28/12/2010 11:03 Alter: 8 yrs

„Nulla Dies Sine Linea“: Mathias Martin, ein Luxemburger Allround-Talent

Kategorie: 95/2010 - Architektur 95/2010 - Architektur

Der Name Mathias Martin ist heute vielen Luxemburgern unbekannt. Doch hinter diesem Mann versteckt sich eine erstaunliche Biografie : Mathias Martin war nicht nur ein bedeutender Architekt, sondern u.a. auch Erfinder, Schriftsteller, Kinobetreiber und passionierter Sammler und Erforscher des Luxemburger Postwesens vom  17. bis zum 20. Jahrhundert. Jean-Paul Martin, der Enkel des 1943 verstorbenen Architekten, staunte nicht schlecht, als er kürzlich im Wissenschaftsfeuilleton der Frankfurter Allgemeinen1 auf einen Bericht über die Anwendung einer Erfindung stieß, die in ihm alte Erinnerungen weckte. In dem Artikel ging es um den großtechnischen Einsatz des so genannten Rundsegels nach dem Flettner-Prinzip und um Segelrotoren als Schiffsantrieb, die eine Alternative zu den aktuell die Weltmeere verpestenden Dieselmotoren darstellen könnten. Eine Beschreibung des Prinzips des Segelrotors und eine Korrespondenz darüber mit der britischen Admiralität findet sich ebenfalls in der Mappe mit den Patenten und Anträgen auf Patentierungen aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die Mathias Martin der Welt hinterlassen hat. Aber diese Mappe ist nur ein kleiner Teil dessen, was von einem ebenso abenteuerlichen wie kreativem Leben übrig blieb. „Ich habe rund 35 Jahre im Ausland gelebt. Bei meiner Rückkehr im Jahre 1996, wurde ich aufmerksam auf all die Schätze, die mein Großvater hinterlassen hat“, erzählt Jean-Paul Martin, der es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht hat, das Vermächtnis seines Vorfahren zu ordnen und zu konservieren. Anfangs waren es Architekten wie Alain Linster, die sich für die Arbeit von Mathias Martin interessierten2. Später kamen Biografen hinzu, wie etwa Robert Philippart, der schon 1989 einen Artikel über Martin im „City Magazine Luxembourg“ verfasst hatte (in dem er Mathias Martin allerdings fälschlicherweise des Drogenkonsums bezichtigte). Auch ein – leider abgebrochenes – Buchprojekt über Martin hat es gegeben. Und trotzdem, der Mann, der nicht nur die Villa Clivio, die Maison Pier, die Villa Pauly, die Maison Belair oder das Hotel Carlton (heute Sitz der Wochenzeitschrift „Revue“) baute, der mit zu den ersten Kinobetreibern des Landes zählte, der Erfinder und so ganz nebenbei auch Schriftsteller war, bleibt ein großer Unbekannter : Nicht einmal eine Straße wurde nach ihm benannt. Geboren wurde Mathias Martin 1882 im Norden des Landes, in Welscheid. Sein Vater Jean Martin war Maurer und Kleinunternehmer, und so verwundert es nicht, dass der übertalentierte Junge schon früh eine feste Beziehung zur Baukunst entwickelte. Von 1895-1898 absolvierte er eine Lehre als Steinmetz und Zimmermann, die eine im Sommer und die andere während der langen Wintermonate. Als 17-Jähriger wechselte er zur 1896 gegründeten Staatshandwerkerschule in die Abteilung Baufach. 