19/07/2010 13:35 Alter: 9 yrs

Was für ein Theater!

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

E

s war natürlich eine große Ehre für mich 1985, mit weitaus erfahreneren Schauspielern, den Eröffnungsabend des Kapuzinertheaters zu bestreiten. Oder wurde ich auserkoren, weil ich durch die Fernsehserie „Déi Zwee vum Bierg“ eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte? An dem Abend gab es ja zwei kurze Stücke von
Labiche bzw. Brecht, von Luxemburger Autoren adaptiert. Ich, als Brecht-Fan, in der Titelrolle der von Cornel Meder adaptierten „Kleinbürgerhochzeit“, inszeniert von meinem Lehrmeister Ed Maroldt! Bei einer Theatereröffnung! Der Theater-Traum eines jungen Schauspielers ging in Erfüllung.

 

Schock

 

Einige Wochen vor der Premiere hatte das Ensemble die Möglichkeit, einen Blick in das noch unfertige Theater zu werfen. Welch ein Schock! Nicht wegen der wuselnden Arbeiter, der noch verdeckten Bestuhlung oder des eigentlich wunderschönen Zuschauerraums. Auch nicht wegen der Garderoben im Keller, denn als jemand, der gewohnt war, in einem ehemaligen Schlachthaus Theater zu spielen, waren die purer Luxus. Der Schock rührte davon, dass man ganz einfach vergessen hatte, ein Theater zu bauen: Tageslichteinfall auf die Bühne, ungenügende Tiefe, keine Hinterbühne, stattdessen ein Gang und Büros. Ich kann bis heute nicht verstehen – und ich entdecke leider immer noch in den verschiedensten Gemeinden solche Bauwerke – warum sich Architekten und Bauherren nicht vor Inangriffnahme eines Mehrzwecksaals oder eines Theaters vorher ein paar bestehende Infrastrukturen ansehen und auch mit Leuten vom Bühnenfach die Pläne kritisch diskutieren.

 

Nix séance académique

 

Man erzählt, dass eigentlich von der Stadt im „alten Theater“ ein Raum für akademische Sitzungen geplant war und der Entschluss, ein Theater daraus zu machen, sehr spät fiel. Zu spät, denn wenn man Theater produzieren – und nicht nur einkaufen – will, braucht man doch auch Ateliers und Probenräume. Nun muss man sich aber in die damalige Zeit zurückversetzen: kreatives Theater wurde in Kellern und Grotten, Scheunen und Hallen, ehemaligen Schlachthöfen und unter freiem Himmel gespielt. Also war es ein Riesenfortschritt, dass eine feste Infrastruktur mit kleiner Mannschaft öffentliche Gelder erhielt, um damit Stücke zu produzieren. Ich meine, dass Marc Olinger in den letzten 25 Jahren sehr intelligent vorging. Er nahm erst mal das, was er bekommen konnte: das unperfekte Haus und den Direktorenposten. Und verfuhr dann nach der Salamitaktik: immer mehr trotzte er der Gemeinde nach und nach ab. Und so gibt es mittlerweile gut ausgestattete Werkstätten extra muros.

 

Die im Dunkeln sieht man nicht

 

Beim Theater sieht man nicht die Bühnenarbeiter, und das ist zum Teil auch gut so. Ich meine nicht jene, die schon Jahrzehnte dabei sind und ihren Job leidenschaftlich gut verrichten, ja sogar manchmal kurze stumme Auftritte zwischen zwei Zügen absolvieren. Ich meine jenen jungen Arbeiter, der wirklich gar keine Lust hatte und völlig unkonzentriert zur Sache ging, so dass man auf der Bühne immer gespannt war, ob und wann die technischen Einsätze denn kämen. Dieser Mann war heilfroh – und nicht nur er – als er endlich nicht mehr abends arbeiten musste und immer an der frischen Luft sein durfte: er wechselte zu den „Pecherten“.

