28/12/2010 10:58 Alter: 8 yrs

Plateau Bourbon - Ein späthistoristisches Bauensemble im Wirbel der Stadtentwicklung

Kategorie: 95/2010 - Architektur 95/2010 - Architektur

Das Plateau Bourbon gilt heute als Musterbeispiel der Stadtplanung um 1900 und als architektonisches Juwel Luxemburgs, ein Vorzeigeprojekt bei touristischen Führungen. Im Zuge der Stadtexpansion nach der Schleifung der Festung 1867 wurde das Plateau gegenüber der Oberstadt zu einem begehrten Bauplatz für staatliche und private Bauherren. D er nach dem Fort Bourbon benannte Stadtteil wurde nach einem Gesamtkonzept von öffentlicher Hand, unter Mitwirkung namhafter Experten wie Joseph Stübben und Edouard André, geplant und unter Aufsicht des Staats- architekten Sosthène Weis durch junge, an namhaften europäischen Architekturschulen ausgebildete Luxemburger Architekten ausgeführt. Maßgeblicher Impulsgeber für die gesamte Planung war der damalige Staatsminister Paul Eyschen, der bestrebt war, der Hauptstadt eine, wie man heute sagt, „visuelle Identität“1 zu geben. Das Plateau Bourbon wirkt als homogenes städtisches Bauensemble innerhalb des eher heterogenen Bahnhofsviertels und besticht durch seine repräsentativen Bauten und historistischen Fassaden, seine baumbestandenen Bürgersteige, das gewisse Pariser Flair, das sich hier verbreitet. Der Stadtteil Plateau Bourbon besteht aus acht Baukomplexen mit geschlossener Blockrandbebauung und dem ehemaligen ARBED-Gebäude mit dem Rousegäertchen in der Mitte. Begrenzt wird es in der Länge durch den Brückenkopf mit der Sparkasse am Pont Adolphe und der Place de Paris und in der Breite dem Boulevard de la Pétrusse sowie der Rue Zithe. Die Avenue de la Liberté – ursprünglich Avenue Adolphe – bildet das Rückgrat des Plateau Bourbon und erstreckt sich bis zum Bahnhof, der als Fluchtpunkt vom Pont Adolphe aus sichtbar ist. Stadterneuerung und Stadtbildschutz Statt die hinlänglich dokumentierte Architektur des Plateau Bourbon2 hier im Detail noch einmal aufzurollen, scheint es mir in-teressanter, einen Blick auf die Rezeptions- geschichte und die rezente Entwicklung des Gebiets im Vergleich zu anderen Stadtteilen zu werfen. Manche Viertel der Stadt Luxemburg haben sich in den letzten Jahrzehnten baulich sehr stark verändert. Dazu gehören die Bezirke rundum die Oberstadt, die großen Boulevards und der südliche Teil des Limpertsberg sowie das Areal rundum den Bahnhof bis nach Hollerich und zur Rocade de Bonnevoie. Diese Gebiete sind im Zuge der Stadterweiterung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstanden. Hier wurden viele ältere Häuser durch Neubauten ersetzt, um eine größere Rendite des Bauterrains zu erreichen oder weil eine Renovierung als zu kostspielig und zeitintensiv angesehen wurde. Dieser Prozess rollt weiter wie eine Lawine über die Stadt. Einige wenige Viertel scheinen davon verschont. Dazu gehört das Plateau Bourbon, wo ein in der Bauordnung verankerter Stadtbildschutz wirksam ist, so dass die Fassaden prinzipiell erhalten bleiben müssen.3 Das Plateau Bourbon scheint in der Tat dem Veränderungswirbel, der sich rund-herum bemerkbar macht, noch weitgehend zu trotzen.4 Ein Blick in die Geschichte gibt Aufschluss. Eingriffe in den historischen Baubestand der Stadt Luxemburg setzten bereits mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit ein. Mit dem Ausbau Luxemburgs zum Finanzzentrum ging ein Bauboom einher, der diese Tendenz noch verstärkte. Bekanntlich fiel manche zentral gelegene historistische Villa und manches Ertragshaus diesem Druck zum Opfer. Neubauten im Stil der Zeit verbreiteten sich, die „Gründerzeitarchitektur“, die das Stadtbild bis dahin geprägt hatte, trat in den Hintergrund. Diese von manchen als unbefriedigend empfundene Entwicklung trug dazu bei, das Bewusstsein