28/12/2010 10:48 Alter: 8 yrs

Luxembourg in Progress - Ein architektonischer Streifzug durch die Stadt

Kategorie: 95/2010 - Architektur 95/2010 - Architektur

Die Hauptstadt ist nicht nur ein pulsierendes urbanes Zentrum, sondern auch ein Spiegelbild der europäischen Architekturgeschichte der letzten Jahrhunderte. Ein Spaziergang durch die Viertel der Stadt macht die chronologischen Etappen und die geografisch und historisch bedingten Besonderheiten an zahlreichen Beispielen sichtbar. Die bewegte Vergangenheit des Großherzogtums stellt ein regelrechtes Konzentrat der europäischen Geschichte dar. Die Festungsstadt Luxemburg stand fortwährend unter wechselnder Herrschaft, was in der Stadt noch heute prägende Spuren hinterlassen hat. Festungsingenieure und Baumeister verschiedenster Herkunft waren hier tätig: wallonische (de Beauffe), französische (Vauban), aber auch solche italienischer, spanischer, österreichischer, preußischer oder sonstiger europäischer Herkunft. Die tirolerische Baumeisterfamilie Munggenast belebte im Barockzeitalter das luxemburgische Bauwesen neu. Johannes du Blocq, Durand Léopold, Roberti Adam u.a. waren weitere Baumeister. So entwickelte sich in Luxemburg im Lauf der Jahrhunderte eine ausgeprägte regionale Baukultur, die von den örtlichen, regionalen, klimatischen und materiellen Bedingungen geprägt war. Die Vorzeigebauten der alten Stadt Die Stadt Luxemburg kann durch ihre einmaligen topografischen Gegebenheiten – die „Corniche“ mit den umliegenden Tälern der Petrus und der Alzette und den Vororten Clausen, Pfaffenthal und Neudorf – sowie mit ihren Parks gegenüber anderen Städten bestehen. Die Altstadt wird von einigen traditionsträchtigen Bauten geprägt, die heute oft neue Funktionen erworben haben. Aus dem früheren Rathaus wurde in den Epochen der Renaissance und des Barock das Regierungsgebäude und später das großherzogliche Palais. 1895 wurde die Abgeordnetenkammer (Architekt: Hartmann) daran angebaut. Das vormalige Refugium von St. Maximin, der Gebäudekomplex des alten Jesuitenkollegs (1606-1611), wurde später zum Athenäum und beherbergt seit 1970 die Nationalbibliothek. Das Gebäude bildet mit der Kathedrale ein interessantes Ensemble. Die Kathedrale von 1613, im Stil der Spätgotik mit einigen Elementen und Verzierungen im Renaissancestil, erhielt 1934 ihre heutige Form mit den drei Türmen (Erweiterung: Hubert Schumacher). Das auf das Stadtviertel Grund blickende Militär-Kriegslazarett (um 1862), heute Nationalarchiv, ist eines der letzten Zeugnisse früherer Militärbaukunst. Das Rathaus an der Place Guillaume II (Knuedler) wurde zwischen 1830 und 1839 vom Architekten Rémont aus Liège im neoklassizistischen Stil erbaut und wurde erst 1844 ganz fertiggestellt. Hier wurde auch internationale Geschichte geschrieben: Im Sitzungssaal des Rathauses trafen sich am 10. August 1952 die Außenminister der sechs Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) zur feierlichen Eröffnung der Hohen Behörde des Schuman-Plans – ein erster Meilenstein der europäischen Integration. Gegenüber dem Rathaus liegt eine der wenigen Passagen der Stadt. Sie wurde vom Architekten François Eydt errichtet. Die Fondation Pescatore wurde 1886-1892 von Tony Dutreux zusammen mit Pierre Funck und Alphonse Kemp geplant. Der Palais de Justice, 1886 vom Architekten Charles Arendt umgebaut und erweitert wurde, soll als Außenministerium eine neue Funktion erhalten. Dieser Bau mit seinen zwei verschiedenen Gesichtern – einer reich verzierten Schaufassade vorne und einer einfachen Rückseite – und dem herrlichen, 1880 angelegten Garten wird mit seiner neuen Funktion dem Bezug zwischen der Altstadt und dem Kirchberger Europaviertel eine neue Dimension geben. Die Bauten, die in der Altstadt von der Gerichtsbarkeit und anderen Behörden benutzt wurden, werden vom Fonds de Rénovation de la Vieille Ville dem Wohnen wieder zugeführt werden (Architekten: Arlette Schneiders und Metaform). Das Heilig-Geist-Plateau war während vielen Jahrzehnten die Spielwiese der Poltiker und Stadtplaner und erhielt ab 2003 mit seiner viel kritisierten und monofunktionalen Bebauung einer Cité Judiciaire (Rob Krier) seine definitive Form. Öffnung und Modernisierung Erst mit der Schleifung der Festung als Folge des Londoner Vertrages vom 11. Mai 1867 konnte die Stadt Luxemburg sich urbanistisch und baulich entfalten. Dem damaligen Staatsminister Paul Eyschen lag ein qualitativ hochwertiges Stadtbild am Herzen. Bei diesen Neuplanungen spürt man den Einfluss von Baron Georges-Eugène Haussmann. Auf den ehemaligen Festungsanlagen legten Landschaftsarchitekt Édouard André und Architekt Oscar Bélanger neue Stadtboulevards und den Stadtpark an. Unter der Direktion des Ingenieurs Paul Séjourné wurde der Pont Adolphe (1901-1903) errichtet. Der Stadtbaumeister Herrmann Josef Stübben beinflusste mit seinen städtebaulichen Plänen die Entwicklung der Stadt (Plateau Bourbon 1901, Limpertsberg und Bonneweg 1922/23). Der heutige Bahnhof, 1907 vom Architekten Alexander Rüdell errichtet, ersetzt den alten Holzbau, der aus militärischen Gründen weit vor den Festungsbauten lag. Der Uhrenturm steht genau in der Achse der „Avenue de la Liberté“ und der Adolphe-Brücke und hat eine starke Fernwirkung. Das umliegende Bahnhofsviertel wurde ein belebtes Wohn- und Geschäftsviertel mit zahlreichen Hotels. Das Alfa-Hotel (1930) ist der imposanteste Bau am Bahnhofsplatz und bildet einen wichtigen Kon-trapunkt zum Bahnhofsgebäude. Er ist ganz im Art déco-Stil gehalten, wurde jedoch im Inneren bereits mehrfach renoviert. Bemerkenswert an der Fassade sind einerseits die hohe Sockelzone aus Erdgeschoss und Mezzanin, mit zwei monumental gefassten Eingangsbereichen, und andererseits die Ornamentik in den typischen Formen des Art déco: Die geometrischen Muster aus Zickzacklinien und Kugeln sowie die Dreiecksform der Balkone bringen Schwung in die ansonsten konventionell gegliederte Fassade. Ein Teil des Gebäudes wurde erst in den Neunzigerjahren errichtet. Bei genauer Beobachtung ist dies deutlich zu erkennen. Homogener als der Bereich um den Bahnhof entwickelte sich das „Plateau Bourbon“. Dieses neu entstandene Stadtviertel wurde nach einem strengen Regelwerk der Regierung im Stil des Historismus, der Neorenaissance, des Neobarock oder dem damals vorherrschenden Baustil der Neoklassik erbaut. Die Staatsbank (1910) wurde vom Architekten Jean Pierre König errichtet und später von Jos Nouveau und Léon Muller erweitert. Mit der Gestaltung der Gebäude am Brückenkopf sollte ein Pendant zum alten Zentrum entstehen. Dieses Ensemble wurde erst mit dem Verwaltungssitz der Eisenbahndirektion (Architekt: Karl Jüsgen) vervollständigt.  Der Bau im deutschen Wilhelminischen Baustil wirkt weitaus nüchterner als der Sparkassenbau mit seiner reich gestalteten Fassade, seinen Erkern und Türmchen. Er diente später als Sitz der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Der Belgier René Théry zeichnete 1920 die Pläne des Arbed-Hauptsitzes. Der ehemalige Staatsarchitekt Sosthène Weis war für die Ausführung zuständig. Als Symbol der Macht wurde das palastartige Gebäude als Vierflügelbau mit großem Innenhof errichtet – es kann den französischen Einfluss des 18. Jahrhunderts nicht leugnen. Weitere bemerkenswerte Gebäude auf dem Bourbon-Plateau sind die Jugendstilvilla Clivio des Bauunternehmers Cesare Clivio, die Maison Pier (1903), ein streng gegliedertes Stadthaus des Architekten Mathias Martin und das Streckeisen (1907), aus dem Verschnitt dreier Straßen am Boulevard de la Pétrusse (Architekt: Jean Guill) entstanden. 