19/07/2010 14:10 Alter: 9 yrs

D’Weyeren: Mit Offenbach fing alles an: 45 Jahre Ehekrieg für’s Theater

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

Die Luxemburger Theaterszene hat dem Künstlerehepaar Anne und Pit Weyer viel zu verdanken: Bühnendekors, Kostüme, Plakate, Prospekte, Broschüren und vieles mehr. Ein kleiner Rückblick auf fast ein halbes Jahrhundert unermüdlicher Pionierarbeit. In Form einer neuen journalistischen Species, die wir hier mal Selbstinterview nennen wollen.

 

Pit: Anne kam aus dem Ruhrgebiet und war damals zufällig zur selben Zeit wie ich an der Essener Folkwangschule für Gestaltung, Abteilung Grafik. Die im gleichen Gebäude untergebrachte Abteilung für Tanz, Schauspiel und Musik veranstaltete Ballett und Theateraufführungen in der Aula der Schule. 1964 fand ein großes Offenbachfestival statt, wo wir für die Dekoration der Bühne und der Aula zuständig waren. Diese Arbeit brachte uns zusammen, und seither gestalten wir viele Projekte gemeinsam. 

 

Anne: Zur gleichen Zeit nahmen wir an einem Gastsemester von Professor Mroszczek, dem Direktor der Warschauer Plakatbiennale, teil. Der polnische Plakatstil jener Zeit sollte Pits spätere Arbeiten stark prägen. 

 

Die Vor-Kapuziner Zeit

 

Pit: Den Arbeiten für‘s Kapuzinertheater gingen immerhin zwanzig Jahre Tätigkeit an verschiedenen Luxemburger Kleinbühnen voraus.

 

Anne: Nach unserer Heirat 1965 begann unsere Mitarbeit bei dem von Tun Deutsch und Pierre Capesius gegründeten Kasematten-theater. Pit entwarf Theaterplakate und Programme, und gemeinsam gestalteten wir die Bühnen, zuerst in den Bockkasematten, später auch für die Produktionen des Kasemattentheaters im Großen Theater, im Studio oder für die Kabarettabende in der Limpertsberger Theaterstuff.

 

 

Pit: Meine werbegrafische Tätigkeit für verschiedene große Firmen erlaubte es uns, so wie allen anderen Mitarbeitern auch, unentgeltlich oder für minimale Cachets, an den frühen Theaterprojekten teilzunehmen. Die finanziellen Mittel waren sehr gering. Wir wurden jedoch mit dem guten Gefühl entschädigt, in der damaligen Kulturprovinz Luxemburg Pionierarbeit zu leisten und neue Akzente zu setzen. Und der 68er Zeitgeist gab uns recht: 1975 wurde das „Théâtre Ouvert (TOL)“ von Marc Olinger gegründet. Und einige Jahre später wurde das „Théâtre du Centaure“ von Marja Lena Juncker und Philippe Noesen geboren.

 

Anne: Für mich gab es zu Beginn der achtziger Jahre mit drei Projekten von Marc Olinger auf Dräi Eechelen eine große Herausforderung. Für Don Quichote, Candide und Capitaine Fracasse galt es, in kürzester Zeit jeweils etwa  ein Dutzend Schauspieler für dreißig bis vierzig Rollen mit minimalen Mitteln auszustatten. Mit alten Kleidern, billigen Stoffen von Flohmärkten und selbst fabrizierten Masken gelang es mir, diese Aufgabe zu bewältigen.

 

Das Kapuzinertheater

 

Pit: Nach der Eröffnung des Kapuziner-theaters 1985 hatten wir während dreizehn  Jahren die Gelegenheit, für fünfzehn verschiedene Produktionen die Gesamt-gestaltung zu übernehmen. Wir entwarfen nicht nur das Logo des Kapuzinertheaters, sämtliche Plakate und Programme, sondern daneben auch die Bühnendekoration und die Kostüme. 

Die Arbeitsverhältnisse waren ziemlich primitiv. Es gab noch keine Werkstätten außerhalb des Theaters. Im Keller befanden sich Schreinerei und Schlosserei. Wir malten die Kulissen auf der Bühne, und Anne nähte die Kostüme mit Freundinnen in den Umkleidekabinen im Keller.

