21/03/1997 19:17 Alter: 22 yrs

Das Haus Gevelinger

Kategorie: 54/1997 - Krautmarkt 54/1997 - Krautmarkt

?In dem hochinteressanten Werk von Alph. Rupprecht, ?Logements militaires à Luxembourg pendant la période de 1797 à 1814", heißt es, betreffend das Eckhaus rue Notre-Dame - rue Chimay, wie folgt: ?Rue de Chimy (sic) - 343. M" l'avocat Wauthier, locataire, Michel Mullendorff, propriétaire, deux cham-bres avec cheminée au 2' étage avec une petite à côté pour 1 capitaine, en temps ordi-naire selon les ordonnances 12 places au bat. ppaL 1 écurie pour 2 chevaux." Aus den ausführlichen Angaben Rupp- rechts über die Geschichte dieses Hauses: Zwischen 1817 und 1821 wurde es von Joh. Peter Lentz aus Sandweiler nebst einem kleinen daran stoßenden Haus angekauft. J.P. Lentz war der Vater des Luxemburger Natio- naldichters Michel Lentz. Das Nebenhaus wurde 1869 abgetragen, und an seiner Stelle entstand das hohe Eckhaus an der Treppe nach dem Wilhelmplatz, dessen Besitzer Michel Lentz war. Sein Vater hatte sich 1805 in Luxemburg niedergelassen und am 9. Oktober 1806 Margarethe Spresser aus Bitburg geheiratet. Michel Lentz war am 21. Mai 1820 in dem Haus geboren, das jetzt abgetragen wird. Am 31. August 1893 ersteigerte Dominik Gevelinger das Haus, das seither seinen Namen trägt und an das sich für viele Luxem- burger, Städter und Dörfler, mancherlei Erin- nerungen knüpfen. Der neue Besitzer ließ die schlichte Fassade ein bißchen antik aufputzen, und bei dieser Gelegenheit verschwand die Jahreszahl 1672, die auf beiden Seiten eines alten Wappens über- der Haustür angebracht war. Das Wappen selbst blieb stehen, und wenn ich Herrn Gevelinger einen Rat zu geben hätte, würde ich ihm empfehlen, es in dem Neubau irgendwo weithin sichtbar einmauern zu lassen. In der Wappenzeichnung kommen auch die Initialen G rechts und N links vor. Auch hierüber gibt Rupprecht einen interessanten Aufschluß. Um 1672 herum wohnte in Luxemburg der Notar Math. Ernst Gilles, dessen Frau eine geborene Maria Catharina Neumann war. Rupprecht hält es für wahr- scheinlich ? und weist die Wahrscheinlichkeit nach ?, daß der Notar Gilles, der bis 1672 in der Dünnenbuschgasse gewohnt hatte (seine Kinder sind in der Pfarrei St. Michel geboren, zu der die Dünnenbuschgasse gehörte) 1671 zum Umzug gezwungen wurde. Der General- gouverneur der Niederlande, Graf Monterey, hatte nämlich bei einem Besuch in Luxemburg gefunden, daß die Festung nach der Seite von Grund und Pfaffenthal ausgebaut werden mußte. 52 Häuser, darunter die der Dünnen- buschgasse, Pfaffenthaler Berg, wurden abgetragen, und den Besitzern wurden für Das Haus Gevelinger Neubauten in der Gegend der heutigen Louvigny-, Monterey- und Chimaystraße die nötigen Bauplätze zur Verfügung gestellt. Das Paar Gilles-Neumann wohnte 1695 in der Pfarrei St. Nicolas, zu der das neue Baugelände gehörte, und alles spricht demnach dafür, daß es sich in einem neuen Haus dort heimisch gemacht hatte und daß die Initialen G.N. an dem Haus Gevelinger als die des Notarpaares Gilles-Neumann zu deuten sind. Es wäre also 1672 von diesem oder für dieses erbaut worden. Zum Schluß eine Erinnerung voll luxem- burgischen Lokalkolorits, die mir dieser Tage von einem hiesigen Bekannten mitgeteilt wurde. Wir hatten uns an der Straßenecke getroffen, deren historische Bedeutung durch das Verschwinden des alten Hauses uns wieder bewußt wird. ?Da ist", sagte er ?unser Dichter Lentz geboren. Sein Vater war Bäcker und Wirt und hatte eine ausgedehnte Landkundschaft. In den Tagen der Muttergottes-Oktave kamen die Leute von weit her schon abends an, um andern Tags in der Frühe ihre Andacht vor der Trösterin der Betrübten zu verrichten. Sie waren natürlich mit der Münze nicht dick da, sie tranken abends ihr Schöppchen beim Lentz und blieben sitzen, bis sie einschliefen. Wenn es dann Mitternacht wurde, ging der alte Lentz mit einer großen Pfanne durch alle Stuben, schlug darauf mit einem Stück Holz, bis die Schläfer wach wurden, und sagte, wenn sie einen dicken Sou bezahlten, dürften sie hocken bleiben bis morgens. Und natürlich blieben sie alle hocken. Mein Vater hat es mir mehr als einmal erzählt." Batty Weber ?Abreißkalender" vom 22. November 1931 23


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