2006 wurde dieses Gebäude zu Studentenwohnungen umgebaut. Auf Limpertsberg finden wir das Lycée de Garçons des Architekten Gustave Serta. Es wurde 1907 eingeweiht und ist sicherlich einem Teil der Leserschaft aus der Schulzeit bekannt. Für die Deckenkonstruktion der Festhalle und der Sporthalle schuf Serta eine filigrane Betonstruktur. Die Benutzung des neuartigen Baustoffs bei der Schaffung des neuen Festsaales sorgte für einen heftigen Briefwechsel zwischen dem Staatsarchitekten Sosthène Weis und Serta. Stadtarchitekt Nicolas Petit hat den Stadtteil Limpertsberg mit der im neoromanischen Stil erbauten Kirche St. Joseph (1911) und dem Mädchenlyzeum (1922-1926) geprägt. In seiner mehr als dreißigjährigen Karriere als Stadtarchitekt konnte Petit die gesamte Stadt nachhaltig gestalten, etwa mit der Kirche Sacré Coeur im Bahnhofsviertel (1930- 1932) oder der Primärschule auf Belair. Neues Bauen in der Zwischenkriegszeit Ende der Zwanzigerjahre begannen einige junge Architekten, sich mit den Ideen des Bauhauses zu beschäftigen. Hubert Schumacher, der spätere Staatsarchitekt, konnte auf Limpertsberg schon 1928/1929 durch das Atelierhaus mit Dachterrasse für den Maler Joseph Kutter neue Zeichen setzen. Nach dem Tode Kutters wurde während des Krieges (1942) der ursprüngliche Zustand durch das Aufsetzen eines Ziegeldaches gravierend verändert. Mit der Kapelle Christ-Roi 1931/1932 für die Jesui-tengemeinschaft im Stadtteil Belair konnte Schumacher im Kirchenbau mit dem gängigen Stil brechen. Das Innere besticht durch den in seiner kubischen Geometrie klar gegliederten Raum (in Form eines stehenden Kreuzes) und beeindruckt durch seine Proportionen und seine Abstraktheit. Schumacher konnte hier ein Gesamtkunstwerk schaffen. Er war nicht nur zuständig für den Bau, sondern gestaltete die Fenster, Kerzenleuchter und die liturgischen Gefäße. Fritz Nathan aus Frankfurt und Léon Leclerc begründeten 1932 mit dem Modegeschäft „Jenny Grünstein“ in der Rue du Fossé eine neue Architektur für Handelshäuser. Die Handelshäuser „À la Bourse“ (1934) und „Berg“ (1934) von Léon Leclerc, das Modehaus “Brahm“ (Architekt: Nicolas Schmit-Noesen) sowie das „Magasin Sternberg“ (1935, Paul Funck) wurden im gleichen Stil errichtet. Diese Geschäftshäuser in der Innenstadt – Stahlskelettbauten – wurden in Rekordzeit errichtet. Mit den Bandfenstern wirken diese Häuser noch heute frisch und keineswegs gealtert. Theodor Merrill und Jean Deitz errichteten 1932 in der Nähe des Sportstadions an der Arloner Straße das Appartementhaus Foyer die erste wirklich zeitgenössische Residenz, eine großzügige Wohnanlage in konsequenter Formensprache, bis heute unverändert in ihrer Baustruktur. Zur gleichen Zeit gelang dem jungen Architekten Tony Biwer in der Rue de Nassau ein bemerkenswertes Ensemble von Wohnhäusern mit Flachdächern und Reling-artigen Geländern, den typischen Schiffsmotiven des Neuen Bauens (1932–1934). Henri Schumacher und G. Traus errichteten am Boulevard Grande-Duchesse Charlotte ein Doppelhaus für die Ärzte Cerf und Pauly (1933). Otto Bartning aus Berlin konnte mit der Maternité Grande-Duchesse Charlotte (1933/1936) das erste öffentliche Gebäude im Stil der Moderne bauen. Die Ausführung des Gebäudes, das sowohl in Sachen Sozialwesen und als Architektur einen Meilenstein für Luxemburg darstellt, oblag Hubert Schumacher. Funktionale Architektur war auch in Hollerich angesagt, wo die Tabak- und Zigarettenmanufaktur Heintz Van Landewyck 1935 ihren Firmensitz errichtete. Das neue Gebäude, nach Plänen der Architekten Georges Traus und Michel Wolff, ist eines der schönsten Beispiele industrieller Architektur in der Stadt. Es ist dem Entwurf nach ganz der Moderne verpflichtet, mit Dachterrasse und großflächigen Fensteröffnungen. Der aus Souterrain, Erdgeschoss und drei Stockwerken bestehende Gebäudeblock, auch ein Stahlbau, wirkt imposant, und doch fehlt es ihm nicht an Eleganz. Als Nachbar finden wir den „Magasin de Gros Courthéoux“, 1934 vom Brüsseler Architekten Charles Royet erbaut. Krieg und Wiederaufbau im Spiegel der Architektur Mit der deutschen Besetzung am 10. Mai 