19/07/2010 13:39 Alter: 9 yrs

Der Hüter des Hauses

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

An Josy Risch kommt niemand vorbei. Zumindest nicht einfach so, mir nichts, dir nichts – und schon gar nicht ohne triftigen Grund. Nicht, weil er etwa ein besonders abschreckend aussehender oder unsympathisch wirkender Zeitgenosse wäre. Im Gegenteil, eher freundlich blickt er seinen Mitmenschen und der Welt entgegen. An Josy Risch kommt einfach deshalb niemand vorbei, weil er der Mann in der Loge des Kapuzinertheaters ist – und das seit über einem Jahrzehnt.

 

„Sein“ Theater würde er nie missen wollen, hat er doch dort am 1. August 1985 als Bühnenarbeiter angefangen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind bei den Rischs aus dem Rollingergrund fast schon Familientradition; sein Vater war bereits beim Grand Théâtre beschäftigt. Zwei Rücken-OPs bringen seinen Lebenstraum Ende der 80er Jahre jedoch in Gefahr. Als der damalige Hausmeister in den wohlverdienten Ruhestand tritt, sieht Josy Risch seine Chance, doch noch im Theater zu bleiben und ergreift sie.

Heute ist er der Hauptportier des Kapuzinertheaters. Mit den beiden Kollegen Roger Fioriferi und Jacques Loewenstein wird in Schichten gearbeitet: „Von 7.30 bis 15.30 Uhr oder von 15 bis 23 Uhr“, erklärt er, wobei es manchmal auch gerne etwas später wird: „Wenn Proben sind, muss man halt etwas flexibler sein.“ Dabei ist Josy Risch nicht nur der einzige, der einen Universalschlüssel für das gesamte Theater
besitzt – „so einen hat nicht einmal der Chef“, schmunzelt er –, sondern auch der einzige, der vor Ort wohnt: „Abends, bevor ich abschließe, mache ich noch eine letzte Runde durch das ganze Theater und die angrenzenden Proberäume, um mich zu vergewissern, dass alle Lichter aus sind und niemand mehr drinnen ist.“ Mit scherzhaftem Stolz beteuert er, dass er noch nie jemanden eingeschlossen hat. „Bevor ich absperre, kontrolliere ich als erstes die Toiletten, denn man kann ja nie wissen, wer dort noch sein könnte...“, meint er. Josy Risch ist der erste, der ins Theater kommt und der letzte der geht. Den riesigen Schlüsselbund, wie man ihn vermuten könnte, trägt er trotzdem nicht immer bei sich. Der ist, wenn nicht im Einsatz, fein säuberlich in einem kleinen roten Safe verstaut, den man nur mittels Zahlenkombination öffnen kann.

 

Neuralgisches Zentrum

 

Ob nun deutsch-nüchtern als „Hausmeister“ oder etwas französisch-poetischer als „Concierge“ bezeichnet, Josy Rischs Aufgaben sind ebenso mannigfaltig wie abwechslungsreich. „Morgens beginne ich damit, die Zeitungen zu durchforsten, um alle Artikel, die über das Kapuzinertheater erschienen sind, herauszuschneiden“, erklärt er. Die Presserevue zu erstellen, obliegt ihm erst seit kurzem, „um die Sekretärin zu entlasten“, führt er aus, sichtlich erfreut über diese Aufgabe. Ebenso ist er es, der Einladungen zu den Premieren verschickt und sich darum kümmert, dass Anmeldungen registriert werden. „Wenn Empfänge organisiert werden, bestelle ich ebenfalls Getränke für Besucher und, wenn nötig, Essen für probende Schauspieler.“

Doch auch um die Ankündigung der verschiedenen Stücke kümmern sich Josy Risch und seine zwei Kollegen. „Dann statten wir den verschiedenen Litfasssäulen der Hauptstadt einen kleinen Besuch mit Pinsel und Kleber ab“, witzelt er. Oft bekommt er in seiner Loge Besuch: „Manchmal gibt es Besucher, die ein Plakat eines der Stücke haben möchten“, führt er aus. „Dann gehen wir in den zweiten Keller, wo noch Restbestände gelagert werden, und schauen nach, ob noch genügend vorrätig sind, und ist dies der Fall, können wir ihnen natürlich gerne eins mitgeben!“ Nicht das wohltemperierte Klavier, allerdings der wohltemperierte Zuschauersaal fällt ebenfalls unter den Verantwortungsbereich des Hausmeisters.

So wie sein Büro das neuralgische Zentrum des Hauses ist, so spielt auch die Person Josy Risch eine zentrale Rolle im Kapuzinertheater. „Wir sind hier eine richtige kleine Familie“, meint er. Erstaunlich ist es also nicht, dass er manchmal für den „Chef“ kleine Besorgungen macht. „Vor allem, wenn man so nett gefragt wird, ist es doch normal, bei der Apotheke oder dem Metzger vorbeizuschauen, wenn man schon in der Gegend ist...“, so der Hausmeister. Trotz freundlichen Auftretens kann Josy Risch jedoch auch durchaus ganz bestimmt sein: „Die meisten Zuschauer, die ein Autogramm ergattern möchten, warten schön manierlich bei der 'Entrée des artistes', wo ich sitze“, erzählt er. All jene, denen die Tugend der Geduld nicht mit in die Wiege gelegt wurde, erlernen sie spätestens hier, wenn der Hausmeister sich als unüberwindliches Hindernis erweist.

Am besten ausspannen kann Josy nicht nur in der Sauna, sondern auch im Zuschauerraum: „Ich sehe mir gerne Stücke an, entweder abends, wenn ich frei habe, oder aber wenn geprobt wird, schleiche ich mich diskret in den Saal“, verrät Josy. Am liebsten hat er Molière und Luxemburger Stücke, frei nach dem für die Gelegenheit zurechtgerückten Motto: „Wo man lacht, da lass dich nieder...“

 

Vesna Andonovic


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