für das baugeschichtliche Erbe zu verstärken und die Öffentlichkeit für das Thema Denkmalschutz zu sensibilisieren. Ein Zeichen in diesem Sinn wurde in den 1970-ger Jahren mit dem „Hôtel de Paris“ auf dem Plateau Bourbon gesetzt. Als das Eckgebäude an der Place de Paris während einer längeren Zeit leer stand und vom Abriss bedroht war, rückte es in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, und es wurden Stimmen laut, die die Erhaltung des Gebäudes forderten. Gerettet wurde schließlich nur die Fassade des Hauses, doch stellt dies für die damalige Zeit bereits eine nicht unbeachtliche Leistung dar. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Zeit reif war für eine Aktion dieser Art. Zunächst machte die Gemeinde Luxem- burg einen Vorstoß, indem sie am 2. Februar 1978 eine Reihe von „Conditions spéciales“ in ihre Bauordnung integrierte zum Schutz einiger Straßen auf dem Plateau Bourbon. Allerdings beschränkten sich diese Vorschriften auf Richtlinien für Neubauten innerhalb des Viertels und zielten auf eine Anpassung an die bestehende Architektur. Einen Schritt weiter gingen der Architekt René Mailliet, der seinem Auftraggeber eine Teilrestaurierung vorschlug, sowie das Kulturministerium, das am 6. Juli 1978 eine Eintragung des Gebäudes auf die Liste des „Inventaire supplémentaire des sites et monuments nationaux“ setzte und es somit unter Schutz stellte. Diese Maßnahmen wurden in einer Zeit ergriffen, als das Thema Denkmalschutz allgemein eine breitere Öffentlichkeit auf europäischem Niveau erreichte. Unterstützt, wenn nicht sogar hervorgerufen, wurde dieses Bewusstsein vor allem durch die Kampagne „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“, die der Europarat 1975 ins Leben gerufen hatte und die auch in Luxemburg aktiv durch das Kulturministerium verbreitet wurde. Neue Vereine wie „Jeunes et Patrimoine“ und „Stoppt de Bagger“ trugen diese Initiativen in den folgenden Jahrzehnten weiter. Neubewertung des Historismus Interessant am „Hôtel de Paris“ ist auch die Tatsache, dass es sich hier um ein frühes Beispiel für den Schutz eines historistischen Gebäudes handelt. Es sei daran erinnert, dass in den 1970-ger Jahren eine Neubewertung des Historismus einsetzte, infolge von Forschungsarbeiten, zunächst im deutschsprachigen, dann auch im französischsprachigen Raum. Ein bekanntes Forschungsobjekt war z.B. die Wiener Ringstraße, die dadurch eine Wiederaufwertung erfuhr. Genau wie Künstler und künstlerische Bewegungen unterliegt auch die Architektur einem Wandel in der Bewertung, die je nach Epoche oder Mode geradezu entgegengesetzt ausfallen kann. So war die Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die stilistisch neben dem Historismus auch Jugendstil und Art Déco umfasste, mit der modernistischen Bewegung seit den 1920-ger Jahren in Verruf geraten. Die reich ornamentierten Fassaden wurden als unzeitgemäß bewertet und dem Historismus wurde eine radikal neue, puristische Formensprache entgegengesetzt, die die Architektur bis in die 1970-ger Jahre beeinflussen sollte. Ergebnis gezielter Stadtplanung Dass das Plateau Bourbon eine besondere Wertschätzung erfuhr und einen gewissen Schutz genießt, ist wahrscheinlich auf die Homogenität des Bauensembles und den repräsentativen Charakter des Areals zurückzuführen, die das Ergebnis einer sorgfältigen Planung waren. In diesem Stadtteil wurde nichts dem Zufall überlassen. Der Staatsminister persönlich setzte sich für eine geschickte Inszenierung der Gebäude ein, so für einen markanten Brückenkopf als Pendant zum Kirchturm der St. Michaelskirche in der Altstadt. Zwei große Bauparzellen – ein Filetstück in der Mitte des Plateau Bourbon – wurden reserviert. Hier war ein Museumsbau geplant, später sollte der Stahlkonzern ARBED seinen