1901, drei Jahre später, schloss er diese mit Auszeichnung ab und kam, über die Vermittlung des damaligen Schuldirektors, als Zeichner im Architekturbüro Pierre Funck unter. Dieser hatte sich bereits einen Namen als der Erbauer der „Internationalen Bank“ – heute Sitz der Zentralbank – am Eicherberg gemacht. Dieser erste Job währte aber nur zwei Jahre, und bereits 1903 kündigte Mathias Martin bei Pierre Funck, der eben den Auftrag erhalten hatte, das neue Luxemburger Stadthaus („Cercle“) zu errichten. Sein weiterer Weg ging nun über die Grenze in Richtung Lothringen, das damals noch in deutscher Hand war, zur „Lothringer Baugesellschaft A. G., Metz“. Dort übernahm der inzwischen 21-Jährige die Verantwortung über 300 Bauarbeiter und 40 Schreiner und errichtete die 300 Häuser der Ortschaft „Stahlheim“, heute besser bekannt unter dem französischen Namen Amnéville. Aber nicht nur die Behausungen der Arbeiter stammen aus Martins Feder, er plante und errichtete ihnen ebenso eine Kirche sowie diverse Schulen. Vom Zeichner zum Architekten Die kurze Zeit, während der Martin in Lothringen eine Arbeiterstadt hochziehen ließ, ist aber noch lange nicht unter der Kategorie „frühe Herrenjahre“ zu verbuchen. Ganz im Gegenteil : Mathias Martin opferte seine Freizeit – zehn Tage alle zwei Monate – um sich intensiv weiterzubilden. Dies tat er zum Beispiel in der Künstlerkolonie in Darmstadt, die 1899 von Ernst-Ludwig, dem Großherzog von Hessen und bei Rhein ins Leben gerufen worden war und deren Ziel es war, Kunst und Handwerk zu verbinden, um eine bessere wirtschaftliche Zukunft des Landes herbeizuführen. In der Künstlerkolonie arbeiteten, unter dem Mäzenatentum Ernst-Ludwigs, zahlreiche Jugendstilkünstler wie etwa Peter Behrens, Paul Bürck oder Joseph Maria Olbrich, der berühmte Begründer der Wiener Secession, die sich damals unter Gustav Klimt vom Wiener Künstlerhaus abgespaltet hatte. Letzterer war der „verehrte Lehrer“, wie Martin ihn in seinem eigenen Lebenslauf nennt, damals noch als junger Baustellenführer, der sich noch nicht Architekt nennen durfte. Olbrich, dessen Lebenslauf Ähnlichkeiten mit dem von Mathias Martin aufweist – er hat ebenso eine Maurerlehre durchlaufen wie auch jahrelang als Architekturzeichner gearbeitet – hatte einen sehr starken Einfluss auf Martins späteres Schaffen. Seine Privatkurse verband Olbrich meist mit Besichtigungen wichtiger Bauwerke der damaligen Epoche, so etwa das sich damals im Bau befindende Kaufhaus Tietz (heute Karstadt) in Düsseldorf, das nach Olbrichs Plänen entstand. 1907 reist Mathias Martin nach England – vermutlich, um die neuesten Arbeiten von Charles Rennie Mackintosh zu studieren. Zu diesem Zweck lernt er als Autodidakt Englisch. Erst ab dem Jahr 1905 beginnt die wirkliche Karriere des Architekten Mathias Martin. Er gewinnt den ersten Preis bei der Ausschreibung zur Neuerrichtung der abgebrannten Handschuhfabrik in Stadtgrund. Für Martin ist dieses „Millionenprojekt“ der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Nun kann er, als 23-jähriger „entrepreneur-architecte“, seine in Amnéville und Darmstadt errungenen Erkenntnisse selbst in die Praxis umsetzen und geht dabei mit einer schier unbändigen Energie zu Werke. Nach der Handschuhfabrik waren es vor allem Jugendstil-Privathäuser, die auf Martins Reißbrett entstanden. So baute er u. a. 1907 das Haus an der Ecke Rue Goethe / Rue Michel Welter, 1908, im Auftrag von Cesare Clivio, die Villa Clivio (17, Rue Goethe), die heute zum architektonischen Inventar der Sparkasse gehört, 1910 das Haus Campill (10, Avenue de la Liberté), 1913 das Haus Pier (25, Rue Goethe)3, die Häuserzeile an der Ecke Rue Origer / Avenue de la Liberté (heute Dexia-BIL), die Häuserzeile an der Ecke Avenue Guillaume / Rue Albert I (heute ein Hotel), usw. Aber auch sich selbst vergaß er dabei nicht : nachdem er schon 1908 ein eigenes Jugendstilhaus unter der Nr. 42, Rue Albert I errichtet hatte, ließ er 1911 unter der Nr. 40 die so genannte Villa Robur errichten. Der persönliche Anspruch Martins ließ sich von der Fassade