21/03/1997 19:17 Alter: 22 yrs

Der Krautmarkt tagt auf dem Knuedler

Kategorie: 54/1997 - Krautmarkt 54/1997 - Krautmarkt

?Satire Während der Zeit, die die Umbauarbeiten im Parlamentsgebäude auf dem Krautmarkt benötigen, sollen die Abgeordneten provisorisch im hauptstädtischen Rathaus auf dem Knuedler tagen. Da aber im Rathaus gleichzeitig der Stadtrat seine Sitzungen abhält, kann es schon mal während der öffentlichen Debatten zu Durcheinander und Verwechslungen kommen. Der Kammerpräsident eröffnet die Sitzung: La séance est levée. Ein Zwischenrufer: La séance est ouverte! Kammerpräsident: Cette remarque ne figu-rera pas au compte-rendu. Der Sozialist: Frau Bürgermeister, ich protes-tiere! Die Bürgermeisterin: Hier führe ich die Sitzung. Kammerpräsident: Ich bin der Kammerpräsi- dent, nicht die Bürgermeisterin. Der Grüne: Aber wir sind doch hier auf dem ?Knuedler". Der Christlichsoziale: Niemand hat das Gegenteil behauptet. (Hilarité) Kammerpräsident: Ich schlage vor, wir stimmen zuerst über das Gesetzprojekt zur Eindämmung des Fußpilzes in den öffentli-chen Schwimmbädern ab. Der Demokrat: Wäre es nicht angebracht, erst darüber zu diskutieren und dann abzu-stimmen? 28 Der Krautmarkt tagt auf dem Knuedler Kammerpräsident: Der Vorschlag ist einstimmig angenommen. Herr Gesundheits-minister, Sie haben das Wort. Gesundheitsminister: Ich danke. Wir stehen vor einem großen Problem. Zuerst möchte ich der Regierung und dem Gesundheitsminister ein großes Lob dafür aussprechen, daß sie das Land mit vielen großen, schönen und modernen Hallen- und freizeitorientierten Bädern ausgestattet haben. Diese Bäder erfreuen sich einer derartigen Beliebtheit, daß die Besucherzahlen stetig ansteigen. Damit aber stellen sich ebenfalls Probleme hygieni-scher Natur, womit wir auch schon beim Thema wären. Bürgermeisterin: Der Schöffenrat möchte klarstellen, daß er zur Tagesordnung nicht befragt wurde. Wir schlagen vor, zuerst über die Erhöhung der Hundesteuer zu diskutieren. Der Sozialist: Hunde haben keinen Zutritt zu öffentlichen Hallenbädern. Das ist ja lächer-lich. Kammerpräsident: Ich habe eine Katze. Gesundheitsminister: Es genügt nicht, daß wir uns den Kopf über die Aufbereitung des Beckenwassers zerbrechen, sondern wir müssen uns auch Gedanken über die Hygiene rund ums Becken machen. Der Grüne: Unsere Fraktion macht sich durchaus Gedanken über das Wasser. Die hauptstädtische Badeanstalt liegt mitten in einem Quellgebiet. Wir müssen zusehen, daß das Wasser in dem Schwimmbecken nicht mehr so oft ausgewechselt wird. Wasser ist zu wertvoll, um darin zu baden. Wir schlagen vor, die Schwimmbecken durch Auffang-becken zu ersetzen. Die Leute sollten wieder lernen, im Regenwasser zu baden. Der Christlich-Soziale: Und danach zurück auf die Bäume? (Hilarité) Der Demokrat: Wir fordern eine Aktualitäts- debatte. Wir können nicht akzeptieren, daß die Regierung vollendete Tatsachen schafft. Kammerpräsident: Wer ist gegen diesen Vorschlag? Dann ist der Vorschlag einstimmig abgelehnt. Herr Gesundheitsminister, Sie können fortfahren. Gesundheitsminister: Im barfußbegangenen Bereich wie den Umkleide- und Duschräumen stellen Krankheitserreger, Fußpilzerkran- kungen und Sohlenwarzen eine große Gefahr dar. Schuld daran ist das feuchtwarme Milieu, das diesen äußerst widerstandsfähigen Erre-gern ausgezeichnete Lebensbedingungen bietet. Der Grüne: Schuld