19/07/2010 14:40 Alter: 9 yrs

Denkmalpflege in Luxemburg: Neue Ergebnisse zur Baugeschichte der Kathedrale und des ehemaligen Jesuitenkollegs

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

 

Seit einiger Zeit können an der Kathedrale von Luxemburg immer wieder Baugerüste beobachtet werden, die von den seit dem Jahr 2000 andauernden Renovierungsarbeiten herrühren. Die Gemeindeverwaltung gewährleistet hier unter der Leitung der städtischen Architektin Simone Heiderscheid sowie dem unabhängigen Architekten Robert Braun die Denkmalpflege einer der wichtigsten Kirchen von Stadt und Land.

Erbaut in den Jahren 1613–1621 war die heutige Kathedrale Notre Dame ursprünglich die Kirche des im Jahr 1594 in Luxemburg gegründeten Jesuitenkollegs. Durch die Auflösung des Jesuitenordens im Jahr 1773 wurde sie zur Pfarrkirche Saint Nicolas und Sainte Therèse und ersetzte damit die abgerissene Kirche Saint Nicolas,
die sich auf dem heutigen Krautmarkt vor der Abgeordnetenkammer befand. Die Einrichtung der Diözese Luxemburg im Jahr 1870 brachte die Erhebung des Gotteshauses zur Kathedrale mit sich, die heute demnach sowohl Pfarr- als auch Bischofskirche ist.
Nach der Renovierung der Mauer und der schmiedeeisernen Balustrade nebst Tor, erstrahlt seit drei Jahren die Südfassade und der Vorplatz in der Rue Notre Dame in neuem Glanz. Gleichzeitig wurden die Kirchenfenster instand gesetzt. Das alte schmiedeeiserne Tor, das seit dem Krieg im Keller sein Dasein fristete, kehrte, versehen mit modernen Sicherheitsstandards, an seine ursprüngliche Stelle zurück. 

Im Jahr 2009 begann die Stadt Luxemburg mit den Instandsetzungsarbeiten der Westfassade der Kathedrale. Dabei sind Arbeitern und Architekten interessante Details im Mauerwerk aufgefallen, die sich zunächst in der Verwendung unterschied-lichen Baumaterials manifestieren.

Nach der Freilegung der gesamten Fassade war der Grund dafür offensichtlich: Es hatte sich auf der Höhe des zweiten großen Kirchenfensters auf einer Fläche von 50 m2 die Ostfassade eines Gebäudes erhalten, an das giebelseitig die Kathedrale angebaut war. Fensterdurchbrüche an zwei Stellen zeugen von der bewegten Baugeschichte des Hauses. Ein Türdurchbruch sollte möglicherweise den Zugang vom Haus auf eine Empore in der Kathedrale ermöglichen.

Um das Rätsel dieses mysteriösen Baus und dessen Verhältnis zur Kathedrale und den Bauten des ehemaligen Jesuitenkollegs zu lösen, muss die Baugeschichte des gesamten Komplexes neu aufgerollt und analysiert werden1. Grundlage für die folgenden Ausführungen bilden neben den bauhistorischen Befunden ein bisher unbekannter Plan, der möglicherweise aus der Feder des Architekten der Jesuitenkirche, dem Jesuitenbruder Johannes du Blocq, stammt2. Er dokumentiert neben einem nicht verwirklichten Bauprojekt der heutigen Kathedrale den damaligen Zustand des Jesuitenkollegs3. Dieses Dokument ermöglicht es erstmalig, die ersten Phasen der bauhistorischen Entwicklung des Gesamtkomplexes nachzuzeichnen.