 

 

 

Anne: Wie schon auf Drei Eicheln schleppte ich Kisten voller Material an. Georgette brachte ihre Nähmaschine mit, und dann wurde in dem ganzen Chaos gewerkelt, geklebt oder mit Draht gebastelt. Gleichzeitig für zwei aufwendige Produktionen (Le Balcon und Rex Leo) mussten die kleinen stickigen Logen schon mal herhalten.

Was Wunder, wenn in dem ganzen Durcheinander schon mal Stecknadeln in den fertigen Kostümen verblieben und sich erst bei den Proben oder während der Vorstellungen bemerkbar machten.

Und in „unseren“ Logen hatten wir ein paar Männerakte an die Wand geheftet, um die jungen Theaterarbeiter, die in ihren Spinden quietschfidel Pin-up-Girls beheimateten, zu irritieren.

Für das im finsteren Mittelalter spielende Stück Amorphe d’Ottenburg sollten die Kostüme auf alt getrimmt werden. Wir brachten die etwa zwanzig Kostüme auf Kleiderständern hinter das Theater, um sie mit Spray und Farbe zu „behandeln“. Es regnete, die Kleider wurden vom Sturm von den Stangen gerissen und landeten in den Pfützen. Aber all dies passte zu diesem makabren Stück, das, wie ich es heute sehe, von großer Brisanz war: Die Machthaber benutzten einen Idioten, um sich mit seiner Hilfe von unliebsamen Gegnern zu befreien.

Besondere Freude bereiteten mir meine zwei Eigenproduktionen: Zum einen das Kindertheater Clowns & Co mit Françoise van den Broeck und den sechzig Kindern ihrer Tanzschule. 

Und das von Christiane Eiffes organisierte Anne’s Mask Project mit dem amerikanischen Pantomimen Andy Geer und Schauspielerfreunden aus Frankfurt. 

In den folgenden Jahren wurden dann die Bühnendekors und Kostüme nur noch an professionelle Bühnenbildner und Kostümschneider in Auftrag gegeben.

 

Pit: Wir konnten jedoch weiterhin an der visuellen Identität des Theaters kreativ mitarbeiten. Die Plakatmotive wurden großformatig um das Gebäude angebracht, und in den Stadtmagazinen erschienen Anzeigen für die Produktionen. 

Die Drucktechnik hatte sich seit dem Beginn meines Plakatschaffens dreimal verändert. Am Anfang stand der Buchdruck. Die Motive mussten per Hand aus Linoleum geschnitten werden und wurden in einer oder in zwei Farben gedruckt. Dann kam das so genannte Offset-Verfahren. Die Plakate wurden jetzt von Platten gedruckt, auf die die Zeichnungen fotografisch mit einer Großformat-Kamera übertragen wurden. Aus Kostengründen blieb es auch dann noch bei zwei oder drei Farben. Danach die Digitalisierung. Die Motive werden jetzt gescannt, virtuell verarbeitet und im Offset-verfahren oder Digitaldruck produziert. Farblich sind  keine Grenzen mehr gesetzt.

 

 

2001 kam mir glücklicherweise mein Sohn Lex zur Hilfe. Er hat die gleiche Schule absolviert wie wir und kennt sich bestens mit den neuen Techniken aus.

Eigentlich ist die ganze Familie in den Arbeitsprozess eingeschaltet. Wir lesen das Theaterstück gemeinsam, diskutieren über den Inhalt und versuchen die Atmosphäre, die wichtigsten Aussagen und die spektakulärsten Momente herauszudestillieren. So entsteht dann das neue Plakat. Mal ziemlich spontan, mal mit viel Mühe und Arbeit.

 

Anne: Jetzt würde ein Interviewer dich sicher fragen, was du dir für die Zukunft erhoffst?

 

Pit: Dass das Kapuzinertheater seine dynamische Produktivität und seine Eigenständigkeit behält. Und dass die Festreden zum 25-jährigen Bestehen sich nicht als Grabreden entpuppen. Und dass auch in Zukunft die Bemühungen der einheimischen Theatertruppen und Kulturvereine finanziell unterstützt werden und das Geld nicht nur in aufwendige und kostspielige “Events” fließt.

 

 


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