19/07/2010 13:29 Alter: 9 yrs

Eine völlig neue Art Theater

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

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eine erste Produktion im Kapuzinertheater war 1985 „Wenn wir Toten erwachen“: Ibsen unter der Regie von Frank Hoffmann. Witzigerweise erwachte auch das Schauspiel in Luxemburg, eine völlig neue Art Theater wurde eingeführt, das Professionelle: 

Es gab professionelle Schauspieler, professionelle Bühnenbildner, professionelle Regisseure, die Proben waren wie im Ausland auf den Tag verteilt, – nicht nur abends nach Dienstschluss, wenn eh schon alle müde sind – und es gab sogar eine richtige Gage und nicht nur die paar Krötenmäusegroschen, die gerade mal fürs Benzin und die Abendpizza reichten. 

Im Gedächtnis geblieben sind mir vor allem die durch den Kapuzinerhof ziehenden Mönche, die verblüfft schauenden Leute vor dem Theater – so was hatte man so noch nicht gesehen – und heute würde man wohl nur müde hinkucken. Und ich machte Bekanntschaft mit einer Institution, die mich über fast zwei Jahrzehnte begleiten würde: die Pësperkëscht und ihre Prinzipalin, Sanny Faust!

 

 

Eine Saison später, ein völlig anderes Register: De Meeschter fällt vum Himmel, Rewenig, Hoffmann. Eine italienisch-luxemburgische Komödie, ein Publikumserfolg, den mancher dem Ensemble und vor allem dem Regisseur kaum zugetraut hätte, was auch am Darsteller des Truffaldinos lag, ein Sprachtalent, ein begabter Schauspieler mit schrägem Humor, der uns alle mitriss. Es brachte uns auch den ersten sehr persönlichen und begeisterten Brief unseres Herrn Direktors Olinger ein! Wieder ein Jahr später, völlig andere Baustelle: Medea-Material, Heiner Müller mit den beiden Franks (Feitler und Hoffmann). Meine erste Begegnung mit Heiner Müller und Thierry van Werveke. Eine heftige Produktion mit zwar kleinem Publikum („këmmert iech net drëms, ob een um Balkon eppes gesäit, do sëtzt souwisou keen!“ – Originalton René Kontz), und ich sollte noch oft das Vergnügen haben, mit Thierry zusammen zu arbeiten. Wieder Rewenig, Die Maikäfer überfallen ein Landhaus, wieder Hoffmann, ein etwas holpriges Stück, angenehme Kollegen (frischer Wind aus dem Ausland!), viele Nachproben-Besprechungen bei Sanny, und die erste heftige Auseinandersetzung mit dem Direktor!

Dann Renert (Michel Rodange), Regie Frank Feitler, ein Renner, weil auf luxemburgisch, weil Rodange und of course, weil Thierry, der alles gab… auch beim Boxen. 1990: Woyzeck = Ulli Gebauer! Eine Gleichung, die aufging, denn sehr konzentrierte, karge, poetische Aufführung, tolles Bühnenbild von Jean Flammang, ein fast spartanischer Hoffmann… mit einem Hauptdarsteller, der alle Haltungen genauestens überprüft, man konnte sich viel abkucken! Mit Ulli ging es dann weiter 1991, in Orestobsession, eine Uraufführung von Stephan Schütz unter der Regie von Frank Hoffmann (O-Ton Ulli: „Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, hab ich’s gleich in die Ecke geschmissen!”). Wir haben es dann doch gemeinsam hingekriegt! Blumfelds Hund, nach Kafka, die – leider! – einzige Arbeit von Änder Jung und Burghart Klaussner am Kapuziner. Die Szene zwischen beiden Schauspielern – Vor dem Gesetz – habe ich mir bei jeder Vorstellung völlig begeistert angeschaut, sie war immer anders und neu und sehr schräg… sowie auch die Abende bei Sanny!

La fausse suivante (Marivaux – Hoffmann, 1993), Dostojewski va à la plage (Hoffmann 1995), eine Koproduktion mit dem Théâtre National de la Colline in Paris, und schließlich George Dandin (Molière – J. Bellay, 2004), eine Zusammenarbeit mit dem Théâtre national de Nice: drei Produktionen in einer Sprache, in der ich weder denke noch träume. Die erste Probenarbeit mit unserem Theaterdirektor bescherte mir heftige Auseinandersetzungen, vor allem in den Endproben – während der Arbeit in Paris glätteten sich die Wellen –, die Liebe zum guten Essen brachte uns näher, und in Nizza habe ich seinetwegen die Flinte nicht gleich ins Korn geschmissen. Schließlich gab‘s ja auch noch nette Kollegen, das tolle Wetter, die schöne Stadt, das Meer…