1940 kam die Bautätigkeit in Luxemburg ganz zum Erliegen. Der in Leipzig von der NSDSAP nicht wiedergewählte Stadtbaurat Hubert Ritter wurde im November 1941 nach Luxemburg berufen, um für die Stadt einen Gesamtbebauungsplan auszuarbeiten. Neben dem Generalbebauungsplan arbeitete er neue Pläne für einen Rathausneubau, eine Brücke über das „Alzig-Tal“, ein Kreisforum und eine Wohnsiedlung auf Kirchberg aus. Die Architekten Hentrich und Heuser aus Düsseldorf waren direkt aus Berlin mit der Planung eines Kulturforums auf dem Gelände des Konvikts beauftragt worden. Doch auch wenn der Krieg Spuren der Zerstörung im Land hinterließ: Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 10. September 1944 endete die deutsche Besatzung, ohne im Stadtbild für architektonische Einschnitte zu sorgen – sieht man einmal vom Abriss der Synagoge ab. Der wirtschaftliche Wiederaufbau nach 1945 erfolgte in Luxemburg dank folgender Faktoren in verhältnismäßig kurzer Zeit: Finanzspritzen der USA, verstärkte Zusammenarbeit mit Belgien, Gründung der Wirtschaftsgemeinschaft Benelux im Jahre 1948. Zu Beginn schloss in der Stadt Luxemburg die Bauweise in punkto Bauhöhe, Bauvolumen, Materialien und Farbgebung noch an die Zwanziger- und Dreißigerjahre an. Die Fassadengliederung griff dabei beispielsweise die charakteristischen Fensterbänder auf. Als Beispiel kann hier das Accinauto-Gebäude (Architekt: Michel Wolff) – ein Geschäftshaus für Fahrräder und Autoersatzteile – am Bahnhof Luxemburg (1948/1949, heutiges Postgebäude) genannt werden. Der in die Fassade eingearbeitete Werbespruch „Tout pour tout ce qui roule et tourne“ wird ergänzt durch die Tonreliefs von Auguste Trémont, welche einerseits die blühende Luxemburger Wirtschaft und Eisenindustrie, andererseits den im Aufschwung befindlichen Tourismus darstellen. Auch andere Bauten lassen sich in diese Formsprache einordnen, wobei eine Mischung traditioneller (Steinfassaden) und moderner Elemente der Fünfzigerjahre charakteristisch ist: so etwa das Verwaltungsgebäude der Versicherungsgesellschaft „Le Foyer“ (Nicolas Schmit-Noesen), das Casino in Bonneweg, die neue Synagoge mit ihrer axialen Komposition (Engels, R. Maillet), das RTL-Gebäude Villa Louvigny oder das Staatsratsgebäude (Hubert Schumacher und Constant Gillardin). Ebenso entspricht das Verwaltungsgebäude der CECA (heute Unterrichtsministerium) mit seiner strengen schlichten Fassade und den einheitlichen Fensterachsen zwar den Anforderungen eines funktionalistischen Bauwerks, dennoch dominiert die monumental-klassizistische Formensprache, denn die Steinfassade verleiht dem Bau eine Aura von Würde und Unvergänglichkeit (Hubert Schumacher, 1952). Ein radikaler Schnitt: Der Aufbruch der Moderne Erst Mitte der Fünfzigerjahre begann sich das Bild der Architektur zu verändern – der Aufbruch der Moderne stand bevor. Die ersten Architekturwettbewerbe boten Anlass zu einer regen Konkurrenz. Projekte wie das Verwaltungsgebäude der Eisenbahngesellschaft von 1958 (C. Dietrich, Camille Frieden, Constant Gillardini) am Luxemburger Bahnhof zeigen neue Kompositionen, neue Details und Materialien. Zu den interessanten Gebäuden dieser Zeit zählen weiterhin das Autohaus Lutgen (heute BMW) an der Route de Thionville mit seinem geschwungenen Vordach und dem Mosaik von François Gillen sowie daneben die Coca-Cola-Abfüllfabrik (beide von Benn Weber errichtet), das Bâloise-Gebäude am Boulevard Roosevelt mit seiner elegant geschwungenen Wendeltreppe – wegen „Störung“ des Stadtbildes abgerissen –, die Résidence Pershing auf Limpertsberg (Pierre Gilbert) sowie der Stahlpavillon des Casinos (R. Maillet und Jean Prouvé). Das Kaffeehaus Santos mit seiner leicht gewölbten, aus Glasbausteinen bestehenden Fassade (Umbau J. Michels, 1949) in der Grand-Rue ist sicherlich der schmalste Geschäftsbau der Stadt. Die Monopol-Handelshäuser in der Oberstadt (blaue Glasfassade, Architekten