Nach einem holprigen Start waren die Jesuiten ab dem Jahre 1594 zwar endgültig in Luxemburg etabliert, hatten aber weder für sich noch für die geplante Schule die passenden Räumlichkeiten. Im Jahr 1597 kaufte der Jesuitenorden das Haus de Berty „beÿ Knodeler Kirchen gelegen, stoßend uff einer Seiten ahn… Salentin Fausten behausung undt zur anderen uff den Berpurgischen Garthen4. Es ist dieses Gebäude, das sich in der Westfassade der Kathedrale erhalten hat. Es handelt sich hier um die Überreste der Keimzelle des
Jesuitenkollegs, der Ort, von dem aus sich in den folgenden Jahrhunderten der Orden, die Schule, das Priesterseminar und nicht zuletzt die Kathedrale bis zur heutigen Ausdehnung des Gesamtkomplexes ausweiten sollte. Die Entwicklung lässt sich auf Grund neuer Erkenntnisse wie folgt nachzeichnen: Zunächst wurde im Jahre 1603 das Anwesen des Faust von Stromberg „gelegen zwischen den Herren Jeuiten undt deß Herren von Eltz jetziger Zeit aber durch formelte
Herren erkaufte Bau-haussung“
hinzugekauft5. Das Anwesen Stromberg befand sich nach dieser Beschreibung direkt neben dem Haus von de Berty. Unklar bleibt die Lage des Hauses von Eltz. Nach der Anzahl der Treppenhäuser zu urteilen waren ursprünglich lediglich zwei Wohnhäuser (de Berty und Stromberg) im Kolleg integriert.

In jedem Fall eröffneten die Jesuiten im Jahr 1603 ihre Schule, nachdem es ihnen gelungen war, ihren Besitz um die beiden westlich angrenzenden Anwesen zu erweitern. Wir müssen davon ausgehen, dass die beiden ursprünglich zu privaten Wohnzwecken errichteten Häuser de Berty und von Stromberg in den ersten drei Jahren nicht nur als Unterkunft für die Jesuiten und die Schüler, sondern auch zum Unterricht dienten. Hier befinden sich im Erdgeschoss die Wohnräume für die Externen, d.h. für die Internatsschüler, den Pförtner sowie die Küche. In den oberen Stockwerken wohnten wohl die Jesuitenbrüder. Im anschließenden Haus Faust von Stromberg befinden sich Schlafräume und weitere Räume für die Externen. Beide Häuser sind durch mehrere Durchbrüche miteinander verbunden. Ihre kleinteilige Aufteilung spiegelt den ursprünglichen Wohnhauscharakter wider. Die jährlich sprunghaft anwachsenden Schülerzahlen machten bereits im Jahr 1605 eine Vergrößerung der Baulichkeiten notwendig. Zunächst wurde der Komplex um eine große Aula (K) erweitert6, bis 1612 kamen ein Refektorium und drei große Klassensäle hinzu. Zu diesem Zeitpunkt sind Kolleg und Schule klar durch separate Eingänge (D & P) getrennt. Die Schule befindet sich im Jahr 1612 im Südflügel der Anlage, in dem sich im Erdgeschoss drei Klassensäle mit separaten Eingängen vom Hof aus befinden. Ein Refektorium bildet den südöstlichen Abschluss dieses Flügels. Damit ist der heutige Südflügel (Lesesaal der Nationalbibliothek) der älteste noch erhaltene Teil der 1603 eröffneten Jesuitenschule. Das Fehlen von Treppenhäusern lässt vermuten, dass die für den Schulbetrieb angebauten Teile ursprünglich einstöckig konzipiert waren. Die beiden im Norden des Hofes vorgesehenen Schulsäle sowie ein Brauhaus im Südosten, beide zum Zeitpunkt der Erstellung des Bauprojektes für die Kathedrale in Planung (2), wurden nie verwirklicht. 

