28/12/2010 11:02 Alter: 8 yrs

Kirchberg - Vicus ex machina

Kategorie: 95/2010 - Architektur 95/2010 - Architektur

Ein Stadtteil auf der Suche nach einer Identität und einem Gesicht, wie eine gänzlich subjektive Rundfahrt über das Plateau verdeutlicht. Einer der Höhepunkte des antiken Theaters war das dramatische Auftauchen – wie aus dem Nichts – eines Gottes, der ins Bühnengeschehen eingriff. Irgendwie weckt dies unweigerlich Erinnerungen an die Geburtsstunde des modernen Luxemburgs, die mit der Entstehung des Europaviertels auf der Kirchberger Hochebene eingeläutet wurde. Nur dass hier nicht ein Deus aus luftigen Höhen herabstieg, sondern ein Vicus – i.e. Stadtteil – ex machina aus dem Boden gestampft wurde. Die rosa-rote Zukunft Luxemburgs Wie eine Nabelschnur überspannt die Großherzogin-Charlotte-Brücke – Rout Bréck pour les intimes, poetisch wie nur Molières Sprache es auszudrücken vermag – nach Plänen des deutschen Architekten Egon Jux erbaut und 1966 eingeweiht, das Alzettetal. Wobei man ehrlicherweise an dieser Stelle ja eingestehen müsste, dass sie heute eher rosa denn rot schimmert. Dass rote Farbpigmente bekanntlich die licht-unbeständigsten der gesamten Regenbogenpalette sind, hatte wohl niemand bei der zwar kühnen, doch reichlich unpraktischen Farbwahl bedacht. Das frühe Sinnbild des modernen Luxemburgs verbindet dessen historisches Zentrum mit dem Kirchberg. Eine Nabelschnur, und dann wiederum auch nicht, denn ist das Durchtrennen letzterer ein natürlich angestrebter Moment, so klammert sich das Europaviertel an diese an den Limpertsberg angebundene Lebensader, über die tagtäglich unzählige Menschen in die Stadt hineinströmen und in einem von Arbeitszeiten regulierten Ebbe- und Flut-Rhythmus wieder zurückfließen. Gewiss gibt es auch noch andere Wege, über die man zur Hochebene gelangen kann, so wie die Rue Jules Wilhelm oder den Milliounewee, wo man über malerische Straßen den Hang hoch schlängelt, unter dem Klenge Kueb, der als Sitz des Europaparlaments gedacht war, hindurch – vom alten Fischmarkt aus gesehen thront dieser übrigens über Robert Schumans Geburtshaus in Clausen. Dass die Rout Bréck – die bereits 1967 die Rückseite des 10-Franken-Scheins zierte – und der Kirchberg eng miteinander verknüpft sind, verdeutlicht ein kurzer Blick in die Geschichte. Bereits ab Beginn der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde Luxemburg zu einem der geografischen Standorte der Institutionen des historischen EU-Vorgängers, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz EGKS (französisch: CECA), auserlesen. Doch mit der Entwicklung der europäischen Einrichtungen sah man sich in der Stadtmitte schnell mit einem Platzproblem konfrontiert. Das Kirchberg-Plateau bot sich fast wie von selbst an: Immerhin standen hier ganze 360 Hektar Bauland in nächster Nähe zum Stadtzentrum zur Verfügung. Ein passendes Gesetz vom 7. August 1961 mit der Schaffung eines Fonds d'Urbanisation et d'Aménagement du Plateau de Kirchberg – kurz Fonds genannt – liefert die rechtliche Grundlage für die Geburt eines neuen Stadtteils. Als eine seiner ersten Missionen leitet der Fonds die Errichtung einer 355 Meter langen Brücke, die das Stadtzentrum mit seinem Neuzugang verbinden sollte, in die Wege. Mit Ausnahme des Europäischen Veröffentlichungsamtes, das sein Quartier im Bahnhofsviertel bezogen hat, befinden sich auch heute noch alle europäischen Einrichtungen – u.a. der Europäische Gerichts- und der Rechnungshof, der Ministerrat mitsamt Konferenzzentrum und einem 1.100 Plätze großen Plenarsaal, das Generalsekretariat des Parlaments sowie die Europäische Investitionsbank, das Statistikamt und die Übersetzungsdienste – auf Kirchberg. Tagtäglich gehen dort rund 10.000 Angestellte ihrer Tätigkeit nach, und selbst für deren Nachwuchs