

(Ansage von der Kapuzinerbühne im Jahre 1987, so oder ähnlich erfolgt)

 

Eine richtige Affäre hatten wir dann doch recht bald, das Kapuziner und ich. Nämlich 87. Über zwei Monate gingen wir miteinander. „De Meeschter fällt vum Himmel“ hieß die Sache, Guy Rewenig hatte Goldonis „Diener zweier Herren“ nicht übersetzt sondern quasi ins Luxemburgische bearbeitet, Regie Hoffmann, Feitler war Dramaturg.

Und es war eine schöne Geschichte. Heiteres Geschmiere, großes Vergnügen im immer vollen Zuschauerraum, Roberto Bargellini radebrechte den Truffaldino, viele liebe Kollegen, zudem spielte ich zum ersten Mal seit Demetrius 83 in den Limpertsberger Ausstellungshallen wieder mit Luc zusammen. Und Thierry van Werveke zum ersten Mal auf dem Theater.

Und so spielten wir vergnügt und vergnüglich unsere Vorstellungen. Roberto und ich waren ebenso wie Frank Feitler in Basel engagiert und fuhren hin und her, Luc hatte in Osnabrück zu tun, glaube ich, und auch Josiane Peiffer spielte irgendwo in Deutschland, damals in Bonn vielleicht.

Und einmal saß ich mit Feitler im Mailand-Brüssel-Express, um von Basel „in die Stadt“ zur Vorstellung zu gelangen, und der Zug fuhr los und wir saßen im bemerkenswert ausgestatteten Speisewagen, und dann fuhr der Zug plötzlich nicht mehr, und das tat er eine beunruhigend lange Zeit, nicht mehr fahren.

Und irgendwann wurde klar, dass wir es nicht zur Vorstellung schaffen würden. Nun war das ja noch das unvorstellbare Zeitalter vor den Spaziertelefonen und der Globalisierung, und es gab im Zug nicht einmal ein Münztelefon. Sogar der Schaffner sah sich außerstande, vom Zug aus anzurufen und die Verspätung im Theater anzuzeigen.

(Es muss also irgendwann gleich nach dem Krieg gewesen sein, etwa zu der Zeit, als auch die letzten Dinosaurier ausstarben. Oder noch länger her?)

Jedoch: Der Schaffner hörte der Schilderung unseres Problems zu. Und beim Wort „Schauspieler“ und „ausverkauftes Haus“ wurden seine Augen rund und groß. Und er entschied, hier müsse Abhilfe geleistet werden. Und er hielt den Zug mitten in der Pampa vor Metz an, in Remilly, stieg aus, betrat das einsame Stationshäuschen und telefonierte nach Metz, von wo aus man versprach, Luxemburg zu benachrichtigen, die dann im Kapuzinertheater anrufen sollten mit der Meldung: „Der Schauspieler Steve Karier kommt, hat aber etwa zweieinhalb Stunden Verspätung.“

Ich war mir im Leben noch nie so geachtet vorgekommen.

Frank Feitler hatte erklärt, was Sache war – ich musste gar nichts tun. Und ich hätte vermutlich die Zähne nicht auseinander bekommen. Aber so wurde ein verspäteter Schnellzug noch einmal angehalten – wegen einer Theatervorstellung. Ich erinnerte mich an eine Anekdote, die ich in Theater Heute gelesen hatte: der Regisseur und Intendant Jürgen Flimm beschrieb den Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland damit, dass er einmal eine Schauspielerin seines Ensembles in sein Sommerhaus eingeladen habe, wo diese krank geworden sei und er sie ins Krankenhaus gefahren habe. Im überfüllten Wartezimmer habe er die leidende Duse zum Schalter geführt und einen einzigen Satz gesagt: „Madame est comédienne.“ Woraufhin man sogleich Verständnis für einen wahren Notfall zeigte und sie vorließ. Ohne dass daran irgendein wartender Leidender Anstoß genommen habe.

Übrigens habe ich etwas später Ähnliches selbst erlebt.

Ich war irgendwann auf der Rückfahrt in die Schweiz und der französische Zoll betrat mein Abteil zur Passkontrolle. Unsere damaligen Pässe enthielten die Berufsbezeichnung, und in meinem stand „Acteur“. Der Zöllner hob anerkennend die Augenbrauen und reichte mir mein Dokument zurück mit den Worten: „Mes respects! Quel dur métier que le vôtre! Bravo!“

Im gleichen Jahr traf ich auf der Straße zufällig meinen ehemaligen Ökonomielehrer, der mich mit leicht geneigtem Kopf frug: „Erniert dat da säi Mann?“

„Durchaus,“ hätte ich antworten sollen, „durchaus, überall, nur nicht hier.“

Aber hinterher ist man immer geschickter. Damals war ich beschämt und wütend, sprachlos.

An jenem Verspätungsabend kamen wir übrigens doch noch an und erreichten das Theater und die Vorstellung konnte beginnen, mit neunzig Minuten Verspätung und nachdem man das Publikum in den umliegenden Lokalen eingesammelt hatte.

