28/12/2010 10:31 Alter: 8 yrs

Der Architekt als sozialer Kommunikator

Kategorie: 95/2010 - Architektur 95/2010 - Architektur

Ein gutes Bauwerk ist nicht jenes,  das die Landschaft verletzt,  sondern jenes, das die Landschaft  schöner macht als sie vorher war.  Frank Lloyd Wright In seinem Buch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden“ (Suhrkamp, 1965) beklagt der deutsche  Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich (1908-1982), dass beim Wiederaufbau in den kriegszerstörten Städten die Chance vertan wurde, Bausünden der Vergangenheit zu korrigieren. Im Gegenteil: Während eine Stadt früher gewissermaßen einen Charakter (Mitscherlich nennt es „Herz“) hatte und mehr war als die Summe von Häusern, Plätzen und Straßen, kann der moderne Stadtbewohner kaum noch eine Bindung an seine Heimatstadt entwickeln. Wie sollte er auch, wenn er als Kind mit „Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen“ aufwächst, obwohl er „Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum“ benötigt hätte. Während Städte früher integrierte Lebens- und Arbeitsräume boten, haben sie sich inzwischen „funktionell entmischt“: Nicht erst seit dem Bau von Trabantenstädten sind Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Stadtbezirke aufgeteilt. Wer es sich leisten kann, kauft sich ein Stück Natur und zieht aufs Land. Aber in der Vorortvilla sieht Alexander Mitscherlich auch nur die „Demonstration der monetären Potenz“ einer einzelnen Familie. Die von Menschen gestalteten Städte wirken auf die Bewohner zurück und versagen beispielsweise bei der Sozialisation. Statt ein konstruktives Sozialverhalten zu fördern, sind die Städte heute meist so gestaltet, dass ein soziales Engagement erst gar nicht aufkommt, sondern der „Dschungelaspekt der Konkurrenzgesellschaft“ dominiert, vermerkte der Autor und Rezensent Dieter Wunderlich zu einer Neuauflage des Buches im Jahre 2006. Auf diese Weise verbreiten sich destruktive Verhaltensweisen. Die Stadtbewohner vereinsamen, weil sie gewohnheitsmäßig Distanz zu den Nachbarn halten. Die alte Festungsstadt Luxemburg mit ihrer über tausendjährigen Geschichte hat sich vor allem im Stadtkern, in den Unterstädten und in populären Vierteln wie Bonneweg und Rollingergrund eine ureigene Identität erhalten können, trotz der Todsünden der sechziger und siebziger Jahre, wo vor allem am Boulevard Royal und anderswo wertvolle Bausubstanz seelenlosen Betonklötzen weichen musste. Nun gilt es, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Architekten und Urbanisten sind gefordert, im Sinne der alten Baumeister ästhetische, funktionelle und soziale Aspekte in einem menschlichen Maße miteinander zu verknüpfen. Das ist das eigentliche Thema dieser ons stad-Nummer. r.cl.


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95/2010 - Architektur

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