Knaff und Michels) und im Bahnhofsviertel (heute abgerissen) standen in ihrer Modernität den Handelshäusern aus den Dreißigern in nichts nach. Die neue Kirche in Bonneweg, welche die im Krieg zerstörte ersetzte (Loschetter und Reuter, 1949), sowie die Kirche Pius X. auf Belair (Laurent Schmit, 1952) be- stechen durch ihre farbenfrohe und wertvolle Innenaustattung. Der elegante Bel-airer Kirchturm (in der Achse der Avenue Gaston Diderich) prägt zusammen mit den Türmen der Kathedrale das Stadtbild. Das neue Athenäum von den Architekten L. Schmit, N. Schmit-Noesen und P. Graach, das aus einem Wettbewerb von 1958 hervorging, überzeugt mit seinem abwechslungsreichen Spiel mit Baukörpern auf schlanken Pilonen. Die Grande-Duchesse Charlotte-Brücke („Rout Bréck“, Wettbewerb 1957), ist ein typischer Entwurf der Fünfzigerjahre. Elegante, leicht geneigte und nach unten verjüngte Stützen tragen die beiden Stahlhohlkästen. An ihrem Anfang entstand das Theater der Stadt mit seinen trapezförmigen Fenster- und Fassadenelementen (Alain Bourbonnais, Wettbewerb 1958). In den Sechzigerjahren wurden Luxemburger Architekten in die städtebauliche Planung wenig eingebunden. Luxemburg war in der Zwischenzeit zu einem wichtigen Finanzplatz aufgestiegen und der Vago- Plan aus dem Jahr 1967 – benannt nach dem Architekten Pierre Vago – wurde zur Vorlage für eine fortschreitende Zerstörung der Villen an den Boulevards der Stadt. In diesem Kontext ist die interessante Interpretation der Bauvorschriften in Bezug auf die Komposition der Kredietbank zu bemerken – volle Ausnutzung der zugelassenen Höhe von 40 Metern –, ein Reglement, das später abgeschafft wurde. Glücklicherweise wurden auch die Pläne für das Kirchberg-Plateau von René-André Coulon und A.J. Crivelli aus dem Jahr 1958 für die Bewerbung Luxemburgs als neue Europastadt nicht verwirklicht. Die vorgesehene Planung entsprach nicht dem Maßstab der Stadt Luxemburg. Ein weiteres Projekt, der Plenarsaal von Roger Taillibert für die europäischen Abgeordneten, genannt „de Kueb“, beschwor zum ersten Mal in der Geschichte den Protest der Luxemburger herauf. Unter dem Druck der Bevölkerung wurde dieses Projekt ad acta gelegt. Die internationale Moderne der Nachkriegszeit wurde vom Brutalismus abgelöst; die Tendenzen einer plastisch-körperhaften, konstruktionsgerechten und von ruppigem Charme geprägten Architektur leiteten über zum in den Sechziger- und Siebzigerjahren vorherrschenden Bauen mit Fertigteilen. Tetra, ein junges, von den vier Partnern Ewen, Kayser, Knaff und Lanners gegründetes Büro, war der wichtigste Vertreter dieser Stilrichtung. Mit den Ateliers der Berufsschule auf Limpertsberg bewies Tetra einen sicheren Umgang mit Stahl, Beton und Fertigteilen. Von Tetra stammt auch der elegante Stahlbau für die Pensions- kasse an der Porte-Neuve. Das Centre Louvigny (Robert Lentz und Deitz, 1962) mit der Banque Internationale an der Ecke Avenue Monterey / Rue Aldringen zeugt von einer starken Beeinflussung Le Corbusiers, einem Hauptvertreter dieser Stilrichtung. Léon Krier legte zu etwa gleicher Zeit 1978 seinen Idealentwurf für das Kirchberg-Plateau. Vor großem Publikum präsentiert, löste dieser zwar Debatten aus, blieb aber ohne Folgen bei der Planung des größten Entwicklungsgebiets der Stadt. Als Theoretiker des Städtebaus vertritt Léon Krier einen klassischen Urbanismus, der auf einer Vermischung der städtischen Funktio- nen (Wohnen, Arbeiten, Freizeit) aufbaut und zugleich den Bestand berücksichtigt. Die Siebzigerjahre: Von der Moderne zur Postmoderne Als Partner der Werkgemeinschaft Karlsruhe erbaute der Eiermann-Schüler Carlo Kerg 1972 die Handelskammer auf dem Kirchberg-Plateau. Eine Verglasung umgab den Bau als transparente Hülle, filigrane Umgänge bildeten eine weitere Fassadenschicht als begehbare Zone zwischen Innen- und Außenraum. Dieser leichten Konstruktion entsprachen die schwebende