Feitler und ich hatten im Zug aus lauter Nervosität mehrere Flaschen überaus akzeptablen Rotweins getrunken, und ich war reichlich angeschickert. Da das Publikum allerdings in der Wartezeit ebenfalls gehörig gebechert hatte und die wartenden Kollegen sich auch nicht hatten lumpen lassen, muss an diesem Abend der vielleicht höchste Promillestand aller Zeiten in einem luxemburgischen Theater zusammen gekommen sein.

Gemessen hat niemand, leider. Aber es wurde eine überaus heitere Angelegenheit. Und als Roberto improvisierend lauthals verkündete: „Letztebusch! Sou eng kleng Land! An esou eng grouss Verspéidung!“ und dabei unter dem Gebrüll der Zuschauer die Arme ausbreitete wie ein angebender Angler, da wurde der Abend dann noch richtig gut.

Übrigens muss ich den hier jetzt doch noch anbringen, obwohl er weder sehr gut noch sehr geschmackvoll noch irgend respektvoll ist. Aber er geistert seit zwei Jahrzehnten in meinem Kopf herum. Und da Marc bald in Rente geht, ist dies die letzte Gelegenheit, ihn doch noch los zu werden: „Das Kapuzinertheater – das einzige Theater der Welt, in dem der Direktor umfangreicher ist als das Programm.“

Jetzt ist es raus.

Tschuldigung.

 

„Goldene Tage, McCann, goldene Tage.“ (Harold Pinter weitsichtig in „Geburtstagsfeier“)

 

Ich habe viel geflucht über das Kapuzinertheater. Vielleicht muss das in einer tragikomischen Beziehung so sein.

Aber ich verdanke ihm auch Einiges.

„Schwimmen nach Kambodscha“ habe ich dort erstaufgeführt, 1989 im Februar, als mir kein anderes Theater so was durchgehen lassen wollte. Olinger hat es genommen, unbesehen.

Und anschließend habe ich es zehn Jahre lang gespielt.

Das war meine erste Arbeit mit F.-J- Heumannskämper.

Und auch alle späteren Stücke mit ihm, alle bis 95, von Feitlers „Heißes Eisen, roter Mond“ - Collage über Schwitters bis zu dem Truman-Capote-Monolog „Tru“: wir haben alles oder fast alles im Kapuzinertheater gezeigt.

Wir sind mit einigen dieser Stücke sehr viel und weit gereist, aber immer hat es die frühzeitige Zusage von Marc Olinger gegeben. Und damit dem Projekt jeweils eine Grundlage gegeben, auf der wir die weiteren Spielorte aufbauen konnten.

Ich hätte vermutlich nicht so leicht überlebt von 88 bis 95, wenn ich nicht immer wieder das Kapuziner gehabt hätte.

Und dann kam eine lange Zeit ohne.

Wir trafen uns nicht, meine komische Geliebte und ich. Gelegentlich standen wir voreinander, aber irgendwie war der Bumms raus. Vielleicht waren wir ja doch nicht füreinander geschaffen?

Jedenfalls kam mir der Saal immer fremder vor. Ich mochte ihn immer weniger. Ja, es gab noch einige gute Momente, beim „Karlspreis“ bin ich vor Lachen aus dem Stuhl gekippt. Aber ich habe nicht mehr dort gespielt. Und falls doch, dann habe ich es wohl verdrängt.

Nein, im Rückblick ist das seltsam: wenn ich in der Zeit in Kapuzinerproduktionen gespielt hebe, dann waren die ausgelagert. In Paris haben wir gespielt. Oder in einem Zirkuszelt. Oder im alten Großen Theater.

Aber vielleicht hatten wir ja 95 den Höhepunkt überschritten? Und dann gab es da auch eine Andere. Die hatte ich in eben diesem Kapuzinertheater kennengelernt, eben 95, die Bühnenbildnerin des „Renert“, die nun die Mutter meiner Tochter ist und es mit mir unter einem Dach aushält.

Vielleicht ist ja das Kapuziner vor Eifersucht ganz hässlich geworden?

Jedenfalls war es eine Tatsache: es war aus zwischen uns. Ich spielte in Bochum, war kurz in Esch, dann in Mainz, dann wieder in Basel. Und nicht mehr im Kapuziner.

 

„Ab und an seh ich den Alten gern.“ (Von oder nach Goethe, jedenfalls: Goethe – immer gut. Trying.)

 

Als ich 2009 in Basel kündigte und nach 25 Jahren zurück „nach Hause“ wollte, da war es wieder Marc Olinger, der mir anbot, bei ihm zu inszenieren. Und der mir „Antígone“ als Stück durchgehen ließ. Durchgehen ließ wie schon 89.

Und dann habe ich doch noch einmal im Kapuziner gespielt, im Winter dieses Jahres, Lopachin in Tschechows „Kirschgarten“. Eine der wunderbarsten Rollen in einem der wunderbarsten Stücke, die je geschrieben worden sind. Es wurde ein Erfolg, für mich wie für alle Beteiligten, besonders für Pol Greisch, der den greisen Firs spielte.