des Wohnhauses ablesen : „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ – der Wahlspruch der Wiener Secession, war dort aufgemalt. So kann man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Mathias Martin sich als ein Mitglied der Jugendstilbewegung ansah und dass er sich so von den damaligen Luxemburger Baumeistern absetzen wollte. Einen großen Einfluss auf die junge Karriere hatte zweifellos auch Michel Betz, sein Onkel mütterlicherseits. Betz war in der Gründerzeit nach 1870 zu Reichtum gekommen als regelrechter „Tycoon“, wie man ihn heute nennen würde. Betz war kinderlos und hatte die Hand über seinen Neffen gehalten, als dieser sich noch in der Ausbildung befand. Mathias Martin war der Architekt aller späteren Bauprojekte seines Onkels, so auch des Hotel Carlton in der Rue Dicks (1926), dessen Fassade zu Ehren von Michel Rodange mit Reliefszenen aus dem „Renert“ geschmückt ist. Über Michel Betz kam Mathias Martin auch in Kontakt mit Dr. Norbert Pauly, für den er 1923 die Villa Pauly (53, Boulevard de la Pétrusse) und 1926 in Bertrange die kleine Villa Pauly errichtete. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war auch das Ende des Baubooms der Gründerzeit gekommen. Mathias Martin wandte sich dem Bau einfacherer und preisgünstigerer Häuser zu und entwickelte ein Verfahren, um aus vorfabrizierten Betonteilen und Stahlarmierungen kostengünstig Gebäude zu errichten. Dieses Verfahren ließ er sich als „Système Martin“ in Frankreich, Belgien und Luxemburg patentieren. Zahlreiche Häuser wurden nach diesem Verfahren errichtet, z. B. Nr. 95 bis 103, Avenue Gaston Diderich, Nr. 24 bis 28, Rue des Roses. Überhaupt ging Mathias Martin in seinem Schaffen weit über seine Tätigkeit als Architekt hinaus. So gibt es neben dem Rundsegel und den vorfabrizierten Bauelementen noch Anmeldungsversuche sowie Korrespondenzen mit zeitgenössischen Wissenschaftlern über die verrücktesten Maschinen. Unter anderem arbeitete Martin an einem Schwerkraftmotor, einem speziellen Krankenbett für Verletzte und sogar an einem Perpetuum Mobile. Erfinder und Kinobetreiber  Ein weiteres Merkmal, das Martin als fortschrittsinteressierten Bürger seiner Zeit auszeichnet, ist sein Interesse an einer Kunstform, die seine Epoche revolutionierte : das Kino. 1915 übernahm er vom Filmpionier in Luxemburg, Hubert Marzen, das „Cinéma Parisiana“ im „Schoulbierg“ in der Altstadt (heute : 9, Rue Clairefontaine), das er bis 1924 unter dem Namen „Martin’s Cinéma Parisien“ führte. Gezeigt wurden neben Spielfilmen und Aktualitätsfilmen über die Zerstörungen des Ersten Weltkriegs auch eigene Filmchen über den Alltag in und um Luxemburg. Sein Assistent bei diesen Aktivitäten war niemand Geringerer als Philippe Schneider, der von vielen als der Vater der luxemburgischen Filmschaffenden angesehen wird. Als Martin sein Kino 1924 schloss, verkaufte er Schneider sein Material für einen Freundschaftspreis und legte so den Grundstein zu dessen späterer Karriere. 1916 wurde nach seinen Plänen der neue Saal des „Palast-Theater Medinger“ (später : „Cinéma de la Cour“) in der Rue de l’Eau errichtet4. Auch das „Kino Palace“ (später : „Ciné Victory“) in der Rue de Bonnevoie ist Martins Werk : Originalplan in5. 