wurde eigens eine Scuola Europeana errichtet. Im Laufe der Jahre sind die großen internationalen Banken, die sich im Großherzogtum ansiedelten, dem Kielwasser der europäischen Institutionen gefolgt und haben den selben, bestechenden Standort für ihre Luxemburger Sitze auserkoren. Sinnbild einer Gesellschaft  und ihrer Entwicklung Dass man aus der Stadt kommend geradewegs auf der Place de l'Europe landet, ist demnach die logischste Sache der Welt. Neben dem ersten Luxemburger Hochbau mit 22 Etagen, ebenso logischerweise D'Héichhaus genannt, das 1998 eigentlich offiziell den Namen Alcide de Gasperi erhielt – Politiker, der aus seiner italienischen Heimat eine Republik machte und neben Robert Schuman und Konrad Adenauer als einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft gilt –, stehen, wie zwei neuzeitliche Wächter, die in der Abendsonne golden schimmernden Glastürme. Bezeichnenderweise Tour A und Tour B genannt, wurden sie nach Plänen von Arsenal-(Um)Baumeister Ricardo Bofill entworfen. Dort steht ebenfalls das Prunkstück der Musikszene des Großherzogtums, die Philharmonie mitsamt ihrer 823 weißen Stahlsäulen, die an fein säuberlich aufgereihte Strohhalme erinnern. Selbst das lichtdurchflutete Museum für Moderne Kunst (Mudam) ist in Sekunden durch eine kurze Unterführung zu erreichen. Mit diesen beiden letzten Bauten reihen sich Ieoh Ming Pei und Christian de Portzamparc neben den Franzosen Dominique Perrault, der den Europäischen Gerichtshof und die französische Nationalbibliothek in Paris entworfen hat. Doch man findet weitere bekannte Namen der Baukunst auf dem architektonischen Experimentierfeld Kirchberg: die Preisträger der renommierten Pritzker-Auszeichnung, der amerikanische Architekt Richard Meier – aus dessen Feder u.a. das Münchener Siemens-Forum, das Museum für Zeitgenössische Kunst in Barcelona oder das Museum Frieder Burda in Baden-Baden stammen –, und sein deutscher Kollege Gottfried Böhm, die für den Bau der HypoVereinsBank bzw. der Deutschen Bank verantwortlich zeichnen und auf der Hochebene ihre anspruchsvolle Signatur hinterlassen haben. Gemein ist allen Konstruktionen, dass die beim Bau üblicherweise dominierenden Fragen des Platzes und der Kosten auf dem Kirchberger Plateau jedenfalls nie federführend waren. So strebt das vom Luxemburger Architekten Bohdan Paczowski entworfene Jean-Monnet-Gebäude mit seinen fast bescheiden wirkenden vier Stockwerken nicht gen Himmel – andererseits, bei 5,5 Hektar Baufläche, auch nicht wirklich eine vitale Notwendigkeit. Eine Fahrt über den Kirchberg kommt jedoch auch einer soziologischen Entdeckungstour durch Luxemburgs Gesellschaft und all die Themen, die sie bewegen, gleich: Beliebter Volkssport scheint hierzulande demnach zu sein, Großprojekte, sprich für die Staatskasse besonders teuer zu Buche schlagende Bauten, nicht nur mit Kosenamen zu versehen, sondern im Vorfeld heftig zu diskutieren, um sie dann alsbald nach ihrer Fertigstellung, zumindest in der Öffentlichkeit, mit Lorbeeren zu überschütten: So schürten nicht nur Sinn und Nutzen, sondern auch die Kosten des Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, heute vom breiten Publikum fast liebevoll Mudam genannt, oder der Salle de Concerts Grande-Duchesse Joséphine-Charlotte, also der Philharmonie, heftige Debatten – am Stammtisch ebenso wie am politischen Rednerpult. Neuestes Beispiel dieser zum guten Ton gehörenden Gepflogenheit: das Fort Thüngen, das vom Festungsmuseum zum Musée Dräi Eechelen mutierte und auf dessen offizielle Eröffnung mehr als dreizehn Jahre nach Beginn der Bauarbeiten sehnlichst gewartet und wild herum spekuliert wird. 2012 soll es nun endlich soweit sein... Architektonische (Irr)Fahrt Sicherlich, Initiativen wie die Einrichtung eines ausgedehnten Fahrradweg- netzes oder