Das alles hat mich berührt und ich habe es gerne gemacht.

Aber die alte Tante K. habe ich nicht mehr geliebt. Sie ist alt geworden, wie Firs. Hinfällig trotz ihrer stabilen Kirchenmauern. Es war elend kalt im Zuschauerraum, wie ich es mir vorstelle im ersten Nachkriegswinter in den deutschen Stadttheatern. Die Leute saßen in Mänteln da. Und wir waren lächerlich in unsern kurzärmeligen Hemden fröstelnd im ukrainisch-russischen Hochsommer.

Schon auf der Probebühne draußen in Bonneweg war es entweder zu kalt (ohne Heizung) oder zu laut (mit Heizung). Und eng, wir sind übereinander gefallen beim Arrangieren des Stücks.

 

Während „Antigone“ bereits habe ich den Raum verflucht mit seinem Betonboden, auf dem man keine Kulissen festschrauben konnte. Wenn jemand eine Wand berührte, fiel sie um. Aber eine bessere Probebühne gab und gibt es nicht im oder fürs Kapuzinertheater.

Nun wird Marc Olinger gehen. Er war fast solange Direktor dort, wie ich überhaupt Schauspieler bin. Ich mag das nicht kommentieren. Ich habe oft über ihn und seine Bude geflucht. Aber ich habe ihn und seine Bude auch oft gern gehabt. Und auch gebraucht.

Frank Feitler, der Gefährte so vieler Taten und Untaten, wird Direktor beider Häuser. Und es wird anders werden. So ist das. Manchmal ändern sich eben Dinge. Sogar die, von denen man glaubte, sie würden ewig so bleiben.

Frank wird dafür Sorge zu tragen haben, dass sich Erhaltenswertes erhält, aber auch dass sich Liegengebliebenes, Versäumtes, Vergessenes entwickelt.

Die Tragikomödie allerdings setzt sich fort bis zum letzten Tag des Dicken: Er hat mir an der Premierenfeier von „Antigone“ angeboten, eine weitere Inszenierung zu machen, allerdings ein kleineres Stück, da ihm der Etat böse gekürzt würde. Dennoch hat es mich gefreut. „Dämonen“ von Norèn habe ich gewollt. Und habe es bekommen, ebenso wie meine Wunschbesetzung. (Manches Ärgernis haben wir allerdings bei den Verhandlungen ausgeklammert, das sei der Ehrlichkeit halber erwähnt.)

Und nun verrutscht mir die Tragikomödie geradewegs ins Absurde. Marc verlässt das Haus drei Tage nach meinem Probenbeginn. Was zeigt, wie wunderbar das luxemburgische Rentensystem auf den professionellen Theaterbetrieb zugeschnitten ist.

Und ich habe Premiere unter einem andern Intendanten als dem, unter dem ich angefangen habe. Und das ohne Not, gewollterweise. Ein weiteres Unikat.

Und irgendwie, ich spür’s jetzt schon, wird es bewegend sein, wenn der Dicke das Schiff verlässt. Auch ein bisschen traurig, bestimmt. Auch wenn ich ihn oft genug verflucht habe. (Ja, ich höre jetzt auf damit – obwohl es die Wahrheit ist. Und die ist eben etwas komplexer.)

Niemals verflucht allerdings habe ich seine ausgefallenen Diäten. Die beste war die mit dem Foie Gras. Gebracht haben sie letztlich gar nichts.

Aber das war ästhetisch sehr feinsinnig! Sehr hoch stehend! Welch Bemühung für kein Resultat, welche Lust in der Bemühung! Und welch ein Schlag ins Gesicht der Nachhaltigkeit! Das einzig Nachhaltige war Olingers Originalgestalt.

Ich freue mich, ihn dann, danach, außerhalb seines Hauses zu treffen. Sei es nur, um zu kucken, was anders an ihm sein wird. Denn ich habe ihn ja nie als Nichtdirektor gekannt.

Eines noch zum Schluss.

Es war mir bereits 87 aufgefallen, als ich das erste Mal vom Kapuziner bezahlt wurde: Niemand im ganzen Haus hat weniger verdient als die engagierten Künstler. Niemand. Auch kein ungelernter Arbeiter. Jeder bei der Stadt festangestellte Mensch im Kapuzinertheater hat in jedem Augenblick mehr verdient als der bestbezahlte Schauspieler. Und das ist bis zum letzten Tag so geblieben.

Im Rest der Welt habe ich das nie erlebt, nicht seit meine beiden Anfängerjahre mit der festgesetzten Mindestgage vorbei waren.

Und das hat mir immer ein bisschen weh getan.

Jetzt habe ich auch das endlich mal gesagt. Vielleicht lässt sich das ja mal einer der Menschen, die von Professionalität reden, bildlich durch den Kopf gehen. Und ich rede jetzt nicht vom 13. Monat und vom Urlaubsanspruch und von einer Rente. Nur von der Bezahlung einer Arbeit.

 

Steve Karier


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