daran ist nicht das Milieu, sondern das Ozon. Wir Grüne fordern nun schon seit Jahren einen autofreien Sonntag.Der Sozialist: Und wir fordern die Trennung von Kirche und Staat. (Hilarité) Der Christlich-Soziale: Unsere Fraktion ist prinzipiell gegen die Sonntagsarbeit in den Supermärkten, denn sonntags sollten die Leute zur Kirche gehen statt zu ?Auchan". Der Demokrat: Wo bleibt da das Initiativrecht der Opposition? Wir sollten ein Hearing veranstalten. Ein Hearing mit einem Fußpilz. Kammerpräsident: Der Vorschlag ist einstimmig angenommen. Der Fußpilz möge den Saal betreten. Bürgermeisterin: Aber... Gesundheitsminister: Du sei still. Hier bin ich der Fußpilz äh ... der Minister. Der Fußpilz: Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich darf mich vorstellen, mein Name ist Poli Pils, und ich vertrete die Gewerkschaft der Fußpilze. Wir bedauern zutiefst, daß die Regierung keine Verhandlungen mit unserer Vereinigung aufgenommen hat, um im Dialog eine Lösung herbeizuführen. Die Maßnahmen der Regierung sind einseitig und sozial unverträglich. Sie bedeuten die Ausrot-tung der Fußpilze. Das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Gesundheitsminister: Gezielte Reinigungs-und Desinfektionsmaßnahmen in den Schwimmbädern sind nun mal unentbehrlich. Wo kämen wir da hin, wenn wir Rücksicht auf jeden dahergelaufenen Fußpilz nähmen? Der Grüne: Herr Minister, Ihre Arroganz ist sagenhaft. Sie müssen endlich lernen, vernetzt zu denken. Der Christlich-Soziale: Wenn wir jeden Fußpilz schützen, bekommen wir das Problem nie in den Griff. Der Sozialist: Der Ausgewogenheit halber sollten wir ebenfalls die Gegenseite anhören. Kammerpräsident: Aber die Regierung hat schon Stellung bezogen. Der Sozialist: Nicht die Regierung. Einen Fuß. Wir sollten die Argumente eines Schweiß- fußes hören. Der Grüne: Und einen Senkfuß. Die Senkfüße kommen immer zu kurz. Der Demokrat: Dann aber auch einen Spreizfuß. Der Christlich-Soziale: Und einen Schweins-fuß? Der Sozialist: Kalbskopf! Der Christlich-Soziale: Arschgesicht! Kammerpräsident: Ruhe! Oder ich lasse den Saal räumen. Gesundheitsminister: Die Regierung schlägt vor, daß jedes der etwa 100 Hallenbäder im Lande sich seinen eigenen Hygieneplan zulegt, um systematisch gegen den Fußpilz und die übrigen Krankheitserreger vorzu- gehen. Daher hat die Regierung einen Leit-faden mit Hygiene-Richtlinien für die Hallenbäder ausgearbeitet. Eine vom Gesundheitsministerium beauftragte Arbeits-gruppe mit Vertretern der Gesundheitsinspektion, der Umweltverwaltung, der Stif-tung Oekofonds, der Stadt Luxemburg und der Vereinigung Luxemburger Bademeister wurde damit beauftragt, die Probleme im Bereich der Hygiene rund ums Schwimmbad zu erfassen. Ein Faltblatt mit praktischen Tips gegen Fußpilze wird künftig an die Schul- kinder verteilt. Der Christlich-Soziale: Das ist eine lobens- werte Maßnahme. Ich schlage allerdings im Interesse der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens vor, daß ebenfalls ein Faltblatt mit praktischen Tips gegen Schulkinder an die Fußpilze verteilt wird und bringe in diesem Sinne eine Motion ein. Der Fußpilz: Ich bin ein Glückspilz! Kammerpräsident: La séance est ouverte. Bürgermeisterin: La séance est levée! Jacques Drescher 29


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54/1997 - Krautmarkt

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