Eleganz der Architektur und die sorgfältige Einfachheit der Details. Eine Eleganz, die bei den späteren Glaspalästen verloren ging. Im Zuge der Vergrößerung der Handelskammer (Vasconi und J. Petit) wurde der Bau mit eingearbeitet. Die Heilig-Geist-Kirche auf Cents ist der jüngste Kirchenbau auf dem Gebiet der Stadt (Michel Mousel und Edouard Stein, 1978 eingeweiht). Sie besticht durch die einfache und übersichtliche Gestaltung des Rundbaus und die Farbintensität der Glasbetonfenster von Theo Kerg. Natürlich machte die Postmoderne auch vor Luxemburg nicht Halt. Ein größeres Bauwerk, das Gebäude der Banque Indosuez (Christian Bauer, 1981) stellt ein Schlüsselwerk dieser Architekturrichtung dar. An dem Bauwerk, das aufgrund seiner Tendenz zur Abstraktion noch zur späten Moderne gehört, ist dennoch ein postmoderner Aspekt offensichtlich. Nach vielen Jahren Pause wurde 1982 wieder ein Wettbewerb für ein neues Lycée Technique in Bonneweg ausgeschrieben. Dieser wurde von den jungen Architekten Decker, Lammar, Massard (A+U) gewonnen. Ihr Projekt, beeinflusst von der Tessiner Schule um Mario Botta, zog seine Kraft aus der großen städtebaulichen Geste und der hervorragenden Einbindung in das Stadtgefüge der Route de Thionville. In der Zwischenzeit war Luxemburg zu einem wichtigen Finanzzentrum aufgestiegen, was einen Bauboom bei den Banken auslöste. „Signature architecture“ wurde zum Thema: Die Deutsche Bank mit Gottfried Böhm wies den Weg. Andere Banken folgten mit ihren Architekturstars. Die HypoVereinsbank baute mit Richard Meier, die Bayerische Vereinsbank mit Atelier 5, die Bayerische Landesbank mit Wilhem Kücker – alle auf dem Plateau de Kirchberg. Im Stadtzentrum gelang Arquitectonica mit der Banque de Luxembourg die Aufwertung des Boulevard Royal. Prominente Architekten errichteten in Luxemburg nicht nur Bankgebäude, sondern widmeten – und widmen – sich auch anderen Bauaufgaben. Denis Lasduns Europäische Investitionsbank, I. M. Peis Museum für Moderne Kunst, Christian de Portzamparcs Neue Philharmonie, Dominique Perraults gemeinsam mit seinen luxemburgischen Partnern Paczowski & Fritsch und m3 architectes erweiterter Europäischer Gerichtshof sowie Christoph Ingenhovens Ausbau der EIB sind die bekanntesten Beispiele. Architektur an der Schwelle zum neuen Jahrhundert Zur Jahrhundertwende konnten neben  reiner Investoren-Architektur einige markante Entwürfe realisiert werden. Das Eckgebäude der BGL Bank (2002) Ecke Boulevard Royal und Rue Notre-Dame, ist betont modern und zeigt weder Kontinuität noch Vermittlung in Bezug auf die vorhandenen Bauten der Umgebung. Der Kontrast zwischen den Arbeitsräumen und den schweren Pfeilern, Decken und Brücken wird durch die energieeffiziente Doppelfassade betont, die dank beweglicher Lamellen transparent oder stufenweise opak sein kann. Dünne Lamellen aus weißem, leicht gemasertem Marmor liegen geschützt zwischen zwei Glasscheiben. Der helle Marmor bricht das Sonnenlicht und gewährleistet angenehme Innenräume, die niemals zu hell oder zu dunkel sind. Ein weiteres gelungenes Bürogebäude stammt von der Architektin Arlette Schneiders. Der Bauherr wünschte sich ein so modernes wie zeitloses Gebäude, das sich gut in das Umfeld integriert und trotzdem Präsenz und eigenständige Eleganz entfaltet. Leider ließ sich nicht vermeiden, dass zwei alte Villen, die auf dem Grundstück standen, dem Projekt weichen mussten. Der orthogonalen Parzellierung, die der Boulevard Grand-Duchesse Charlotte mit einer Kurve durchschneidet, entspricht auch das Bauvolumen: Ein zentraler Block steht nicht parallel zur Straße, sondern rechtwinklig zu den Nachbargebäuden. Die Architektin entwarf einen leuchtenden Steinmonolithen, der dem Gebäude besonders abends eine starke Präsenz verleiht. Gleich um die Ecke entdecken wir ein Gebäude, das nicht so recht in die ruhige Umgebung des Viertels aus den Dreißigern hineinpassen