1929 erhielt Mathias Martin den Auftrag das erste Tonkino in Luxemburg zu bauen, das „Ciné Capitole“ in der Avenue de la Gare. Damit stellte sich das neue Problem der Beherrschung der Akustik in einem solchen Raum, das er mit solcher Bravour löste, dass der Direktor der amerikanischen Firma Western Electric, welche die technische Ausrüstung lieferte, die Akustik in dem neuen Kino als die beste in Europa lobte. Die Symbole Blitz / Lux und Horn / Vox (mit Gravur WE für Western Electric) schmücken noch heute die noble Fassade des ehemaligen Ciné Capitole6. Ein weiteres Projekt für ein großes Tonfilmkino am Boulevard Royal fiel 1933 der Wirtschaftskrise zum Opfer. Nach dem ersten Weltkrieg versuchte sich Mathias Martin auch im Filmverleih mit dem – leider gescheiterten – Versuch, französische Filme nach Deutschland zu exportieren. Schriftsteller und Briefmarkensammler In den dreißiger Jahren zeichnet sich bei Mathias Martin ein weiterer Schaffensschwerpunkt ab. Im Jahr 1937 veröffentlicht er das „Luxemburger Burgenbuch I : Vom Bau der ersten Burgen im Land. Die Kaiserlichen vor Burscheid (1025)“. Obwohl der Titel es andeuten mag, ging es Martin um etwas ganz anderes als um die Architektur der Burgen. Er wollte den Luxemburgern ein „nationalhistorisches Bewusstsein stiften“, wie es Claude Conter im „Luxemburgischen Autorenlexikon“ festhält7. Denn neben den Burgenbüchern tragen seine weiteren literarischen Erzeugnisse vielsprechende Namen wie „Golo, der Waffenmeister“ oder „Von Welten, Völkern und Zwergen. Ein Wichtelmann erzählt aus Luxemburgs frühen Tagen“. In seinen Schriften, die er anfangs in der „Obermoselzeitung“ (aus der das heutige „Journal“ hervorging), dem „Luxemburger Volksblatt“ und der „Jonghémecht“ als Feuilleton publizierte, ist eher Bewusstseinsbildung als wissenschaftliche Recherche das Ziel. Dabei diente ihm seine reichhaltige Bibliothek, die nicht nur Fachliteratur jeder Art sondern auch alle wichtigen kulturhistorischen Abhandlungen über seine Heimat enthielt, als Quelle. Diese aufgeklärte Bodenständigkeit manifestiert sich auch in seinem letzten großen Projekt, der kompletten Dokumentation der postalischen Entwicklung in Luxemburg vom Jahr 1600 bis zum Jahr 1950. Dazu trug er die wahrscheinlich vollständigste Sammlung von Briefen (Unikaten), Stempeln, Briefmarken, Erstdrucken, Sonderdrucken, Fälschungen, Anomalien, usw. aus vier Jahrhunderten zusammen. 1936 veröffentlichte er das Buch „Rundum die luxemburger Briefmarken“ mit seinen Forschungsergebnissen auf diesem Gebiet. Schlussendlich war Mathias Martin nicht nur ein Allroundtalent in vielen Bereichen, er war auch ein wichtiger Zeitzeuge, der nicht nur von seiner Epoche zu berichten wusste, sondern sie selbst aktiv mitgestaltete, immer getreu nach seinem Motto : „Nulla Dies Sine Linea“ („Kein Tag ohne einen Strich zu ziehen“), das er seinerzeit ins Fensterwerk seiner Villa Robur einsetzen ließ. Luc Caregari Bibliographie: 1 FAZ 5. 2. 2008 und 12. 10. 2010  2 Lëtzebuerger Almanach Ed. Guy Binsfeld (1999) - S. 463/465 L’Art au Luxembourg Ed. Fonds Mercator (2006) - S. 120 3 ons stad - Nr. 12 (1983) - S. 14/15 4 ons stad - Nr. 87 (2008) - S. 9 und S. 32 5 ons stad - Nr. 87 (2008) - S. 31 6 ons stad - Nr. 87 (2008) - S. 15 7 Luxemburger Autorenlexikon Ed. Centre Nat. de Littérature (2007) - S. 399Handschuhmanufaktur  Albert Reinhard Luxemburg-Grund (1904-1909)Häuserzeile, an der Place de Paris  und Nr. 41, Avenue de la LibertéVilla Clivio - 17, rue Goethe (1908) Querschnittskizze des „Ciné Capitole“ aus einer Korrespondenz mit dem Bauherrn  (16. 2. 1931)Funktionsskizzen aus der Schrift „Radsegel für Segelschiffe, Lenkballons, usw. Reaktionspropeller für Wasserfahrzeuge. Feststehende Kraftstation für die Ausnutzung  der Windkraft und  der Gezeiten.“  (1924)


Dateien:
PDF(1.7 Mb)

95/2010 - Architektur

p.  1