zahlreiche Grünanlagen, wie der Park Dräi Eechelen, der Parc Central des Landschaftsarchitekten Peter Latz, Jacques Wirtz' Gartenanlage rundum den Sitz der BGL BNP Paribas oder das im Grünewald gelegene Klosegroendchen, laden durchaus zum Flanieren und Verweilen ein. Das grundlegende Problem bleibt hierbei die bewusste, vom Besucher abverlangte  Entscheidung, sich dorthin zu begeben. Rein zufällig schaut hier niemand vorbei – selbst dann nicht, wenn er sich in das am nordöstlichen Ende des mandelförmigen Stadtteils gelegene Einkaufszentrum, den Kinomultiplex Utopolis oder die Ausstellungshallen der LuxExpo begibt. Auch das in deren Nachbarschaft errichtete Krankenhaus und das Rehazenter bringen nur einen punktuellen Besucherfluss. Die 3,5 Kilometer lange Verkehrsachse des Boulevard John F. Kennedy ist mit einer Breite von 62 Metern durchaus imposant. Doch genau hier liegt auch das größte Problem, denn diese lässt, trotz Baumallee, irgendwie Leben vermissen. Dieses überrollende Gefühl einer Autobahn, die mitten durchs Wohnzimmer führt, steht symbolisch ebenfalls für das Ungleichgewicht zwischen der Zahl von Menschen, die tagsüber hier ihrer Arbeit nachgehen, und denen, die abends hier in ihr trautes Heim einkehren – wobei die Waagschale überdeutlich in erstere Richtung ausschlägt. Dabei werden eigentlich weder Mühen noch Kosten gescheut, um durch zahlreiche Kunstwerke, die den Kirchberg über-säen, Zeichen einer menschlichen Kreativität und somit Präsenz, zu platzieren. Von der riesigen Stahlplattenkonstruktion Exchange des Künstlers Richard Serra am Kreisverkehr im Kiem und Magdalena Jetelovàs Stuhl im Quartier Européen, über den 2002 aufgestellten, acht Meter hohen und einen Hauch von (Selbst) Ironie versprühenden Langer Banker (Schuhgröße 96!) vor der DekaBank, bis hin zu Markus Lüpertz Clitunno oder Jean Dubuffets Elément d'architecture contortionniste IV gibt es durchaus Interessantes zu entdecken. Schade nur, dass die Kunstwerke hier eher Vorurteile über baulichen Größenwahn schüren, statt den Betrachter anzuregen, sich mit den zeitgenössischen Kunstformen auseinanderzusetzen. Dass der Kirchberg Luxemburgs Stadtteil der Superlative ist, verdeutlicht ebenfalls die Tatsache, dass dort das größte Sport- und Kulturzentrum – von olympischer Dimension! – des Landes steht. Wobei man sich in einem immer internationaler werdenden Umfeld, in dem die englische Sprache an Wichtigkeit gewinnt, vielleicht hätte überlegen können, ob es denn nicht ratsam gewesen wäre, etwas anderes als die französische Beschreibung der ungewöhnlichen Muschelform zur Namensgebung zu wählen. Denn hinter Tailliberts melodischer Coque lauert ein gleich klingendes, englisches Wort mit eher anrüchiger Bedeutung. Vielleicht verbirgt sich hinter diesem scheinbar ungewollten Dysphemismus aber auch eine ausgeklügelte Marketingstrategie, bei der über den Humor, denn ein Schmunzeln ist das Mindeste, was die Bezeichnung Coque einem in der Sprache Shakespeares versierten Besucher entlockt – geradewegs das Herz des Betrachters angepeilt wird. Geografisch nahe, scheinen der Kirchberg und seine ebenso imposanten wie kalten Glas-, Stahl- und Betonbauten dennoch Lichtjahre entfernt von einer Integration in ein von Alltag und Leben geprägtes Stadtbild. Vielleicht ist es genau wegen dieser gefühlten Distanz, dass einem die Straßen dort trotz reichlicher, ja zuweilen erschlagender Beschilderung wie ein unübersichtliches Labyrinth vorkommen. Nach der Ansiedlung der europäischen Institutionen, der Banken und anderer Konsumtempel bleibt dem Kirchberg für die Zukunft zu wünschen, dass der Mensch dort nicht mehr nur eine tägliche Randerscheinung bleibt, sondern den großzügigen Platz für sich zu beanspruchen vermag. Vesna Andonovic


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