Zu Hause im Kapuziner gab es derweil noch einen Renner: Goethes Faust mit zwanzig Vorstellungen, die meistgespielte Inszenierung von Hoffmann am Haus, trotz der vierstündigen Aufführungsdauer. Ich spielte sieben Rollen... und einige Vorstellungen im Rollstuhl, bzw. mit Krücken! Die Räuber von Schiller war dann die letzte Arbeit von Frank Hoffmann am Haus, er gründete sein eigenes Theater, das TNL, was für einigen Unmut in der Szene sorgte. Ich derweil versuchte mich in einem ganz anderen Genre: Shirley Valentine, ein eher komisches Ein-Personen-Stück unter der Regie von F.J. Heumannskämper… wir sollten uns noch öfters über den Weg laufen!

In den folgenden Spielzeiten kam es zu Koproduktionen mit dem Stadttheater Trier: Romeo und Julia von Shakespeare, Schöne Bescherung von Alan Ayckburn (die beschwipste und überkandierte Phyllis zu spielen hat mir sehr viel Spaß gemacht und mir das erste blaue Auge meines Lebens eingebracht, Kingkongstöchter von Theresia Walser, meine erste richtige „Alte“, dazu noch böse, und last but not least, Hexenjagd von Arthur Miller.

Es kam noch zu einer anderen Zusammenarbeit, nämlich die des Kapuziner mit „Musek am Syrdall“, und somit der Enstehung der „Gurkentruppe“ – Zitat Josée Hansen – die uns fünf „Lëtzebuerger Owender“ bescherte mit Auguste Liesch, Putty Stein, Pir Kremer und anderen. Die Proben fanden in Mensdorf statt, die Premiere auch, und das ‚Après-Ski‘ im Hause gegenüber dem Centre Culturel, bei M. & J.W. Verwöhnt und bejubelt ging es dann los über die Dörfer, d.h. durch die Centres Culturels! So haben wir auf eine spezielle Weise „le Luxembourg profond“, seine Vereinshäuser, Sporthallen, Kneipen und Gasthäuser entdeckt… und es hat sehr viel Spaß gemacht. Frank Feitler, der bei der Inszenierung dieser Abende ein sehr gutes Händchen bewies, nahm sich noch weiterer Produktionen in Luxemburger Sprache an. „Siwe Lëtzebuerger kréien de Karlspräis“ entstand, nachdem es zu einem spektakulären Bruch mit dem Autor gekommen war, in Zusammenarbeit mit dem ganzen Ensemble: wir erfanden unseren Text einfach selbst, es funktionierte und wurde ein Erfolg!

Auch „Nom Begriefnis“ von Paul Scheuer – mit derselben Truppe – kam beim Publikum gut an. Am Kapuziner durften die Schauspielerkollegen auch inszenieren, und ich war immer dabei: Luc Feit brachte sein eigenes Stück auf die Bühne, Homekrimi, Germain Wagner inszenierte den Parasiten von Schiller, und, ganz rezent, Steve Karier
die Antigone von Sophokles. Auch ich
durfte oder musste einmal ran: Fabëschfränz von Pit Herold. Ich merkte aber bald, dass diese Seite der Bühne nicht mein Ding ist! „Leaning Europe“, eine sehr chaotische, multilinguale, experimentelle Denkwürdigkeit unter sechs (!) Regisseuren mit wahnsinnigen Ansprüchen lehrte mich vor allem Geduld und die neuen osteuropäischen Mitgliedstaaten kennen.

Wie gesagt, kam es mit F.-J. Heumannskämper immer wieder zu neuen Abenteuern: Push-Up von R. Schimmelpfennig, Die sexuellen Neurosen unserer Eltern von Lukas Bärfuss, Stiller von Max Frisch, und zuletzt Besuch beim Vater von R. Schimmelpfennig. Dazwischen noch eine kleine Perle: Tantchen und ich von M. Panych. Ich spielte eine fast stumme Dame über achtzig unter der Regie von Johannes Zametzer.

Zuletzt dann, als Geburtstagsständchen für unsern Kapuziner, der ominöse Letzebuerger Owend: dem schéine Poli seng Frënn wuaren all nach eng Kéier zesummen, und nicht nur dem Publikum gefiel‘s!

Wie geht es weiter? Wie wird sich das Kapuziner nach dem Weggang Marc Olingers entwickeln? Sein alter Weggefährte, der neue „Generalintendant“ F.F. schlägt ein völlig anderes Kapitel auf! Nun, wir werden sehen…

 

 

 

Josiane Peiffer


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