Was man auch nicht sieht, sind die Proben. Und die Probenkonditionen. Und die sind noch immer suboptimal. Zwar ist die Tramsschapp-Romantik vorbei; Guy Rewenig hat sie übrigens trefflich in einem Beitrag des städtischen Museums zum Zehnjährigen des „Kapuziners“ beschrieben. Ich bin mir jedoch immer noch nicht im Klaren, was schlimmer ist: fast erfrieren und keine Toilette im damaligen „alen Tramsschapp“ oder zu kleine, unflexible, ohne die Möglichkeit in Teilen des Dekors zu üben, an Bankbüros erinnernde Probenräume im „centre sociétaire“ gleich neben der Kapuzinerbühne?

Das „centre sociétaire“ hat einen Pförtner. Und das ist ein Segen für alle Schauspieler, denn dann kann der Regisseur oder die Regisseurin (ja, es gibt auch sklaventreibende Frauen) nicht bis spät in die Nacht diese eine Szene zum x-ten Mal wiederholen lassen, obschon alle nur noch uninspiriert sind. Der Pförtner bedeutet: Spätestens um 23 Uhr darf man zu Madame Sanny und den Tag beim „Patt“ ausklingen lassen – um dann doch nochmal im gemeinsamen Gespräch diese eine schwierige Szene aufzurollen.

 

Konfrontation

 

Gar nicht lustig war es allerdings an jenem 31. Oktober 1990, als der Pförtner schon kurz nach 22 Uhr unverhofft die Probe abbricht und uns rausschmeißt, weil er das Gebäude und den Innenhof des Kapuzinertheaters abriegelt. Warum, erkennen wir, als wir aus der Tür treten: an Laternen und Straßenschilder gekettet liegen auf dem Theaterplatz Dutzende Menschen, Luxemburger Polizei und Armee liefern sich Straßenschlachten mit deutschen Hooligans, wir flüchten. So schön kann eben nur Fußball sein: Luxemburg-Deutschland 2-3, worauf Trainer Berti Vogts zu seiner Mannschaft: „Ihr seid Waldmeister, keine Weltmeister!“. Klingt fast so gut wie der Spruch des Götz von Berlichingen.

Im Kapuzinertheater selbst jedoch laufen die Konfrontationen mit Ausländern nur positiv und ausschließlich auf der intellektuellen Ebene: sei es mit Autoren, Regisseuren, Bühnenbildnern, Schauspielerkollegen. War ich in meiner Jugend noch dafür, in Luxemburg ein festes Ensemble zu bilden, so empfinde ich es nach ein paar Jahren Arbeit – nicht nur im Kapuzinertheater – als einen Segen, dass gerade dies nicht geschah. Anstatt einer sklerosierten Struktur mit blasierten Mimen besteht hier in Luxemburg ein ständiger Austausch mit dem In- und Ausland, der dem Muff der Provinz wohltuend entgegenwirkt.

 

Geld oder Liebe

 

Allerdings wünscht man sich, dass die Freischaffenden auf und hinter der Bühne besser bezahlt werden. Aber leider besteht noch immer in den Köpfen vieler Menschen und auch verschiedener Politiker die Idee, dass Schauspieler doch froh sein sollten, ihrem schauspielerischen „Hobby“ (wie manche meinen), nachgehen zu können und gleichzeitig noch Geld dafür zu erhalten. Ich habe jedenfalls einmal in einer Parlamentskommission den Abgeordneten vorgerechnet, dass ein Schauspieler weniger Stundenlohn erhält als etwa die Putzhilfe der Politiker. Mittlerweile hat sich zwar nicht der Stundenlohn verbessert, aber die allgemeine Situation der Professionellen, da längere inaktive Perioden, wie sie in diesen Berufen zwangsläufig auftreten, mit Hilfe von sozialen Entschädigungen des Kulturministeriums überbrückt werden können.

 

 

Renert meets Johnny Chicago

 

Wegweisend ist das Kapuzinertheater auch in der Jugendarbeit: Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure erarbeiten das Thema des aufgeführten Stücks in Schulen und mit den Schülern. Ich kann mich allerdings auch noch an die Anfänge erinnern, als Schulklassen einfach nur mit Bussen ins Theater gekarrt wurden. Stellen Sie sich im Jahr 1989 an einem Freitagnachmittag um 14.15 Uhr über zweihundert aufgedrehte Septimaner vor, die sich den „Renert“ anschauen sollen. Mit der gereimten Luxemburger Sprache haben sie so ihre Schwierigkeiten, bis der Nachmittag unvergesslich wird: „Hey, Johnny Chicago“ klingt es hundertstimmig jedesmal, wenn Nationalidol Thierry van Werveke die Bühne betritt.

