19/07/2010 14:48 Alter: 9 yrs

Nachspiel auf dem Theater

Kategorie: 94/2010 - Theater 94/2010 - Theater

Politiker: Hier stehe ich vor leerer Kasse,

Schaut nur hinein und macht Euch schlau.

Ihr wisst es wohl, die Zeit ist rau.

Wenn ich Euch hier und heut entlasse,

Dann glaubt mir, gerne tu ich’s nicht.

Man kennt sich lang, Ihr habt Meriten,

Ihr ward ein Künstler von Gewicht.

Viel lieber würd’ ich es vergüten.

Direktor: Und den Vertrag mir flugs erneuern,

Statt mich so skrupellos zu feuern?

Politiker: Mein lieber Mann, Ihr lasst seit Jahren

In Eurem Haus die Puppen tanzen.

Ja, früher mussten wir nicht sparen;

Es stand ganz gut um die Finanzen.

Doch heute in der Krisenzeit

Mögt Ihr Euch wehren, mögt Euch winden,

Es nützt Euch nichts und tut mir leid:

Den Gürtel müsst ihr enger binden.

Was heute zählt, ist Effizienz,

Wenn Ihr’s nicht glaubt, so fragt den Fränz.

Die Kunst mein Herr, sie mag erquicken,

Doch soll sie nicht zu teuer sein.

Es trifft die Kleinen wie die Dicken;

Ihr seid ein Klotz an unserm Bein.

Die Bretter, die die Welt bedeuten,

Sie locken heute keinen Hund –

Die Kunst ist out, gefragt ist Schund.

Seht Euch doch um und fragt bei Leuten,

Die derzeit als Entscheider walten,

und die den Geist der Zeit gestalten…

Direktor: Den Geist der Zeit? Was Ihr den heißt,

Das ist im Grund der Herren Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.

(Ich sag es, um Euch aufzuwiegeln.)

Politiker: Ach, lieber Freund, selbst Faust-Parolen,

Und sei’n sie noch so blitzgescheit;

Sie bleiben uns im Grund gestohlen

In dieser postmodernen Zeit.

Sie taugen nur noch für PR,

Als Sprüche auf den Werbetafeln

Und für Empfänge, um zu schwafeln,

Und damit anzugeben, Herr!

Ihr wisst, im City-Management

Taugt Goethe bloß noch als Event.

 

Direktor: So lasst Ihr mein Theater fallen,

Nur um die Mode zu bestallen?

Politiker: Das Haus bleibt steh’n, es ist aus Stein,

Doch braucht es keinen Intendanten.

Es ist im Grunde viel zu klein,

So raten meine Konsultanten.

Wenn wir es einfach fusionieren

Mit einem andern Dienst der Stadt,

Dann kann es weiter funktionieren;

Man weiß auch dann noch, was man hat.

Und während Ihr die Wunden leckt,

Hab ich die Kosten schon gedeckt.

Direktor: Was schwebt Euch vor? Wo geht es lang?

Mir schwant nichts Gutes. Mir wird bang.

Politiker: Kein Auge hab ich zugetan, in langen Sommernächten,

Hab mir den Kopf zermartert, geschunden und zerbrochen.

Ich glaube, mein Konzept ist keines von den Schlechten;

Kolumbus fand sein Ei bestimmt auch erst nach Wochen.

Erst heute wurd’ ich fündig,

In früher Morgenstunde.

Ich bringe kurz und bündig

Euch diese frohe Kunde:

Es wird unser Theater, da bleibe ich ganz stur,

Geschluckt von unsrer schönen und saubern Müllabfuhr.

Direktor (fällt tot um): Das haut mich glatt vom Hocker, das finde ich sehr arg;

Die Nachricht ist der letzte Nagel an meinem künft’gen Sarg.

Politiker: Mein Gott, jetzt ist ihm übel.

Schnell, bringt ihm einen Kübel!

 

Chor der Müllmänner: Das Spiel ist aus, das Stück vorüber,

Der Vorhang fällt, der Held ist tot.

Wem wär’ es anders nicht viel lieber,

Doch hilft kein Klagen in der Not.

Theater als Moralanstalt,

Es war einmal und kommt nicht wieder;

Regietheater ist auch bieder.

So ändern sich die Zeiten halt.

Der neuste Hit sind Monodramen;

Es spart Statisten, meine Damen.

Doch will man wirklich volles Haus,

Dann schmeißt man den Direktor raus

Und gibt statt Avantgarde-Theater

Den armen Kapuzinerpater.

Die Ateliers, die Bühne und den Saal vermietet man an Gruppen

Und nutzt sie samstagnachts als hippen Diskoschuppen.

Und wochentags, wenn gar nichts läuft, da spielt man, bitte sehr,

Die Dame mit dem Hündchen und den Geizhals von Molière.

(Der Hygienedienst räumt die Bühne ab.)

Jacques Drescher

 

 


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