Der Westflügel (Mansfeldsaal, Mediathek der BNL) wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts, in jedem Fall zwischen 1612 und 1697 gebaut7. Die Bombardierung der Stadt während der Belagerung durch Vauban (1683/1684) hatte auch das Jesuitenkolleg in Mitleidenschaft gezogen. Den nachfolgenden Instandsetzungsarbeiten fielen wohl die alten Gebäude de Berty und Faust zu Stromberg zum Opfer, und der jetzige Hof zwischen Kathedrale und Nationalbibliothek wurde angelegt. In perfekter Symmetrie wurde, nach Abriss des heute noch in der Westfassade der Kathedrale sichtbaren Gebäudes, das letzte Fenster in die Westfassade der Kathedrale gebrochen. Damit verschwanden die letzten Reste ursprünglich privater Wohnbebauung in diesem Bereich der Rue Notre Dame. Der Bereich der Aula (K). des Refektoriums sowie der gesamte Südflügel der Kollegsgebäude auf dem Plan von 1612 wurden in das neue Gebäudekonzept integriert, das zwischen Schule und Jesuitenkirche eine großzügige Wohnanlage für Jesuitenpater und Schüler vorsah, das der Vorstellung einer klösterlichen Anlage mit Kreuzgang entsprach. Die alte Aula wurde unterteilt und zu Schlafräumen der externen Schüler (Internat) umgebaut, das Refektorium diente, wesentlich verkleinert, zukünftig als Aula für das Kolleg. Treppenhäuser führten in die oberen Stockwerke. 

Die Entdeckung des ersten Kollegsgebäudes in der Westfassade der Kathedrale ist der Aufmerksamkeit des Vorarbeiters der Firma Chauzy-Pardoux (SLCP) zu verdanken. Ihm fielen die unterschiedlichen Baumaterialen zwischen dem Gebäude (Bruchstein) und der Kathedrale auf. Mit großer Sorgfalt wurde daraufhin der Baubefund dokumentiert, der den Anstoß für die neuen Forschungen zum Jesuitenkolleg und seiner Kirche gab. In der Denkmalpflege sind es oft nur Kleinigkeiten, die zu neuen Ergebnissen führen. Daher ist eine gründliche und sorgfältige Bauaufnahme, wie im vorliegenden Falle geschehen, so wichtig für die Erschließung der bauhistorischen Entwicklung der Stadt Luxemburg. 

 

Evamarie Bange

1 Albert Steffen, Baugeschichte der Luxemburger Jesuitenkirche (Luxemburg 1935). Michel Schmitt, L’architecture des jésuites à Luxembourg dans son contexte religieux et régional. In: Josy Birsens, Du collège jésuite au collège municipal (1603 - 1815) Luxembourg 2003, 107ff. Jean-Claude Muller, Architecture et représentation(s): les bâtiments du collège jésuite de Luxembourg dans leurs évolution. In: Birsens, Collège, 77 - 101;

2 Steffen, Jesuitenkirche (Anm. 1) 30 - 32. Joseph Braun, Die belgischen Jesuitenkirchen (Freiburg 1907) 50 - 59;

3 Promtuarium Pictorum fol. 58 (Archief van de Vlaamse jezuïten (ABSE), Heverlee);

4 Archives Nationales Luxembourg XXXVIII - 3 fol 39. KOLTZ, Baugeschichte der Stadt und Festung Luxemburg, I. Band (Luxemburg 1970) 175. MULLER (Anm. 1) 81. Auf dem Gelände des Berburgschen Gartens befand sich später die Kathedrale, d.h. das Haus Berty muss direkt im Westen der späteren der Kathedrale gestanden haben; 

5 Archives Nationales Luxembourg XXXVIII-3 fol 42 v; 

6 A. Steffen, Baugeschichte der Luxemburger Jesuitenkirche (1935) 11f. Bauunternehmer Ulrich Job aus Luzern & Bau am Südflügel, Koltz,
Baugeschichte 180;

7 Koltz, Baugeschichte (Anm. 4) Abb. 89;

8 Überarbeiteter Plan aus Muller (Anm. 1) 87.

 


94/2010 - Theater

p.  1