will – die rostrote Fassade eines Ingenieurbüros, je nach Lichtverhältnissen ein warmes Orange oder ein kaltes Braun. Die Adresse 13, Avenue Gaston Diderich beherbergte zunächst eine Schreinerei, dann einen kleine Kühlanlagenbauer, schließlich eine Druckerei. Im Erdgeschoss des an der Straße liegenden Mietshauses befinden sich die Versammlungsräume; eine lang gestreckte Passage führt daran vorbei zu den eigentlichen Büros, bestehend aus dem Altbau des ehemaligen Ateliers sowie aus einem vorgelagerten Block mit Innenhof, der beide miteinander verbindet. Fast als direkter Nachbar können wir die Galerie Beaumontpublic besuchen, 2001 von den Architekten Moreno und Gubbini & Linster erbaut. Typologisch erinnert die Galerie an ein Lustschlösschen, eine „folie“, wie die Pavillons für Musik und Kontemplation im Barock genannt wurden. Diese Bezeichnung passt auf ihre Lage in dem vom Landschaftsarchitekten Marc Schoellen neu gestalteten Garten und auf die Entdeckung der zeitgenössischen Kunst. Von einem Lagerschuppen hat die Galerie ihre strukturelle Leichtigkeit; der Bau ließe sich problemlos zerlegen. Christian Bauers scharf geschnittener Natursteinquader, das Musée National d’Histoire et d’Art, der den Fischmarkt dominiert, eckt im wahrsten Sinne des Wortes an: „Klagemauer“ ist eine der volkstümlichen Bezeichnungen für die Eingangsseite. Das wie mit dem Seziermesser ausgeschnittene, verglaste Erdgeschoss lässt den Eingang nur vermuten. Beim Betreten des Gebäudes findet man sich in einem wohlgeordneten Entree wieder. Der prägnante Neubau erscheint wie ein Appendix des historischen Gebäudes und beherbergt 4 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Nach außen ist der lang gestreckte Kubus mit Kalkstein verkleidet, nur die zum Platz hin orientierte Schauseite öffnet sich in der Basis mit einem schmalen gläsernen Band. Betritt man das Foyer, von vornehmer Zurückhaltung in Form und Material, wird man wenige Schritte weiter von einem unerwarteten Paukenschlag überrascht: Hinter dem Foyer öffnet sich der Raum weit bis zum gläsernen Himmel. Das Rehazenter von m3 architectes auf Kirchberg ist wesentlich von der Funktion und dem Standort geprägt. Wie eine Wirbelsäule trägt die Erschließung das Gebäude über die gesamte Länge. Dynamik erhält der Baukörper durch die verschiedenartig gestalteten Längsfassaden. Die zum öffentlichen Raum hin horizontal gegliederte Glasfassade im Norden erlaubt Ein- und Ausblicke in die verglaste innere Straße. Die Außenanlagen verbinden das Haus mit der Stadt: als halböffentlicher Raum vermittelt der Vorplatz zwischen dem Rehazenter und den geplanten Wohn- und Geschäftshäusern des Quartier Grünewald. Die Stadt Luxemburg ließ nach den Plänen von Paczowski und Fritsch Architekten ihr neues Verwaltungszentrum errichten. An Schulbauten ist unter anderem die Vor- und Primärschule „Eecher Schmelz“ (Arlette Schneiders, 2001) zu erwähnen, nahe dem größten Naherholungsgebiet der Stadt „Bambësch“ an einer stark befahrenen Straße. In Bezug auf den Maßstab der angrenzenden nachbarschaftlichen Bebauung unterstützt sie ausgesprochen wohltuend die ortsgebundene Identität und leistet einen Beitrag zum urbanen Charakter des Stadtquartiers. Die Architekten Witry und Witry planten die Vorschule und den Kinder- garten in Hamm. Die neue zweistöckige Kindertagesstätte und Vorschule wurde in Niedrigstenergiebauweise als Holzrahmenkonstruktion verwirklicht. In Bonneweg wurde die Gellé-Schule von m3 architectes Dell, Linster, Lucas erweitert. Die dreistöckige Schulanlage aus den Fünfzigerjahren sollte um einen neuen Trakt ergänzt werden. Mit einem sehr ökonomischen Umgang der überbauten Fläche konnte die Größe des Pausenhofes erhalten werden. Als Monolith, als scharfkantiger Quader, der drei Stockwerke hoch zwischen den vorhandenen stattlichen Bäumen emporragt, päsentiert sich die neue Erweiterung der Gellé-Schule. Das alte