palast-artigen Zentralsitz an der Stelle errichten. Auch mussten die Baupläne verschiedener Häuser am Pariser Platz mehrfach abgeändert werden, um den Anforderungen der Regierung gerecht zu werden. Die privaten Bauherren waren nämlich verpflichtet, sich der besonders strengen Bauordnung zu unterwerfen, die genaue Vorschriften zu der Bauhöhe und Dachform sowie den Baumaterialien machte. So durften die Fassaden entlang der Avenue nur aus Stein gefertigt sein, um dem repräsentativen Anspruch zu genügen. Interessant war auch die heute wieder in den Mittelpunkt der Stadtplanung gerückte und auf dem Plateau Bourbon gezielt geplante Funktionsmischung: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit. Mietshäuser mit Wohnungen von unterschiedlichem Schnitt – von der Einzimmerwohnung bis zur Luxusklasse – führten zu sozialer Durchmischung, Einzelhandel, Gaststätten und Büros waren in dem Viertel gleichfalls gut vertreten. Verschiebungen in der Nutzung Das Plateau Bourbon ist heute tagsüber recht belebt. Es haben sich hier neben staatlichen Verwaltungen viele kleine Firmen angesiedelt, Kanzleien, Treuhandgesellschaften, aber auch Kunstgalerien. Die eleganten Häuser stellen eine attraktive Adresse dar. Einen maßgeblichen Impuls für die Entwicklung des Viertels hat mit Sicherheit die Banque et Caisse d’Epargne de l’Etat gegeben. 1913 hatte die Sparkasse, ihren neuen Sitz am Brückenkopf des Pont Adolphe bezogen. Das Gebäude im Neo-Renaissance Stil mit seinem hohen Turm ist nicht nur das Wahrzeichen der Sparkasse sondern zusammen mit dem Pont Adolphe auch das Symbol des ganzen Stadtteils geworden. Interessant ist daher, dass die Bank bis heute ihrem Ursprung treu geblieben ist. Im Gegensatz zu anderen Bankinstituten, die aufgrund ihrer Expansion große Neubaukomplexe an der Peripherie der Stadt errichten ließen, hat die Sparkasse sich auf dem Plateau Bourbon ausgebreitet. Durch Ankauf des ehemaligen Eisenbahndirek- tionsgebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der ehemaligen Alters- und Invalidenversicherungsanstalt und einer größeren Anzahl von umliegenden früheren Wohn- und Geschäftshäusern bis zum Rousegäertchen hat die Sparkasse einen großen Teil des Plateau Bourbon besetzt, ohne dass sich das Stadtbild verändert hat. Die Fassaden erstrahlen in neuem Glanz und ein Teil der Häuser sind unterirdisch miteinander verbunden. Auch mit ihrem Neubau aus dem Jahre 1994 hat die Sparkasse versucht, sich an die umgebende Architektur anzupassen. Durch ihre Integration in das historische Stadtviertel des Plateau Bourbon hat die Sparkasse ihr Image eines traditionsbewussten, staatlichen und damit vertrauenswürdigen Geldinstituts noch unterstrichen. In den letzten Jahren sind in dem Viertel auf dem Plateau Bourbon zahlreiche neue Geschäfte eingezogen, Restaurants und Dienstleistungen für die Kundschaft der umliegenden Büros haben sich angesiedelt. Die Umnutzung von Wohnraum zu Büros hat Veränderungen mit sich gebracht, die erst auf den zweiten Blick auffallen: Aus Vorgärten wurden Parkplätze, viele Häuser wurden entkernt und wertvolle Innenausstattungen sind verloren gegangen, da es diesbezüglich keine Schutzmaßnahmen gibt und die Bauauftraggeber daran kein Interesse hatten. Die Verschiebungen in der Nutzung sind jedoch verständlich, da das Plateau Bourbon zum Wohnen unattraktiv geworden ist durch die hohen Immobilienpreise, die starke Verkehrsbelastung und den Mangel an Grünflächen. Umstrukturierung des Bahnhofsviertels Wirkt das Plateau Bourbon insgesamt eher harmonisch und gediegen, so verändert sich dieses Bild, wenn man sich in Richtung Bahnhof oder in die Avenue de la Gare weiter bewegt. Hier geht es noch belebter zu durch die Dichte der Geschäfte und die Nähe zum Bahnhof, die Bebauung ist sehr heterogen und