Apropos „Renert“. Diese Titelrolle war für mich die schwierigste und zugleich erfüllendste meiner gesamten Laufbahn. Schwierig, weil der ellenlange gereimte Text mir soviel Respekt einflößte, dass er mich meiner schauspielerischen Mittel beraubte. Woraufhin eine Woche vor der Premiere Dramaturg Frank Feitler mich aus der Probe nahm und ganz ruhig einige schlichte Sätze zu mir sprach: „Mach dich frei von der Angst, sei Schauspieler und spiel, vergiss den Text, spiel die Rolle!“. So wenig bedarf es manchmal, um einem
Kollegen Selbstvertrauen zu geben. Erfüllend war der „Renert“, weil das Stück mehrmals wiederaufgenommen wurde, was ja eher eine Seltenheit bei Luxemburger Produktionen ist. Und weil es im Kulturjahr 1995 das Live-Event war, das nach den Rolling Stones am meisten Publikum anzog. Zeit für eine Wiederaufnahme, wie ich meine.

 

Wir haben dem Tod ins Auge gesehen

 

Nein, dies ist kein Zitat aus der dramatischen Weltliteratur. Wir haben es selbst erlebt. Im Kapuzinertheater. Und es war sehr dramatisch.

Anscheinend ist es ein gutes Omen für die Premiere, wenn die Generalprobe daneben geht. Diese Generalprobe ging sowas von daneben. Der Tisch, an dem in der Schlussszene alle Gäste Platz nehmen, sollte nicht hereingetragen oder -gerollt werden, sondern vom Schnürboden her-
unterschweben. Also hing er während des ganzen Stücks über der Bühne. Sollte er jedenfalls. Nicht jedoch dieser Tisch, nicht jedoch während dieser Generalprobe. Denn dieser Tisch krachte, als wir nach der ersten Szene gerade die Bühne verlassen hatten, donnernd auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Wir haben dem Tod ins Auge gesehen: Marie-Paule von Roesgen, Pol Greisch und ich. Und alle umstehenden Kolleginnen und Kollegen. Die Probe war dahin, der Gag mit dem aus dem Firmament schwebenden Tisch war gestorben. Denn Künstler mögen verrückt sein, bescheuert sind sie nicht: selbst nach allen Beteuerungen der Techniker, dass dieses Unglück sich niemals wiederholen würde, war kein Schauspieler mental fähig, zwei Stunden unter dem Tisch des Damokles seinen Text abzuliefern. Fortan wurde der Tisch hereingetragen.

 

Welche Überleitung

 

Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass Marc Olinger niemals in Rente ginge, sondern wie Molière auf der Bühne abtreten würde. Nun zieht er doch in die Provence. Seine 25 Jahre Kapuzinertheater entsprachen sicherlich sehr subjektiv vor allem seinem Geschmack. Und darüber kann man ja bekanntlich trefflich streiten. Nicht streitig machen kann man ihm, dass er die Professionalisierung und Internationalisierung des Luxemburger Theatermilieus vorangetrieben hat. Und dass Luxemburg weniger von drittklassigen Tourneetheatern besucht werden muss, weil hochwertige Eigen- und Koproduktionen ein Publikum finden.

Wer künstlerisch arbeitet, kreiert jedesmal einen Prototypen, setzt sich also immer dem Risiko aus, dass das Ding nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hatte. Aber wie sollte ohne Risiko jemals etwas Neues entstehen? Auch wenn die Verwaltung der beiden städtischen Theater in Zukunft gebündelt wird, unsere Hauptstadt braucht weiterhin eine kreative dreisprachige Bühne zur Dynamisierung der einheimischen Kulturfauna.

 

 

 

 

Christian Kmiotek


Dateien:
PDF(1.0 Mb)

94/2010 - Theater

p.  1