Bonneweger Schwimmbad aus den Sechzigerjahren wurde durch eine Neukonstruktion von Hermann & Valentiny ersetzt. Es hat eine große, dreidimensionale Nierentischform in schwarzer, sägerauher, brettgeschalter Betonfassade mit gebrochenen Wülsten als horizontaler Gliederung. Grundgedanke war ein luftiges Gebäude mit pyramidenförmig eingeschnittenen und begrünten Lichthöfen. Die Entwicklung des Luxemburger Stadtteils Belair nimmt Fahrt auf. Am Val Saint-Croix entstehen neue Wohnviertel, Kultur- und Bildungseinrichtungen, dazu entstand das städtische Projekt eines Zentrums für Schul- und Vereinssport und für das Programm „Sports pour tous“. Im Unterschied zu den anderen Wettbewerbsteilnehmern mit städtischer wirkenden Lösungen schlugen Auer+Weber+Assoziierte vor, lichte Kuben in die freie Landschaft zu stellen, um damit die parkartigen Freiflächen zu erhalten. Das Sportzentrum besteht aus einem Schwimmbad und einer Dreifachsporthalle, die organisatorisch und baulich durch ein Sockelbauwerk miteinander verbunden sind. Ein öffentlicher Weg überquert das Sockelbauwerk und bindet die Sportstätten in den Park ein. Unter den neuen Kulturbauten der letzten Jahre – etwa das städtische Geschichtsmuseum oder neuerdings das Kultur- und Bibliothekszentrum Cité (Beng, 2010) – ist besonders die Villa Vauban hervorzuheben, die vor kurzem eröffnet wurde. Die repräsentative Stadtvilla vom Architekten Jean-François Eydt von 1873 ist renoviert und um einen Neubau der Architekten Philippe Schmit und Diane Heirend erweitert worden, der in einen spannenden Dialog mit der vorgefundenen Bausubstanz tritt. Das Ensemble aus Villa und Neubau befindet sich inmitten eines Parks des französischen Gartenarchitekten Édouard André (1840–1911), einem der führenden Landschaftsplaner seiner Zeit, der in seiner ursprünglichen Gestaltung rekonstruiert wurde. Leider ist eine andere Architektur-typologie, in Gestalt der hauptstädtischen Kinos (Marivaux, Eldorado, Victory, Yank und Europe), gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden. Luxemburg steht in Konkurrenz mit anderen Städten Europas. Nach dem britischen Soziologen Charles Landy braucht eine Stadt, in der man sich wohlfühlt, vor allem Gegensätze, eine Balance zwischen Chaos und Ordnung. Sie braucht Viertel, in denen es vor Energie vibriert, genauso wie gemütliche Ecken und Parks, gepflegte bürgerliche Repräsentation ebenso wie eine alternative Szene, Technologiezentren für die innovative Jugend und soziale Einrichtungen für die Älteren. Kurzum: Sie benötigt Kreativität, um ihre Leistungsträger zu halten und neue, interessante Bewohner dazuzugewinnen. Die Stadt Luxemburg hat in den letzten Jahren unter dem Impuls des Bürgermeisters und der Direktion des Stadtbauamtes anspruchsvolle und wichtige urbanistische Erneuerungsprojekte aufgelegt: zum Beispiel die Studien und Wettbewerbe für die Porte de Hollerich, das Quartier Gare, das Paul Wurth-Gelände zwischen Bahnhof und Hollerich oder das Royal Hamilius. Neben diesen großen städtebaulichen Projekten sind kleinere Bauten in den verschiedenen Stadtvierteln geplant worden. Über Architektur zu lesen ist etwas anderes, als sie auf Fotografien anzuschauen. Und alle Beschreibungen und Bebilderungen erleben wir anders, wenn wir die Architektur mit eigenem Körper durchwandern und mit eigenen Augen sehen. Viel Spaß, es gibt viel zu entdecken. Alain Linster Weiterführende Literatur: - L’Art au Luxembourg. De la renaissance au début du XXIe siècle. Fonds Mecator - LX Architecture - Im Herzen Europas, zeitgenössische Architektur in Luxemburg, Ulf Meyer, Alain Linster, Dom Publishers - L’architecture moderniste à Luxembourg. Les années 30. Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg - Almanach 1900-1999, éditions Binsfeld: Architekturanalphabetismus? S. 460-483 - Architektur in Luxemburg, Verlag Anton Pustet


Dateien:
PDF(566 Kb)

95/2010 - Architektur

p.  1