sie spiegelt verschiedene Epochen seit der Jahrhundertwende bis heute. Dabei nehmen Bauhöhe und Bauvolumen progressiv zu, gestalterische Ansprüche sind immer seltener zu erkennen. Kostenminimisierung bei maximalem Profit scheint nun überwiegend die Devise. Gute, identitätschaffende neue Architektur ist hier kaum anzutreffen. Und das Bahnhofsviertel steht nur als ein Beispiel für viele. Einige wenige Stadtteile wie Plateau Bourbon und Oberstadtkern werden unter dem Gesichtspunkt der Stadtbildpflege als Ensemble zu bewahren versucht, während rundherum der Anspruch auf städtebauliche und architektonische Qualität scheinbar aufgegeben wurde. Angesichts dieser Entwicklung ist es kein Wunder, dass neuerdings wieder Bewegung5 in das Thema der Erhaltung historischer Architektur und des Denkmalschutzes gekommen ist. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren aufgrund zahlreicher Initiativen6 ein neuer Qualitätsanspruch in der Architektur entwickelt, wie eine Reihe öffentlicher Großprojekte und Privataufträge quer durch das Land zeigen. Vor kurzem hat eine gemeinsame Ausstellung von Architekten und Denkmalschützern in einer Luxemburger Shopping Mall interessante Beispiele für die Erneuerung alter Bausubstanz gezeigt. Ein anderes Thema wären z.B. die Schnittstellen im städtischen Raum zwischen Bestand und Neubau. Dies dürfte nicht zuletzt eine spannende Frage im Rahmen der neuen Großprojekte der Stadt Luxemburg darstellen, insbesondere bei der Umstrukturierung des Bahnhofsgeländes und der angrenzenden Gebiete auf dem „ban de Hollerich“. Hier sind noch eine Reihe interessanter Industriegebäude erhalten, die charakteristisch für die Geschichte des Bahnhofsviertels sind. Einige davon werden bereits heute für soziokulturelle Zwecke genutzt und stellen einen beliebten Treffpunkt dar für ein sehr gemischtes Publikum. Hier hat Stadterneuerung bereits begonnen. Diese Gebäude sollten ihren Platz in der künftigen Neubebauung behalten. Antoinette Lorang 1 Robert L. Philippart, Historicisme et identité visuelle d’une capitale, Luxembourg 2007; 2 z.B. Antoinette Lorang, Plateau Bourbon und Avenue de la Liberté. Späthistoristische Architektur in Luxemburg, Publication de la Section Historique de l’Institut Grand-Ducal de Luxembourg (PSH) Vol. CIII, Luxemburg 1988; id.: L’évolution d’un quartier et l’expansion d’une banque, in: 70 Joer InteresseveräIn Lëtzebuerg Gare, Luxembourg 2001, id. Architekturgeschichtlicher Rundgang durch das Bahnhofsviertel, éd. Luxembourg Tourist Office, Luxembourg 2003; Robert L. Philippart, Luxembourg. De l’historicisme au modernisme. De la ville forteresse à la capitale nationale, 2 tomes, Louvain-la-Neuve – Luxembourg 2006; 3 Conditions spéciales für das Plateau Bourbon, erstmals am 2. Februar 1978 erlassen. Diese Bestimmungen wurden mit der Zeit ausgedehnt, zuletzt abgeändert am 3. März 2009. Die Fassaden sind heute „prinzipiell“ geschützt; 4 Auch wenn schon einige massive Eingriffe stattgefunden haben, z.B. Neubauten in der rue de la Grève, rue Schiller, rue Zithe..., sowie eine ganze Reihe subtilerer Veränderungen. So wird die in den „Conditions spéciales“ vorgeschriebene Anpassung von Ladeneinbauten nicht respektiert, wie das Beispiel Schlecker bezeugt, das regelrecht eine Wunde in die Fassade schlägt; 5 Gründung eines neuen Vereins „Luxembourg Patrimoine“, einer Arbeitsgruppe innerhalb der Fondation de l’Architecture zum Thema „Patrimoine“; Initiativen in Zusammenarbeit mit dem Service des Sites et Monuments nationaux, usw; 6 Fonds pour le développement du logement et de l’habitat; Fondation de l’Architecture et de l’Ingénierie du Luxembourg; Ordre des Architectes et Ingénieurs; Architekten und Architektinnen wie Bauauftraggeber.


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